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Lastesel der Personenbeförderung#

Rolltreppen legen 500.000 Kilometer zurück#


Von der Wiener Zeitung (Donnerstag, 23. Mai 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Gerd Millmann


Rolltreppe
Rolltreppen machen mobil - und putzen auch Schuhe.
© Zinner

Eine kaum bekannte Eigenschaft der Rolltreppen - sie erzeugen Strom.#

Wien. Stromerzeugen ist in Wien ganz einfach. Rauf auf die Rolltreppe und damit runter in die U-Bahn. Je schwerer man ist, desto mehr Strom wird erzeugt. Die Rolltreppen der Wiener Linien haben nämlich "Frequenzrichter" eingebaut, die die Bremsenergie beim Bergabfahren in Strom umwandeln und für das Bergauffahren verwenden. Diese Fähigkeit der Rolltreppe ist kaum bekannt.

Unterschätztes Verkehrsmittel#

Sie ist das am meisten unterschätzte Verkehrsmittel. Dabei fährt die Rolltreppe der Wiener Linien im Schnitt 49 Kilometer täglich, das ist mehr als der durchschnittliche Pendler in Österreich. Sie hievt stündlich bis zu 7000 Passagiere auf höhere Ebenen und sie bringt genauso viele in den Untergrund. Die Rolltreppe ist der Lastesel des öffentlichen Verkehrs. "Mit Liften könnte man nur einen Bruchteil der Passagiere in so kurzer Zeit bewegen", weiß Michael Dörr und tätschelt den schwarzen Handlauf einer Rolltreppe am Westbahnhof. Der Techniker der Wiener Linien ist der Herr der 342 Rolltreppen im Wiener Öffi-System.

Dabei ist Rolltreppe der falsche Begriff, für Dörr und die Hersteller dieser Bewegungsmittel heißen die Aluminium-Konstruktionen "Fahrtreppen". "Und jede ist ein Einzelstück", weiß Dörr, weil Gefälle, Breite und Länge jeder Rolltreppe unterschiedlich sind. Deshalb gibt es auch nur vier Hersteller, die sich zutrauen, Rolltreppen für den öffentlichen Ver-kehr zu liefern. "Das sind einerseits hochspezialisierte Produkte, die andrerseits sehr robust sein müssen", weiß man bei Schindler, einem der vier österreichischen Anbieter.

Hochspezialisiert sind die sensorischen Platten am Ende der Rolltreppe. "Sie müssen einen sofortigen Stopp auslösen, um zum Beispiel zu verhindern, dass ein Kind mit dem Finger in den Spalt zwischen Treppe und Plattform kommt", weiß Dörr. Leider kann der Sensor aber nicht zwischen Kinderfingern und einem Steinchen unterscheiden, also stoppt die Treppe auch in diesen Fällen. Steinchen, Schmutz, Regen und Unachtsamkeit heißen die Feinde der rollenden Treppe. 350 Stürze passieren in einem normalen Betriebsjahr auf den Rolltreppen. Die werden nach jedem Sturz außer Betrieb gesetzt und penibel untersucht, nur ein Experte des TÜV darf die Treppe wieder freigeben.

500.000 Kilometer Fahrleistung#

20 Stunden fahren die Treppen im Schnitt jeden Tag. Bleiben die Fahrgäste aus, schaltet die Treppe auf "Schlaffahrt"-Modus. Anstelle der sonst vorgeschriebenen 2,3 Kilometer pro Stunde schleicht die Treppe dann mit einem Tempo von 230 Metern pro Stunde dahin. "Das ist aber besser als die gänzliche Abschaltung", weiß Techniker Dörr. "Denn der oftmalige Wechsel vom Stopp zum Betrieb würde die Lebenszeit der Fahrtreppe verkürzen." Diese liegt übrigens bei fast sagenhaften 25 bis 30 Jahren. Eine Rolltreppe schafft es dadurch im Lauf ihrer Karriere auf eine Fahrleistung von 500.000 Kilometern. Die meisten Pkw geben viel früher ihren Geist auf. Dabei sind nicht alle Rolltreppen "garagengepflegt". Viele führen ins Freie und sind zwei unterschiedlichen Temperaturzonen ausgesetzt. Im Winter werden diese Treppen extra geheizt, damit die Mobilität erhalten bleibt. Hierarchie im Rolltreppen-Universum

Im Universum der Rolltreppe herrscht strenge Hierarchie. Unten sind die "Kaufhausrolltreppen" angesiedelt, weil sie weit weniger Schmutz, Kälte und Arbeitsstunden bewältigen müssen und langsamer fahren als Verkehrsrolltreppen. Sie kosten auch nur einen Bruchteil und sind schon ab 60.000 Euro zu haben.

Für die Luxus-Exemplare bei den U-Bahn-Stationen sind zwischen 100.000 und 300.000 Euro zu zahlen. Dabei ist auch ein Servicevertrag mit den Erzeugerfirmen inkludiert, der vorsieht, dass bei einem technischen Gebrechen der Rolltreppe die Serviceleute innerhalb von höchstens sechs Stunden vor Ort sein müssen - auch am Wochenende.

Die Rolltreppe muss außerdem zu mindestens 97 Prozent der Gesamtzeit verfügbar sein, ansonsten droht den Lieferanten eine saftige Pönalezahlung. Aber warum hat man als Fahrgast den Eindruck, dass viel mehr Rolltreppen stillstehen? "Weil jede von ihnen einmal im Jahr genau überprüft wird und alle drei Jahre jede Rolltreppe in ihre Einzelteile zerlegt wird", meint Dörr.

Abschließen legt er Wert darauf anzumerken, dass die praktischen Bürsten am unteren Rand der Treppenwände nicht zum Schuheputzen gedacht sind, sondern, um zu verhindern, dass die Passagiere mit Schuhbändern oder Kleiderenden hängen bleiben. "Geputzt wird trotzdem gerne", gibt er sich geschlagen.

Wiener Zeitung, Donnerstag, 23. Mai 2013