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Kein Ariernachweis für das Automobil#

Ehrenrettung für Siegfried Marcus#


Mit freundlicher Genehmigung entnommen aus: Illustrierte Neue Welt (Ausgabe Februar / März 2007)

Von

Helmut Klein


Siegfried Marcus
Illustrierte Neue Welt
© www.tmw.ac.at

Jemand, der versucht, aus einem technischen Nachschlagewerk neueren Datums zu erfahren, wer denn nun wirklich das Automobil erfunden hat, wird feststellen, dass dort entweder von Carl Benz oder von Gottlieb Daimler die Rede ist. Den Verbrennungsmotor hat angeblich auch ein gewisser August Otto erfunden. Die Tatsache, dass dieser von August Otto konstruierte Leuchtgasmotor nie funktioniert hat, stört heute niemanden mehr. Man spricht trotzdem vom Otto-Motor, wenn von einem Benzinmotor die Rede ist. An Daimler und Benz wagt ohnehin kaum jemand zu zweifeln. Beim Studium eines alten Lexikons aus den dreißiger Jahren hingegen entdeckt man, dass dort diese Tatsachen richtig beschrieben sind, und als Erfinder des Kraftwagens der in Mecklenburg geborene, später in Wien lebende Siegfried Marcus aufscheint.

Dass dieser Umstand vielleicht etwas mit dem Dritten Reich zu tun haben könnte, daran denkt wohl niemand. Jedenfalls bediente sich der Führer zeitlebens mit großer Begeisterung einer in mehrfacher Hinsicht jüdischen Erfindung, dem Automobil. Diese Erfindung konnte unter gar keinen Umständen den Ariernachweis erbringen, da der Erfinder des Automobils, Siegfried Marcus, nun eben Jude war.

So wurde der Kraftstoff Benzin vom Naturwissenschaftler, Erfinder, Ingenieur, Konstrukteur und Mechaniker Siegfried Marcus gefunden, für die motorische Verbrennung aufbereitet und bereits 1864 in einem Versuchsmotor erfolgreich erprobt.

Marcuswagen
Illustrierte Neue Welt
© www.tmw.ac.at

Ebenso wurde der Viertakt-Benzinmotor mit all seinen Nebenaggregaten, wie dem Vergaser (1865), der elektrischen Zündung (1864) ohne Vorbild, von Siegfried Marcus erfunden, und bereits um 1870 in Betrieb genommen. Diese Erfindung stammt daher nicht von August Otto, wie manche Historiker fälschlicherweise behaupten. Otto hat niemals einen "Otto-Motor" nach unserem Verständnis geschaffen.

Die Erfindung des ersten viersitzigen Ur- und Gesamtautomobils mit vier Rädern stammt von Siegfried Marcus aus dem Jahre 1875, also genau elf Jahre vor Daimler und Benz. Das erste von Marcus gebaute, mit Benzin betriebene Gefährt stammt aus dem Jahr 1864.

Die automobile Grundform der nationalsozialistischen Staatskarossen schuf der österreichische General-Konsul in Nizza, Emil Jelinek (1904), der ebenfalls Jude war. Die Tochter des Generalkonsuls hieß mit Vornamen "Mercedes".

Da dem Führer sicher nicht von Anfang an bekannt war, welche Religionszugehörigkeit der bereits seit längerem tote Siegfried Marcus hatte, stellt sich die Frage, was Hitler dazu bewegt haben könnte, sich persönlich um diese Angelegenheit zu kümmern, und per Verordnung den Namen Siegfried Marcus einfach "aus dem deutschen Schrifttum auszumerzen".

Die Antwort ist relativ einfach. Ein bedeutendes Industrieunternehmen, welches nicht verwinden kann, dass das Automobil nicht von einem ihrer Mitbegründer erfunden wurde, versuchte von Anfang an, die Erfindung Siegfried Marcus’ etwas weiter hinten einzureihen, und versucht dies bis heute mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Da der wahre Erfinder nicht arisch war, erwies sich Adolf Hitler als ein sehr willkommener Helfer.

Auch mit diesen Themen befasste seriöse Historiker, sehr oft Direktoren diverser Technischer Museen, oder Professoren anerkannter technischer Universitäten, übernehmen in vielen Fällen solche von einschlägigen Industriekonzernen vorgegebene Fakten. Das Problem ist, dass die Direktorin eines technischen Museums, oder der Leiter eines Institutes einer Universität, es sich in einer Zeit, in welcher selbst bedeutende Museen keine öffentlichen Subventionen mehr bekommen, gar nicht leisten kann, einen eventuellen Sponsor des Museums zu verärgern. Bei der technischen beziehungsweise der industriellen Geschichte sind eben auch seriöse Historiker gezwungen, historische Wahrheiten zu verbiegen, um damit den Fortbestand eines Museums zu sichern.

Ob eine der bedeutendsten Firmen in der Industriegeschichte derartiges nötig hat, ist eine andere Frage. (Helmut Klein)

Illustrierte Neue Welt (Ausgabe Februar / März 2007)