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Roland Traunmüller#

Von Verwaltungsinformatik zu e-Government#

Von

Dipl.-Ing. Dr. Helmut Malleck

Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von OCG Journal

Roland Traunmüller

© OCG Journal

Wenn man von e-Government spricht, denkt man an Univ.-Prof. Dr. Roland Traunmüller. Er ist ein weltbekannter Wissenschaftler und multikultureller Netzwerker und auch in den Mythen von Philosophie und Religion stark verwurzelt. Dies führte zu einer Persönlichkeit, die mitgroßem Wohlwollen auf jeden zugeht. Oft verwendet er das Zitat „Allen bin ich alles geworden“, um die Grundhaltung der Systemanalyse zu verdeutlichen. Zugleich versucht er damit, sein persönliches Motto als Haltung weiterzugeben. In den Lebenswegen von Freunden und Schülern sowie in der Bedeutung der von ihm gegründeten „Communities“finden sich Zeugnisse von der Fruchtbarkeit solchen Denkens. Mit seiner Arbeit zur Angewandten Informatik in Wirtschaft und Verwaltung sowie in seiner Tätigkeit als Universitätsprofessor hat sich Traunmüller bleibende Verdienste erworben. Am internationalen Erfolg der e-Government-Entwicklung hat er wesentlichen Anteil und österreichische Lösungsansätze vertritt er nachhaltig bei internationalen Konferenzen. Bei Studierenden wie Kongressteilnehmern ist er geschätzt wegen seines lebhaften Vortragsstils. In nationalen und internationalen Fachverbänden hat Traunmüller wichtige Funktionen bekleidet: so bei der IFIP (Vice chair im TC8 – Information Systems) und als langjähriger Vizepräsident der OCG. Im Jahre 2006 wurde er mit dem Großen Silbernen Ehrenzeichen für die Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet.

Der gebürtige Linzer studierte Chemie und Physik an der Universität Wien und schloss 1969 mit seiner Dissertation aus Theoretischer Chemie „Zur Struktur und Reaktionsweise von Metallkomplexen“ ab. Während der Ausarbeitung seiner Doktorarbeit war Traunmüller am Max- Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr und beschäftigte sich mit Problemen der computerunterstützten Berechnung der Quantenmodelle chemischer Reaktionen. Wesentliche Teile flossen in ein gemeinsames Buch Heimbach/Traunmüller ein (Chemie der Metall-Olefinkomplexe im Verlag Chemie, Weinheim). Das Jahr1970 brachte die Rückkehr nach Österreich und den endgültigen Schritt zur Informatik. Traunmüller wurde Leiter der Abteilung für Administrative Datenverarbeitung an der Universität Linz. In seiner dortigen Position leitete er auch in OECD-Projekt zu Planungsinformationssystemen. Nach dreijähriger Tätigkeit in der Verwaltung wechselte er unter Mitnahme des OECD-Projektes an die Technische Fakultät der Universität Linz und habilitierte sich 1977.

Im Jahre 1983 wurde Traunmüller zum Universitätsprofessor für Angewandte Informatik an der Universität Linz ernannt. Dort war er ab 1985 lange Jahre Vorstand, zuerst am Institut für Informatik, in späteren Jahren am Institut für Informatik in Wirtschaft und Verwaltung. Die Lehre umfasste Informationssysteme, Betriebliche DV und Verwaltungsinformatik. So ist Traunmüller Autor von vier Büchern und mehr als 130 wissenschaftlichen Veröffentlichungen sowie Editor von 22 Büchern, zwei Journalen und einer Buchserie. Traunmüller erhielt auch Einladungen zu zahlreichen Gastprofessuren: Amsterdam, Bangkok, Bonn, Budapest, Graz, Heidelberg, Paris, Prag, Speyer, Turku und Zaragoza. In der IFIP (International Federation of Information Processing Societies) nimmt Traunmüller seit vielen Jahren mehrere Funktionen wahr. Er war Vice Chair der Sektion Information Systems(TC 8) und bekam 1996 den "IFIP Silver Core" zuerkannt. Bereits 1990 gründete er innerhalb der IFIP die Arbeitsgruppe„Informationsystems in Public Administration“. Bei IFIP-Weltkongressen hatte er Leitung und Gestaltung wichtiger Teilkonferenzen inne, so die Konferenzteile "Telecooperation" (1998) und "e-Business" (2002).

In der OCG war Traunmüller langjährig für internationale Beziehungen zuständig und von 1997 bis 2006 zum Ersten Vizepäsidenten gewählt. Er gründete 2001 das Forum e-Government der Österreichischen Computer Gesellschaft. Dies ist ein Forum zu Diskussion und Erfahrungsaustausch über e-Government und e-Democracy und hat sich als unabhängige Plattform einen Namen gemacht. Weiters gründeteTraunmüller die e-Gov Days, die Österreichischen e-Government Konferenzen als jährlich stattfindende Veranstaltung. In der Gesellschaft für Informatik (GI) ist Traunmüller im entsprechenden Deutschen Leitungsgremium (Fachbereich Informatik in Recht und Verwaltung) vertreten.

Nun zu den einzelnen Schritten der wissenschaftliche Laufbahn. Die Arbeiten in der Chemie, der Schritt in die Administrative Datenverarbeitung, das OECD-Projekt zum Planungsinformationssystem (Hochschulplanung) wurden bereits beschrieben. Das Jahr 1980 brachte eine Zäsur mit einem Gastjahr am IBM Science Center Heidelberg. Noch heute sieht Traunmüller dieses Jahr als Höhepunkt. Es blieb aber nicht nur bei Emotionen – Früchte der Heidelberger Zeit waren Veröffentlichungen zur Verwaltungsinformatik sowie „A Database Language for Sets, Lists and Tables“ (gemeinsam mit Pistor in Information Systems, 11,4).

