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Bis die Telefunken fliegen#

Die Welt digitalisiert sich - nur das Radio in Österreich bleibt vorerst analog, wie es ist#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 13. August 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Bernhard Baumgartner


Als eines der letzten Medien schafft das Radio die Digitalisierung nicht. Warum?#

Radio
Vielleicht nicht alle - aber viele - alte Radios könnten durchaus noch verwendet werden. Bei einer Digitalisierung hätten alle Radios schlagartig ausgedient.
© corbis

Wer heute ein altes Radio auf Opas Dachboden findet, hat Grund zur Freude: Nicht nur, wenn es sich um ein edles Stück mit Wurzelholzgehäuse oder verchromten Knöpfen handelt, das sicher auf eBay bei einem Liebhaber oder Sammler einen guten Preis erzielen wird. Nein, wenn man Glück hat, kann es noch genau das tun, was es tun soll: Man kann damit Radio hören, sofern das Gerät bereits auf der damals modernen Ultrakurzwelle empfangsbereit war. An dieser Technologie hat sich im Kern seit den Fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts nicht allzu viel geändert. Auch heute noch kann also Rihanna die Telefunken so richtig zum Glühen bringen.

Fernsehen, Filme, Musik, Magazine und Zeitungen, fast alle Medien haben die digitale Verbreitung für sich nutzbar gemacht. In einigen Bereichen, etwa dem Fernsehen, hat man das analoge System bereits ganz abgeschafft und nützt somit die Sparpotenziale, die den Betreibern das digitale Senden bringt. Die Medien sind somit mittlerweile (auch) digital unterwegs.

Das Radio in Österreich hingegen nicht. Im Unterschied zu Deutschland, Großbritannien oder der Schweiz fährt man hier noch immer nur analog.

Was ist der Grund für diesen vermeintlichen Anachronismus? Ist es Nostalgie oder gibt es vielleicht technische Probleme? Letzteres muss man ausschließen, denn die Technik liegt vor: Mit DAB+ (Digital Audio Broadcasting) liegt sogar ein Standard vor, der europaweit einheitlichen digitalen Empfang ermöglichen könnte. Wenn . . .

Kein Interesse am Umstieg#

Ja, wenn jemand darauf senden würde. Denn das Digitale Radio hat in Österreich das Problem, dass die überwiegende Zahl der Sender absolut gar kein Interesse an einem Umstieg haben. Und das, obwohl es die Kosten für die Sendeanlagen sehr stark senken würde. Der Grund ist im Wesentlichen ein Hang zum Besitzstandwahren. Denn UKW-Frequenzen sind ein heftig umkämpftes und sehr knappes Gut. Würde man die Übertragung digitalisieren, könnte man plötzlich auf einer Frequenz ein gutes Dutzend Sender übertragen - wenn nicht mehr. Das würde schlagartig nicht lediglich eine Handvoll Radioanbieter möglich machen, sondern im Extremfall eine dreistellige Zahl.

Gut für die, die gerne senden wollen und keine Frequenz haben. Für die, die es schon gibt, ein Alptraum. Nicht nur, dass die Frequenzen, die man hart erkämpft hat, nun quasi entwertet werden, es steht zu befürchten, dass der Markt dadurch stark verändert wird. So könnten plötzlich dutzende kleine Special-Interest-Sender entstehen oder Sender aus dem Ausland ihr Programm durchschalten und die großen, allen voran die ORF-Radios, die immer noch gut drei Viertel des Marktes beherrschen, Marktanteile kosten. Daher hat etwa gerade Ö3 kein Interesse an einer Digitalisierung, wie man immer wieder bekundet: Man sehe auch gar keinen Nutzen für den Zuhörer.

Tatsächlich ist die Frage des Nutzens für die Hörer, wenn man die mögliche Vielfalt weglässt, eine Glaubensfrage. So ist die versprochene bessere Qualität umstritten, das Programm wäre zwar an sich rauschfrei - allerdings nur deshalb, weil der Sender, wenn man ihn verliert, gleich ganz ausblendet. Die zusätzliche Übertragung von Informationen aufs Display mag vielleicht bei Songtiteln interessant sein. Die Möglichkeit, gewisse Teile des Programms, etwa den Verkehrsfunk, "auf Vorrat" abrufbar zu machen, wäre sicher für den einen oder andere Autofahrer ein interessantes Feature, aber: Die Killer-Applikation, auf die alle gewartet haben, um der Technologie zum Durchbruch zu verhelfen, ist das wohl nicht. Völlig absurd wird es bei dem Hinweis, dass dann als Asset ein "elektronischer Programm-Guide" mitgesendet werden könnte. Ein solcher wäre wohl nur dann sinnvoll, wenn die Radiostationen (mit Ausnahme einiger weniger Wortsender) nicht alle ohnehin immer dieselbe Eintönigkeit vor sich hindudeln würden.

Tatsächlich schrammt die Diskussion darüber, was DAB kann, hart an der Sinnfrage vorbei. Es gibt kaum etwas, was man sich heute, in Zeiten von Smartphones und der Omnipräsenz von Webradio oder Podcasts, nicht auch aus dem Netz holen könnte. Denn die Endgeräte, die bei einer tatsächlichen Einführung von DAB+ verkauft würden, haben heute in der Regel auch das alte UKW und verfügen zusätzlich über ein WLAN-Modul. Damit können Radiosender aus dem Internet gestreamt werden. Wenn man also ohnehin über WLAN so gut wie jedes Radio der Welt digital hören kann - wozu braucht man dann DAB?

