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Ein erfolgreiches Leichtgewicht#

Vor 100 Jahren erfand der deutsche Konstrukteur Oskar Barnack die handliche "Leica", die Jahrzehnte lang die beliebteste Kleinbildkamera bleiben sollte, bis sie von der japanischen Konkurrenz überrundet wurde.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 17./18. August 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Bernhard Widder


Leica M2 und M6
Links eine Leica M2, wie sie ab 1958 im Handel war, rechts eine M6 (ab 1984).
Foto: © Widder

Zu meinen frühen Kindheitserinnerungen aus den späten 1950er Jahren zählt die Wahrnehmung der Fotografie. Mein Vater, Erich Widder (1925-2000), war Kunsthistoriker und Fotograf, er arbeitete als Denkmalpfleger für die Diözese Linz. Als Kamera-Ausrüstung verwendete er über Jahrzehnte die "Leica M3", ein legendäres Kleinbildformat-Modell, das die deutsche Firma "Ernst Leitz Wetzlar" im Jahr 1954 höchst erfolgreich auf den Markt gebracht hatte. Mit der Serie "M" begann für die Firma Leitz in der Nachkriegszeit und dem späteren "Wirtschaftswunder" eine internationale Erfolgsgeschichte, die jedoch nur die Fortsetzung der ersten Kleinbild-Leicas (I-III) ab 1925 bildete. Die Serie "M" besteht wie die früheren Leica-Modelle aus "Sucher-Kameras": Der Fotograf sieht durch einen "Messsucher", stellt über ein "Schnittbild" die Entfernung ein. Er sieht nicht durch das Objektiv, wie bei der "Spiegelreflex-Kamera".

Frühe Faszination#

Als Kind war mir die Leica M3 vertraut, aber ich fotografierte noch nicht. Mein Vater erklärte mir manchmal die mechanischen Geheimnisse, den Sinn von Wechselobjektiven mit unterschiedlichen Brennweiten. Dass ich das mit sechs oder sieben Jahren schon alles begriffen habe, bezweifle ich. Mich faszinierten andere Aspekte sinnlicher Art: da ist vor allem der eigentümliche Geruch in Erinnerung, den ein M3-Gehäuse vermittelte: eine Mischung aus Metallischem, bestimmten Ölen (mit denen die mechanischen Elemente versehen waren), und der dunklen, bewusst groben Oberfläche des Gehäuses, die aus Leder oder einem harten Material gefertigt war. Einen verwandten, aber doch wieder anderen Geruch hatten die elektrischen Märklin-Lokomotiven, der intensiver war, wenn diese Gehäuse aus Metall waren, der aber vor allem von den feinen Ölen stammte.

Dann sind die haptischen Qualitäten, die erfahrbar sind, wenn man die relativ schweren Kameras in die Hand nimmt und die beweglichen Teile ausprobiert. Etwa der Filmtransporthebel, der Selbstauslöser mit seinem Stahlfeder-Geräusch, der das Auslösen des Verschlusses um zehn Sekunden verzögerte. Oder der Auslöserknopf, der leicht reagierte, mit einem diskreten Geräusch, das dem Fotografen die Belichtung des Filmkaders andeutete. Verglichen mit der technischen Perfektion der beweglichen Teile am Gehäuse, die aus bestem Edelstahl gefertigt und montiert waren, waren die frühen "Spiegelreflexkameras" (ab den 1960er Jahren) ziemlich hässliche, schwere Kästen. Das gilt auch für die ersten Spiegelreflex-Kameras von Leitz, die Serie "Leicaflex" (1964-76).

Dann sind die ästhetischen, gestalterischen Qualitäten (später als "Design" bezeichnet), die das Kamera-System der Serie "M" an Gehäusen und Objektiven auszeichnete. Am Beginn der modernen Architektur-Entwicklung formulierte Louis H. Sullivan den bekannten Satz "form follows function" (1896). Die Gestaltung soll sich aus der Funktion des Objekts ergeben, und nicht von anderen, etwa dekorativen oder pseudo-künstlerischen (meist veralteten) Ideen bestimmt sein, die das Funktionieren des Objekts behindern oder stören. Mit diesem Gedanken ist das Design der Serie "Leica M" bis zu den gegenwärtigen, digitalen Modellen ("M9" und "M") bis heute unerreicht geblieben. Im Wesentlichen hatte die erste "M3" von 1954 bereits das Aussehen, das die gesamte Serie der unterschiedlichen Modelle mit ihren technischen Neuerungen und gestalterischen Variationen über fast sechzig Jahre prägen sollte.

