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Aufbruch zu Neuen Welten 2.0 #

Der Weg in die Zukunft liegt nicht mehr auf der Erde, weiß der Weltraumexperte Gernot Grömer. Er ist sich sicher, dass der erste Mensch, der den Mars betreten wird, schon irgendwo auf der Welt in den Kindergarten geht. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE (Donnerstag, 3. Dezember 2015)

Von

Gernot Grömer


Roboter am Mars Ein grundlegender Vorteil heute ist, dass wir uns bei der Erkundung neuer Orte im Kosmos zumindest am Anfang durch Raumsonden oder Rover, die ferngesteuert nach Wasser suchen, vertreten lassen können., Foto: © NASA
Roboter am Mars Ein grundlegender Vorteil heute ist, dass wir uns bei der Erkundung neuer Orte im Kosmos zumindest am Anfang durch Raumsonden oder Rover, die ferngesteuert nach Wasser suchen, vertreten lassen können.
Foto: © NASA

Ein Ozean, ein Schiff und der weite Horizont. Eine Schar von wagemutigen Männern, der Wind und die Segel, gewürzt mit den Verheißungen einer Neuen Welt: So oder ähnlich ist unser Bild der ersten Entdecker unserer Welt auf ihrem Weg zu den Amerikas, zu den Polargebieten oder den sturmgepeitschten Küsten Feuerlands geprägt. Ein halbes Jahrtausend später hat sich dieses Bild des Aufbruches zu neuen Welten drastisch gewandelt, als die ersten zwölf Menschen den Mond betraten oder aktuell Astronautinnen und Astronauten in zwei Raumstationen – der europäischen ISS und der chinesischen Tiangong – unseren Planeten umrunden. Nach den Standards unserer Großeltern klang das noch als Science Fiction, und wir werden wohl eine Zeit erleben, wo wir Schwierigkeiten haben werden, unseren Kindern zu vermitteln, dass einmal ein Mobiltelefon, ein Fernseher und ein Computer drei verschiedene Geräte waren.

Willkommen auf dem Weg in die Zukunft. Und diese liegt nicht nur auf der Erde. Wir dürfen davon ausgehen, dass die ersten Menschen, welche einen ersten Schritt in den Sand des Planeten Mars setzen werden, schon geboren wurden, und möglicherweise derzeit eine Volksschule zum Beispiel in Beijing, New York oder Bregenz besuchen. In zwei bis drei Jahrzehnten könnten solche Mars-Missionen Realität werden. Es gibt weltweit dutzende von Forschungsteams die sich mit dieser wohl größten Reise unserer und der nächsten Generation beschäftigen – darunter auch ein Team des Österreichischen Weltraum Forums, das sich mit der Entwicklung eines experimentellen Prototypen für einen Mars-Raumanzug engagiert und in marsähnlichen Regionen auf der Erde testet. Permanente Außenposten des Menschen auf dem Mond oder dem Mars mögen uns derzeit genauso exotisch vorkommen, wie ganzjährig bemannte Antarktisstationen oder monatelang besetzte Unterwasser- Habitate für einen Menschen um 1900. Trotzdem sind sie realisiert worden – von Menschen mit klaren Visionen und viel Durchhaltevermögen, die Arthur C. Clarkes Statement Substanz geben, wonach „die Welt, in der wir leben, die Summe der Träume vergangener Generationen ist.“

Wohin geht die Reise? #

Durch die rasante Entwicklung in Technologie und Wissenschaft haben wir als Gesellschaft Mühe mitzuhalten: Von ethischen Fragestellungen, regulatorischen Randbedingungen bis hin zu der Frage, welche Technologien man überhaupt zu welchen Problemen wie einsetzen kann. Diese Herausforderungen kennen wir spätestens seit der industriellen Revolution. Abgesehen von der Rasanz des Fortschritts hat sich aber auch eines seit dem letzten Jahrhundert in der Entdeckung der Welt(en) grundlegend verändert: Die Fähigkeit, uns selbst bei der Erkundung neuer Orte im Kosmos – zumindest am Anfang - durch Platzhalter vertreten zu lassen. Raumsonden, die in die Atmosphäre des Saturnmondes Titan eindringen, Rover, welche ferngesteuert nach Wasser auf dem Mars suchen, unbemannte Raumschiffe, die den Zwergplaneten Pluto diesen Herbst aus nächster Nähe studieren werden. Diese Pioniere sind unsere Vorboten, unsere Scouts, deren Daten wir auf einem Bildschirm auf der Erde sehen, so als würden wir ein direktes Fenster zu diesen fernen Welten haben.

