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Ohrwascheln als Schallfänger#

Von August bis November 1883 zog die „Wiener Internationale Elektrische Ausstellung“ Fachleute wie Laien in ihren Bann.#


Von der Zeitschrift Wiener Zeitung, freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Günther Luxbacher


Bild 'Wiener_Internationale_Elektrische_Ausstellung1'
Im November 1883 schrieb die „Neue Freie Presse“ zum Abschluss der Wiener Internationalen Elektrischen Ausstellung: „Wir scheiden . . . nicht mit einem Lebewohl, sondern mit der Zuversicht des baldigen Wiedersehens, denn all diesen Lampen und Lichtern . . . werden wir hoffentlich bald wieder begegnen, wenn die Elektricität ihren Einzug in alle Kreise des praktischen Lebens halten und dieselben mit ihrem Lichte, ihren Kräften und Tönen erfüllen und beherrschen wird.“

Neuer Ausstellungstyp#

Diese so zukunftsreich beschriebene Veranstaltung rückte vor 125 Jahren Wien in den Mittelpunkt des technischen und wirtschaftlichen Geschehens in Europa. Die Wiener Weltausstellung von 1873 war trotz mancher Missgeschicke aufgrund ihrer langfristig genutzten Erneuerungs-chancen noch in guter Erinnerung. Auf ähnliche Weise gelang es ein Jahrzehnt später, das Instrument der elektrotechnischen Ausstellung dafür zu nutzen, zwei weitere Modernisierungsschübe auszulösen: die Gründung des Österreichischen Vereins für Elektrotechnik (ÖVE) und die der Lehrkanzel für Elektrotechnik an der Technischen Hochschule Wien. Natürlich war die Ausstellung ein veritables Medienereignis, dem sich vor allem die bürgerliche „Neue Freie Presse“ ausführlich widmete. Und sie spielte dabei keineswegs die Handlangerrolle für Geschäftsinteressen, sondern begleitete die Veranstaltung mit äußerst kritischem Blick und teilweise erstaunlich frech-fröhlichen Kommentaren. Elektrische Geräte und Apparate waren von Anfang an (1851) Bestandteil der Weltausstellungen, doch erst in den 1880er Jahren gab es Ausstellungen, die sich ausschließlich diesem Thema widmeten. Den Anfang machte Paris 1881, gefolgt von München 1882, Wien 1883, Turin 1884, und im selben Jahr einer ersten elektrotechnischen Ausstellung in Philadelphia. Das Zeitalter der Konkurrenz in der Elektrotechnik war angebrochen. Und Konkurrenz gab es sowohl auf der Ebene der Firmen als auch auf jener der technischen Systeme Gas und Strom. Nach kurzer Pause belebte sich Anfang der 1890er Jahre die elektrotechnische Ausstellungstätigkeit erneut: Mit der Internationalen elektrotechnischen Ausstellung in Frankfurt/Main 1891 begann nämlich die Epoche des Wechselstroms. Es war übrigens der französische Post- und Telegraphenminister, welcher seine Regierung anregte, eine Ausstellung ausschließlich mit elektrotechnischen Produkten in Paris zu veranstalten. Der Erfolg war phänomenal. Die Beleuchtung durch Bogen- und Glühlampen erschien dem französischen Publikum „überwältigend“. Es wurde eine Lichtfülle verbreitet, „wie sie bis dahin noch nie ein menschliches Auge erblickt hatte“. Tausende standen Schlange vor Edisons Lichtschalter, um einmal eine Glühlampe ein- und auszuknipsen. Es war der Ingenieur Oskar von Miller, der 1882 vorschlug, eine elektrotechnische Ausstellung im Münchener Glaspalast abzuhalten. Ähnliches führte zur selben Zeit auch ein österreichisches Komitee unter dem Protektorat des technikinteressierten Kronprinzen Rudolf im Schilde, das eine elektrische Ausstellung in Wien initiieren wollte. Die Forschung muss noch klären, wieso damals München den Vortritt erhielt. Vermutlich lag es einerseits an den großen Firmen Siemens & Halske und der eben gegründeten AEG, andererseits an dem innovativeren Programm der Münchner. Es gab nämlich eine Gleichstromübertragung über die damals sensationell lange Strecke von Miesbach nach München (57 km), wo mit dem kleinen Rest an Energie, der dort ankam, ein Springbrunnen betrieben und beleuchtet wurde. In Berlin hatte übrigens bereits 1879 Werner Siemens und sein in Berlin beheimatetes Unternehmen die Berliner Gewerbeausstellung dazu genutzt, um auf die enormen Möglichkeiten der Elektrotechnik aufmerksam zu machen, und dabei u.a. eine 300 Meter lange elektrische Rundbahn vorgestellt. In Wien hatte hatte das Unternehmen Bela Egger 1880 anlässlich der Niederösterreichischen Gewerbeausstellung ebenfalls eine elektrische Bahn um die Rotunde gebaut, die jedoch 1883 schon wieder abgebaut worden war. Somit war das für die Weltausstellung 1873 errichtet Gebäude, welches die Wiener elektrische Ausstellung beherbergte, nur per Kutsche oder zu Fuß erreichbar.