Deutsche Wertarbeit#

Die technische Ausführung war von Anfang an auf höchstem Niveau, was besondere Langlebigkeit und Haltbarkeit garantierte. Genauso gut waren früher die Service- und Reparaturwerkstätten, die vom Konzern Leitz angeboten wurden. Die deutsche Qualität hatte aber auch ihren Preis: bis heute zählen Kameras, Objektive und andere Produkte mit dem Namen "Leitz" oder "Leica" zu den teuersten Geräten ihrer Art.

Aber die Vorrangstellung, die der Leica M3 und ihren Nachfolgern durch Profi-Fotografen (vor allem im Bereich der Reportage, des Fotojournalismus, der Kriegsberichterstattung) weltweit eingeräumt worden war, blieb ab etwa 1970 nicht mehr bestehen. Die japanische "optische Industrie" konzentrierte sich auf die Entwicklung handlicher Spiegelreflexkameras, die, obwohl schwerer und beim Auslösen lauter, leichter zu handhaben waren. Dieser Kameratyp enthält einen "Spiegelkasten", der wie ein umgekehrtes Periskop gebaut ist. Der Fotograf sieht durch den zweifach umgelenkten Sehstrahl durch das Objektiv und kann dadurch den Ausschnitt des Bilds genauer bestimmen. Für die Belichtung von Film oder Sensor wird der untere schräge Spiegel hochgeklappt, und diese mechanische Bewegung erzeugt den Krach bei den frühen, klobigen Modellen. Ich erinnere mich gut, wie unbeliebt in den frühen 1970er Jahren Fotografen waren, die damals mit den Minolta- oder Nikkormat-Kameras bei subtileren Ansprachen, leiseren künstlerischen Aufführungen oder im Theater fotografierten, also Krach machten, was von den Zuhörern oft als Wichtigtuerei und als Störung empfunden wurde.

Aber ein Hauptargument für die japanischen Kameras und Objektive waren ihre Preise. Die damals berühmten Profimodelle (so die Nikon F, die F2, oder die Minolta XE-1) konnten sich auch junge Fotografen oder Architekturstudenten nach einigen Sommerjobs leisten: Die Preise lagen bei 40 Prozent einer damaligen Leica M4 oder der damals auch neuartigen, eleganten Leica R-Spiegelreflex (1976-2009).

Es gab noch andere Faktoren, die den internationalen Erfolg der Leitz-Produkte seit 1980 negativ beeinflussten. Einer davon ist technischer Natur, ein anderer entsprang den damaligen Moden. Ein sehr gutes Beispiel dafür bietet zurzeit die Ausstellung im "KunstHausWien", die eine erste Schau des Gesamtwerks von Linda McCartney, der früheren Ehefrau des Beatles Paul McCartney bietet. Die damals junge Linda Eastman hält auf einem Bild ihre Kamera (mit "Normalobjektiv", 50 mm Brennweite) und betrachtet sie nachdenklich: Es ist eine Nikon F. Dieses Modell war das erste Erfolgsmodell einer Nikon-Spiegelreflex, und ihr Ruf entstand durch einige Fotografien des Vietnamkriegs, deren schonungslose Darstellung des Kriegs gegen Zivilisten die Welt bewegte.

Die "Leica" war also nicht mehr "hip". Aber warum nicht mehr? Abgesehen von den bereits erwähnten Kosten gab es eine technische Schwierigkeit: eine Profi-Sucherkamera wie die Serie "Leica M" hat in diesem großen, klaren "Messsucher" drei Formate für andere Objektive eingebaut, die der Fotograf als "Rahmen" sehen kann. Das erfordert ein gewisses Maß an "perspektivischer Vorstellungskraft", weil die Rahmen der anderen Objektive im Sucher kleiner werden. Das ist für jeden Fotografen ein visuelles Problem, da er den Bildausschnitt mit kleineren "Rahmen" im Sucher abstrahieren und erfinden muss. Dazu kommt, dass bei dem System "Leica M" das stärkste Tele-Objektiv mit 135 mm Brennweite begrenzt war. Bei den japanischen Marken gilt das noch als Tele-Objektiv für Porträts, also für intime Nahaufnahmen.