Das Österreichische Weltraumforum arbeitet als einzige Institution in Europa an der Entwicklung eines Mars-Weltraumanzuges
Mars-Anzug. Das Österreichische Weltraumforum arbeitet als einzige Institution in Europa an der Entwicklung eines Mars-Weltraumanzuges. Im August wurde der Anzug am Kaunertaler Gletscher in Tirol getestet.
Foto: © ÖWF / Katja Zanella-Kux

Aber eines Tages werden wir auch unsere Stiefelabdrücke in den Sanddünen des Roten Planeten sehen, Menschen werden zuerst als Pioniere Kurzzeitmissionen dorthin fliegen, gefolgt von wissenschaftlichen Außenposten bis hin zu permanenten Siedlungen, wo man nicht nur Wissenschafterinnen und Wissenschafter benötigt, sondern genauso auch Köche, Briefträger und Installateure.

Was benötigt also eine Gesellschaft, um zu neuen Horizonten aufzubrechen?

Ich möchte drei grundlegende Säulen anbieten, ohne die es nicht geht, wenn man der Geschichte trauen darf: Erstens, die Konstellation aus einem stabilen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umfeld, wo Großprojekte nicht allzu sehr den Gezeiten der Tagespolitik ausgesetzt sind: Wernher von Braun, der Vater der ersten amerikanischen Apollo- Mondprojekte, identifizierte als einen wesentlichen Erfolgsfaktor für die Mondmissionen die Geschwindigkeit des Programms („You gotta be faster than the bureaucrats“). Genau darunter leiden sowohl die amerikanische als auch die europäische Raumfahrt zunehmend. Budgetunsicherheiten, industrielle Klientelpolitik und die Abwesenheit von ambitionierten Visionen sind für Explorationsprojekte nicht gerade förderlich. Wohlgemerkt ist es nicht immer eine Frage des Geldes, und das schon gar nicht in Europa: Der durchschnittliche Europäer gibt für das europäische Raumfahrtprogramm jährlich etwa so viel wie für ein Fast Food-Menü aus und nutzt dafür von den inzwischen zur Selbstverständlichkeit gewordenen Wettersatelliten- Daten, Telecom- und Fernsehsatelliten bis hin zu den wissenschaftlichen Projekten zahlreiche Weltraum-Dienstleistungen. Ein halbes Prozent des aktuellen europäischen Bankenrettungsprogrammes im Rahmen der ESM-Garantieleistungen würde für eine Marsmission im europäischen Alleingang ausreichen. – Es ist also weniger eine Frage der verfügbaren Volumina, als vielmehr der Prioritäten.

