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Günther Vinek #

zur Emeritierung - Ein Portrait#

Von

Dipl.-Ing. Dr. Helmut Malleck

Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von OCG Journal

Günther Vinek
© OCG Journal

Die Arbeiten zu seiner Dissertation führten Herrn Univ.-Prof. Dr. Günther Vinek, einem an der Universität Wien sub auspiciis praesidentis promovierten Chemiker, zu elektronischen Rechenanlagen, in der Folge zur Statistik und schließlich zur angewandten Informatik. Angewandte Informatik – als universitäres Fach breit zwischen fundierten theoretischen Kenntnissen und vielfältigsten praktischen Herausforderungen aufgestellt – ist Günther Vinek wie auf den Leib geschnitten. Denn der renommierte Wissenschaftler sucht immer den Kontakt zur Anwendung, ist stets bereit, große Herausforderungen anzunehmen, fachlich wie zwischenmenschlich. Er hat wesentlichen Anteil daran, dass Wirtschaftsinformatik an seiner Alma Mater etabliert wurde. Günther Vinek war von 2000 bis 2007 Vizerektor für Informationsmanagement und Organisation der Universität Wien.

Als Assistent am Institut für Physikalische Chemie schöpfte Günther Vinek seine Erkenntnisse nicht im Labor, sondern aus theoretischen Berechnungen, womit er Neuland bei Chemie-Doktorarbeiten betrat. Die Eigenschaften von Festkörpern, die zusammenhaltendeGitterenergie komplexer Ionen, konnte er auf diese Weise ermitteln und kam so mit einem der ersten Computer in Kontakt. Ein mit 4000 Röhren bestückter Rechner, der am Institut für Statistik der Universität Wien stand und dessen Organisation ihm schon bald überantwortet wurde. Auch das für ihn neue, statistisch orientierte Institutsumfeld zog den jungen Wissenschaftler ganz in seinen Bann. Er habilitierte sich 1970 für das Gebiet Statistik und Angewandte Informatik und auf Grund seiner in dreijähriger Assistentenzeit erworbenen Fähigkeiten holte man den ambitionierten Dozenten von 1970 bis 1973 an das bei Herrn Universitätsprofessor Dr. Fellinger mit ORF-Spenden für "Kampf dem Krebs" von IBM neu eingerichtete Medizinische Rechenzentrum. Mit damals neuartigen Problemlösungen für den Laborbetrieb, etwa dem sicheren Kennzeichnen von Laborproben und deren Zuordnung zu Patienten, wurde von der Gruppe um Günther Vinek Richtungweisendes geschaffen. Dazu kam, als Tagesgeschäft, Organisatorisches zur Dokumentation von Krankengeschichten.

Bereits mit 34 Jahren zum Ordentlichen Universitätsprofessor ernannt, folgte eine beispielhafte universitäre Karriere. 1973 nach Linz an die Johannes Kepler Universität als Ordinarius für Operations Research und Angewandte Informatik berufen, erhielt Günther Vinek 1976 einen Lehrstuhl an der Universität Wien, am geschichtsträchtigen, bereits 1774 durch ein Hofdekret von Kaiserin Maria Theresia installierten Institut für Statistik. Seit 1976 lehrt Günther Vinek am nunmehrigen Institut für Knowledge and Business Engineering an der Fakultät für Informatik der Universität Wien, wo er über lange Zeit die Abteilung Data Engineering leitete. In seinen Forschungsprojekten und Publikationen zu Entwurf und Realisierung von Informationssystemen, zur Konzeptionellen Modellierung, zu Datenbanksystemen, Softwareentwicklung und Objekttechnologie ist praktische Umsetzung stets ein wesentlicher Faktor. Höchst erfolgreiche, langjährige und umfangreiche Konsulenten- und außeruniversitäre Vortragstätigkeiten waren für sein wissenschaftliches Werk stets sehr befruchtend.