Ästhetisierte Elektrizität#

Grob vereinfachend kann man sagen, dass in Paris die Beleuchtung im Zentrum stand, in München die Kraftübertragung und in Wien die Speicherung von Elektrizität. Eines der aufsehenerregendsten Ereignisse war die Befahrung der Donau mit einem von Akkumulatoren betriebenen Motorboot. Die Wiener Ausstellung umfasste achtzehn Themen-Gruppen, von dynamo-elektrischen Maschinen bis zu „Elektrizität im Kriegswesen“. Die fachlich interessanteste Innovation, die auf der „Maschinen-Galerie“ in der Rotunde geboten wurde, waren rasch laufende Dampfmaschinen, die bereits auf den Betrieb von Dynamos hin konstruiert worden waren. Die Beleuchtungstechnik war natürlich das zentrale Erlebnis für die Öffentlichkeit, ebenso die Telephone. Bogenlampen waren ja seit langem bekannt. Allerdings stand einer elektrischen Außenbeleuchtung der Umstand im Wege, dass die meisten Städte in Europa langfristige Verträge mit Gasgesellschaften eingegangen waren oder selbst an solchen beteiligt waren und daran in aller Regel gut verdienten. Beleuchtungstechnische Szenarien und Kunstlicht-Stimmungen waren jedenfalls ein Lieblingsthema der „Neuen Freien Presse“, die drei Monate lang tagtäglich über die Wiener Ausstellung berichtete und voll war mit ästhetisch empfindsamen Schilderungen von Probebeleuchtungen orientalischer Interieurs, Reflektionen auf Seidenstoffen, usw. Sogar die deutschen Elektrotechnik-Kollegen lobten die beleuchtungstechnische Anordnung in der Rotunde als „recht geschickt“, sie verliehen „dem Ganzen den Charakter des Definitiven“. Eine weitere Sensation für die Wiener war die Telephon-Vorführung in eigenen Zellen. Verstärkt wurde die Wirkung dadurch, dass man dort nicht nur Telefonieren konnte, sondern auch der Übertragung von Opernaufführungen und Konzerten lauschen. Die Beschreibung des Ausstellungsbereichs der Telephonzellen (geschrieben „Von einem Laien“), welche die „Neue Freie Presse“ veröffentlichte, war vermutlich von Daniel Spitzer inspiriert. Der Berichterstatter sieht verdutzt eine Horde Menschen an sich vorbeistürmen, hin zu den Telephonzellen. Verwundert fragt er sich: „Wozu diese elektrische Rapidität, wenn uns die Ausstellung selbst mit einem so fröhlichen Beispiele von Langsamkeit vorangeht, daß man sich wirklich nicht zu fürchten braucht, in derselben von dem jetzt so of citirten ,Culturfortschritte’ überholt zu werden?“ Und seinen Eindruck von den Telephonierenden beschreibt er so: „Der innere Mensch concentrirt sich in seinem Gehörgange und wird für die Außenwelt theilnahmslos wie ein Fakir. Man glaubt fast zu bemerken, wie die Ohrmuscheln sich krampfhaft zu krümmen suchen . . . Vielleicht erwirbt von nun an das Menschengeschlecht beim häufigen Gebrauche des Telephons auf dem Wege der ,Anpassung’ wieder die Fähigkeit, die ,Ohrwascheln’ als Schallfänger selbsthätig bewegen zu können . . . Die Gesellschaft scheint aus Mitgliedern einer neuen Secte zu bestehen, die hier im geheimen und Dunklen ihren mystischen Gottesdienst halten und auf ,Offenbarung’ harren. Es ist offenbar die Secte der ,Horcher’“. Endlich probiert der Berichterstatter es selbst aus: „Da – auf einmal – ein leichter Knall – aha, der elektrische Strom, und – ein sanft zirpendes Stimmchen wird in reizenden Passagen und Rouladen wie aus weiter Ferne vernehmbar . . . Das Ohr muß sich an das Telephon erst gewöhnen – leider hat es nur zehn Minuten Zeit dazu, kaum soviel, wie der Magen zu einem Frühstück auf einer Eisenbahn-Station. Auch knistert neben der Musik etwas Fremdartiges ins Ohr – das muß wol so sein beim Telephon, das sind die ,Induktionsströme’, die man gratis mitbekommt.“ Trotzdem befürchtet er: „die Begeisterung für das Telephon steckt an wie ein Fieber, und nicht lange wird es dauern, so wird es Leute geben, die versichern werden, die Musik klinge durch’s Telephon noch viel schöner als unmittelbar durch’s Ohr.“ Als nach fünftägiger Laufzeit der Kaiser die Ausstellung besuchte, funktionierten indes einzelne Einrichtungen noch immer nicht. So gab es Probleme mit dem beleuchteten Springbrunnen. Dem Berichterstatter der „Neuen Freien Presse“ saß der Schalk im Nacken: „Recht effectvoll nahm sich heute der Sockel der Cascade aus, an dem zum ersten Male die Jablochkoff’schen Kerzen in etwas röthlichem Lichte strahlten, ohne aber ihren eigentlichen Zweck erfüllen zu können, da der Cascade leider noch immer das Wasser fehlt . . . Als der Kaiser in der Rotunde erschien, wurden einige krampfhafte Versuche gemacht, die Fontaine spielen zu lassen; es mußte aber bald aufgegeben werden, da der Platz um den Springbrunnen durch die herabfallenden Strahlen unter Wasser gesetzt wurde.“