3D-Drucker statt Ersatzteile #

Zweitens: Die Technik. Klingt trivial, ist es aber nicht. Schwerlastraketen sind machbar, wir verstehen die grundlegenden Risiken der Strahlenbelastung auf dem Weg zum Mars, und Langzeit-Habitate sind seit der Internationalen Raumstation auch eine verfügbare Technologie – sofern regelmäßige Versorgungsflüge möglich sind. Bei einer Marsreise sieht das anders aus. So prognostiziert eine aktuelle Studie des Massachusetts Institute of Technology, dass bei einer bemannten mehrjährigen Marsexpedition alleine mehr als die Hälfte der mitgeführten Hardware auf Ersatzteile fällt. 3D-Drucker würden hier eine drastische Erleichterung bringen. Und wir reden hier nicht nur von den klassischen Thermoplastikdruckern, sondern von miniaturisierten Laser-Sinterdruckern, welche hochbelastbare Triebwerke erstellen können, oder Nahrungsmittel 3D-Druckern, oder der Option, funktionsfähige Elektronikschaltungen aus dem 3D-Drucker zu fertigen. Gerade entstehende Virtual Reality- Technologien helfen, so manches Missionsrisiko zu minimieren. Dazu zählt das Fernsteuern von robotischen Fahrzeugen aus der Mars-Umlaufbahn in Echtzeit (derzeit im Rahmen des Meteron- Projektes mit dem Eurobot- Rover von der Internationalen Raumstation aus geprobt) – denn die Entfernung zwischen Erde und Mars führt zu einer Signallaufzeit von typischerweise zehn Minuten pro Richtung. Das heißt also nicht die Wahl zu treffen, ob Menschen oder Roboter am besten für den Mars geeignet sind, sondern sich sowohl für Menschen als auch für Roboter zu entscheiden – und damit die ebenso alte wie kurzsichtige Debatte von bemannter „versus“ unbemannter Raumfahrt zu beenden. Oder die Entwicklung von wartungsarmen Recyclingtechniken, die etwa aus Luftfeuchtigkeit und Abwässern neuerlich Trinkwasser erzeugen. Oder die Forschung im Bereich von fehlertoleranter Breitband-Datenübertragung mit hohen Latenzzeiten. Beides sind übrigens Beispiele von Technologien, die auch auf der Erde Verwendung finden können. Kurzum: Marsmissionen sind an der Grenze des technisch derzeit Machbaren, und zwingen uns Missionsplaner daher, alte Denkmuster kritisch zu beleuchten und unsere technische Kreativität zu kultivieren. Das ist nicht nur Industrie 4.0, das ist (bemannte) Raumfahrt 2.0.

Vision Weltraumtourismus #

Drittens: Mut und Durchhaltevermögen. Wie bei jedem Großprojekt in der Geschichte – wie dem Hoover-Staudamm, den Pyramiden, oder auch einem Marsflug braucht es engagierte Visionäre mit ebenso viel technischem Verständnis wie Fokus und Durchhaltevermögen. Raumfahrtprojekte bieten neben den wissenschaftlichen Verheißungen – wie etwa der Suche nach Leben außerhalb der Erde – eine Projektions- und Identifikationsfläche für die nächste Generation von Forschern. Sie sind auch eine Art Rosetta-Stein – um zukünftige Träume zu entfesseln auf denen die Welt der Menschen von übermorgen basieren wird. Es braucht Menschen, welche diese Faszination weitergeben, andere infizieren können. Und diese gibt es – es wird geforscht, simuliert, ausprobiert, gestartet und die Blicke der Forscher sind auf den Mars gerichtet.

Mehr als ein halbes Dutzend Firmen arbeiten an einer Vision von Weltraumtourismus. Aktuell sind über zwanzig aktive Raumsonden in den Tiefen des Sonnensystems unterwegs. SpaceX – das noch vor zehn Jahren als eine „Gruppe von Enthusiasten“ belächelte private Raumfahrtunternehmen – führt inzwischen Versorgungsflüge zur Internationalen Raumstation durch. Selbst in Österreich wird an einem Mars-Raumanzug geforscht, der in marsähnlichen Umgebungen getestet wird, darunter etwa Geländetests auf dem Kaunertaler Gletscher in Tirol im August dieses Jahres. Grund zum Optimismus? Ja, denn ich denke, dass unsere Zeit als jene in Erinnerung bleiben wird, wo wir von den „Ufern des Kosmos“ eines Carl Sagan zu neuen Welten aufgebrochen sind: Wieder mit (Raum)Schiffen, einer Schar von wagemutigen Frauen und Männern und einem weiten Horizont.

Der Autor lehrt am Astrophysik-Institut der Universität Innsbruck und ist Präsident des Österreichischen Weltraumforums.

DIE FURCHE, Donnerstag, 3. Dezember 2015