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Wie ein Lauffeuer um die Welt#

Mit Zündhölzern reüssierte A. M. Pollak international.#


Von der Wiener Zeitung, (Freitag, 5. September 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Manfred Bermann und Josef Andersch


A. M. Pollak und seine Wiener Fabrik (um 1870)
"Stammvater des Zündhölzchenwesens" A. M. Pollak und seine Wiener Fabrik (um 1870).© Technisches Museum Wien (ob.)/Wien Museum

Als der Geologe Dr. Ferdinand Hochstetter an Bord der 1857 gestarteten "Novara" nach Neuseeland kam, fand er - sehr erstaunt - bei den indigenen Stämmen Zündwaren der österreichischen Marke Pollak. Wie waren diese Produkte bis ans Ende der Welt gelangt? Und wie war dieser Fabrikant zum damals bedeutendsten Zündwarenhändler der Erde geworden?

A(a)ron (manchmal später auch Adolf) Moses Pollak wurde am 15. (fälschlich öfters 18.) Mai 1817 im Dörfchen Wscheraditz (Všeradice) in Böhmen, ca. 40km südwestlich von Prag, geboren. Er war ab 1834 Handelsangestellter in Wien und dürfte um diese Zeit den rasanten Bedarf an Streichhölzern und deren florierenden Vertrieb, hauptsächlich jener Produkte des österreichischen Pioniers Stephan Rómer [vgl. Essay: Als den Wienern ein Licht aufging], bemerkt haben.

Ab 1836 war er bereits Inhaber einer kleinen Siegellackerzeugung, das entsprechende Privileg wurde 1839 erteilt und damit war eine auf zwei Jahre befristete Aufenthaltsgenehmigung in Wien verbunden. Einer der damaligen Konkurrenten Rómers, nämlich dessen ehemaliger Mitarbeiter Johann Preshel, stellte ab 1832 ebenfalls "Zündwaaren" her. Er bekam mit seinem damaligen Partner Johann Kreutz 1838 ein Privilegium, "Friktionsfeuerzeuge" zu produzieren. Dies war eine gängige Bezeichnung für Reibstreichhölzer, wobei noch der giftige weiße Phosphor verwendet wurde.

Nach der Trennung von Kreutz beantragten die nunmehrigen Partner Pollak und Preshel erstmals die Protokollierung als "öffentliche" Gesellschaft zur Produktion u.a. von Zündhölzern, was 1842 gewährt wurde. Pollak übernahm mit einer Einlage von 13.000 Gulden "Einkauf, Buchführung und das ganze Mercantilische Fach", Preshel ohne Geldeinlage das "Fabrikswesen".

Als 1846 der Vertrag gelöst wurde, wusste Pollak schon sehr gut, wie man Zündhölzer erzeugt, Preshel jedoch nicht, wie ein Betrieb zu führen ist. Pollak erkannte auch, dass in Wien einer größeren Erzeugung Schranken gesetzt waren, u.a. wegen der Feuergefährlichkeit der Produkte sowie der nötigen Holzbereitstellung, und errichtete daher auch Anlagen in Budweis und Schörfling am Attersee.

Etikett aus dem Hause Pollak (1855)
Etikett aus dem Hause Pollak (1855).
© Foto/Archiv: Josef Andersch

Globale Expansion#

Am Anfang musste v.a. die qualitätsvolle Produktion sichergestellt werden. Später, nach Erschließung des Heimmarktes (im Wesentlichen die Monarchie), wurden ausländische Märkte ins Visier genommen. Eigene Vertriebsniederlassungen wurden gegründet: 1846 London, 1847 New York, 1850 Sydney. Weiterer Export erfolgte ab 1849 nach Kalifornien und es kam zur Errichtung von Kommissionslagern auf St. Thomas Island, in Havanna, Valparaiso, Buenos Aires, Rio de Janeiro (alle 1851), 1858 in China (Hongkong, Guangzhou/Kanton, Shanghai), 1859 in Japan (Yokohama), sowie 1860 für Russland (Import in das "ganze Zarenreich").

Die weitere Expansion in der Produktion wurde, neben den Erzeugungen in Wien (ab 1846), Budweis (ab 1847) und Schörfling (1850, geschlossen 1856), mit dem Aufkauf verschiedener Konkurrenten bzw. wechselnden Beteiligungen bewerkstelligt, u.a. Neuburg & Pollak in Nahoschitz/Nahošice in Mähren (ab 1868) bzw. Prag-Smichov (1856-1873) sowie Pollak & E(c)kstein in Brennporitschen/Mähren (1876-1893). Es war somit eines der ersten österreichischen Handelsimperien mit heute unscheinbaren Alltagsprodukten entstanden.

