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Wann wird die Technik des Menschen Arbeit übernehmen?#

Christian Stadelmann

Fast immer irrt, wer längerfristige Prognosen stellt. Wenn man sich damit hilft, vergangene – nunmehr also überprüfbare – Vorhersagen zu bemühen, und eine Analogie zur Gegenwart versucht, dann wird offenkundig, dass technische Innovationen stets von der Zusicherung begleitet sind, menschliche Arbeit zu übernehmen und über kurz oder lang überflüssig zu machen. Tatsächlich wird die menschliche Arbeit aber in kaum einem Bereich endgültig ersetzt. Sie wird häufig nur verlagert – qualitativ, organisatorisch und geographisch.

Ein Bereich, in dem es aus Sicht aller Betroffenen wünschenswert wäre, wenn die Arbeit endgültig von der Technik übernommen werden könnte, ist die Hausarbeit, weil sie nämlich nicht entlohnt wird. Das Versprechen, das die Technik dafür anbietet, heißt „intelligentes Haus“. Gemeint ist ein Haushalt, in dem mittels eines elektronischen Steuerungsnetzwerkes alltägliche Aufgaben der Bewohner sowie verschiedenste Sicherheitsfunktionen automatisiert werden.

Die zukünftigen Möglichkeiten sind in jeder Hinsicht offen, was durch so genannte lernende Software gewährleistet sein soll. Teillösungen wie selbstfahrende Staubsauger und Rasenmäher lassen Hoffnungen in die Zukunft als gerechtfertigt erscheinen. Dass diese Geräte sich nicht so recht durchsetzen, ist jedoch ein Hinweis darauf, dass sie (noch) nicht der Erwartung gemäß arbeiten. Der Rasenmäher hat mit unorthodoxen Gartenanlagen Probleme, und neben dem Roboter- Staubsauger benötigt man, weil er nicht in jeden staubigen Winkel findet, erst recht ein Zweitgerät.

Wenn man sich die Anwendung solcher Geräte nur im eigenen privaten Bereich vorstellt, kann man ansatzweise die Schwierigkeiten ermessen, die sich einer „intelligenten“ Nutzung in den Weg stellen. In einer gewachsenen Wohnumgebung ist diese Technik, sei sie auch noch so ausgereift, schwer umzusetzen. Das „intelligente Haus“ funktioniert eigentlich nur, wenn es mitsamt dem Umfeld von Grund auf neu gestaltet wird. Aber auch dann wird es schwierig sein, das wunschgemäß überaus komplexe System den sich laufend ändernden Alltagserfordernissen anzupassen. Der Aufwand dafür wird mit „lernender Software“ allein nicht zu erbringen sein.

Das soll nun nicht heißen, dass die Arbeit, so wie wir sie heute im Haushalt verrichten – vom Wäsche Waschen über das Kaffee Kochen bis hin zur Krankenpflege –, nicht innerhalb einer kalkulierbaren Frist von der Elektronik und Mechanik geleistet werden kann. Neben einem ganz konkreten und noch auf lange Sicht hinaus nicht von jedermann bezahlbaren Preis wird dafür aber trotz aller künstlicher Intelligenz auch ein größerer Energieeinsatz und eine ausgefeilte Logistik mit Wartungs- und Organisationsaufwand erforderlich sein, um die Systeme laufend an die sich ständig ändernden Anforderungen zu adaptieren. Diese Arbeit werden Menschen leisten müssen, die gewissermaßen die Tradition von Dienstboten fortsetzen, auch wenn ihr Selbstverständnis ein ganz anderes sein wird und sie nicht direkt in den Haushalt eingebunden sein werden.


Dieser Essay stammt mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus dem Buch:

© 2007 by Styria Verlag in der, Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG, Wien
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