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Neandertaler der Lüfte #

Das erste lenkbare Aluminiumluftschiff startete im November 1897 auf dem Tempelhofer Feld in Berlin zu seinem einzigen Flug. David Schwarz, der Konstrukteur dieser Pionier-Maschine, liegt auf dem Wiener Zentralfriedhof begraben.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 8./9. Februar 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Brigitte Reisinger


Luftschiff mit 3,5 Tonnen
Leicht wie ein Luftballon schwebte das riesige Metallding in Berlin über den Köpfen der Zuschauer, dabei wog das Luftschiff 3,5 Tonnen.
© Foto: Austrian Archives/Corbis

Jenseits des Meeres aus Gras zeichnen sich Silhouetten gegen den Himmel ab: der Fernsehturm, die Türme der St. Johannes-Basilika, des Rathauses von Neukölln, der Kirche am Südstern und der Kirche St. Bonifatius, die Minarette der Sehitlik-Moschee. So müssen sich Reisende vor Jahrhunderten einer Stadt genähert haben: über freies Feld. Von unzähligen Veduten kennen wir Stadtansichten, gemalt aus einer Perspektive an der Schnittstelle zwischen Stadt und Land, das emotionale Spannungsfeld zwischen schützender Enge und Weite spiegelnd: Sehnsuchtsorte. Ob die emotional geführte Debatte über die weitere Nutzung des aufgelassenen Flughafens auf dem Tempelhofer Feld in Berlin darin begründet liegt? Es scheint ein Ort zu sein, der Besonderes anzieht, ja zuweilen ein Kulminationspunkt für verrückte Ideen und ihre Proponenten.

Szenenwechsel #

Eine Blockhütte in den kroatischen Wäldern, ein Mann zu einsamen Winterabenden verdammt, es schneit unablässig. Man schreibt das Jahr 1888, ein umtriebiger Holzhändler beaufsichtigt Holzfäller-Arbeiten in einem frisch angekauften Forst. Die Arbeiten ziehen sich in die Länge, die Langeweile wird unerträglich. Abhilfe leistet seine Frau in Zagreb mit belletristischen Care-Paketen, Romanen von Dickens und Hugo, doch erst eine Abhandlung des Aristoteles und ein Lehrbuch der Mechanik lassen ihn die Zeit vergessen. Wie könnte er diese Waldeinsamkeit verlassen, muss er überlegt haben, wenn die konventionellen Methoden im Schnee ertrinken? Mit einem starren, festen Luftschiff, das Wind und Wetter trotzt? Eine Idee wird geboren!

Eine schöne Geschichte fürwahr – aber leider nicht wahr. Doch in jeder Sage – sagt man – steckt ein wahrer Kern, und dieser trägt den Namen Rasinja. Eines Nachts soll bei Rasinja im nördlichen Kroatien ein Waldbrand ausgebrochen sein, dem auch ein Sägewerk zum Opfer fiel und mit ihm beinahe sein Besitzer, David Schwarz, der sich schwere Verbrennungen zuzog. Das Geld von der Versicherung investierte er in Bücher über Mechanik, Mathematik, Physik, Meteorologie und Luftschifffahrt. Die Auszeit verbrachte er mit Lesen und Spintisieren, und er legte sich einen Prophetenbart zu, um seine Narben zu verbergen.

Das Genie, das aus der Kälte kam, oder der Erfinder, der durch das Feuer ging? Jedenfalls ließ ihn die Idee eines Metallluftschiffes nie wieder los. Hatte David Schwarz eine völlig neue Erfindung gemacht? Mit Sicherheit nicht! Die Idee lag in der Luft, aber selten wurden die Entwürfe verwirklicht.

Ein veritables Interesse an der Entwicklung lenkbarer Luftschiffe gewannen europäische Herrscher nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Zum Transport hatten sich Ballone als praktikabel erwiesen – mit einem gravierenden Nachteil: Der Startpunkt war klar, das Ziel ungewiss. Charles Renard hatte 1884 mit seiner „La France“ die Lenkbarkeit eines Luftschiffes bewiesen.

Ein Mann mit Plan #

Nun trat Schwarz auf den Plan. Er besaß hohe Überzeugungskraft, ja ihn umgab die geheimnisvolle Aura des „Wissenden“ – und er hatte einen Plan. Als Staatsbürger der k. u. k. Monarchie bot er seine Erfindung in Wien an, doch als kroatisch- jüdischer Holzhändler ohne verbriefte Fachkenntnisse hatte er keine Chance. Günstigere Optionen versprach der russische Militärattaché in Wien. Schwarz zog alle Register psychologischer Kriegsführung, nutzte das Interesse der Großmächte und bekam den Zuschlag.