Pompöses Expo-Finale#

Bald nach ihrer Eröffnung im August 1883 erhielt die Ausstellung immer volkstümlicheren Charakter. Am 7. September etwa kamen 800 Arbeiter geschlossen aus der Brünner Maschinenfabrik in die Rotunde. Der Alltag in der Ausstellung wurde in der Presse etwa folgendermaßen beschrieben: „Viele der Besucher scheinen mit der Absicht eines möglichst langen Aufenthaltes in der Ausstellung gekommen zu sein, indem namentlich die Frauen große Taschen mit Proviant mitgebracht haben.“ Trotz mancher in den Zeitungen genüsslich ausgewalzten Pleiten und Pannen wurde die Schau als großer Erfolg gefeiert. Ihre Laufzeit wurde sogar um einen Monat (bis November) verlängert. Am 4. November erschien das Kronprinzenpaar zu seinem „Abschiedsbesuch“. Am letzten Ausstellungstag, dem 5. November, liefen einige Unternehmen noch einmal zu Höchstform auf. Alle Glocken und Apparate schrillten gleichzeitig, die Musik wurde über Lautsprecher in die Halle übertragen und bei der Wiener Firma Krizik formten die Arbeiter eine Reihe von Glühlampen zu dem in die Zukunft leuchtenden Wort „Hoch“.

Günther Luxbacher, geboren 1962, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wissenschafts- und Technikgeschichte der TU Berlin.

Wiener Zeitung, Samstag, 22. November 2008