Das 1990 bereits zum vierten Mal aufgelegte Standardwerk "Datenmodellierung: Theorie und Praxis des Datenbankentwurfes" wurde von Günther Vinek, Paul Frederick Rennert und A Min Tjoa 1982 verfasst und ist für Studierende Pflichtlektüre zum Thema Datenmodellierung geworden. Wie bei Vinek zu erwarten, ist manches darin sehr mathematisch und auf Informatiker zugeschnitten. Darüber hinaus behandelte der renommierte Wissenschafter das Gebiet des Entwurfs und des Einsatzes von Datenbanken in vielen Publikationen in referierten Zeitschriften, in Konferenz-Sammelbänden und Forschungsberichten. 1997 ist von ihm das Buch "Objektorientierte Softwareentwicklung mit Smalltalk" erschienen. Der Verfasser gibt darin einen Überblick über objektorientierte Strukturen und Mechanismen und deren Realisierung durch Anwendung von Smalltalk. Die Umsetzung konzeptueller Objektmodelle in operable Programme, deren inkrementelle Entwicklung und gegenseitige Beeinflussungen werden anhand konkreter Beispiele gezeigt. Smalltalk wird als Sprache, als Entwicklungssystem und als Repositorium wiederverwendbarer und erweiterbarer Konstruktionselemente für Anwendungssoftware vorgestellt.

Günther Vinek machte sich auch als Konsulent für Wirtschaft und öffentliche Verwaltung, bei Entwurf und Realisierung von Informationssystemen, bei Experten systemen und bei Datenanalysen, also auf den Gebieten Statistik und Informatik, während der Jahre 1968 bis 1999 einen Namen. Von 1968 bis 1973 war er Konsulent für Datenverarbeitung und von 1969 bis 1993 wissenschaftlicher Konsulent des Zuckerforschungsinstituts.Besondere Bedeutung erlangten die im Auftrag des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft erarbeiteten Werkzeuge zum Aufbau und zur Auswertung von Datenbanken für das landwirtschaftliche Versuchswesen, wo Getreidesorten, Düngung und Pflanzenschutz in Kombination mit Bodenbeschaffenheit und klimatischen Bezirken erfasst wurden.

Auf heftigen Widerspruch stößt man bei Günther Vinek mit der Feststellung, dass er namhafte Persönlichkeiten geprägt hat. Jeder ist das Produkt einer Arbeitsgruppe und nicht Schüler einer Person, sagt erbescheiden. Doch die Liste der von seiner Denk- und Arbeitsweise geprägten Kollegenist bemerkenswert: Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. A Min Tjoa, nunmehriger Leiter des Institutsfür Softwaretechnik und Interaktive Systeme an der TU Wien, und Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. Christian Breiteneder, der seit 2000 als Universitätsprofessor für Interaktive Systeme an der TU Wien lehrt, waren bereits bei ihm an der Johannes Kepler Universität Linz – später auch in Wien – mit im Team. Ebenso begann Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. Martin Hintz die akademische Laufbahn am seinerzeitigen Institut für Statistik und Informatik der Universität Wien in einer von Vineks Arbeitsgruppen. Auch der nunmehr bei der Sozialversicherung tätige Univ.-Prof. Dr. Thomas Mück war in dessem Team. Eng arbeitete Günther Vinek auch zusammen mit Frau Univ.-Prof. Dr. Renate Motschnig-Pitrik, nunmehrige Leiterin des Research Lab for Educational Technologies an der Universität Wien, mit Frau Univ.-Prof. Mag. Dipl.-Ing. Dr. Gertrude Kappel vom Institut für Softwaretechnik und Interaktive Systeme an der TU Wien, mit Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. Erich Schikuta, Vizedekan der Fakultät für Informatik, und Ass.-Prof. Dr. Martin Polaschek, beide am Institut für Knowledge and Business Engineering der Universität Wien, mit Univ.-Prof. Dr. Roland R. Wagner vom Forschungsinstitut für Anwendungsorientierte Wissensverarbeitung der Johannes Kepler Universität Linz sowie mit Dipl.-Ing. Paul Frederick Rennert, der nunmehr bei Statistik Austria eine wesentliche Funktion inne hat.

