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Gerhard F. Knolmayer#

Wanderer zwischen den Welten - ein Portrait#

Von

Dipl.-Ing. Dr. Helmut Malleck

Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von OCG Journal

Gerhard Knolmayer

© OCG Journal

O. Univ.-Prof. Dr. rer.soc.oec. Gerhard Knolmayer ist 60 Jahre jung, und die OCG gratuliert dem allseits hoch geschätzten, weltoffenen Pionier der Wirtschaftsinformatik sehr herzlich. Knolmayer wurde 1948 in Wien geboren und verbrachte die ersten 30 Lebensjahre in seiner Vaterstadt. Er studierte Betriebswirtschaft an der damaligen Hochschule für Welthandel, der heutigen Wirtschaftsuni Wien. Dort lernte er FORTRAN kennen und hörte unter anderem Vorlesungen bei Professor Dr. Peter Mertens, der an der Uni Linz den ersten Lehrstuhl für jenes Gebiet innehatte, das man nunmehr mit Wirtschaftsinformatik umschreibt. In den Sommerferien programmierte Knolmayer als Praktikant bei IBM Österreich in den Programmiersprachen RPG und PL/I. Manche Wochenenden verbrachte er als Taxifahrer. Nach dem Doktorat 1972 wechselte Knolmayer mit seinem akademischen Lehrer Professor Dr. Erich Loitlsberger an die Uni Wien, wo er sich 1979 mit der Arbeit über„Programmierungsmodelle für die Produktionsprogrammplanung – Ein Beitrag zur Methodologie der Modellkonstruktion“ für Betriebswirtschaftslehre und Betriebsinformatik habilitierte. Dieses Buch zeigte bereits deutlich die Arbeitsschwerpunkte Knolmayers: Produktionswirtschaft, Operations Research und Wirtschaftsinformatik. In diesem Dreieck bewegte er sich in seiner weiteren wissenschaftlichen Karriere. Seinem Mentor Loitlsberger ist Knolmayer überaus dankbar dafür, Freiräume zu wissenschaftlichem Arbeiten außerhalb ausgetretener Pfade eröffnet zu haben.

In den 1970er Jahren hatte sich die Wirtschaftsinformatik als junges Fach im Grenzgebiet zwischen Betriebswirtschaftslehre und Informatik an vielen Unis zu etablieren begonnen. Die Uni Wien war mit einem gemeinsam mit der TU Wien eingerichteten Studienversuch "Betriebs- und Wirtschaftsinformatik" ganz vorne mit dabei. Knolmayer war von der stürmischen Entwicklung der Informationstechnologien fasziniert und erkannte die Bedeutung dieser Innovationen sowohl für die betriebliche Praxis als auch für die akademische Ausbildung. Bereits 1979 wurde Knolmayer als Ordentlicher Professor an die in den Wirtschaftswissenschaften hoch angesehene Uni Kiel berufen und war zu dieser Zeit der jüngste Professor für Betriebswirtschaftslehre im deutschen Sprachraum. An der Uni Kiel hatte er fast ein Jahrzehnt lang den Lehrstuhl für Produktionswirtschaft inne, nahm aber auch Gastaufenthalte an den Unis in Lund und Wien wahr. Mit Computer-Einsatz konnte er neue Eigenschaften des Gutenberg-Produktionsmodells zeigen, ökonomisch aussagefähige Schattenpreise für degenerierte Optimallösungen linearer Programmierungsmodelle bestimmen sowie Heuristiken für die Bildung von Fertigungsaufträgen in Produktionsplanungs- und -steuerungssystemen großzahlig vergleichen. Gemeinsam mit seinem Kieler Kollegen Professor Dr. Reinhart Schmidt gründete er 1985 die "Forschungsstelle für Betriebliche Datenverarbeitung und Kommunikationssysteme", um seinem zunehmenden Interesse an Wirtschaftsinformatik nachkommen zu können.

Wirtschaftsinformatik machte Knolmayer – nach Ablehnung mehrerer Berufungsangebote – mit seiner Berufung an die Uni Bern zum Direktor des Instituts für Wirtschaftsinformatik (IWI) 1988 zu seinem Hauptarbeitsgebiet.