Bunt und parfümiert#

Pollak führte wesentliche Verbesserungen ein: 1847 kamen seine Zündhölzer mit bunten Köpfchen auf den Markt. Dies sprach, mit den phantasievoll gestalteten Runddosen, hauptsächlich Käufer aus dem Mittleren Osten an. Außerdem gab es bald solche mit parfümierten Köpfchen, welche beim Anreiben keinen Schwefeldioxidgeruch mehr abgaben (Damen- u. Salonhölzer). Für Raucher wurden spezielle papierene "Cigarren-Zünder" entworfen. Daneben führte er die heute übliche Form der Zündholzschachtel (Schiebeschachtel mit seitlichen Reibeflächen) ein. Sein kommerzielles Gespür sagte ihm, dass Etiketten in mehreren Sprachen für den Export wichtig waren.

Pollaks Bleaml’n (1860/1873) und 'Feuerzeug' in der Runddose
Pollaks Bleaml’n (1860/1873) steckte man als Anzünder vorne in die Zigarre (l.); "Feuerzeug" in der Runddose (r., ab ca. 1850).
© Fotos/Archiv: Manfred Bermann

Ehrungen blieben nicht aus: diverse Medaillen, Teilnahme an den Weltausstellungen 1851 und 1862 (London), 1855 (Paris) mit der Goldmedaille, 1873 (Wien) mit der Großen Gedenkmünze. Die Firma exportierte in alle Welt, oftmals im Wert von weit über 2 Mio. Gulden (heutiger Gegenwert wohl über 20 Mio. ) pro Jahr. Dies führte 1858 zur Verleihung des Goldenen Verdienstkreuzes mit der Krone durch Kaiser Franz Joseph mit dem Recht, den kaiserlichen Adler im Schild und Siegel seiner nunmehr "k.k. privilegierten Siegellack-, Seifen- und Zündhölzchen-Fabrik" zu führen. Per 1. Februar 1869 wurde Pollak in den Ritterstand ("von Rudin") erhoben. Im Katalog der Wiener Weltausstellung 1873 nannte man ihn "Stammvater des Zündhölzchenwesens".

Durch den kaufmännischen Erfolg reich geworden, betätigte er sich auch als Philanthrop: Er schuf Schulbuchstiftungen in den Standorten der Werke und in seinem Geburtsort. Zur Geburt des Thronfolgers Rudolf 1858 begründete er mit 160.000 Gulden das Stiftungshaus Rudolphinum mit Plätzen für 75 Studenten der Studienrichtungen Chemie und Physik, ein heute noch existierendes Studentenheim im 4. Wiener Bezirk.

Zenit und Niedergang#

Die nächste innerhalb der Monarchie aufkommende Zündholzfabrik war, nebst den schon lange bestehenden Fabriken von B. Fürth und A. Scheinost (beide in Schüttenhofen/Sušice, Böhmerwald), jene von Florian Pojatzi in Deutschlandsberg, welche lokal und ab ca. 1870 im Export mitmischte. Pollak konnte seine Stellung wegen seiner nach wie vor hohen Qualität einigermaßen halten, aber die Expansion war vorbei. Am Weltmarkt wurden damals die schwedischen Erzeugnisse vorherrschend, besonders jene mit den nur mehr wenig teureren Sicherheitszündern (mit dem ungiftigen roten Phosphor auf der Reibfläche). Obwohl auch Pollak die teilweise Umstellung auf Sicherheitszündhölzer durchführte, wurde der Vertrieb immer schwieriger. Überdies erschwerte die zunehmende protektionistische Handelspolitik vieler Abnehmerländer den Export; so verhängte die US-amerikanische Regierung ab 1870 auf Zündwaren eine Taxe von 300% des Warenwertes bei der Einfuhr. Des Weiteren setzte die Blockade von Valparaiso ab 1865 (spanisch-südamerikanischer Krieg) sowie der Totalverlust des Zolldepots beim Beschuss der Stadt am 31. März 1866 der Firma Pollak enorm zu.

A. M. Pollak starb am 1. Juni 1884 in Baden bei Wien. Todesanzeigen wurden in der "Neuen Freien Presse" sowie der "Wiener Zeitung" am 4. Juni abgedruckt, der Nekrolog am 3. Juni ("NFP"). Sein Sohn Alfred musste das Unternehmen 1889 wegen der übermächtigen Konkurrenz schließen. Es bleibt die Erinnerung an den größten weltumspannenden Zündholzvertrieb im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts.

DI DDr. Manfred Bermann ist Chemiker und Arzt für Allgemeinmedizin in Wien.

Josef Andersch war in seinem Berufsleben Reprotechniker in Wien.

Wiener Zeitung, Freitag, 5. September 2014

--> Als den Wienern ein Licht aufging (Essay)