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Visionen am Traunsee#

Am 14. Februar entscheidet sich das weitere Schicksal der seit 1894 bestehenden "kleinsten Straßenbahn der Welt" in Gmunden. Für ihren Fortbestand hatte einst sogar schon Thomas Bernhard plädiert.#


Mit freundlicher Genehmigung aus der Wiener Zeitung übernommen. (Sa./So. 9./10. Februar 2013)

Von

Stefan May


Gmundens Straßenbahn
Gmundens Straßenbahn: 60 Meter Höhenunterschied zwischen Seestation und Bahnhof. Foto: © Stefan May

"Gerade diese Straßenbahn ist eines der markantesten Wahrzeichen der Stadt und ich benütze sie regelmäßig mit dem größten Vergnügen..., ich bin der Meinung, dass die Straßenbahn wieder bis zum Rathausplatz geführt werden sollte; das wäre nicht nur für die Gmundner selbst, sondern für alle, die diese Stadt aufsuchen, die Wiedergewinnung eines schon so viele Jahre vermissten Vorteils als Augenweide. Mit der Erhaltung der Straßenbahn und ihrer Weiterführung bis zum Rathausplatz wäre Gmunden nicht nur seiner Zeit gemäß, sondern dazu auch noch weit voraus."

Es war der letzte in der Öffentlichkeit erschienene Text von Thomas Bernhard: ein Leserbrief in der "Salzkammergut-Zeitung" vom 12. Jänner 1989, in dem sich der Dichter für den Erhalt der Gmundner Straßenbahn einsetzte (Gmunden ist auch der Sitz des Thomas-Bernhard-Archivs: www.thomasbernhard.at, Anm.).

An Aktualität hat Bernhards Aufruf bis heute nichts eingebüßt. Denn der "kleinste Straßenbahnbetrieb der Welt" (Eigendefinition), immer wieder von der Einstellung bedroht, könnte endgültig vor dem Aus stehen, sollten sich die Politiker in der kleinen Stadtgemeinde am Traunsee nicht rechtzeitig besinnen. Und das just zu einem Zeitpunkt, da ihre Straßenbahn vom solitären Wahrzeichen zum ernst zu nehmenden Regionalverkehrsmittel aufsteigen könnte. Jahrhundertprojekt

"Die Stadtgemeinde Gmunden stimmt am 14. Februar über ein Jahrhundertprojekt ab." Das sagt der Verein "Pro Gmundner Straßenbahn", und so übertrieben ist das gar nicht. Nächste Woche werden wahrlich Weichen gestellt in der Bezirksstadt am Traunsee, denn der Gemeinderat entscheidet über die Zukunft der Gmundner Straßenbahn: Soll eine moderne StadtRegio-Tram daraus werden, oder bleibt alles beim Alten, was ihr sicheres Ende in absehbarer Zeit bedeuten würde?

Im vorigen Sommer lancierten die Bahnbetreiber eine große Sympathieoffensive für ihr Verkehrsmittel. Da nämlich feierte eine andere Bahn in unmittelbarer Nachbarschaft ihr 100-jähriges Bestehen: die Lokalbahn Gmunden-Vorchdorf, die 15 Kilometer lange "Traunseebahn". Schon zur Bauzeit hätte sie, ebenfalls Meterspur, mit der Straßenbahn verknüpft werden sollen. Gekommen ist es dazu bisher nicht.

Als die Gmundner Straßenbahn 1894 als eine der ersten elektrischen Bahnen in Österreich, noch vor jener in Wien, gebaut wurde, war nicht vorgesehen, sie zu einem internationalen Kuriosum, dem weltweit kleinsten Straßenbahnbetrieb, werden zu lassen. Sie sollte keineswegs bloß eine Verbindung zwischen dem etwas außer- und oberhalb der Stadt gelegenen Bahnhof und dem Stadtzentrum am See bleiben, mit einer Fahrzeit von zehn Minuten. Von Anfang an war ihre Verlängerung hinaus ins Voralpenland, nach Vorchdorf, geplant. Beide Strecken wurden gebaut, nur 700 Meter fehlen dazwischen - seit mehr als 100 Jahren.

