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Dürfen Tierschützer Brathendel essen?#

Hermann Maurer

Es überrascht mich immer wieder, welch starke Emotionen es auslöst, wenn ein streunender Hund oder Kater (der offenbar jemandem zu sehr auf die Nerven ging) durch Gift oder sonst irgendwie getötet wird.

Der Täter wird in lokalen Medien manchmal fast als Mörder bezeichnet: falls man ihn ausforscht, erwartet ihn vielleicht eine Strafe, jedenfalls aber eine zumindest moralische Lynchjustiz.

Um nicht missverstanden zu werden: ich bin nicht dafür, dass man alle Katzen oder Hunde umbringt. (Ob allerdings größere Haustiere in Städten etwas zu suchen haben, halte ich für zweifelhaft.) Ich würde mich aber moralisch durchaus im Recht fühlen, wenn ich eine Katze oder einen Hund, die mich oder meine Familie in meinem Garten belästigen, gewaltsam verjagte (Im Wiederholungsfall auch sehr dramatische Massnahmen ergreifen würde).

Kein Verständnis habe ich freilich für unnotwendige Tierquälerei. Wenig Verständnis habe ich andererseits auch für übertriebene Tierschützer, die den Tod eines Hundes, einer Katze, eines Rehs, etc. wie eine kleinere Katastrophe behandeln, dabei aber genüsslich ein Brathendl, ein Schnitzel oder ein anderes Fleischgericht verzehren. Die da zu Grunde liegende doppelte Moral gefällt mir nicht.

Es gibt doch nur zwei Möglichkeiten: entweder, wir glauben, dass höher entwickelte Tiere wie Hunde, Katzen, Hühner, Schweine, Rinder, usw. ein ähnliches Schmerzempfinden haben wie Menschen: dann ist das Töten eines solchen Tieres Mord, das Essen eines Brathendls nicht sehr verschieden vom Kannibalismus; oder, wir glauben, dass sich Tiere vom Menschen insofern grundlegend unterscheiden, als Tiere Schmerz und Todesangst nicht bewusst erleben, entsprechende Verhaltensweisen also instinktiv und "unbewusst" ablaufen: dann ist das Töten eines Tieres nicht sehr verschieden vom Umsägen eines Baumes und daher moralisch vertretbar.

Tierschützer, die dauernd von den Schmerzen der Tiere, von der Todesangst der Tiere, von unzumutbarer Behandlung von Tieren usw. reden, müssten meiner Ansicht nach Vegetarier sein.

Ernährungstechnisch und medizinisch wäre übrigens eine rein vegetarische Ernährung eher ein Vorteil: statt Pflanzen über den Umweg Tier (das von Pflanzen lebt) als Nahrungsmittel zu verwenden, könnte man z.B. Sojabohnen - die sich bekanntlich sehr flexibel zubereiten lassen - direkt als Nahrung einsetzen und damit pro Hektar Land mehr als doppelt so viele Menschen ernähren!

Um meine Argumente noch deutlicher zu machen, verkleide ich sie in eine kurze utopische Geschichte:

Im Jahre 3056 landen auf der Erde Raumschiffe von einem anderen Planetensystem mit intelligenten Lebewesen, die auf Grund ihrer technischen Überlegenheit innerhalb kürzester Zeit die Kontrolle der gesamten Welt übernehmen. Diese Lebewesen haben zufälligerweise das Aussehen von etwas groß gewachsenen Hühnern.

Sie stellen mit Entsetzen fest, dass die meisten Erdbewohner seit Jahrhunderten Hühner und andere Tiere töten, um sie zu essen, ja sogar systematisch zu diesem Zweck züchten. Ein großes Gerichtsverfahren gegen alle Fleisch fressenden Erdbewohner (so heißen sie in der Anklageschrift) wird eröffnet.

Der Hauptpunkt ist klar: "Die Angeklagten haben ohne drückende Not verschiedenste Tiere getötet, obwohl aus allen Unterlagen wie Zeitungen, Büchern, Filmen, usw. klar erkennbar ist, dass es den Angeklagten bewusst war, dass diese Tiere Gefühle, Schmerzen und Todesangst hatten genau wie Menschen. Nach galaktischen Gesetzen steht auf wiederholtem Mord an anderen schmerzfühlenden Rassen Verbannung auf den Strafplaneten Xanier 4 auf Lebenszeit. Erschwerend sind im vorliegenden Fall die große Zahl der Morde und die Tatsache, dass die Ermordeten (man kann es kaum glauben) gekocht und verspeist wurden?"

Die Verteidigung der Menschen fällt dürftig aus.

Viel mehr als: "Die anderen haben es auch getan ...", "Ich habe mir nichts dabei gedacht ...", "Das war schon immer so üblich ...", ist nicht zu hören. Auf den Hinweis des Anklägers, dass solche Aussagen auch bei vielen Prozessen der Vergangenheit, die Menschen gegen Menschen geführt haben, nie als Entlastungsargumente akzeptiert wurden, folgt ein betretenes Schweigen der Angeklagten. Der Prozess endet, wie er enden muss: Milliarden von fleisch fressenden Menschen werden verurteilt und nach Xanier 4 deportiert.

Etwas milder behandelt werden jene Menschen, die nur Embryos gegessen hatten (z.B. in Form eines Frühstückseies) oder die nur Raub und Diebstahl an Tieren verübt hatten (durch Verwendung von Honig oder Milch). Nur reine Vegetarier kommen ungeschoren weg und werden als vollwertige Mitglieder in die galaktische Völkerfamilie aufgenommen.

Ich persönlich werde trotz obiger Geschichte auch in Zukunft Fleisch essen. Ich glaube, dass jeder Mensch, der einerseits Fleisch isst, andererseits Tieren wie Hunden, Katzen, Pferden, ... menschenähnliche Gefühle unterstellt, sich einmal überlegen muss, wie diese beiden Fakten auf einen Nenner zu bringen sind, wie man das Schlachten von Tieren für die Ernährung eigentlich rechtfertigen kann.

Wie sehr wir das offenbar in uns steckende schlechte Gewissen oft verdrängen, wird durch die Tatsache belegt, dass wir jene Tiere, die wir (zufällig) als die besten Freunde des Menschen betrachten (Katze, Hund, Pferd), weniger häufig verzehren als andere, mit denen wir seltener zu tun haben!

Dieser Aufsatz ist aus dem Buch "Der Anfang" aus der XPERTEN-Reihe.