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Öffentliches Obst zum Pflücken#

Nach Urban Gardening und bepflanzten Baumscheiben werden Obstbäume in der Öffentlichkeit interessanter#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 17./18. August 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Barbara Sorge


Ernten von Obstbäumen wirft auch Probleme in der Stadt auf.#

Öffentliche Ernteplätze

Wien. Es waren die Äpfel. Im Süden Deutschlands hingen sie an den Ufern eines Flusses so tief hinunter, dass sie fast in den Booten von Kai Gildhorn und seinen Freunden landeten. Die hatten sich zuvor im Supermarkt mit Äpfeln eingedeckt - aus Neuseeland. Aus dieser Erfahrung heraus - hier ungenutzte, heimische Obstbäume, dort aus der Ferne importierte Früchte - entstand die Idee, Obstbäume, die auf öffentlichen Flächen stehen, bekannt und Pflückern zugänglich zu machen. Seit Ende 2009 gibt es die Plattform mundraub.org, Ziel ist es, vergessene Obstbäume wiederzuentdecken und zu nutzen. Dabei ist es wichtig - und das ist auch in den Mundräuber-Regeln verankert -, dass keine Eigentumsrechte verletzt werden. Denn Streuobstwiesen können durchaus jemandem gehören. Sie sind - auch wenn sie nicht eingezäunt sind - kein Allgemeingut, und es ist Diebstahl, sich dort zu bedienen.

Auf mundraub.org sind die Nutzer gewissenhaft, es gibt kaum Anfragen, dass die in der Datenbank verzeichneten Bäume wieder gestrichen werden müssen, weil der Eigentümer keine Zustimmung zum Pflücken gegeben hat, erzählt Madeleine Zahn von mundraub.org. Insgesamt gibt es inzwischen rund 7500 registrierte Nutzer. Rund 400 Einträge finden sich auf der Karte im Bereich Österreich, in Wien sind es rund 150 Markierungen. Neben den Standorten findet man auch eine Beschreibung der Frucht sowie Tipps und Hinweise zur Verarbeitung. Auf der Karte vermerkt sind Fundorte für Obst, Nüsse, Beeren und Kräuter.

Bezug zur Saisonalität#

Ähnlich funktioniert Fruchtfliege. Diese Website bedient sich auch der Daten von der Stadt Wien. 1900 Einträge gibt es dort, geordnet nach den Früchten - man kann die Datenbank nach Äpfeln, Zwetschken, Ringlotten, Birnen, Walnüssen, Vogelkirschen, Kirschen, Marillen und Maulbeeren durchsuchen. Außerdem kann man abfragen, welche Früchte gerade reif sind (Reifemonat Mai bis November). Dadurch bekommt man auch wieder einen Bezug zur Saisonalität, ein weiterer Aspekt, der auch für Madeleine Zahn von mundraub.org wichtig ist.

Auf den Steinhofgründen könnten die Äpfel und die Zwetschken bald so weit sein, erzählt Hannes Lutterschmied, der Leiter der Forstverwaltung Lainz in der MA 49 (Forstamt), der für Lainz und auch die Steinhofgründe zuständig ist. Die 1600 Obstbäume, die es dort gibt, sind historisch gewachsen, wurden zu Therapiezwecken für die Patienten des Krankenhauses angelegt. Wer allerdings mit einem vollen Obstkorb vom Spaziergang in den Steinhofgründen zurückkommen will, muss sich beeilen: "Man muss schnell sein," sagt Lutterschmied, die Obstbäume sind in der Bevölkerung bekannt und beliebt.

Weniger bekannt ist anscheinend, dass das Pflücken von Obst oder auch Bärlauch am Wegesrand im Lainzer Tiergarten verboten ist. "Es gilt das absolute Wegegebot", erklärt Lutterschmied. Es gibt zwar Obstbäume entlang der Wege, da es aber ein striktes Naturschutzgebiet ist, darf man die Wege nicht verlassen. Auch Bärlauch Sammeln ist dadurch nicht erlaubt. Besucher des Tiergartens, die sich dennoch an den Früchten der Natur im Lainzer Tiergarten bedienen möchten, werden von der Verwaltung darauf hingewiesen, dass das zum Schutz für Tiere und Natur nicht erlaubt ist. Schon gar nicht darf man mit Holzstöcken die Bäume traktieren oder Äste abbrechen, wie Ines Lemberger eine Beobachtung schildert. Sie ist zuständig für Regionalentwicklung und nachhaltige Landwirtschaft betreffend Wein und Obstbäume im Biosphärenpark Wienerwald, der einige Bezirke Wiens und auch Umlandgemeinden umfasst. Lemberger kennt die andere Seite des Erntens.

Schutz und Pflege#

"Es ist ein heikles Thema", sagt sie. Im Biosphärenpark sind großkronige Obstbäume ökologisch wertvoll, sie dienen als Ansitzwarten für Vögel, alte Apfel-, Nuss- oder Kirschbäume bieten teilweise mit ihrem Totholz eine Vielzahl von Höhlen für seltene Vogelarten, aber auch für Säugetiere wie Fledermäuse oder Siebenschläfer. "Wenn ich den Landwirten oder Grundstücksbesitzern es verleide, Obstbäume zu pflanzen, weil sie eh nichts davon haben außer Arbeit, verliere ich, was Artenreichtum und Diversität angeht", erklärt Lemberger ihre Bedenken. Denn oft glauben Spaziergänger, dass Streuobstwiesen, die nicht eingezäunt sind, öffentlicher Raum wäre. Lemberger empfiehlt auch den Blick auf die beiden Plattformen. Beide weisen in ihren Regeln darauf hin, dass Eigentumsrechte nicht verletzt werden dürfen und dass im Einklang mit der Natur gehandelt werden soll. Es sei zu bedenken, dass Obstbäume viel Pflege brauchen, das tue sich keiner an, der nicht auch etwas davon haben möchte, ergänzt sie.

Wie betreuungsintensiv Obstbäume sind, weiß auch Joachim Chen vom Wiener Stadtgartenamt. Daher ist er vorsichtig, wenn es um den Wunsch nach Obstbäumen im öffentlichen Raum geht. Hier wird der Weg über Nachbarschaftsgärten gegangen. In diesem Umfeld gibt es auch die Möglichkeit, Obstbaumkulturen anzulegen. Diese werden teilweise auch finanziell gefördert. In diesem halböffentlichen Rahmen "gibt es einen Verein, da kümmert sich jemand darum und das ist das Um und Auf, denn Obstbäume brauchen Betreuung."

Den einen oder anderen "vergessenen" Baum im öffentlichen Umfeld gibt es aber, wie ein Blick auf "Mundraub" oder "Fruchtfliege" zeigt. Und wer immer schon mal einen Maulbeerbaum sehen wollte - die Früchte sollten im August reif sein und wie Brombeeren aussehen -, der stellt sich seinen nächsten Spaziergang mit Hilfe dieser Internet-Hilfen zusammen - und hält sich an die Fairness-Regeln.

Wiener Zeitung, Sa./So., 17./18. August 2013

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