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Wie vertragen sich Technik und Nachhaltigkeit?#

Jakob Calice

Das Postulat der Nachhaltigkeit, das mit der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro zum Programm erhoben wurde, zielt in erster Linie auf eine Veränderung im Umgang mit der natürlichen Umwelt ab: Wir sollen so wirtschaften, dass wir die Bedürfnisse zukünftiger Generationen nicht beeinträchtigen. Das bedeutet, dass lebensbedingende Faktoren wie Boden, Luft und Wasser erhalten werden, klimatologische Auswirkungen begrenzt und natürliche Ressourcen vorausblickend genutzt werden sollen. Was aber diese Vorgabe konkret heißt und wie sie umgesetzt werden kann, darüber scheiden sich die Geister – auch in Bezug auf den Technikeinsatz. Sind nicht viele Nachhaltigkeitsprobleme auf den Einsatz von Technik zurückzuführen? Geht das Erdöl nicht erst seit seiner systematischen technischen Nutzung aus und verschmutzt unsere Atmosphäre? Wäre nicht daher durch weniger Technik und einen bescheideneren Lebenswandel Nachhaltigkeit zu erzielen?

Andererseits haben technische Innovationen auch dazu geführt, natürliche Ressourcen effizienter zu nutzen und den Schadstoffausstoß durch angepasste Technologien zu begrenzen. Optimistische Ansätze sehen sogar das Potential, durch Technik einen technosphärischen Materialkreislauf herzustellen, der sich natürliche Stoffkreisläufe zum Vorbild nimmt. Der Natur entnommenes Material könnte dementsprechend in mehreren technisch ermöglichten Zyklen wieder verwendet, zuletzt in ein naturnahes unschädliches Material umgewandelt an die Natur abgegeben werden. Außerdem könnte Technik es ermöglichen, erneuerbare Energieträger wie Solar- oder Windenergie effizient zu nutzen und so das Problem des Erdölverbrauchs zu lösen.

Allzu sehr sollte man sich auf Technik aber nicht verlassen – das bemerkte schon der Club of Rome, der mit seiner Studie zu den Grenzen des Wachstums 1972 eine breite Umweltdiskussion anstieß.

Technik per se ist weder nachhaltig noch nicht nachhaltig. Worauf es ankommt, ist die gesellschaftliche Einbettung. Spielt der Umweltschutz eine gesellschaftliche Rolle, dann wird wie in den letzten Jahrzehnten in entsprechende (Umwelt-)Techniken investiert. Da damit noch lange kein Ende des Nachhaltigkeitsproblems in Sicht ist, muss das Ziel Nachhaltigkeit die Rolle eines Rahmenkonzepts für die Technikgestaltung einnehmen. Die bloße Abschätzung von Folgen technischer Innovationen genügt dabei nicht – der Innovationsprozess selbst müsste von der Vorstellung geleitet sein, zu einer nachhaltigen Entwicklung beizutragen. Das gilt auch für die Verwendung der Neu- Entwicklungen, denn bisher wurden ressourceneffizientere Technologien in der Regel durch erhöhten Konsum (über-)kompensiert (Rebound-Effekt). Seit der Einführung der Gasetagenheizung wird beispielsweise wesentlich mehr geheizt als zu Zeiten der Kohleheizung. Effizientere und umweltschonende Techniken allein führen also nicht automatisch zu einer Umweltentlastung.


Dieser Essay stammt mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus dem Buch:

© 2007 by Styria Verlag in der, Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG, Wien
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