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Seltene Erden und ihr Vergehen #

17 Elemente zählen zu den „Seltenen Erden“. Der steigenden Nachfrage – vor allem der Elektro-Industrie – stehen versiegende Reserven gegenüber.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 5. September 2013).


MSE Metalle
MSE Metalle. Kondensatoren aus Tantal machen Mobiltelefone und Digitalkameras immer handlicher. Auch Chips benötigen seltene Erden. Doch einige davon scheinen schon in wenigen Jahren zur Neige zu gehen.
Foto: © Shutterstock

„Was das Erdöl für den Nahen Osten, sind die Seltenen Erden für China“, orakelte einst Deng Xiaoping (1904–1997), der umstrittene Modernisierer, der in den 1980er-Jahren marktwirtschaftliche Elemente in die chinesische Ökonomie einführte. Tatsächlich übertrifft heute die Marktmacht Chinas auf diesem Sektor jene der OPEC beim Erdöl.

Damals, vor 30 Jahren, wussten nicht einmal Fachleute mit den Elementen Neodym, Europium, Yttrium oder Lanthan etwas anzufangen. Inzwischen sind sie unentbehrlich geworden. Denn kein Handy wäre ohne sie denkbar, kein Plasmabildschirm würde ohne Yttrium und Thulium farbige Bilder erzeugen, kein Generator einer Windkraftanlage ohne Dysprosium dauerhaft Strom erzeugen. Auch LED-Leuchten brauchen Dysprosium. Glasfaserkabelproduktion ist ohne Germanium nicht denkbar. Hochleistungs-Gasturbinen für Kraftwerke benötigen Rhenium. Kondensatoren aus Tantal machen Mobiltelefone und Digitalkameras immer handlicher. Es sind 17 Elemente, die zu den „Metallen der seltenen Erden“ (MSE) gezählt werden. Meist nennt man sie einfach „Seltene Erden“, obwohl sie weder Erden noch selten sind. Was sie trotzdem schwierig zu gewinnen macht, ist die Verteilung über die Erdkruste in geringsten Mengen.

Gering sind auch die Mengen, die in der Hochtechnologie eingesetzt werden. Aber jedes Mikrogramm erfüllt eine Funktion. So werden auf einem Computerchip bis zu 60 verschiedene Metalle verarbeitet. Angesichts des zunehmenden Verbrauchs hat das Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung in Berlin schon 2011 in einer Studie Alarm geschlagen. Die Versorgungslage bei Rohstoffen, wie Germanium, Rhenium und Antimon, bei Indium, Wolfram, Gallium, Palladium, Silber, Zinn, Niob, Chrom, Wismut und den Seltene-Erden-Metallen sei kritisch. Schon 2011 überstieg die weltweite Nachfrage nach Terbium das Angebot und die deutsche Rohstoffagentur DERA geht davon aus, dass 2015 Europium und Dysprosium diesem Trend folgen werden. Indium, das nicht zu den MSE zählt, dürfte das erste Metall sein, das weltweit in zehn Jahren völlig verbraucht sein wird.

Die MSE kommen nicht rein vor, sondern immer als Gemisch oder Bei-Produkt. Es bedarf aufwendiger Verfahren mit Säuren und Laugen, um sie zu isolieren. Der Wasserverbrauch ist extrem hoch, die Umweltbelastung gewaltig. Der bei der Trennung entstehende hochgiftige Schlamm wird oft in den Bohrlöchern verklappt oder einfach in der Landschaft „entsorgt“. Um die Bergwerke in China sind riesige Anbauflächen kontaminiert, das Wasser ist vergiftet und landwirtschaftlicher Anbau verboten. In anderen Ländern wurde wegen wachsender Umweltauflagen aus Kostengründen die Produktion eingestellt. Obwohl China nur über 40 bis 50 Prozent der weltweiten Reserven verfügt, kommen daher 97 Prozent des Weltbedarfs aus dem Reich der Mitte.

Wie abhängig die Welt von den chinesischen Exporten ist, zeigte sich 2010, als zwischen China und Japan ein Streit um die erdgasreichen Senkaku-Inseln entbrannte. Um Japan zu bestrafen, drosselten die Chinesen die Ausfuhr der Seltenen Erden. Zwei Drittel davon gehen nach Japan.

Allein der Autokonzern Toyota braucht für die Herstellung seiner Hybrid-Modelle über 10.000 Tonnen MSE jährlich. Aber auch der Rest der Welt war betroffen. Namentlich die US-Rüstungsindustrie, die für ihre Lenkwaffen Seltene Erden braucht.

Während der Export Chinas zwischen 2011 und 2013 um 71 Prozent sank, wird der Verbrauch auf der ganzen Welt zunehmen. Die DERA rechnet mit jährlich zehn Prozent plus, denn die modernen und „grünen“ Technologien sind besonders auf MSE angewiesen. (rl)

DIE FURCHE, Donnerstag, 5. September 2013