Die darauf folgenden Jahre waren zum Teil eine Übergangsperiode, in der Traunmüller mit breit gestreuten wissenschaftlichenBeiträgen, zumeist als Alleinautor, hervortrat. Der Fächer der behandelten Themen reicht weit: formale Methoden zur Modellierung rechtlicher Vorschriften, Datenanalyse und semantische Probleme in Datenbanken, der Entwurf von Informationssystemen und die Entwicklung von Expertensystemen. Weiters finden sich Arbeiten zu Informatik und Psychologie, zur Didaktik der Systemanalyse und zur Bildungsinformatik.

Die 80er Jahre brachten als einen besonderen Schwerpunkt Informatikanwendungen im Recht. Zur Formalisierung im Recht und zu juristischen Expertensystemen gab es gemeinsame Veröffentlichungen und Tagungsbände mit Herbert Fiedler, Gründer der Rechtsinformatik in Deutschland. Traunmüllers Mitarbeiter Quirchmayr habilitierte sich mit dem Thema "Entscheidungsunterstützung im Recht".

Quirchmayr ging später nach Wien und leitet heute an der Universität Wien das Institut "Distributed and Multimedia Systems".

Mit steigendem Interesse an der Thematik Mensch und Computer rückte ab 1990 Computer Supported Collaborative Work (CSCW) in den Mittelpunkt. Die internationale Kooperation brachte vielfache Veröffentlichungen. Frühe Konzepte für Kanzlei-Informationssysteme und das internationale Büro der Zukunft wurden ebenso dargestellt wie die Anforderungen an Büroautomation. Manche dieser Arbeiten wurden gemeinsam von Traunmüller und Thomas Gross durchgeführt. Alle drei, Quirchmayr, Gross und Wimmer, sind Traunmüllers Schüler. Sie haben sich in Linz habilitiert und sind jeweils kurze Zeit später selbst Professoren geworden. Auf diese reiche wissenschaftliche Ernte ist Traunmüller besonders stolz.

Die 90er Jahre hatten neben CSCW einen zweiten Schwerpunkt: Informationssysteme in den öffentlichen Verwaltungen. Damals begann auch die Zusammenarbeit von Roland Traunmüller mit Klaus Lenk von der Universität Oldenburg. Wegweisend auf dem Gebiet wurde das Buch "Lenk/Traunmüller: Öffentliche Verwaltung und Informationstechnik". Darin wurde für den deutschen Sprachraum e-Government vorgestellt; den Namen e-Government selbst verwendete Traunmüller erstmals beim IFIP-Weltkongress 1998 (Wien/Budapest) als Bezeichnung des von ihm organisierten Tagungsteiles. Die Internationalisierung der Disziplin Verwaltungsinformatik zu Governmental Informatics war bereits ab 1990 von Traunmüller vorangetrieben worden. Eine von ihm gegründete Arbeitsgruppe innerhalb der IFIP ist zum Nukleus der intenationalen e-Government Community geworden, die inzwischen eine beachtliche Größe erreicht hat.

Die Jahrhundertwende brachte eine volle Internationalisierung, breite öffentliche Resonanz und im Linzer Team das Traumduo: Maria Wimmer als Assistentin am Institut erwies sich als kongeniale wissenschaftliche Partnerin. Die Liste der wissenschaftlichen Zusammenarbeit enthält zahlreiche Veröffentlichungen, Projekte und die Gründung internationaler Aktivitäten. Die Themen sind vielfältig: One-Stop-Verwaltung auf Basis der Life-Event-Metapher; Knowledge Management bei e-Government; Entwurf von e-Government-Systemen; ganzheitliche Entwicklungskonzepte für öffentliche Onlinedienste. Es liegt im Wesen einer so fruchtbaren Kooperation, dass der jüngere Partner selbst bald Professor wird. So war es auchhier, kurz nach der Habilitation in Linz wurde Frau Wimmer nach Deutschland berufen. Heute ist sie Professorin für Verwaltungsinformatik an die Universität Koblenz. Die gute Zusammenarbeit wird weitergeführt – insbesondere auf internationaler Ebene, so in Tagungen oder im EU-Projekt „Roadmap eGovernment 2020“.

Nach dem Abgang von Frau Dr. Wimmer wurde Gerti Orthofer Assistentin, und neue Themen kamen auf. So wurden zu Wissenstransfer und e-Taxation einschlägige Bücher am Institutherausgegeben. Wissenstransfer von e-Government ist nunmehr das Hauptanliegen für Professor Traunmüller geworden. Auch nach seiner Emeritierung verfolgt er dies mit vollem Schwung weiter.

Beispiele sind die von ihm begründete jährliche EGOV-Konferenz innerhalb DEXA. Sie vereint die Europäische wissenschaftliche Gemeinschaft e-Government, die inzwischen auf über zweihundert Forscher angewachsen ist. Die Stationen der jährlichen Tagungen sind Aix, Prag, Zaragoza, Kopenhagen, Krakau, Regensburg und Turin. Besondere Bedeutung für Osteuropa haben die jährlichen Eastern Europe e-Gov Days, welche von der OCG mit Partnern in Budapest und Prag durchgeführt werden. Dazu kommen Workshops in Schwellenländern mit Schiras, Damaskus und Gabarone als Beispiele.

Nun, das ist viel für einen Emeritus; diesen Schwung wünscht die OCG für noch viele Jahre.

Pioniere der Informatik, OCG-Journal, Ausgabe 2/2008