Was Professor Loitlsberger während seiner Wiener Zeit für Knolmayer bedeutete, wurde für ihn der als "Vater der Wirtschaftsinformatik" hoch geschätzte und mit fünf Ehrendoktoraten ausgezeichnete Professor Dr. Peter Mertens während seiner Berner Zeit: Lehrer, Vorbild, Mentor und Co-Autor. Knolmayer verfasste gemeinsam mit Mertens mehrere Bücher, unter anderem zur "Organisation der Informationsverarbeitung" und zu "Supply Chain Management Based on SAP Systems".

Knolmayer hat sehr früh die Relevanz bestimmter Fragestellungen erkannt, die später in der Praxis große Bedeutung erlangten und wurde so zu einem Pionier der Wirtschaftsinformatik. Zu den Pionierleistungen gehören insbesondere seine Arbeiten zu Enterprise Resource Planning(ERP)-Systemen, zur Auslagerung von Teilaufgaben der Informationsverarbeitung ("Outsourcing"), zu Fragen der IT-Governance sowie zur Abbildung zeitbezogener Sachverhalte in betrieblichen Informationssystemen.

Bereits Mitte der 1990er Jahre führte Knolmayer erste Umfragen zu Erfahrungen bei Einführung des Systems SAP R/3 durch, deren Ergebnisse in der Praxis breites Interesse fanden. Schon ab 1995 wurde den Studierenden an der Uni Bern der Umgang mit den Logistik-Modulen von SAP R/3 vermittelt. Möglichkeiten zur Verbesserung der Datenqualität in ERP-Systemen hat Knolmayer in Praxisprojekten und wissenschaftlichen Veröffentlichungen untersucht. In den 1990er Jahren fanden Methoden des Operations Research Eingang in fortgeschrittene Planungssysteme, die unter dem nicht immer zutreffenden Namen "Supply Chain Management(SCM)- Systeme" vermarktet wurden. Bei der wissenschaftlichen Positionierung Knolmayers verwundert es nicht, dass er sich für diese Entwicklungen intensiv interessierte und gemeinsam mit Professor Mertens und dessen damaligen Mitarbeiter Dr. Alexander Zeier im Jahr 2000 ein Buch "Suppy Chain Management auf der Basis von SAPSystemen" veröffentlichte. Die 2002 erschienene englische Fassung stellte eine erhebliche Weiterentwicklung des Buches dar, wurde zu einem Bestseller auf dem Gebiet des SCM im englischen Sprachraum und auch ins Chinesische übersetzt. In diesen Tagen bringt das um den profilierten SCM-Autor Dr. Jörg Thomas Dickersbach ergänzte Autorenteam ein völlig überarbeitetes Buch mit dem gleichen Titel auf den Markt, das den Untertitel „Architecture and Planning Processes“ trägt. Ein wesentliches neues Element dieses Buches ist eine Zusammenstellung von Anforderungen, die aus betriebswirtschaftlicher Sicht an das SCM bestehen und die Diskussion, inwieweit SAP-Systeme diesen Anforderungen gerecht werden. Einen weiteren Schwerpunkt der Arbeiten Knolmayers im Bereich SCM bilden Simulationsuntersuchungen und kritische Replikationen veröffentlichter Simulationsmodelle, z. B. zum Informationsaustausch in der Supply Chain und zum Konzept des Vendor-Managed Inventory.

Zum Thema Outsourcing wurde 1991 von Knolmayer die wohl erste wissenschaftliche Veröffentlichung im deutschen Sprachraum auf Basis eines Vortrags an der Uni Linz publiziert: Die Auslagerung von Servicefunktionen als Strategie des IS-Managements. Er entwickelte Argumentenbilanzen für und wider Outsourcing und betonte die Relevanz der Koordinationskosten, etwa bei der Unterstützung der Anbieterauswahl mit Hilfe hierarchischer Planungssysteme. Als Ergebnis eines Praxisprojekts über Möglichkeiten und Grenzen externer Wartung betrieblicher Anwendungssysteme mit seinem Mitarbeiter Marc-André Mittermayer entstand 2000 das Buch "Quick Guide to Outsourcing: Entscheidungshilfe und Wegleitung bei Outsourcing-Projekten". Gemeinsam mit den Professoren Heinzl und Hirschheim gab Knolmayer 2003 ein Schwerpunktheft der Zeitschrift Wirtschaftsinformatik zum Thema "Outsourcing der Informationsverarbeitung – Aktuelle Entwicklungen, neue Ergebnisse" heraus und verfasste darin einen Beitrag, der sich mit der Veränderung von Wertschöpfungsketten bei Auslagerung von Personalbeschaffungsfunktionen beschäftigt. Eine Verbindung zu seinem früheren Arbeitsgebiet Produktionsmanagement stellte er mit einem Beitrag her, der die bei industriellen Auslagerungen relevanten Gesichtspunkte jenen gegenüber stellt, die für IT-Outsourcing maßgeblich sind. Er beschäftigte sich auch mit der Lösung von Interessenskonflikten zwischen Outsourcing-Vertragspartnern durch Mediation und in einer Event Study damit, ob und wie Ankündigungen von Outsourcing-Maßnahmen den Börsenwert von Unternehmen beeinflussen.

