unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
7

Automobilisten erobern die Alpen#

Mühsames Bauen in den Bergen. Abenteuerliche Ausflüge auf den Großglockner.#


Von der Zeitschrift Wiener Zeitung (Freitag, 3. Oktober 2008) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Andrea Reisner


Bild 'alpen_auto'

Als Meisterleistungen der Ingenieurskunst können sicher zwei Bauten erwähnt werden: die Tauernbahn und die Großglockner Hochalpenstraße. Der ältere Bau der beiden ist rund 100 Jahre alt. Dr. Peter Nowak, Wien 20, berichtet: Die 1901–1909 erbaute Tauernbahn war „geplant als Verbindung Salzburg–Triest.“ Dr. Karl Beck, Purkersdorf: Sie „war Teil eines großen Maßnahmenpakets mit dem gleichzeitigen Vorantrieb mehrerer Nord-Süd-Verbindungen (Pyhrn-, Karawanken- und Wocheinerbahn).“

Wurmb und Wurmbrand#

Das Projekt „stand unter der Leitung des Ing. Karl Wurmb (1850–1907)“, wie Johann Maierhofer, Breitenau, anmerkt. Brigitte Schlesinger, Wien 12: „Er war auch Direktor des Steiermärkischen Landeseisenbahnamtes und von 1894 bis 1905 in Wien Eisenbahnbaudirektor im Eisenbahnministerium.“ Dr. Manfred Kremser, Wien 18: Bei der Eröffnung des letzten Teilstücks, „der Südrampe mit dem zweigleisigen Tauerntunnel bis Spittal/Drau am 5. Juli 1909, war er bereits verstorben.“ Doch damit noch nicht genug der „Würmer“. RR Walter Kollerits, Wien 20: Einem gewissen Graf Wurmbrand oblag die Entscheidung, auf welcher Route die Bahn letztlich gebaut werden sollte. Obernussknacker Franz Pointinger, Wien 3: Die Bahn „durchquert die Hohen Tauern im Tauerntunnel (8,5km) zwischen Böckstein bei Bad Gastein und Mallnitz.“ Dr. Harald Rassl, Wien 1, ergänzt: „Für den Weitblick von Wurmb spricht, dass er das Herzstück der Bahn, den Tunnel, von vornherein zweigleisig anlegte.“ Der Ausbau der restlichen Strecke ist bis heute nicht abgeschlossen. Heinz Netuka, Wien 14, schildert die mühsamen Tunnelarbeiten: „Anfänglich wurde der Abbau per Handbohrung in den Berg getrieben.“ Gerald Glaser, Klosterneuburg: „1909 wurde schließlich auch der Betrieb im Tauerntunnel aufgenommen.“