Der Knackpunkt ist die bestehende Straßenbrücke über die Traun am unteren Ende des Sees. Sie müsste wegen der Gleise, aber auch aus Altersgründen ersetzt werden, und das kostet Geld. Jährlich benützen 300.000 Fahrgäste die Gmundner Straßenbahn. Bei einem Zusammenschluss mit der "Traunseebahn" wird mit einer Verdoppelung der Benutzerzahl auf beiden Linien gerechnet. Dann soll es einen 20-Minuten-Taktverkehr geben, der bei Bedarf auf zehn Minuten verdichtet werden könnte. Acht neue Straßenbahnen würden dafür 2015 in Betrieb genommen werden.

Der Betreiber von Straßenbahn und Lokalbahn, das Privatunternehmen Stern und Hafferl, vertraute auf die Gunst der Stunde, ließ in den vergangenen Monaten die Überlandlinie wie die Straßenbahnstrecke sanieren, deren acht Haltestellen für Niederflurfahrzeuge adaptieren und fuhr einige Wochen lang probeweise mit modernen Fahrzeugen durch die Stadt. Die Gmundner Straßenbahn ist mit 2,43 Kilometern Länge nicht nur die kürzeste Straßenbahnverbindung, sondern mit 100 Promille Steigung auch eine der steilsten Adhäsionsstrecken. Sie überwindet auf ihrer Fahrt einen Höhenunterschied von 60 Metern. Die neuen Fahrzeuge bewältigten die Steigung problemlos, die Fahrgäste waren begeistert.

Zwei solche Exemplare schlängeln sich derzeit auf der anderen Strecke durchs Alpenvorland bis nach Vorchdorf und geben einen Vorgeschmack auf das, was bald Alltag für Pendler und Schüler sein könnte: Die modernen Niederflurtriebwagen in Weinrot sind bis 2015 von den Innsbrucker Verkehrsbetrieben angemietet. Während der halbstündigen Fahrt ziehen Obstwiesen vorbei, moderne Siedlungen, neue Haltestellen aus Glas und Holz. Die Garnitur beschleunigt rasch auf Tempo 70, nichts erinnert an die spöttisch belächelten Schmalspurbahnen von einst, wo Romantik Bedarf ersetzte, und die noch über krumme Schienen polterten, statt, wie heute, auf verschweißtem Fahrweg dahinzugleiten.

Das 100-Jahr-Jubiläum der Lokalbahn war folglich mehr als nur ein Volksfest. In Vorchdorf war "großer Bahnhof", die hohe Politik angesagt. Landeshauptmann und Landesrat, alle Bürgermeister der Orte entlang der Strecke reisten im nostalgischen Triebwagen an. Verfrachtete man die an Dienstwagen gewohnten Politiker bei Festen nicht grundsätzlich in historische Bahngarnituren sondern in moderne Züge, fiele ihr Verständnis für den öffentlichen Verkehr aufgeschlossener aus.

Großer Bahnhof#

Doch an jenem Festtag waren sie ohnedies einer Meinung. Landeshauptmann Josef Pühringer (VP) gab sich überzeugt, Mittel und Zeitpläne zur Realisierung des Projekts zu finden. Verkehrslandesrat Reinhold Entholzer (SP), ein früherer Eisenbahner, fasste dies "als Auftrag vom Herrn Landeshauptmann auf, die Traunseebahn und die Straßenbahn zusammenzuführen". Zur "Wiener Zeitung" sagte er über den Plan: "Aus meiner Sicht schaut es gut aus." Schließlich habe selbst Finanzlandesrat Franz Hiesl (VP), der jahrzehntelang in Oberösterreich Güterwege eröffnet hatte, schon signalisiert, dass man sich der Realisierung des Bahn-Zusammenschlusses nicht verwehren werde. Entholzer nennt Kosten von 15 Millionen Euro plus 8 Millionen für die Erneuerung der Brücke, die sich Land und Stadt Gmunden im Verhältnis 80 zu 20 teilen würden.

Besonderes Interesse an einem Schienen-Verkehrsmittel bis ins Zentrum der Bezirksstadt Gmunden bekunden die Bürgermeister entlang der Lokalbahn: Hans Kronberger aus Kirchham etwa spricht das wirtschaftliche Potenzial der Bahn an: Die Siedlungsentwicklung entlang der Strecke werde in den Gemeinden bewusst gefördert. Und wenn der "Bratl-Zug" durchs Land fahre (Zugfahrt plus Einkehr bei Schweinsbraten und Bier), komme dies der örtlichen Gastronomie zugute.