Leicht und stabil sollte das Luftschiff sein, mit Haut und Knochen aus Metall. Ein besonderer Werkstoff betrat die aviatische Weltbühne und verließ sie nie wieder. Das „Silber aus Lehm“, das industriell erzeugte Aluminium, war eine Sensation auf der Pariser Weltausstellung des Jahres 1889. Carl Berg, ein Industrieller aus Lüdenscheid in Westfalen, so wird erzählt, überreichte seinem Buchhalter direkt nach seiner Rückkehr aus Paris ein Stück Aluminium mit den Worten: „Es ist so teuer wie Silber. Schließen Sie mir es vorerst in den Geldschrank!“

David Schwarz nahm mit Carl Berg Kontakt auf, der in der Metallknöpfe produzierenden Firma seines Großvaters Aluminium-Legierungen entwickelt hatte. Die zündende Idee eines Erfinders, gekoppelt mit dem metallurgischen Knowhow eines Industriellen und Heereslieferanten, war erfolgversprechend.

Melanie Schwarz #

Wer war der charismatische Erfinder mit dem pechschwarzen Bart? Seine Lebensdaten sind nicht Kreuzworträtsel-kompatibel. Vier Geburtstage, drei Geburtsjahre und vier Geburtsorte werden tradiert. Gesichert scheint jedoch, dass David Schwarz am 7. Dezember 1850 in Keszthely am Balaton geboren wurde. Schon als Kind soll er mit gasgefüllten Ballons experimentiert haben. Schwarz heiratete die Tochter eines reichen Holzhändlers. Er erfand ein Luftschiff, sie baute Luftschlösser. Melanie Schwarz tradierte die Lebensgeschichte ihres genialen Mannes – romanhaft zwischen Wahrheit und Fiktion changierend – über zeitgenössische Medien.

David Schwarz und seine Frau Melanie
David Schwarz und seine Frau Melanie.
© Foto: Aus dem zitierten Buch

Der Deal mit dem Zarenreich erwies sich als Debakel, das in fantastischen Varianten Eingang in Enzyklopädien fand: Von Kontakten zum Informationsdienst, von Korruption, ausschweifenden Gelagen, dubiosen Geldkanälen, Spionage, Sabotage, Flucht bei Nacht und Nebel unter falschem Namen wurde berichtet, der Mythos von schlampigen, korrupten Russen tradiert. Ein Hauch von Sotschi?

Auf der Suche nach einem neuen Auftraggeber war Berlin die logische Konsequenz. Tür und Tor öffnete ihm dort – Carl Berg. Was dieser nicht wusste: David Schwarz pokerte hoch. Er machte glauben, dass zwei Aufstiege in St. Petersburg gelungen wären, und drohte nach Paris zu gehen, sollten die Verhandlungen in Deutschland im Sande verlaufen. Wie sah das Phantom der Lüfte aus, das geraume Zeit im Kopf seines Erfinders Kreise zog? Wie die Kreuzung eines stumpfen Kinderstifts mit einer Blechdose: ein zylindrischer Tragkörper mit Wasserstoff gefüllt, formvollendete 38 Meter lang, fest mit einer Gondel verbunden; die Hülle: gasdicht gefalzte Aluminiumbleche über ein Gitter-Skelett gespannt; ein 16 PS-Daimler-Benzin-Motor, der mittels Riemen vier Propeller antrieb.

Auf dem Tempelhofer Feld wurde eine Halle errichtet, die Baukosten hatte Carl Berg zu tragen, dessen Verständnis für die langwierige Entwicklung des Prototyps schwand. Das Verhältnis der Partner trübte sich. Üble Gerüchte tauchten auf, die Zweifel an der Integrität von Schwarz aufkommen ließen. Berg erfuhr, dass das Luftschiff in St. Petersburg nie aufgestiegen war. David Schwarz, ein Scharlatan? Das gegenseitige Misstrauen war so groß, dass Schwarz den Zutritt in die Montagehalle verwehrte, während Berg seinen Partner mittels „Knebelvertrags“ an die Kandare nahm. Das Patent hatte Berg unter seinem Namen angemeldet, letztendlich ohne Erfolg.

