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31 Monumente in drei Stunden#

Multimedialer Fremdenführer bietet Videos, animierte Bilder und Musikstücke zu Bauwerken#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 16. November 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Barbara Sorge


Die Stimme "Fee Mitzi" begleitet Touristen auf dem Rundgang durch Wien.#

Menschen, die auf Tablets starren
Menschen, die auf Tablets starren, könnten gerade eine Führung machen.
© smartguide

Wien. "Die Jungferngasse ist eine der kürzesten Gassen Wiens", erzählt der Fremdenführer. Gleichzeitig zeigt er eine Zeichnung einer Prozession aus alter Zeit, die durch dieses Gässchen zur Peterskirche führte, und gibt in einer kurzen Sage wieder, woher die Jungferngasse ihren Namen hat: Sollen doch die beiden Häuserfronten, die links und rechts auf die Gasse schauen, früher keine Tore gehabt haben und daher verschlossen gewesen sein - wie Jungfrauen. Ein Klick, und die Zeichnung verschwindet, der Führer zeigt jetzt eine Liste, die zur Peterskirche im Hintergrund auch Musikstücke vorschlägt. Und während die Musik spielt, erfährt man über Kopfhörer geschichtliche und architektonische Details zum Bauwerk, zusätzlich untermalt von historischen Bildern und Grafiken, die animiert wurden.

Der Fremdenführer ist in diesem Fall ein Tablet in einer Hülle, die sich der Benutzer um den Hals hängen kann, ausgestattet mit Kopfhörern, wie auch die Touristengruppen, die ihrem Leiter folgen, der in sein Mikrofon spricht. Der "Smartguide" genannte Tablet-Führer leitet durch das Unesco-Weltkulturerbe der Wiener Inneren Stadt und zeigt bei 31 interessanten Bauwerken deren Geschichte und Geschichten, die durch Bilder, Grafiken, Filmausschnitte und Musikstücke aufbereitet werden. So fasziniert zum Beispiel auch die Zeichnung der ersten Basilika, die um 1245 am Platz des heutigen Stephansdoms stand, damit, dass im Hintergrund animierte Wolken vorbeiziehen, die den Lauf der Zeit darstellen.

Entwickelt hat den "Smartguide" Martin Schwarz. Er hat 1991 für die Neueröffnung der Wiener Schatzkammer den ersten Tonbandführer Österreichs erarbeitet. Vor zwei Jahren kam er nun auf die Idee, einen Führer durch die Stadt zu entwickeln, der sich der neuen Technologien bedient. Gemeinsam mit seinen Kulturtourismus-Studenten an der Fachhochschule Krems hat er sich daraufhin den Markt angesehen: "Der Kulturtourismus steigt pro Jahr um 15 Prozent, es gibt eine positive Entwicklung im Städtetourismus und auch der Individualtourismus steigt, daher haben wir Chancen gesehen", so Schwarz zur Entstehung der Idee. Außerdem fiel ihm bei seinen Reisen nach China und Vietnam auf, dass es dort kaum Informationen in mehreren Sprachen gibt - auch für diese Regionen könnte so ein multimedialer Fremdenführer interessant sein.

450 zum Teil kaum bekannte Fotos animiert#

250.000 Euro hat er in die Entwicklung des Smartguides gesteckt und dafür auch eine kleine Förderung der Technologieagentur der Stadt Wien im Bereich "Innovation" bekommen. Die Bestände der Österreichischen Nationalbibliothek und des Österreichischen Filmarchivs wurden durchforstet und 450 zum Teil kaum bekannte Fotos und Filmausschnitte verwendet, die zusätzlich teilweise in 2D oder in 3D animiert wurden. Insgesamt rund 60 Musikstücke, die zu den verschiedenen Bauwerken passen, liefern einen Streifzug durch sechs Jahrhunderte Musikgeschichte.

200 Geräte gibt es derzeit, seit Anfang Oktober sind sie im Einsatz. In rund 100 Hotels und bei 30 Partnern wie der Touristeninformation oder auch direkt im Büro in der Börsegasse 6 kann man sie sich ausborgen. Die Führung dauert drei Stunden, je nach Zeit kann man das allerdings noch verlängern, wenn man sich alle Details zu Gemüte führt. Fünf Stunden mit dem elektronischen Führer durch die Innenstadt zu schlendern, kostet 15 Euro, ein ganzer Tag kommt auf 20 Euro, nach rund sechs Stunden muss die Batterie ohnehin neu aufgeladen werden.

Rund 100 Personen haben sich schon vom Tablet leiten lassen: "Auch durch die Witterung ist er nicht von Anfang an der volle Renner", gibt Schwarz zu. Weil für die Bedienung des Touchscreens die Fingerkuppen notwendig sind, werden derzeit spezielle Handschuhe getestet, die mit leitendem Material an den Spitzen versehen sind. Durch die Stadt und auch durch die Bedienung des Geräts wird der Benutzer durch die "Fee Mitzi" geleitet. Sie spricht die deutschsprachigen Besucher mit "Servus" und per Du an: "Von den deutschen Besuchern habe ich bisher noch kein negatives Feedback dazu bekommen", berichtet Schwarz.

Keine Konkurrenz zu Fremdenführern#

Als Zielgruppe sieht Schwarz vor allem Menschen, die alleine unterwegs sind, und sich unabhängig von Gruppen die Stadt ansehen möchten: "Gruppen buchen einen Fremdenführer, das Angebot mit dem ,Smartguide‘ richtet sich vor allem an den Alleinreisenden, der ein eigenes unabhängiges Zeitbudget hat", sieht Schwarz seine Entwicklung mehr als Ergänzung denn als Konkurrenz zu den bestehenden Einrichtungen der Tourismuswirtschaft. Auch Gerti Schmidt, die Berufsgruppenobfrau der Fremdenführer in Wien, sieht das eher als Bereicherung: "Es könnte durchaus für Leute sein, die noch keine Stadtführung machen wollen, durch das Tablet aber auf den Geschmack kommen", meint sie. Die Art, Informationen weiterzugeben, habe sich in den vergangenen zehn Jahren in ihrem Beruf ohnehin stark verändert. "Das ist ein zusätzliches Angebot", ist Schmidt überzeugt.

Wiener Zeitung, Freitag, 16. November 2012