unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Acht Millimeter Seele#

Alte Super-8-Filme konservierten Millionen Familiengeschichten - bis heute ist das Schmalfilmformat lebendig#


Von der Wiener Zeitung (Mittwoch, 3. August 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Matthias Greuling


Generationen von Menschen hielten ihr Umfeld auf Super 8 fest. Das Filmformat konnte die "Seele einfangen". Im Kino feiert "Super 8" das Schmalfilmformat.#

Badespaß, gefilmt auf Super 8.
Badespaß, gefilmt auf Super 8. Das Filmformat prägte die Ästhetik von Familienerinnerungen.
Foto: © Lars Langemeier/A.B./Corbis

Die kleinen, tanzenden Staubfäden zwischen Filmbühne und Projektionsoptik hatten schon ihren Charme. Noch viel mehr allerdings die in lupenreiner Technicolor-Ästhetik vorgezeigten Familienbilder von früher: eine Vorführung der Kindheitserinnerungen in schillernden Farben, mit feinem Korn, außergewöhnlich scharf und farbintensiv. Das Super-8-Filmformat hat jahrzehntelang die Familiengeschichten mehrerer Generationen haltbar gemacht. Konserviert auf einem Schmalfilmmaterial, das - bei richtiger Lagerung - auch hundert Jahre und länger aussieht, als wäre es gestern aufgenommen worden. Wer kann das schon von seiner VHS-Kassettensammlung aus den 1990ern behaupten? Wobei es nicht ganz richtig ist, das Super 8 immer aussieht, als wäre es gestern aufgenommen worden. Das gilt nur technisch gesehen, nicht aber ästhetisch: Denn selbst ein heute belichteter Super-8-Film sieht bei der Projektion verdächtig nach den 70er Jahren aus, was daran liegen mag, dass wir in unserer Medienrezeption dem Schmalfilm diese Zeit unterbewusst zugeordnet haben. In Zeiten der kühlen, ultrascharfen High-Defintion-Videokameras sieht Super 8 eben automatisch retro aus.

Die Emotion der Kindheit und eines Sommers wie damals#

Damit spielt auch der neue Film von J.J. Abrams, der ab 5. August in den Kinos zu sehen ist. Er hat diesen Blockbuster "Super 8" getauft, nach dem Filmformat; denn obwohl es in dem Film um ein entflohenes Alien geht, das Ende der 70er Jahre eine Kleinstadt und deren Menschen bedroht, ist der eigentliche Zweck dieser Arbeit, das Gefühl der Kindheit und den Charme eines Sommers wie damals entstehen zu lassen. Abrams imitiert hier Steven Spielberg, vor allem dessen Filme "E.T." und "Die unheimliche Begegnung der Dritten Art". Spielberg, nicht zufällig auch Produzent von "Super 8", hat mit Abrams die Leidenschaft für den Schmalfilm gemein; beide drehten in ihrer Jugend kurze Super-8-Filme mit Spielhandlung, weshalb sie nun von einer Gruppe von Teenagern erzählen, die es ihnen gleichtut und dabei zufällig das entflohene Alien auf die Filmrolle bannen. In der Ästhetik der Familienfilme von früher. Eine schöne Reminiszenz an das trashige Kino der 70er Jahre, in denen grobkörnige Bilder allzu oft den Charme des Schmalfilms reproduzierten. Der Retro-Look in "Super 8" bringt das samtene Flair des Heimkinos, wie es heute nicht mehr existiert, zurück. Mit Erfolg: "Super 8" stieg in den US-Kinocharts auf Platz eins ein.

Schmalfilme gab es für den Amateurmarkt bereits, als das Kino geboren wurde. So richtig massentauglich wurde das Filmen aber erst, als Kodak 1964 das Super-8-Format einführte: eine 15 Meter lange Filmrolle für zweieinhalb Minuten Film in einer lichtdichten Kassette, die man bei Tageslicht in die Kamera einsetzen konnte. Das umständliche Fummeln mit dem Rohfilm früherer Tage in vollkommener Dunkelheit fiel plötzlich weg und demokratisierte die Filmerei. Allein in Deutschland wurden 1980 rund 20 Millionen solcher Filmkassetten verkauft. Ab Mitte der 70er Jahre gab es Super 8 sogar mit einer Magnet-Tonspur. Die bisher stummen Familienaufnahmen wurden noch lebendiger, jedoch: Weil Bild und Ton an unterschiedlichen Stellen des Materials aufgezeichnet wurden, konnte man den Film nicht wirklich schneiden. Das tat dem Boom aber keinen Abbruch: Millionen Amateurfilmer verbrachten unzählige Stunden, das selbstgedrehte Material mit der Klebepresse in mühevoller Kleinarbeit zu schneiden - alles nur, um die perfekte Familienerinnerung zu schaffen. Eine Hauptrolle dabei spielte der legendäre Kodachrome 40 (K-40), ein Filmmaterial, das Kodak seit Mitte der 30er Jahre in unveränderter Form anbot. Der K-40 war mehr als bloß ein Film. Er war eine Legende der Leidenschaft für Film als Material. Der Vorteil dieses Umkehrmaterials lag in seiner unglaublichen Schärfe und in der überaus natürlichen Farbwiedergabe, vor allem bei Hauttönen.