Als technische Probleme auftraten, probte Berg den Absprung noch vor dem Aufstieg. Er nahm mit Graf Zeppelin Kontakt auf, um die Chancen einer Kooperation abzuklären. Im Jänner 1897 erfuhr Carl Berg, dass David Schwarz verstorben sei. Bergs Misstrauen überlebte den Tod seines Geschäftspartners und zeigte paranoide Züge. Er verdächtigte Schwarz, sich aus dem Staub gemacht zu haben, um seine Spielchen andernorts weiterzutreiben, und er forderte einen Beweis – den amtlichen Totenschein. David Schwarz war definitiv tot und die Legende über sein Sterben dem eines geheimnisumflorten Genies würdig. Die kolportierten Todesursachen – starkes Rauchen und übermäßige Café-Besuche, viele Reisen – klingen plausibel. Umtriebig war Schwarz zweifelsohne, wenn nicht getrieben. Als gesichert gilt, dass er am 13. Jänner 1897 in Wien starb. Es wurde berichtet, nach einer Mahlzeit mit Freunden wäre ihm ein Briefträger nachgelaufen, heftig mit einem Telegramm „fuchtelnd“. Dessen Inhalt: Das Problem mit dem Gas wäre gelöst, das Schiff stehe zur Füllung bereit, er solle nach Berlin kommen. Der Kaiser wäre beim Probeflug anwesend und 300.000 Mark stünden in Aussicht. Der Absender: niemand Geringerer als das Preußische Kriegsministerium. Vor dem Restaurant „Zur Linde“ soll er niedergebrochen und in den nächsten Hausflur gebracht worden sein, dort habe er seine Arme gegen eine Wand gestemmt und sei gestorben. Dieser Mythos vom verkannten Genie, kurz vor dem Ziel von einem Blutsturz dahingestreckt, lässt keinen kalt.

In Wien nahm David Schwarz immer nur auf der Durchreise Quartier – nun blieb er für immer. Ein ehrenhalber gewidmetes Grab in der jüdischen Abteilung des Wiener Zentralfriedhofs war eine typisch österreichische Geste: Es kostete nichts. Und wer weiß, vielleicht war was dran – an der dubiosen Erfindung „des Wieners“? Kurioserweise gab es zwei Grabsteine, einen alten mit falschem Todestag und einen neuen mit falscher Altersangabe, dafür mit Ingenieurstitel vor dem Namen. Das Grab des Erfinders des lenkbaren Aluminium-Luftschiffes wird langsam von wildem Wein überwuchert.

Carl Berg hatte das Interesse an dem Luftschiff mit der Metallhaut längst verloren, sah darin eine Sackgasse und in einem erfolgreichen Flug nur eine Visitenkarte für die Verhandlungen mit Graf Zeppelin. Die Leitung des Projekts übernahm nun die „Hausfrau“ Melanie Schwarz – und das höchst professionell, sie beschäftigte sich mit den Plan-Zeichnungen ihres Mannes, identifizierte sich mit dessen Gedankenwelt, sodass der sprichwörtliche Geist des Erfinders über sie kam.

Aufstieg in Tempelhof #

Die Vorzeichen hätten ungünstiger nicht sein können. Wenige Monate vor dem Flugversuch explodierte das Luftschiff „Deutschland“ und stürzte auf das Tempelhofer Feld. Der Luftpionier Wölfert und ein Mechaniker starben – verkohlt bis zur Unkenntlichkeit. Es war schwierig, einen Luftschiffer aufzutreiben, der den Aufstieg wagen würde. Gefunden wurde er in Ernst Jagels, einem Maschinenschlosser. Wenngleich unerfahren, wagte er den riskanten Aufstieg, aber nur gegen Bares. Noch in der Nacht vor dem Aufstieg sollen ihm Zweifel gekommen sein, die nach einer Erhöhung des Honorars wieder sanft entschliefen.

Tempelhofer Feld
Das Tempelhofer Feld liegt heute wie eine idyllische Wiese mitten in der Weltstadt Berlin.
© Foto: Reisinger

Seltsam! Betrat man den hölzernen Schuppen auf dem Tempelhofer Feld, sah man das Luftschiff erst gar nicht, sein Bauch schimmerte vier Meter über der Gondel im Dämmerlicht. Am 3. November 1897, 14 Uhr 30 war das Schiff klar zum Ausfahren. Es herrschte starker Ostwind, etwa 7,5 Meter pro Sekunde. Das Interesse war groß, der Jungfernflug wurde zum Medienereignis! Dass Graf Zeppelin als Zaungast den Flug verfolgt hätte, dürfte nicht der Wahrheit entsprechen – auch Carl Berg war nicht anwesend.

