unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
8

Was stellt die Technik mit unseren Nahrungsmitteln an?#

Hubert Weitensfelder

Seit frühester Zeit wird Technik genutzt, um Nahrung zuzubereiten: Mit Feuer werden Speisen erhitzt, Werkzeuge dienen zum Schneiden und Zerkleinern. Um in Zeiten zu überleben, in denen nicht genügend Pflanzen und Tiere zur Verfügung standen, entwickelten unsere Vorfahren Techniken zur Haltbarmachung, wie Trocknen, Räuchern, Salzen und Kühlen. Käse und Wein fungierten als frühe „Konserven“, da sie länger halten als Milch und unvergorener Traubensaft.

Seit dem 19. Jahrhundert wurde auch die Herstellung von Lebensmitteln industrialisiert: Den Anfang machten Maschinen, die das mühselige Kneten von Teig und das Rühren von Flüssigkeiten übernahmen. Die Entwicklung von Kältemaschinen und Massentransportmitteln ermöglichte die Versendung von Lebensmitteln über große Strecken, und Schlachthöfe mit Fließbandbetrieb versorgten mit rationellen Mitteln eine ständig wachsende Bevölkerung.

Heute lebt in den Industrieländern ein großer Teil der Menschen in Verhältnissen, die sich frühere Zeitgenossen als „Schlaraffenland“ erträumten: Tendenziell sind Lebensmittel überall verfügbar, und dies zu jeder Jahreszeit. Am Einkommen gemessen, geben wir heute deutlich weniger für Ernährung aus, die Palette des Gebotenen ist riesig, die Produkte sehen gut aus, sind appetitlich verpackt, nach Inhaltsstoffen gekennzeichnet, oft lange haltbar und je nach Wunsch mehr oder weniger hochwertig. Darüber hinaus legen Gesetzgeber strenge Qualitätsbestimmungen fest, und Behörden sowie Verbraucherschutzorganisationen kümmern sich um deren Einhaltung.

Für all das zahlen wir aber einen hohen Preis. Denn in den letzten Jahrzehnten hat unsere Nahrung einen tiefgreifenden Wandel erfahren, zum Teil verursacht durch unsere „unersättlichen“ Bedürfnisse wie auch durch den Einsatz moderner Technik. 300 Lebensmittel-Zusatzstoffe und die zehnfache Zahl von Aromastoffen lassen uns daran zweifeln, ob wir denn noch essen, was wir zu essen glauben.

Auf den Markt drängt „functional food“, eine Gruppe von Nahrungsmitteln mit Zusatzfunktion (wie etwa Powerdrinks); dies können Vitamine sein, aber auch Zusätze, die wie Arzneimittel wirken. „Design food“ wiederum wird nach einem Baukastenprinzip synthetisch hergestellt, wobei der Inhalt aus preiswerten Rohstoffen besteht, mit einer Reihe von Zutaten an Aromen, Geschmacksverstärkern oder Farbstoffen. Dazu zählen Fleischersatz auf Basis von Pilzeiweiß, preiswerte Nachahmungen teurer Meeresfrüchte und Knabberartikel. Nicht zu reden von der aufkeimenden Gentechnik an Pflanzen und Tieren, gesundheitsgefährdenden „Turboschweinen“ und dem Rinderwahnsinn. Allerdings: Technische Entwicklungen spiegeln in vielerlei Hinsicht die Bedürfnisse des Konsums wider; und man sollte die Bedeutung kritischer Verbraucher für die Entwicklung des Angebots nicht unterschätzen. Lebensmittel-Zusatzstoffe:

Farbstoffe, Aroma- und Geschmacksstoffe, Geschmacksverstärker, künstliche Süßstoffe, Konservierungsstoffe, Oberflächenbehandlungsmittel, Antioxidationsmittel, Emulgatoren…


Dieser Essay stammt mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus dem Buch:

© 2007 by Styria Verlag in der, Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG, Wien
© 2007 by Styria Verlag in der
Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG, Wien