Der Mythos der Marke#

Trotzdem gibt es nach wie vor den Mythos der Marke "Leica". Vor kurzem erzielten bei einer internationalen Auktion des Wiener "Leica-Shops" (der die international renommierte Foto-Galerie "Westlicht" und seit kurzem auch "Ostlicht" im Südosten von Wien führt) einige Leica-Modelle ohne Objektive, sensationelle Preise bis zu 350.000 Euro!

Diese internationale Begeisterung hat vor allem mit der Serie "M" zu tun, und das Wichtigste ist für die Fans die lange Vorgeschichte der Kleinbild-Fotografie, die mit dem legendären Format 24x36 (oder 35) mm beginnt. Dieses Format hat die moderne Fotografie des 20. Jahrhunderts begründet. Und federführend bei dieser Revolution der modernen Fotografie war eben Leitz.

Der Firmengründer Ernst Leitz hatte 1869 eine "optische Firma" übernommen, die sich in der Folge mit Mikroskopen, nach 1900 der Erzeugung von optischen Geräten widmete. Der damals junge Stummfilm war wichtiger als die altertümliche, statische "Photographie" mit Plattenkameras aus Holz mit großen Filmformaten: Die Fotografie war von Nicephore Nièpce in Tours erfunden worden, um 1819, mit einer "Camera obscura", die eine chemisch beschichtete Zinkplatte belichtet hatte. Danach kamen die Brüder Daguerre, die dem Genie Nièpce die Erfindung stahlen.

Kamera für die Natur#

In der hessischen Kleinstadt Wetzlar geschah 1913, im Hochgefühl der Industriellen Revolution, etwas sehr Einfaches: Der Ingenieur Oskar Barnack (1879- 1936) stellte sich der Aufgabe, eine Probekamera für ein kleines Format zu entwickeln, und ging von dem damals gebräuchlichen Kinofilmformat aus (24x35 mm). Der Prototyp einer kleinformatigen Kamera für Fotos sollte nur genützt werden, um erste Aufnahmen für teurere Formate des Films als "Fotografien" zu erzeugen. Der geniale Ingenieur dachte aber weiter. Er war an Fotografie in der Landschaft interessiert, ähnlich wie die französischen Maler des Impressionismus, die einige Jahrzehnte vorher in der Normandie, Bretagne und in der Provence "vor Ort" malten. Barnack suchte nach einer "fotografischen Maschine", die leichter wäre als die früheren, die der malerischen Staffelei recht ähnelten. Er entwarf also ein metallenes Gehäuse für den 35-mm-Film, der in einer Rolle gelagert war, etwa 35 Einzelbilder enthalten konnte.

In Verbindung mit einem Objektiv aus den hochwertigen Gläsern der Firma Leitz und einer Zeit-Mechanik, die den Verschluss regelte (also einen textilen Vorhang), war die "Ur-Leica" entstanden. Die Firma produzierte nur wenige Prototypen. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs verhinderte die kommerzielle Entwicklung und damit den Durchbruch des "Kleinbildformats".

In der Weimarer Republik, im Jahr 1925, beschloss Ernst Leitz junior, die frühere "Ur-Leica" als "Leica I" zu produzieren. Die Produktion wurde sehr schnell zu einem Welterfolg. Die Serien der "Leica I" wurden zu dem Gerät der Foto-Reporter, der Journalisten und der Kriegsmächte, auch des Nazi-Reichs.

Wie eingangs schon gesagt, hat meine eigene Beziehung zur "Leica" viel mit meinem Vater zu tun. Er erzählte mir von Gesprächen mit Leica-Kollegen wie Ernst Haas und Erich Lessing. Und einmal sagte er: "Wenn du an Spiegelreflex-Kameras interessiert bist, halte dich an Nikon. Leitz und Leica, auch die Leica R, sind allesamt viel zu teuer."

Bernhard Widder, geboren 1955 in Linz, lebt in Wien und arbeitet als Schriftsteller, Lyriker, Essayist, Übersetzer und Architekt.

Wiener Zeitung, Sa./So., 17./18. August 2013