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Die neue Hierarchie der Straße#

Eine neue Hierarchie der Verkehrsmittel nach Flächenbedarf und Umweltverträglichkeit fordert der Verkehrsclub Österreich.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 19. Februar 2016 ) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Matthias G. Bernold


Grafik: Mobilität
Grafik: Mobilität
Quelle: VCÖ 2016

Wien. Wie sich die urbanen Verkehrsprobleme unserer Zeit lösen lassen könnten, fasst der VCÖ in seiner jüngsten Publikation zusammen. Ein Abriss des Papiers in acht Punkten.

1. Urbanisierung#

Das 21. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Städte. In Österreich wohnten vor fünfzehn Jahren noch 64 Prozent der Menschen in Gemeinden mit mehr als 10.000 Einwohnern. Im Jahr 2013 waren es bereits 68 Prozent. Die Bevölkerungszahl der österreichischen Landeshauptstädte stieg in den vergangenen fünfzehn Jahren um mehr als sieben Prozent. Im Jahr 2050 werden in Österreichs Ballungsräumen um eine Million Menschen mehr leben als heute. Das Leben in den Städten bietet den Bewohnern Vorteile: Auf relativ engem Raum konzentrieren sich Arbeit, Wohnen, Bildung und Freizeitangebot. Die Nachtteile – Lärm, Umweltbelastung, wenig Grün, Platzmangel – entpuppen sich häufig als Begleiterscheinungen des motorisierten Individualverkehrs.

2. Reduktion des Pkw-Verkehrs#

Das Auto verliert in den österreichischen Großstädten an Bedeutung. Ein Indikator dafür ist der Pkw-Motorisierungsgrad, der im Vorjahr erstmals in allen Landeshauptstädten zurückging. Es ist ein Trend, der sich nicht auf Österreich beschränkt. Im Kampf gegen Feinstaub, Lärm und Abgase sind Metropolen wie Paris, New York, Seoul oder Bogotá dabei, Transport und Mobilität umzuorganisieren. So sollen in Paris die vier Innenstadtbezirke demnächst zu „Halb-Fußgängerzonen“ werden, in denen nur noch Busse, Fahrräder, Taxis, Lieferwagen, Rettungsfahrzeuge und Anrainer- Pkw unterwegs sein dürfen. Bereits jetzt wurde das Verkehrsaufkommen in der französischen Hauptstadt um 18 Prozent reduziert, wodurch die Gesamtbelastung durch Feinstaub um sechs, jene durch Stickoxide um zehn Prozent sank.

3. Neue Mobilitätshierarchie#

Um die Mobilität der Menschen zu ändern, braucht es ein Umdenken von Seiten der Planungsverantwortlichen. „Orientiert sich die Neugestaltung von öffentlichen Räumen nicht mehr an der Autostraße, erhöhen sich die Nutzungsoptionen und die Lebensqualität“, erklärt VCÖ-Verkehrsexperte Markus Gansterer. Stadtverwaltungen wie etwa die der kanadischen Stadt Vancouver haben eine sogenannte Mobilitätshierarchie erstellt: Dabei werden die Verkehrsmittel anhand von Flächeneffizienz sowie Umwelt- und Gesundheitsverträglichkeit gereiht. Ganz oben rangiert das Zufußgehen, gefolgt von Radfahren und Öffentlichem Verkehr. Dahinter Taxis bzw. Carsharing und der private Pkw. Die geänderte Mobilitätshierarchie kommt zum Tragen, wenn es um die Neuverteilung des Öffentlichen Raumes geht.

4. Radschnellwege#

Neben Amsterdam oder Kopenhagen – das Fahrrad ist dort mit einem Anteil von mehr als 30 Prozent das am häufigsten genutzte Verkehrsmittel – forcieren auch viele andere Städte in Europa und den USA den Radverkehr. Als Schlüssel zur Akzeptanz des Fahrrades gilt ein durchgängiges Netz an leistungsfähigen und sicheren Radwegen. So gibt es allein in München mit mittlerweile 55 Fahrradstraßen mehr als doppelt so viele wie in ganz Österreich. Der Anteil des Radverkehrs stieg in München in den Jahren 2008 bis 2011 von 14 Prozent auf 17 Prozent, während er in Wien nicht so recht vom Fleck kam.

