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Wannst mit an Dacia zum Eissalon fahrst#

Robert Sedlaczek
Robert Sedlaczek


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Robert Sedlaczek


Von der Wiener Zeitung (Mittwoch, 23. März 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt


Wenn man nach der Alltagssprache Österreichs sucht, wird man am ehesten in Kabarettprogrammen fündig. So alle ein, zwei Jahre packt mich die Lust, ein Buch zu schreiben. Als mich der Innsbrucker Haymonverlag vor einiger Zeit gefragt hat, ob ich ein "Wörterbuch der Alltagssprache Österreichs" verfassen würde, habe ich zunächst gezögert. Ist das überhaupt zu schaffen? Wie soll man passende Belegstellen finden? Ich habe schließlich zugesagt und mich an die Arbeit gemacht. Meine Aufmerksamkeit galt nur jenen Wörtern, die für Österreich typisch sind – oder zumindest für den österreichisch-bairischen Sprachraum. Außerdem ist es mir darum gegangen, bei jedem einzelnen Stichwort die Etymologie mitzuliefern.

Wenn es um die Alltagssprache geht, muss man sich mit der mündlichen Kommunikation beschäftigen. Ich habe daher auf die Zitate von Musil bis Kehlmann verzichtet. Wer nach dem Alltäglichen in der Sprache schürft, der muss sich um mündliche Belegstellen bemühen. Es erschien mir zielführend, bei der Quellensuche die Programme österreichischer Kabarettisten zu durchforsten. Natürlich handelt es sich dabei um konstruierte Texte, aber diese sind ja mit der Absicht konstruiert worden, die sprachliche Wirklichkeit möglichst originalgetreu wiederzugeben.

Ich habe mir also in den letzten Monaten unzählige DVDs mit Kabarettprogrammen hineingezogen – hineinziehen, das ist heute so ein Modewort unter Jugendlichen. Und in vielen Fällen war es nicht nur ein großer Spaß, es hat mich auch hineingezogen.

Ein gutes Kabarett veraltet nicht, es ist auch nach Jahrzehnten noch stimmig. Das gilt hundertprozentig für das Lied "Der Papa wird’s scho richten". Was Gerhard Bronner über einen damals gerade akut gewordenen Skandal geschrieben hat und von Helmut Qualtinger so genial interpretiert worden ist, kann man auch heute noch mit Genuss hören. Und man beginnt zu grübeln, was den beiden Kabarettisten zu Strasser & Grasser eingefallen wäre.

Bleibende Sketches hat auch Lukas Resetarits geschaffen. In "A Krise muaß her" leiert er zunächst die altbekannten Stehsätze herunter: "Amoi auffe, amoi awe, die Ups und die Downs, einmal der Gigel, einmal der Gogel . . . " Dann kehrt er sie ins Gegenteil um. Tatsächlich gehe es in der Welt anders zu: "Weil es is immer der Gogel und nie der Gigel . . ." Ganz besonders schätze ich Gunkl alias Günther Paal. Er ist der Intellektuelle unter den österreichischen Kabarettisten. In seinen "Grundsätzlichen Betrachtungen" macht er sich gerade darüber lustig. "Es gibt Menschen, die glauben, ich wäre ein Intellektueller – weu i so ausschau. Hat aana kurze Hoar und a Brillen, haaßt’s: ,A Intellektueller!‘ Aber na! Schasaugert und z’ fäu’ zum Kampeln . . ."

Einen anderen habe ich früher immer abgelehnt – erst jetzt bin ich draufgekommen, dass Roland Düringer in seinen Autofahrerparodien gar nicht so schlecht ist. Er verwendet nicht eine Kunstsprache wie andere Kabarettisten, sondern den authentischen Strizzijargon. Vielleicht würde sich der eine oder andere eine unmissverständliche Kritik an der Autogesellschaft wünschen, ich kann trotzdem lachen. In "Düringer ab 4,99" erklärt er, warum man nicht einen Audi, BMW oder Mercedes fahren sollte, sondern einen Dacia Logan: "7900 Euro! Made in Romania! Schirch wie die Nacht! Aber uns is’ es wurscht. Weu wannst mit an Dacia zum Eissalon fahrst und da steigt ane ein: Die wü di’!"


Wiener Zeitung, Mittwoch, 23. März 2011