Sein Amtskollege Franz Wampl aus Gschwandt verweist auf die steigenden Fahrgastzahlen, seit die Linie attraktiver gemacht worden ist. Für das Gemeindeoberhaupt von Vorchdorf, Gunter Schimpl, geht es um die Erreichbarkeit von Schulen, Ärzten, Sportanlagen und Behörden in der Bezirksstadt: "Die Vision hat vor 100 Jahren begonnen, die heutige Vision ist, den Bürgermeister von Gmunden mit der Bahn im Gmundner Rathaus zu besuchen", sagt er.

Doch obschon es der Gmundner Stadtchef Heinz Köppl bei der Feier in Vorchdorf begrüßte, "gemeinsam etwas zu bewegen" und sich grundsätzlich zum Projekt StadtRegio-Tram bekennt, dürfte es letztlich an der Stadtgemeinde liegen, dass trotz Einhelligkeit aller Beteiligten in der Sache bisher nichts vorangekommen ist.

Es ist etwas Eigenartiges um die Stadt am Traunsee: Gesegnet mit einer beneidenswerten Lage im Salzkammergut, gelingt es ihr nicht, mit ihren Pfunden zu wuchten. Jahrelang prägte sie durch die Fernsehserie "Schlosshotel Orth" - mit der Holzbrücke des Seeschlosses und den Schwänen im grünen Wasser - das Österreich-Bild des deutschsprachigen Fernsehpublikums, doch konnte sie offenbar nicht Kapital daraus schlagen und mutet selbst wie ein sterbender Schwan an.

Während das nicht weit entfernte Bad Ischl boomt, rennen die Fremden Gmunden keineswegs die Tüe ein. Im Stadtzen-trum stehen Geschäfte leer. "Einkaufende gehen lieber eben hinein", begründet Bürgermeister Köppl gegenüber der "Wiener Zeitung" die schwierige (Hang-)Lage für die Kaufleute. Doch die leeren Schaufenster, in denen Zettel mit Vermietungs- und Verkaufsangeboten kleben, befinden sich auch in prominenter Lage: da, wo es flach ist, direkt am See.

Investitionsbedarf#

Finden größere Veranstaltungen statt, müssten sich die Gäste Quartiere bis nach Salzburg hin suchen, weil Gmunden kaum Hotellerie anbieten könne, erzählen Anrainer der Traunsee-Metropole. In den letzten zehn Jahren sind die Übernachtungen in der Stadt von jährlich 200.000 auf 90.000 zurückgegangen. Beherbergungsbetriebe haben geschlossen - weil sie laut Bürgermeister mehr Platz benötigt hätten. Die Seilbahn auf den Grünberg steht seit Längerem still. Nun ist mit der Straßenbahn ein weiteres Alleinstellungsmerkmal Gmundens in Gefahr, obwohl gerade sie ein Motor für die darbende Kommune sein könnte.

Doch Bürgermeister Köppl sagt: "Die Trendwende haben wir." Das denkmalgeschützte Seebahnhofsgebäude war vor ein paar Jahren abgerissen worden, weil der regionale Baulöwe Asamer an dieser Stelle ein Hotel errichten will, auf das die Traunsee-Stadt schon sehnlich wartet. Noch immer fehlt der konkrete Bautermin. Auch eine Therme am See ist weiterhin nur Projekt.

Am 14. Februar wird also über die Zukunft der Gmundner Straßenbahn entschieden. Die Umsetzung der mehr als 100 Jahre alten Planungen scheint geboten, soll Gmunden in Zukunft nicht als Schilda dastehen. Denn die Straßenbahn ist mit gut 50 Jahre alten Triebwagen unterwegs, die zum Austausch anstehen. Sollte es nicht zum geplanten Zusammenschluss der beiden Bahnen kommen, wäre eine Neubeschaffung von Fahrzeugen für den städtischen Inselbetrieb nicht wirtschaftlich und hätte die Einstellung des österreichischen Unikats zur Folge. Und Gmunden, das ohnedies um Investitionen kämpft, wäre um eine Touristenattraktion ärmer.

Stefan May, geboren 1961, lebt als Jurist, Journalist und Autor in Berlin und Wien und schreibt regelmäßig Reportagen fürs "extra".

Wiener Zeitung (Sa./So. 9./10. Februar 2013)