Hier argumentieren die Befürworter, dass - wenn das viele machen - die mangelnde Netzwerk-Bandbreite ein Thema wird.

Tatsächlich scheint es, dass das Radio den Schritt in die Digitalisierung wirklich so lange verschleppt hat, bis es heute auch schon egal ist. Hätte eine forcierte Einführung Mitte der Neunziger Jahre noch Sinn gemacht, tut man sich heute schwer, dem Konsumenten zu vermitteln, warum er jetzt alle seine Radios verschrotten soll. Denn das würde den im Schnitt drei Radiogeräten pro österreichischem Haushalt blühen: Die alten Geräte können mit dem neuen Standard nichts anfangen und bleiben stumm. Was bei einem Drei-Euro-Gerät mit Kopfhörer für den Strand zwar ärgerlich, aber im Prinzip egal ist, wird bei einem fix verbauten Autoradio mit eingebautem Navi schnell zum Anschlag auf die Brieftasche.

Das große Geld lockt#

Kein Wunder, dass es ausgerechnet der Fachverband für Elektro- und Elektronikindustrie war, der sich heuer federführend bei der Gründung eines neuen "Verein Digitalradio Österreich" engagiert hat. Immerhin lockt die Aussicht auf einen großen Markt. Auf Anfrage versprüht Gernot Fischer vom Verein denn auch Optimismus und will von einem Stillstand nichts wissen. Im Gegenteil: Noch heuer soll es in Wien einen Probebetrieb mit zwölf digitalen Radiosendern geben. Ein oder zwei Jahre lang soll so das ganze Stadtgebiet mit DAB+ versorgt werden. Fix mit dabei ist jedoch bislang nur ein Radiosender, obwohl einige Interesse bekundet hätten.

Tatsächlich existiert die rechtliche Grundlage für Digitales Radio schon längst, alleine, es scheiterte bislang am Interesse der Sender. Eine Bedarfserhebung der Medienbehörde von vor genau einem Jahr verlief negativ - zu wenige Meldungen für eine Ausschreibung, hieß es. Ob sich das noch ändert oder ob alles so bleibt, wird man sehen. Bis dahin kann das alte Radio aus den Fünfzigern noch Dienst tun. Wenn man gewartet hat, bis sich die Kondensatoren aufgeladen haben.

Wiener Zeitung, Dienstag, 13. August 2013


Zitat aus diesem Text: "Mit DAB+ (Digital Audio Broadcasting) liegt sogar ein Standard vor, der europaweit einheitlichen digitalen Empfang ermöglichen könnte. Wenn . . ."

Ja, wenn überhaupt noch Radio gehört würde. Radiohören findet nur mehr im Auto statt. Daher ist die technische Entwicklung der Radiotechnik eingeschlafen.

Aber die Digitalisierung hat ja doch stattgefunden: Jeder PC, jedes Handy von ca. 40 € aufwärts hat natürlich ein (FM-)Radio an Bord, jedes Smartphone sowieso. Ein Feature, das in Handy-Tests nicht einmal erwähnt wird. Jeder PC, jedes Smartphone ist außerdem ein Internet-Radio, das 10.000e Sender empfangen kann - mir einem Komfort, der beim klassischen Radio undenkbar war.

Das Radio hatte seine Zeit: Die Pionierzeit, in der man es zu Recht als technisches Wunder ansah, dass Sprache und Musik "durch die Luft" ins Haus kamen. Und man konnte das mit erstaunlich primitiven Mitteln anhören: Ein Detektorempfänger war schnell aufgebaut und kostete sehr wenig.

Es war die Zeit, in der auch die Technik faszinierte: Nicht nur simple Kristalldetektoren, sondern auch höherwertige Empfänger konnte man selber bauen - so manche Erfindung der Empfängertechnik (besonders für Kurzwelle) wurde von Amateuren gemacht. Die Kurzwelle eröffnete sogar die Möglichkeit des weltweiten Empfanges.

Das Phänomen der Massenerschwinglichkeit an sich leistungsfähiger technischer Apparate trat erstmalig auf (die "Volksempfänger" DKE und VE: die Grundlage der Massenbeeinflussung der Bevölkerung durch politische Regimes.

In dieser Zeit hatte das Radio auch keine Konkurrenz.

Das alles ist Geschichte, unumkehrbar.

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Als Sammler alter Radios muss ich eine (traurige) Korrektur anbringen: Man wird mit einem "Dachbodenfund" (Fachausdruck in Sammlerkreisen) leider keinen guten Preis (zB bei eay) erzielen. So ein Gerät kauft nur ein Kenner, und der kennt natürlich den Wert, man kann ihm nichts erzählen: Wer so ein Radio hat und glaubt, damit einen Schatz zu besitzen, hier die Ernüchterung: 20 bis 50 € für ein schönes(!) Stück. - Ausnahmen gibt es für tatsächlich seltene Geräte aus dem 20ern und Anfang der 30er Jahre, aber sonst ...

-- Lechner Peter, Freitag, 4. April 2014, 19:50