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Rationalisieren ist gut#

Hermann Maurer

Ratio kommt aus dem Latein und heißt Verstand, Vernunft. Etwas rationalisieren bedeutet also, etwas vernünftig machen, im übertragenen Sinn: einfacher, mit weniger Aufwand machen.

Es ist faszinierend zu beobachten, wie der Begriff Rationalisierung im Laufe der letzten 15 Jahre immer mehr negativ belegt wurde.

Da spricht man von der Rationalisierung eines Betriebes und erwähnt im gleichen Satz die Entlassung von Mitarbeitern; oder man hört vom Wegrationalisieren von Arbeitsplätzen, oder von den Gefahren der Rationalisierung.

Halt! Rationalisieren ist etwas Gutes! Solange es die Menschheit gibt, ist die möglichst weitgehende Rationalisierung, die möglichst weitgehende Vereinfachung aller Arbeitsvorgänge eines der großen Ziele. Darum haben wir uns Fließwasser in die Wohnungen gelegt (und schöpfen nicht mehr aus dem Brunnen), darum verwenden wir Geräte wie die Waschmaschine, den Bagger und die Kreissäge, und beginnen lästige Arbeiten immer mehr durch Industrieroboter verrichten zu lassen.

Darum müssen die meisten von uns nicht mehr 70 Stunden pro Woche schuften (wie das vor zwei Generationen noch üblich war), sondern nur noch 38.5 Stunden (und diese von Kaffeepausen, 5 Wochen Urlaub, vielen Feiertagen, Betriebsausflügen und Sonderurlauben unterbrochen).

Durch die weiterhin zunehmend mögliche Rationalisierung und Automatisierung wird zum Erreichen eines bestimmten Zieles immer weniger menschliche Arbeit notwendig, ist ein immer kleinerer Prozentsatz menschlicher Arbeitskraft zum Überleben erforderlich, wird immer mehr Arbeitskraft frei für andere Aktivitäten.

Wir sind uns alle einig, dass das Verschwinden bzw. die Verringerung gewisser Tätigkeiten nicht zu einer "Zweidrittel-Gesellschaft" führen darf, in der zwei Drittel arbeiten und gut verdienen, das andere Drittel arbeitslos ist und nur geringe Einkünfte bezieht. Wir sollten uns auch darüber einig sein, dass die Lösung weder im Behindern der Rationalisierung noch in der Schaffung von in Wahrheit überflüssiger Arbeit (sogenannter Pseudoarbeit) bestehen kann.

Andere Lösungen sind erforderlich. Zwei offensichtliche Möglichkeiten bieten sich an: einerseits kann man die Arbeitszeit weiter verkürzen - wobei die Verkürzung der Lebensarbeitszeit durch z.B. wiederholte Schulungen sinnvoller sein mag als eine immer weitere Reduktion der Wochenarbeitszeit - und andererseits können und sollen jene Aufgaben ausgebaut werden, die nur durch Menschen wahrgenommen werden können: z.B. Aufgaben im Bereich Betreuung von Mitmenschen.

Automatisierung und Rationalisierung nehmen uns immer mehr Arbeit ab; wir dürfen auf diesen Triumph unseres Hirns stolz sein. Wir erhalten dadurch endlich Zeit, uns Aufgaben zu widmen, die wir lange stiefmütterlich behandelt haben. Vielleicht gelingt es uns zu erreichen, dass alle Kindergärten mehr sind als nur Aufbewahrungsplätze für Kinder, Schulen Einrichtungen, in denen sich niemand mehr langweilt, Universitäten mehr sind als Diplomfabriken. Vielleicht gelingt es auch z.B. eine Kranken- und Seniorenbetreuung aufzubauen, für die wir uns nicht schämen müssen.

Und vielleicht bleibt mehr Zeit für Weiterbildung und interessante Hobbies: auch bei diesen Tätigkeiten wird übrigens gearbeitet!

Die unglückliche Terminologie, dass man "Arbeit" sagt, aber eigentlich "Erwerbsarbeit" meint, führt oft zu Missverständnissen: Rationalisierung ist gut; sie wird das Ausmaß der notwendigen Erwerbsarbeit immer mehr verringern; sie wird aber das Ausmaß anderer Arbeit als grundlegende menschliche Tätigkeit wenig berühren.

Dieser Aufsatz ist aus dem Buch "Der Anfang" aus der XPERTEN-Reihe.