Günther Vinek hat bereits in der Gründerzeit der EDV - von 1968 bis 1973 - als Vorstand von Rechenzentren an der Universität Wien hervorragende Aufbauarbeit geleistet, Führungsqualitäten und Durchsetzungskraft bewiesen. Dies war auch in der stürmischen Weitentwicklungsphase der EDV von 1989 bis 1991 gefragt, als man ihn zu einem der Vorstände des Interuniversitären EDV-Zentrums, des Universitätsrechnerverbundes Wien, machte. Mit Einführung des UOG ’93 wurden Informationsmanagement und Organisation zu zentralen universitären Aufgaben. Wieder war seine Installierung – diesmal als dafür verantwortlicher Vizerektor – logische Konsequenz und geradezu eine Selbstverständlichkeit. Im Zuge der Restrukturierung der Universität Wien und der Serviceorientierung der Verwaltung sind Gestaltung und Dokumentation der Geschäftsprozesse nunmehr voll in Gang gekommen, ebenso deren IT-Unterstützung und Evaluierung. Von Günter Vineks großem praktischen Engagement für die Universitätsverwaltung zeugen auch die vielen von ihm betreuten Diplomarbeiten, etwa zur Studienplan- und Lehrveranstaltungsverwaltung,zum elektronischen Organisationshandbuch, zur Abwicklung des Zahlungsverkehrs zwischen Quästur und Instituten, zum Online-Anmeldesystem für Lehrveranstaltungen.

Informationstechnologie ist längst alltägliches Werkzeug der Universitätsverwaltung, Günther Vinek war dabei von Anbeginn federführend. 1998, als Senatsbeauftragter für die Koordination des EDV-Einsatzes in der Universitätsverwaltung berufen, konnte durch sein Verhandlungsgeschick bei allen Verantwortlichen „grünes Licht“ für die Umsetzung des heutigen Universitätsinformationssystems UNIVIS erreicht werden. Das Erstellen von Wissensbilanzen ist eine durch das Gesetz gegebene Berichtspflicht der Universitäten, die für die Universität Wien im Rahmen des UNIVIS-Projektes durch den Aufbau eines Datawarehouse ermöglicht wurde.

Getrieben durch seine starke Motivationskraft lagen sehr bald alle Dateninhalte vollständig vor, und die Universität Wien konnte termingerecht ihre Wissensbilanzen bereitstellen. Das Wissenschaftsnetz Austrian Academic Computer Network (ACOnet) bietet ideale Forschungsbedingungen für Wissenschafterinnen und Wissenschafter in Österreich durch grenzüberschreitenden Zugang zu weltweiten Wissenschaftsnetzen, etwa für den Massendatentransferzu CERN nach Genf und zum Internet. Günther Vinek hat ACOnet stets sehr unterstützt, als es 1990 in Betrieb ging und bis jetzt, wenn es durch Zusammenarbeit mit Telekom Austria AG eine zuverlässige Basis für zukünftigen intensivierten Datenaustausch zwischen wissenschaftlichen Institutionen wird.

In den Lehrveranstaltungen an der Universität Wien zur Datenmodellierung vermittelte Günther Vinek Grundlegendes zu Funktionsweisen von Datenbanksystemen und zur Datenmodellierung, lehrte konzeptuelle Datenmodelle zu lesen und zu interpretieren, kleinere Datenbanken zu entwerfen und formale Entwurfsverfahren anzuwenden. Diese und auch andere Lehrveranstaltungen, etwa zu Objekttechnologie, werden bedauerlicher Weise von ihm seit einem Jahr nicht mehr abgehalten, da sich seine Rektoratstätigkeit zu einem Fulltime-Job entwickelte.

Anlässlich seiner Emeritierung wollen wir ein wenig innehalten und Günther Vinek dafür danken, dass uns durch sein Vordenken Prinzipielles zur Modellbildung von Abläufen und systematischer Umgang mit großen Datenmengen in allen Bereichen der Wirtschaft zu beherrschbaren Königsdisziplinen wurden. Die OCG wünscht dem Emeritus in aufrichtiger Verbundenheit auch für die Zukunft das Allerbeste, weiterhin viel Freude an Informationsmanagement und Organisation.

Pioniere der Informatik, OCG-Journal, Ausgabe 4/2007