5. Multimodale Mobilität#

Durch einen optimalen Mix aus öffentlichen Verkehrsangeboten, Radnutzung, Gehen, Taxi und Carsharing könne das Privatauto zunehmend uninteressant gemacht werden. Mit einem Anteil am Transportaufkommen von 39 Prozent ist die Nutzung des Öffentlichen Verkehrs in Wien im internationalen Vergleich sehr hoch. Ende des Jahres 2015 besaßen rund 700.000 Personen eine Jahreskarte. Somit gibt es in Wien erstmals mehr Jahreskarten als zugelassene Pkw. Den Öffi-Ausbau sieht man auch anderswo als Zukunftsinvestition. Der Ausbau der Straßenbahn dient in Frankreich als Mittel der Verkehrsberuhigung. Eine Straßenbahn transportiert zu Hauptverkehrszeiten im Schnitt 145 Menschen und beansprucht eine Fläche von 85 Quadratmetern. Ebensoviele Menschen können auch von 124 Pkw transportiert werden – nur brauchen die dann zumindest eine Fläche von 950 Quadratmetern.

6. Gehen und Superblocks#

Das Zufußgehen wurde „durch die einseitige Fokussierung auf eine autogerechte Stadt“ vernachlässigt. „Die Abkehr von kompakten Stadtgrundrissen, kurzen Wegen oder attraktiven öffentliche Aufenthaltsbereichen löste eine Abwärtsspirale aus.“ Inzwischen steuern viele Stadtverwaltungen in eine andere Richtung, was sich etwa an der Verkehrsberuhigung der Mariahilfer Straße zeigt. Auch anderswo gibt es interessante Projekte: „Superblocks“ zum Beispiel, das sind verkehrsberuhigte Wohnquartiere, die in spanischen Städten wie Barcelona und Vitoria- Gasteiz verwirklicht wurden. Mehrere Straßenzüge in einem Stadtviertel werden zu einem Raster von etwa 400 mal 400 Metern zusammengefasst. Der Autoverkehr darf zwar rundherum, aber nicht hindurch fahren. Innerhalb der Superblocks ist lediglich Anliefern und Kurzparken gestattet.

7. Unterschiedliches Mobilitätsverhalten#

Was Verkehrspolitik verkompliziert: Das Mobilitätsverhalten der Bewohner von Ballungsräumen ist sehr unterschiedlich. In den innerstädtischen Bezirken Wiens (1. bis 9. sowie 20. Bezirk) beträgt der Anteil des Pkw-Verkehrs nur noch rund 17 Prozent. In den Wiener Randbezirken Liesing, Hietzing, Donaustadt und Döbling sieht es ganz anders aus. „In Außenbezirken, wo Leute Wert aufs Autofahren legen und teilweise auf das Auto angewiesen sind, kann man nicht Verkehrsberuhigung wie im 7. Bezirk machen“, räumt Gansterer ein. Eines der größten Probleme sind die Pendler aus dem Umland. Mehr als 500.000 Personen pendeln an Werktagen nach Wien. 79 Prozent davon mit dem Auto. Wie sich das ändern könnte? Durch bessere Bahnverbindungen, höhere Intervalle, Ausbau und Verdichtung der S-Bahn, glaubt Gansterer.

8. Städtischer Gütertransport#

Großer Aufholbedarf bestehe bei der Ökologisierung des städtischen Gütertransports. Laut EUWeißbuch Verkehr soll bis zum Jahr 2030 die innerstädtische Güterlogistik CO2-frei erfolgen. Für die innerstädtische Kleinverteilung bieten sich E-Transporter an. Beispiele dafür gibt es bereits in Göteborg, Paris und London.

Wiener Zeitung, Freitag, 19. Februar 2016