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"Über alle Maßen hässlich"#

Das Wien Museum untersucht in seiner Sommerausstellung das "Meer der Wiener"#


Von der Wiener Zeitung (Donnerstag, 14. Juli 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Bernhard Baumgartner


Der Neusiedlersee als menschliches Konstrukt. Eine Kulisse für Weltgeschichte und Naherholungsort für die Wiener.#

Neusiedler See 1900
Als diese Correspondenzkarte 1900 erschien, galt der See als trübe Suppe, um die man einen großen Bogen machte.
Foto: © Burgenländ. Landesarchiv

Schilf, Wein und Störche. Wer den Neusiedlersee auf diese elementare Sicht reduziert, ist hier falsch. Aber wie ist er wirklich, dieser eiszeitliche Steppensee mit seiner marginalen Tiefe, deren Naturgewalt schon so mancher erst dann begriffen hat, als das Wasser deutlich über dem Hals stand? Ist er "über alle Maßen hässlich", wie es der Reisefeuilletonist Johann Nordmann 1864 angewidert beschrieb? Oder ein Naturjuwel von atemberaubender Schönheit, das es immerhin zum Nationalpark gebracht hat. Oder ist der See gar ein Sehnsuchtsort, ein auf österreichisches Gebiet verirrtes Stückchen Puszta, das der Schriftsteller Franz Werfel einst "Österreichs seltsamen Gast" nannte. Manch einer glaubte gar asiatische und afrikanische Anklänge zu erkennen, was etwa im politischen Schlachtruf "Serengeti darf nicht sterben" gipfelte.

Aber was davon ist Realität und was ist Konstrukt? Mit dieser spannenden Frage setzt sich das Wien Museum in seiner sommerlichen Ausstellung "Das Meer der Wiener" auseinander. Wie entstehen Bilder einer Landschaft in unserem Kopf? Was ist eingeimpfte Sehnsucht, was gedankliches Machwerk und was entspricht der Wirklichkeit. Und vor allem welcher Wirklichkeit?

Die Idee See#

Ein typisches Beispiel für diese konstruierte Realität ist der Begriff "Meer der Wiener", der noch immer als Selbstläufer durch die Sprache geistert. Tatsächlich ist das ein Slogan, den findige burgenländische Touristiker in den Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erfanden, um die Wiener an den See zu locken. "Meer der Wiener" war der Titel einer Werbeausstellung für den Neusiedlersee, die im Kaufhaus Gerngroß stattfand. Sie sollte Appetit auf das nahe Urlaubsgebiet machen, das damals mit einer Bahnfahrt von zwei Stunden (mit dreimal Umsteigen!) nicht so weit entfernt war wie so manch anderer Ort der Sommerfrische. Passenderweise nennt das Wien Museum seine leider vom Umfang her etwas bescheiden ausgefallene Ausstellung heute genauso.

Tatsächlich ist der Neusiedlersee selbst ein Stück weit ein Konstrukt, das es ohne menschlichen Eingriff so nicht gäbe. Immerhin schwankten die natürlichen Wasserstände noch im 19. Jahrhundert so stark, dass der See in mehreren Jahren sogar gänzlich austrocknete. Erst durch einen 1910 eröffneten Kanal konnte in die Pegelstände eingegriffen werden, seit den 60er Jahren wird die Wasserhöhe annähernd konstant gehalten. Aber auch der heute für den See als typisch angesehene Schilfgürtel ist nicht einer Laune der Natur zu verdanken, sondern eher Nährstoffeinträgen durch Landwirtschaft und Niedrigwasser geschuldet. Da passt es doch, dass selbst das bekannte Bildmotiv mit Schilfhäuschen und Ziehbrunnen, das sich als "typisch" für die Gegend eingeprägt hat, so praktisch nicht existiert. Denn die Schilfhütten kamen erst mit dem Weinbau, der sich immer näher an den See heranpirschte und schließlich die Weideflächen mit ihren Brunnen verdrängte. Doch die Geschichte des Sees ist auch ein Stück weit Geschichte Österreichs, begonnen damit, dass der See durch den Ausgleich mit Ungarn zum Teil in Österreich landete. Gleich mehrmals wurde an diesem See Weltgeschichte geschrieben. Etwa als 1956 über eine kleine landwirtschaftliche Behelfsbrücke bei Andau 70.000 Ungarn im Zuge der Niederschlagung des Volksaufstandes nach Österreich flüchteten. Die Brücke wurde schließlich von Soldaten gesprengt - erst 1996 erstand sie unter den Rahmenbedingungen eines vereinten Europas wieder. Auch 1989 blickte die Welt an die Gestade des Sees, als das sogenannte "Paneuropa-Picknick", das an beiden Seiten des Eisernen Vorhanges stattfinden sollte, hunderten in Ungarn festsitzenden DDR-Bürgern zur Flucht in den Westen verhalf - wenige Wochen danach fiel der Vorhang.

Politischer Zankapfel#

Der Drahtschneider, mit dem Alois Mock und sein ungarischer Außenministerkollege Gyula Horn damals den Eisernen Vorhang durchschnitten, ist auch in der Ausstellung zu sehen - sowie ein T-Shirt vom Paneuropa-Picknick. Auch das Bild, das damals um die Welt ging und zum Symbol des "wind of change" wurde, war freilich eine Konstruktion für die Weltpresse - schließlich wurde der Vorhang schon vor dem mediengerechten Fototermin im großen Stil von Soldaten demontiert. Auch zum politischen Zankapfel wurde der See, etwa als 1971 der burgenländische Landtag beschloss, eine Brücke möge St. Margarethen und Illmitz verbinden. Was verkehrspolitisch sinnvoll schien, wurde ökopolitisch zum Fiasko. Der Aufschrei war enorm, wie Relikte in der Schau zeigen. Nicht nur die "Krone" rief zur Kampagne gegen die Barbarei wider die Natur. 200.000 Unterschriften später war eine schmollende Landesregierung um ein verfrühtes politisches Hainburg und die Einsicht reicher, dass die Ökobewegung stärker war als sie.

Nicht nur Maler wie Gottfried Kumpf mit seinem "Löffler über der Langen Lacke" oder Johann Christoph Brand setzten dem See künstlerische Denkmäler. Auch Otto Mühl, mit seiner umstrittenen Kommune quasi Nachbar, widmete der Salzlacke einige kräftige, großflächige Gemälde. Wobei Kumpfs "Asozialer", die Figur, die in fast allen Gemälden abseits vorkommt, zum burgenländischen Archetyp wurde.

Das Wien Museum hat den Versuch unternommen, die "Idee See" von allen Seiten zu beleuchten, was über weite Strecke als gelungen angesehen werden darf. Freilich nur, wenn man sich trotz sommerlicher Temperaturen Zeit lässt, sich auf die vielschichtigen Gedanken von Kurator Sándor Békési einzulassen. Es lohnt sich.

www.wienmuseum.at

Wiener Zeitung, Donnerstag, 14. Juli 2011