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Was sind „Weiße Elefanten“?#

Hubert Weitensfelder

Die Entwicklung der Technik im 19. und 20. Jahrhundert führte zu Großvorhaben, die neue Dimensionen annahmen. Solche Megaprojekte betrafen zum Beispiel die Errichtung von Wolkenkratzern, den Bau von auf dem Reißbrett geplanten Städten, ferner Kanäle und Deiche, Straßen- und Bahnverbindungen, Brücken und Tunnels, Staudämme und Elektrizitätswerke sowie die Umleitung von Flüssen und die Schaffung künstlicher Meere. Viele solcher Pläne wurden über Jahrzehnte hartnäckig verfolgt; jene, die scheiterten oder schließlich ein klägliches Ende nahmen, wurden im Nachhinein als „Weiße Elefanten“ bezeichnet.

Eines der ehrgeizigsten Großprojekte plante seit 1927 der Münchner Architekt Herman Sörgel (1885–1952). In seiner „Atlantropa“- Phantasie beabsichtigte er die künstliche Verkleinerung des Mittelmeers. Zu diesem Zweck sollten bei Gibraltar und bei Gallipoli am Schwarzen Meer riesige Dämme gebaut werden. Davon versprach sich Sörgel ein großes Energiepotenzial durch Wasserkraft sowie Landgewinne am Mittelmeer, dessen Wasserspiegel um 100 bis 200 Meter abgesenkt werden sollte. Millionen Arbeitslose könnten, so Sörgel, bei den Bauten Beschäftigung finden, das Mittelmeer würde zu einer Brücke zwischen Europa und Afrika und, als Gegengewicht zu Amerika und Asien, einen neuen Großraum bilden. In Afrika selbst sollten durch die Abriegelung von Flüssen Binnenmeere im Tschad- und Kongobecken entstehen, die dort unter anderem ein für Europäer günstigeres Klima schaffen würden. Bis zu seinem Tod bei einem Autounfall 1952 hielt Sörgel an seinen Plänen fest.

Ein anderes Projekt sollte unter den Bedingungen eines totalitären Staates realisiert werden. 1950 beschloss der Ministerrat der UdSSR den „Großen Stalin’schen Plan zur Umgestaltung der Natur“. In dessen Rahmen regte der Wasserbauingenieur Mitrofan Michailowitsch Dawydow an, die ostsibirischen Ströme Irtysch, Ob und Jenissei, die „nutzlos“ ins Eismeer flossen, aufzustauen und nach Süden umzuleiten. Durch die Turgaisenke im Südosten des Urals sollte das überschüssige Wasser schließlich in den Aralsee und das Kaspische Meer münden. Ferner sollten ein „Sibirisches Meer“ mit ca. 250.000 km² Fläche sowie Wasserstraßen und Kanälen mit Tausenden Kilometern Länge entstehen. Dawydow versprach die Bewässerung großer Wüsten und Steppen, enorme Energiegewinne durch Kraftwerke, eine Milderung des kontinentalen Klimas in Sibirien und im kaspischen Raum sowie eine Steigerung der Ernten. Die notwendigen Erdbewegungen sollten unter anderem mit atomaren Sprengsätzen bewerkstelligt werden. Diese Pläne wurden erst 1986 offiziell aufgegeben.

Einige Großprojekte, die schließlich realisiert wurden, richteten große Schäden an; so überschwemmte der Assuan-Stausee in Ägypten viele Dörfer und trug wesentlich zur Versalzung des Nilbetts bei. Die ambitionierten Pläne regten aber auch die Phantasie an und trugen dazu bei, die Möglichkeiten großtechnischer Anlagen realistischer einzuschätzen und sich über ihre Folgen mehr Gedanken zu machen.


Dieser Essay stammt mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus dem Buch:

© 2007 by Styria Verlag in der, Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG, Wien
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