Leicht wie ein Luftballon konnte das riesige Metallding aus der Montagehalle gezogen werden, trotz seiner 3,5 Tonnen, ja, es musste von einer Hundertschaft der Luftschifferabteilung niedergehalten werden, weshalb der Auftriebs-Propeller nicht montiert wurde. Ein gravierender Fehler? Windböen hoben und stauchten das Schiff.

Und dann: Ein erster Erfolg, das Fahren gegen den Wind gelang. Die Leinen wurden fahren gelassen, bis auf eine, an dieser Nabelschnur war das Luftschiff mit der Erde verbunden. Auf 100 Metern Höhe soll sich der linke Propellerriemen gelöst haben, berichtete Jagels – da riss auch die letzte Leine und das entfesselte Luftschiff stieg auf 300 bis 400 Meter. Der Wind trieb es nach Schöneberg, da fiel der Riemen von der rechten Propellerscheibe. Das Schiff stieg immer höher, steuerlos, bis es in den Wolken verschwand. Nun wurde Jagels von Angst getrieben, zog ein Ventil, um Gas abzulassen, schnitt Sandsäcke ab, 50 Meter unter ihm der alte Wilmersdorfer See. Menschen liefen heran; bevor das Schiff mit einer kleinen Anhöhe kollidierte, sprang Jagels aus der Gondel. Es legte sich auf die Seite, ein Propeller und das Gestänge der Gondel drückten sich in den Schiffskörper.

Melanie Schwarz war dennoch begeistert, ihr Mann schien rehabilitiert. Der eindeutige Beweis der Lenkbarkeit des Luftschiffes war zwar nicht erbracht, dennoch wurde der Flug in aeronautischen Kreisen als Etappensieg gewertet. Die Luftschiff-Leiche auf einer morastigen Wiese wurde zum Stadtgespräch. Armselig war ihr Anblick am Tag danach: Schwere Beschädigungen hatte sie durch den nächtlichen Wind und Luftschiff- Souvenir-Jäger erfahren. Viele Neugierige wurden vom Getöse der Demontagearbeiten angelockt. Reste des Wracks werden heute im Deutschen Museum in München und im Städtischen Museum in Lüdenscheid aufbewahrt.

Von der ideellen wie materiellen „Konkursmasse“ des ersten Fluges eines starren Luftschiffes profitierte Graf Zeppelin und avancierte laut Kaiser Wilhelm II. vom „Dümmsten aller Süddeutschen“ zum „größten Deutschen des Jahrhunderts“, ja zum Messias der Lüfte. Aus der Blechbüchse wurde eine Zigarre. Von David Schwarz war keine Rede mehr. Seine Erben speiste man mit 15.000 Mark ab, kaufte Berg damit frei, zu einer Gewinnbeteiligung kam es auch Jahre später nicht. Streit um den Ruhm Eine peinliche Episode dürfte der Graf nicht vergessen haben. Am Höhepunkt der Zeppelin-Hysterie behauptete Major Gross, Kommandeur eines Luftschiff-Bataillons, öffentlich, David Schwarz wäre der Erfinder des Luftschiffes starren Systems. Nur der Kaiser konnte ein Duell verhindern. Bis heute wird kolportiert, Graf Zeppelin hätte der Witwe Schwarz das Luftschiff-Patent abgekauft.

Die Luftschifffahrt erwies sich à la longue als aviatische Sackgasse, einzig das Schwarzsche Ganzmetallfluggerät war zukunftsweisend. Und auf so manchem Wohnzimmertisch in Zagreb stehen vermutlich noch Aschenbecher aus einer Aluminiumlegierung, die der Erfinder David Schwarz Familienmitgliedern und Freunden geschenkt hatte.

Ein Schicksals-Datum verbindet David Schwarz mit dem Ort seines Wirkens: Sein Todestag wird in die Annalen des Tempelhofer Feldes eingehen, denn am 13. Januar 2014 endete die Frist für das Volksbegehren „100 Prozent Tempelhofer Feld“. Die Initiative für dessen Erhalt war erfolgreich!

Brigitte Reisinger, geboren 1961, lebt in Wien und ist bei einer großen Lese-Organisation beschäftigt. Sie schreibt über kulturanthropologische und archäologische Themen.

Weiterführende Literatur: #

Eckhard Trox (Hrsg.): Der Traum vom Fliegen. Carl Berg und die Luftschiffidee von Lüdenscheid bis Lakehurst. Lüdenscheid 2000.

Wiener Zeitung, Sa./So., 8./9. Februar 2014