Mit zeitlichen Phänomenen in Informationssystemen begann sich Knolmayer bereits Ende der 1980er Jahre zu beschäftigen, etwa in seiner Arbeit "Zur Berücksichtigung des Zeitbezugs von Daten bei der Gestaltung computergestützter Informationssysteme". Im Laufe von mehr als zehn Jahren entwickelte sich daraus ein wichtiger Arbeitsschwerpunkt am IWI Bern, dessen Expertise zur Lösung des Jahr-2000-Problems von Seiten der Praxis stark nachgefragt wurde. Vor allem die von 1996 bis 2000 unter dem Vorsitz Knolmayers tagende Arbeitsgruppe "Swiss Interest Group in Solving the Year 2000Problem (CHIG2000)" fand hohe Wertschätzung durch die Praxis. Sein 1997 in der Zeitschrift Wirtschaftsinformatik veröffentlichter Beitrag "Das Jahr-2000-Problem: Medienspektakel oder Gefährdung der Funktionsfähigkeit des Wirtschaftssystems?" und die Ergebnisse seiner im gleichen Jahr durchgeführten Umfrage über den Stand der Jahr-2000-Projekte in der Schweizer Wirtschaft fanden in der Praxis und den Medien hohe Beachtung und lösten betriebliche und politische Maßnahmen aus. Die Aktivitäten Knolmayersschlugen sich in Vorträgen und Interviews, Tutorien, Fachtagungen und zahlreichen Veröffentlichungen nieder. Zu weiteren Fragestellungen zeitbezogener Informationssysteme – temporale Datenbanken, aussagefähige Zeitangaben aus dem Web und ihre werkzeuggestützte Wartung, Zeitstempel für die Korrektur fehlerbehafteter Daten und Standardisierungsbemühungen von Zeitangaben – entstanden, vielfach in Zusammenarbeit mit Thomas Myrach, rund ein Dutzend Veröffentlichungen. Mit INT2IME wurde ein Java-Applet für die Integritätssicherung zeitbezogener Daten im World Wide Web entwickelt. Myrach habilitierte sich mit Arbeiten zu Prinzipien, Konzepten und Umsetzung temporaler Datenbanken in betrieblichen Informationssystemen und wurde nach seiner Tätigkeit an der RWTH Aachen 2002 zum Mitdirektor an das IWI Bern berufen.

Zuletzt erkannte Knolmayer in IT-Governance- und Compliance-Fragen neue wichtige Forschungsgebiete. In Bereichen wie Finanzberichterstattung, Risikomanagement und Gesundheitswesen hat sich die Regulierungsdichte erhöht, und Unternehmen sollen zu immer mehr Regelungen ihre Compliance nachweisen.

Ein wesentliches Element von Compliance- Nachweisen ist der ordnungsmäßige Einsatz von IT-Systemen, da diese die Geschäftsprozesse immer mehr beeinflussen.

2005 argumentiert Knolmayer in "Sarbanes-Oxley und die Folgen – Aktionärsschutz oder wertvernichtender Overkill?", dass die für USA beschlossenen Regelungen zu einer Überregulierung geführt haben und nicht unbesehen in europäische Rechtsordnungen übernommen werden sollten. Er vertrat die Auffassung, dass IT-Governance einen wesentlichen Aspekt der Corporate Governance bildet und Rahmenbedingungen und Regeln für das IT-Management festzulegen hat. Zusammen mit seinem Doktoranden Martin Lüthi verglich er Maßnahmen zur IT-Sicherheit in Spitälern in den USA und in der Schweiz und beschäftigte sich mit Fragen des Software-Lizenzmanagements. Eine Verbindung zu seinem anderen Forschungsschwerpunkt Outsourcing resultierte in Arbeiten, welche die Frage untersuchen, wie Compliance-Nachweise bei Auslagerung Compliance-relevanter Aufgaben zu erbringen sind. Aktuelle Forschungsprojekte widmen sich IT-Aspekten der "Segration of Duties" und den im Hinblick auf die Archivierung von Emails praktizierten Vorgehensweisen.

