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Ein alltäglicher Begleiter #

Kugelschreibergeschichte auf Österreichisch. Hommage à Friedrich Schächter. #


Von

Melitta Matousek (September 2014)


Schächter mit Leonov bei der Weltraumkonferenz
Schächter mit Leonov bei der Weltraumkonferenz
Quelle: Archiv Friedrich Schächter/ORF-Nachlese (Nov. 1995, Seite 34)

Wir brauchen ihn Blau fürs Ausfüllen von Seminaranmeldungen, Schwarz zum Noteneintragen, Rot zum Korrigieren, Grün für motivierende Anmerkungen. Er ist ein selbstverständliches, unverzichtbares Werkzeug unseres Alltags geworden: der Kugelschreiber.

FRIEDRICH SCHÄCHTER #

Von B wie Ballograf oder BIC über M wie Montblanc, P wie Parker bis W wie Weltraumkugelschreiber – alle profitieren bis heute von unzähligen Erfindungen eines Österreichers, der vor 10 Jahren, im Mai 2002, in Wien verstarb: Friedrich Schächter. Er machte den Kugelschreiber zum massenproduzierten Hoch-Präzisions-Instrument.

SCHÄCHTER IN SCHWEDEN, DEN USA UND BERLIN #

Friedrich Schächter wurde 1924 in Wien geboren. Da jüdischer Herkunft, musste er als 15-jähriger aus seiner Heimatstadt flüchten und wurde glücklicherweise in Schweden aufgenommen, wo er vorerst bei namhaften Künstlern Malerei studierte. Der intelligente junge Mann fiel einem anderen Auslandsösterreicher – Eugen Spitzer – auf, der von einer sensationellen neuen Erfindung gehört hatte: dem Kugelschreiber. In Schweden schaffte Schächter, sozusagen spaßhalber im Auftrag Spitzers, der ihm eine kleine Drehbank zur Verfügung stellte, innerhalb von einigen Wochen die technischen Voraussetzungen für die Produktion von Kugelschreibern. Aus dieser Konstellation entstand die Firma Ballograf- Verken in Göteborg, Schweden, deren Leiter der Entwicklungsabteilung Schächter bis 1951 blieb. Anschließend arbeitete er unter anderem bei Paper Mate in Kalifornien als Leiter der mechanischen Versuchsabteilung und im Auftrag von Ballograf-Verken und von Paul C. Fisher in Berlin als Konstrukteur von Spezialmaschinen für Kugelschreiber.

ZURÜCK IN WIEN #

1962 gründete Schächter in Wien die Firma MINITEK, die vor allem auf die Entwicklung von Maschinen zur Kugelschreiber-Spitzen-Produktion spezialisiert war. Es wurden aber auch Maschinen zur Ermöglichung hochpräziser Massenfertigung von Wegwerf-Feuerzeugen und Rasierern entwickelt. Weltweite Anerkennung fanden auch die MINITEKWrite Testing Machines. Die Liste der Unternehmen, die diese qualitätssichernden Geräte kauften, liest sich wie ein Who‘s Who der Kugelschreiberwelt: Aurora, Brevillier- Urban, Caran d‘Ache, Gillette, Lamy, Montblanc, Paper Mate, Parker, Pelikan, Waterman usw. Eigene Standards wurden dafür kreiert. Seine Erfinderfreude gipfelte in der weltweit anerkannten Möglicheit, seine Produkte sowohl unter Wasser (!) als auch in Schwerelosigkeit (Fisher Space Pen) zu verwenden. Der amerikanische Industrielle Paul C. Fisher beteiligte sich an MINITEK, da die Zusammenarbeit mit Schächter die Entwicklung des Weltraum- Kugelschreibers garantierte. Konzept und Mechanik stammten von Schächter, die spezielle Tinte – „viso-elastic ink“ – von Fisher (das Rezept dafür erhielt er im Traum von seinem Vater). Der Space Pen schreibt auch in der Schwerelosigkeit des Weltalls, unter Wasser und „bergauf“ an der Wand. Baron Bich, Gründer des französischen BIC-Weltkonzerns, kaufte 1971 Fishers Anteile der Firma, die dann vor allem mit der Perfektionierung der BIC-Produkte beschäftigt war. 1999 wurde MINITEK aufgrund einer schweren Erkrankung Schächters geschlossen, zuletzt gründete er noch im Jahr 2000 die Schächter GmbH in Wien. Bis zu seinem Tod 2002 arbeitete er am Konzept einer neuen Generation von Kugelschreiber-Spitzen- Produktionsmaschinen, die alle seine bisherigen Erkenntnisse zusammenfassen sollte: noch präziser und noch schneller sollte sie werden (d. h. mehr als 200 Stück/Minute, täglich 24 Stunden ununterbrochen, Ausschuss gegen 0) und somit seiner Vision des „zero defect manufacturing“ ganz nahe kommen. Leider war es ihm nicht vergönnt, die Realisierung dieser seiner „Nachtwache“ zu erleben.

UND DIE MORAL VON DER GESCHICHT: #

Liebe Kollegin, lieber Kollege: wenn du wieder einmal etwas korrigierst, notierst, kritzelst, dann benutzt du 90prozentig einen Kugelschreiber. Egal ob du mit einem sündteuren Nobelprodukt oder einem billigen Wegwerfkuli schreibst – vergiss nicht: du hast ein Präzisionsinstrument in der Hand, das der der Wiener Erfinder Friedrich Schächter wesentlich mitentwickelt hat.

Quellen#

  • ORF Nachlese Nov. 1995, S. 34.
  • Profil Nr. 20/16.Mai 1994, S. 44–45.
  • Trend 12/81 „Gehirnschmalz made in Austria“, „Die Weltverbesserer“.
  • Presse 28. Mai 2002, S. 11.
  • „Innovatives Österreich“, Peter Müller, Verlag Jugend und Volk, Wien/München 1979, S. 75.
  • Originalunterlagen aus dem Schächter-Archiv von Prof. MMag. Gerhard Gutruf.
  • Österr. Videothek (Gumpendorferstraße), Interview mit F. Schächter zum 75. Geburtstag.
  • Video: Spinner Head, Firma MINITEK.
  • Wikipedia-Eintrag „Friedrich Schächter“.

Weiterführendes#

MMag. Melitta Matousek, September 2014