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Technik außer Rand und Band #

Wer bereits an Fernbedienungen leidet, sieht aktuellen Fortschrittsvisionen mit Grauen entgegen. Anmerkungen eines Technologie-Muffels. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 28. Juli 2016).

Von

Martin Tauss


Beispiele technischer Entwicklungen: Staubsaugerroboter, Fernbedienung, Selbstfahrendes Auto, Helping Hands
Smarte neue Welt. Mit aktuellen Entwicklungen wie dem „Internet der Dinge“, selbstfahrenden Autos und Robotern wird eine neue Stufe des technischen Fortschritts erreicht.
Quelle: Die Furche

Vor kurzem ist Robert K. (Name von der Redaktion geändert) in eine neue Wohnung gezogen. Die befindet sich in einem Neubau: großzügig, modern, ein bisschen steril. Alle Wohnungen sind schön angelegt, Robert fühlt sich hier sehr wohl. Überall findet sich Technik am Stand der Zeit. Wenn Robert heimkommt und die Eingangshalle des Hauses betritt, leuchtet grelles Licht auf. Sensoren erfassen die Eintretenden und aktivieren die Beleuchtung. Lichtschalter gibt es nicht mehr. Auch im Keller nicht. Das ist nur dann lästig, wenn Robert dort zu tun hat. Denn nach drei Minuten geht das Licht aus. Wenn Robert länger in seinem Kellerabteil herumwerkelt, wird es immer wieder dunkel: Er muss dann extra in den Gang hinaustreten, damit die Sensoren wieder aktiv werden und das Licht eingeschaltet wird.

Das ist natürlich nicht weiter schlimm. Aber das simple Beispiel ist symbolträchtig für die Abschaffung der menschlichen Selbstbestimmung durch die neueste technische Entwicklung. Und es stellt sich die Frage, ob das Ausmerzen der Lichtschalter hier einen Fortschritt oder nicht vielmehr einen Konstruktionsfehler darstellt.

Die Logik der Fremdbestimmung #

Dieses Beispiel folgt derselben Logik, die Sonnensegel automatisch hinunterfahren lässt, sobald die ersten Sonnenstrahlen das Fenster berühren. Dieselbe Logik, die Autos nervenaufreibend piepen lässt, wenn man einmal nicht angeschnallt ist – auch dann, wenn man nur eine kurze Strecke zurücklegt oder bloß ein schwerer Rucksack am Beifahrersitz liegt. Beim Einparken verwirren viele Autos ihre Fahrer mit Warntönen, obwohl noch genug Platz zum Rangieren ist. Auch andere Systeme wie der Totwinkel oder der Spurhalteassistent mischen sich immer wieder ein und entmündigen den Fahrer. Am Ende dieser Entwicklung steht bekanntlich das selbstfahrende Auto, dessen Segnungen demnächst vermarktet werden sollen. Dass es bei all diesen Innovationen immer auch eine Option geben sollte, die uns übergestülpten Automatismen abzuschalten, wird leider oft missachtet. Hinter all dem steht eine offenbar naive Technikgläubigkeit der Planer und Architekten. Ihre Visionen versprechen, unser Leben besser zu machen: effizienter, bequemer, sicherer, bedürfnisgerechter, gesünder. Immer kleinere Geräte, die dem Menschen immer mehr auf den Leib geschneidert werden, verheißen eine „smarte neue Welt“.

„Technik wird offensichtlich umso leichter akzeptiert, je kleiner, gefälliger und unscheinbarer sie wird und je mehr sie der vermeintlichen Verfügungsgewalt des Einzelnen überantwortet bleibt“, schreibt der Philosoph Konrad Paul Liessmann in einem seiner luziden Essays. Aber auch wenn sich der oder die Einzelne als „User“ in seiner Autonomie gebauchpinselt fühlt, unverkennbar ist heute vor allem eine Tendenz: Wir laufen Gefahr, durch Sensoren und Algorithmen fremdbestimmt zu werden. Die Technik überstimmt die Menschen, die sich ihrer bedienen.

Vielleicht bräuchte es eine neue paradigmatische Frage, die sich wie ein roter Faden durch die Technikentwicklung ziehen sollte: Nicht mehr „Kann man das tun?“, sondern schlicht „Muss das sein?“ Vielleicht hat die technologische Evolution bereits den Punkt erreicht, wo sich trotz enormen Aufwands nur noch eine geringe Steigerung der Lebensqualität erreichen lässt. Wenn überhaupt. Gewiss, es macht einen gewaltigen Unterschied, ob man die Wäsche in die Waschmaschine werfen kann oder ob man diese am Fluss ausklopfen muss, wie dies heute noch viele Menschen im globalen Süden zu tun pflegen. Ob man in der Pferdekutsche sitzt, mit einer 60er-Jahre-Karosse über die Straßen rattert oder im High-Tech- Schlitten mit Navigationssystem durch die Gegend gleitet.

