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Stimmt die Anzahl der Zufälle?#

Hermann Maurer

Viele Ereignisse im Leben ergeben sich zufällig: man trifft seinen zukünftigen Partner auf einer Party, zu der man zufällig hingekommen ist; man sieht zufällig ein Inserat in der Zeitung, bewirbt sich spontan und der neue Job ändert das Leben vollständig; weil zufällig beim Vorbeigehen an einem Haus eine Dachlawine abgeht, wird man schwer verletzt; und diese Liste kann beliebig fortgesetzt werden.

Der Zufall spielt daher in unserem Leben eine große Rolle. Spielt er eine angemessene? Oder wäre es besser, wenn der Zufall weniger eingreifen würde, oder vielleicht auch mehr?

Klingt das zunächst höchstens wie eine kuriose Überlegung ohne jede mögliche Konsequenz, so sieht man bei genauerer Betrachtung, dass es durchaus denkbar wäre, das Ausmaß der Zufälle zu beeinflussen, sofern wir zum Schluss kommen sollten, wir sollten dies. Ich schlage daher vor, dass wir uns einmal ernsthaft überlegen, ob wir mit dem Ausmaß der Zufälle in unserem Leben zufrieden sind (oder weniger oder mehr wünschen).

Ich werde in diesem Beitrag aber nicht darüber spekulieren, sondern ich werde nur erklären, wie man (bis zu einem gewissen Grad) die Häufigkeit der Zufälle in beiden Richtungen vermutlich steuern kann.

Um die Anzahl der Zufälle zu VERRINGERN muss man aktive Situationen herbeiführen, die so viele Auswahlmöglichkeiten anbieten, dass man von Zufall nicht mehr reden kann. Klingt das zu unverständlich und zu theoretisch? Dann betrachten wir zwei konkrete Beispiele.

Angenommen, junge Menschen suchen Partner fürs Leben. Entweder können sie ihr Leben ganz normal weiterführen, oder sie können bewusst auf "Partnersuche" gehen: indem sie Clubs beitreten, Kurse von Volkshochschulen oder der Urania besuchen, sich altersmäßig passenden Reisegruppen anschließen, usw. Der Zufall wird damit nicht ausgeschaltet: Ich glaube aber, dass man eher einen geeigneten Partner findet, wenn man hunderte potentielle Kandidaten kennen lernt, als wenn man die Auswahl unter ganz wenigen treffen muss.

Bei der Suche nach einer Anstellung ist das ähnlich: wenn man nur ab und zu im Inseratenteil einer Zeitung nachschaut, wird ein Berufs- bzw. Jobwechsel viel mehr den Charakter der Zufälligkeit haben, als wenn man systematisch Bewerbungen ausschickt, regelmäßig in einschlägigen Zeitungen die Inserate verfolgt, sich bei einer Vermittlungsagentur einschreiben lässt, usw. Mit anderen Worten: indem man die Auswahl vergrößert, verringert man (zumindest subjektiv) den Eindruck, alle Entscheidungen seien durch einen Zufall entstanden.

In der "Lotterie von Babel" berichtet Jorge Louis Borges von einem fiktiven Herrscher, dem die Anzahl der Zufälle zu gering erschien. Daraufhin verordnete er eine wöchentliche Lotterieziehung, bei der jeder mitmachen musste. Mehr noch: das Ergebnis der Lotterie konnte für Menschen posiitv ausfallen, aber auch negativ: sie konnten einen Geldbetrag oder das Haus oder die Frau des Nachbarn gewinnen (ob letzteres als Gewinn zu bezeichnen ist hängt wohl von der Situation ab); aber sie konnten auch genau so Geld oder Besitztum verlieren: jedenfalls fieberten alle Menschen damals der wöchentlichen Ziehung entgegen, weil diese in das Leben vieler tief eingreifen konnte!

Dieser Aufsatz ist aus dem Buch "Der Anfang" aus der XPERTEN-Reihe.