Als akademischer Lehrer vertritt Knolmayer insbesondere die Gebiete Management and Organization of Information Systems und ERP and Supply Chain Management Systems. Im Rahmen des Swiss Virtual Campus Programms hat er das Projekt Operations Management, ERP and SCM Systems (OPESS) geleitet, bei dem in Zusammenarbeit mit der ETH Zürich und der EPF Lausanne ein umfassendes virtuelles Lehrangebot zu Logistik erarbeitet wurde, von dem bisher mehr als 8.000 Studierende profitiert haben. Unter anderem bietet Knolmayer für die Ausbildung zum International Master of Business Informatics der Virtual Global University den Web-basierten Kurs "Enterprise Resource Planning and Beyond" an. Die Erarbeitung Web-basierter Lehrangebote hat zu Veröffentlichungen im Bereich des Virtual Learnings geführt, insbesondere zu e-Learning Objects und zur Formulierung von Entscheidungsmodellen, welche eine optimale Auswahl des Lehrstoffes unter Berücksichtigung der logischen Abhängigkeiten zwischen Lernobjekten und von organisatorischen und finanziellen Rahmenbedingungen unterstützen sollen. Die in der Pädagogik entwickelte Taxonomie von Bloom benutzte Knolmayer zur Beurteilung der Mächtigkeit und Komplexität virtueller Lernobjekte.

Von 1995 bis 1997 war Knolmayer Sprecher des Fachbereichs 5 Wirtschaftsinformatik der Gesellschaft für Informatik, von 1995 bis 2000 Sprecher des GI-Arbeitskreises "Zeitorientierte betriebliche Informationssysteme" und Mitglied des Leitungsausschusses der GI-Fachgruppe "Modellierung von betrieblichen Informationssystemen". Bei der Entwicklung von Studienplanempfehlungen wirkte er an entscheidenden Stellen mit und vertrat die Betriebswirtschaftslehre in der IuK-Kommission. Zahlreiche internationale Tagungen gestaltet Knolmayer als Programmkomitee- Mitglied maßgeblich mit. Er ist bzw. war Mitherausgeber jener im deutschen Sprachraum erscheinenden Zeitschriften, die in aktuellen BWL-Zeitschriften-Rankings am besten abschneiden: Dem OR Spectrum und der Zeitschrift Wirtschaftsinformatik. Seine kritischen, aber stets konstruktiven Gutachten haben mitgeholfen, dass Beiträge im International Journal of Production Economics, in Data & Knowledge Engineering, in der Zeitschrift für Betriebswirtschaft und in vielen anderen angesehenen Zeitschriften inhaltlich und formal gewonnen haben. Seit 2001 wirkt Knolmayer an der WU Wien bei der Vergabe des "WU Best Paper Award" mit, der jährlich eine Arbeit aus dem Bereich der Grundlagenforschung auszeichnet, und ist seit 2004 Mitglied der Forschungskommission der Uni Bern. Die im September 2005 erfolgte Auszeichnung Knolmayers als Fellow der Gesellschaft für Informatik zeigt die Wertschätzung, die seinen Leistungen entgegen gebracht wird; er wurde als erster in der Schweiz tätige Wissenschaftler auf diese Weise geehrt.

Knolmayer war 1991 an der University of Economics in Bratislava und 1996 am International Computer Science Institute der University of California at Berkeley tätig. Im Herbst 2003 hielt er sich während seines Forschungssemesters am Centre for IT Innovation der Queensland University of Technology in Brisbane auf. Seine Wanderungen durch verschiedene wissenschaftliche Welten und Kulturen ergänzt Knolmayer, wenn es seine Verpflichtungen zulassen, um Wanderungen und Skitouren in den Bergen. So hat er mehrere 4000er bestiegen – eher einfacher erreichbare, wie er in seiner auch diesbezüglich bescheidenen Art anmerkt. Noch nicht entschieden zeigt sich Knolmayer, ob er nach Ende seiner Universitätslaufbahn in Bern verbleiben oder in seine Heimatstadt Wien zurückkehren wird. So oder so, mit der OCG will er in jedem Fall verbunden bleiben.

Pioniere der Informatik, OCG-Journal, Ausgabe 5/2008