Doderer am Werk#

Eines der an diesem Großprojekt beteiligten Unternehmen war laut Volkmar Mitterhuber, Baden, „die Wiener Baufirma Doderer“. Literaturfreunde lässt der Name aufhorchen. Herbert Beer, Wolfpassing: Chef der Firma Doderer, Göhl & Sager war nämlich Wilhelm von Doderer, dessen Sohn Heimito sich später als Schriftsteller einen Namen machen sollte. Die Tauernbahn war eines der letzten großen Eisenbahnprojekte der Monarchie. Der zweite Bau, mit dem sich die Gemeine befasst hat, wurde bereits vor einem anderen politischen Hintergrund ausgeführt: die Großglockner Hochalpenstraße. Dr. Wilfried Korber, Wien 14: „Bauzeit: von September 1930 bis Ende Juli 1935.“ Manfred Bermann, Wien 13: Sie wurde zwischen „Bruck a. d. Großglocknerstraße (Salzburg) und Heiligenblut (Kärnten) mit zwei Nebenstrecken (Edelweißspitze sowie Franz-Josefs-Höhe/Pasterze)“ angelegt. Mag. Helmut Zettl, Weidlingbach: Die Straße „überschreitet die Hohen Tauern am Hochtor in rund 2500 Metern Höhe.“ Karl Meywald, Wien 20: „Sie folgt uralten Spuren von Saumwegen (mit Packtieren begehbare Handelsstraßen, Anm.), die Kelten . . . angelegt hatten.“ Die Hintergründe des Baus beleuchtet Günter Hinze, Wien 8: „Nachdem Südtirol mit dem Friedensvertrag von St. Germain an Italien abgegeben werden musste, fehlte die innerösterreichische Verbindung von Kärnten nach Nordtirol über den Brennerpass.“ Herbert Ambrozy, Wien 7: Die Glocknerstraße „hat als Transitroute nur eine untergeordnete Bedeutung. Sie ist immer eine primär touristische Attraktion geblieben.“ Gerhard Toifl, Wien 17: Pläne exisitierten bereits 1924, doch „selbst der bescheidene Entwurf eines drei Meter breiten Schottersträßchens . . . mutete wie Luftschlossarchitektur an.“ Dr. Alfred Komaz, Wien 19: Man legte das Projekt auf Eis, „bis der Landeshauptmann von Salzburg, Franz Rehrl, sich ab 1927 vehement für den Bau einer solchen Autostraße einsetzte.“

Autofreundliche Politik#

„Mit der Machtübernahme durch Dollfuß 1933 erfolgte eine autofreundliche Wende in der Wirtschaftspolitik,“ schreibt Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7. Steuerliche Vergünstigungen förderten dieses Verkehrsmittel. Dr. Peter Flor, Graz: Die Errichtung der Glocknerstraße „diente auch der Arbeitsbeschaffung in Zeiten großer Arbeitslosigkeit.“ Klaus-Peter Josef, Tulln: „Franz Friedrich Wallack (1887–1966) plante die Großglockner Hochalpenstraße, sowie weitere Gebirgsstraßen, Seilschwebebahnen und Kraftwerke.“ Wie DI Wolfgang Klein, Wien 21, einwirft, waren insgesamt 3200 Arbeiter beim Bau der Glocknerstraße beschäftigt. Elisabeth Somogyi, Wien 11: Sie „errichteten die Straße mit Schaufel und Krampen und nur wenigen Maschinen . . . Es wurde bei Sturm, Regen, Schnee gearbeitet, in einfachen Baracken übernachtet.“ Was die „Glocknerbaraber“ in ihrer spärlichen Freizeit machten, beschäftigte Christine Sigmund, Wien 23: „Es gab mehrere »Kulturbaracken«, in denen eine Bibliothek untergebracht war . . . Manchmal wurden auch Lichtbildvorträge veranstaltet, sowie Filme gezeigt.“ Alice Krotky, Wien 20: 1934 wurde die Straße erstmals befahren. „Der begeisterte Automobilist Franz Rehrl lieferte die absolute Sensation der damaligen Zeit. Mit einem adaptierten Steyr 100 gelang die halsbrecherische Fahrt auf dem Rohbau der Scheitelstrecke.“ Damals grenzte Autofahren noch an eine sportliche Leistung. Dr. Peter Mitmasser, Wr. Neudorf: Als die Fahrzeuge „noch nicht so perfekt und leistungsfähig waren wie heute, trugen die, die die Glocknerstraße geschafft hatten, stolz das Pickerl . . . in Form eines großen »G«.“ Mag. Hilde Leiter, Ma. Enzersdorf, wurde 1937 von ihrer Großmutter zu einer solchen Partie eingeladen: „Die neben ihr sitzende Russin schrie jedes Mal auf, wenn wir über eine Holzbrücke fuhren.“ Dr. Erich Schlöss, Ma. Enzersdorf: Nicht alle Autos waren für die Strecke tauglich. „Nach etlichen Höhenmetern begann das Kühlwasser zu kochen, die Fahrzeuge mussten anhalten und »verschnaufen«.“

Wiener Zeitung,, Freitag, 3. Oktober 2008