Aber bei den smarten Verheißungen ist Skepsis angesagt. Wie groß ist der Mehrwert eines Kühlschranks, der seinen Inhalt überwacht und Alarm schlägt, bevor die Milch abläuft? Eines Regenschirms, der signalisiert, dass es regnen wird und man ihn besser mitnehmen sollte? Eines Geschirrspülers, der sich via Smartphone starten lässt? Es reicht schon, sich die banale Frage zu stellen, ob man ein Fenster oder eine Jalousie über eine Fernbedienung handhaben muss – oder ob es nicht einfacher ist, diese manuell zu bedienen. Überhaupt diese Fernbedienungen: Treten sie gehäuft auf, werden bereits diese Geräte zum Problem. Sie sind oft am falschen Platz, gehen leicht verloren und geben immer wieder den Geist auf. Apropos: Wenn sich die smarte Technik einmal als fehleranfällig erweist, könnten wir richtig aufgeschmissen sein. Gut möglich, dass wir uns mit den „Smart Devices“ nur eine unabsehbare Komplexitätssteigerung aufhalsen, die im Falle eines Defekts oder Systemausfalls umso teurer zu stehen kommt.

Gewiss, vieles, was da auf uns zukommt, wird die Welt tatsächlich besser machen. Wer hat schon etwas gegen emsige und pflichtbewusste Roboter einzuwenden, die den Boden saugen, das Gras mähen, den Pool reinigen und künftig das Bad und die Toilette sauber halten? Roboter werden bald auch Pflegebedürftigen bei der Bewältigung des Alltags helfen und in fernerer Zukunft sogar Wäsche aufhängen und Hemden bügeln, prognostiziert etwa der TÜV Austria. In rund zehn Jahren könnten solche Maschinen eine echte Hilfe im Haushalt werden, schätzt Roboterforscher Markus Vincze von der TU Wien. Schon in fünf Jahren könnte ein Roboterarm gewisse Tätigkeiten übernehmen und „neben uns her arbeiten“. Ein Szenario, das in der Industrie bereits Einzug hält: Während bisher die Arbeitsräume von Mensch und Maschine klar getrennt waren, arbeiten diese nun Hand in Hand. „Obwohl der eine oder andere Roboterkollege ein freundliches Gesicht hat, birgt sein Einsatz oft unterschätzte Gefahren“, warnt der TÜV Austria.

Die Geschichte vom Zauberlehrling #

Damit nicht genug: Der Siegeszug der Automatisierung im „zweiten Maschinenzeitalter“, wie manche Forscher die neue Ära nennen, birgt zwei große Bedrohungsszenarien. Denn Roboter arbeiten nicht nur neben dem Menschen, sondern vor allem auch an Stelle des Menschen. Sie ersetzen nicht mehr nur Fabriksarbeit und Routine-Jobs, sondern könnten sich daran machen, ganze Branchen zu übernehmen. Auf dem letzten Weltwirtschaftsforum in Davos wurde eine Studie präsentiert, die in den nächsten fünf Jahren den Wegfall von fünf Millionen Arbeitsplätzen in den Industrieländern vorhersagt. Zudem gibt es die Befürchtung, dass uns die Technologieentwicklung – wie in der Geschichte vom Zauberlehrling – tatsächlich über den Kopf wachsen könnte. Der Physiker Stephen Hawking, Microsoft- Gründer Bill Gates sowie andere namhafte Forscher und Technologievisionäre warnten zuletzt vor der Entwicklung künstlicher Superintelligenzen, die eine echte Gefahr für die Menschheit darstellen würden.

Fundierte Technikkritik müsste heute eigentlich Hochkonjunktur haben. Dass nicht mehr Politik und Wirtschaft, sondern die Technik unser Schicksal ist, hat bereits der Philosoph Günther Anders hellsichtig diagnostiziert. Technik sei darauf aus, den Menschen überflüssig zu machen, ja die Menschheit zum Verschwinden zu bringen. Warum aber lassen uns solche Ideen weiterhin eher kalt? Weil wir so sehr darauf getrimmt sind, dass die Probleme der Technik eben durch immer neue Technik problemlos aus der Welt zu schaffen sind.

DIE FURCHE, Donnerstag, 7. Juli 2016

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