Der Kodachrome 40 wurde sogar besungen#

Die feinkörnige Emulsionsstruktur wurde von der Konkurrenz und auch von anderen Kodak-Filmen über 50 Jahre lang nicht erreicht. Die Filmbilder des K-40 besaßen eine einzigartige Farbgebung und prägten Jahrzehnte lang nicht nur den Look der Amateurfotografie, sondern hatten auch großen Einfluss auf die Farbfotografie im Allgemeinen. So großen, dass ihnen Paul Simon 1973 sogar sein Lied "Kodachrome" widmete, in dem er in von Kodachrome-Filmen geprägten Jugenderinnerungen schwelgt.

Durch den speziellen Entwicklungsprozess K-14 konnte nur Kodak selbst den K-40 entwickeln. Ende 2010 wurde die Entwicklung eingestellt. Der Maschinenpark dafür war heillos überaltert und die digitale Fotografie längst auf dem Vormarsch. Kodak machte sich die Entscheidung nicht leicht, vor allem, weil der Film-Hersteller damit eine Produkt-Ikone mit einer reichen Geschichte aufgab. Es war vielleicht der wichtigste Film, den Kodak jemals hergestellt hat. Seine Einstellung kam damit auch irgendwie einem Eingeständnis gleich, den Kampf gegen das digitale Bild endgültig verloren zu haben.

In 'Super 8' gefilmt
In "Super 8" drehen Teenager einen Film im Retro-Look.
Foto: © Paramount

Puristen haben dennoch weiterhin die Möglichkeit, auf Super 8 zu filmen. Kodak bietet noch vier verschiedene Filmtypen an, und die Firma Pro8mm erwirbt die vorhandenen Kinomaterialien von Kodak in 35mm und zerschneidet sie zu 8mm-Streifen, mit denen sie die Filmkassetten befüllt. So stehen 17 verschiedene Filmtypen in Super 8 zur Verfügung. "Noch nie zuvor existierte eine derartig große Auswahl an Super-8-Filmmaterial. Soviel zu den Paradoxien der Nischenexistenz", meint der österreichische Avantgarde-Filmemacher Peter Tscherkassky, der viel mit Super 8 arbeitete. Der unvergleichlichen Look des Schmalfilms wird bis heute von Videoclip-Regisseuren und Avantgarde-Filmern geschätzt, auch von Künstlerin Lisl Ponger: "Die Körnigkeit und Materialität des Filmmaterials - Kratzer und Staub, auch wenn nicht gewünscht - waren besonders gut auf Kadervergrößerungen zu sehen, wo nur mehr das Korn scharf war, in seine Grundfarben zerfiel, das Bild zu einer Mischung aus Fotografie, filmischer Bewegung und Perspektive wurde."

Super 8 brachte das Gefühl, etwas Persönliches zu sehen#

Genau diese Mischung machte den ästhetischen Reiz dieser Filmbilder aus. Beim Betrachten hat der Zuschauer das Gefühl, etwas Persönliches zu sehen. Durch die Projektion des Films auf eine Leinwand wird das Bekannte zusätzlich auf Überlebensgröße aufgeblasen - auf echtem Film, nicht als digitales Bild. Viele junge Menschen entdecken heute diesen Charme der Bilderwelt neu: Weltweit existieren etliche Super-8-Filmfestivals, in Deutschland etwa erscheint nach wie vor das Magazin "schmalfilm", und eine Gruppe von Filmliebhabern schwärmt auf der Website www.super8film.tv über die Vorzüge des Formats.

Dank seiner Körnigkeit gelingt das Einfangen der Seele der gefilmten Objekte, sind sich viele Filmer sicher. Deshalb haben die alten Familienaufnahmen auch den Charme des Unvollkommenen, des Emotionalen, des verklärenden Blicks in die eigene Vergangenheit. Es ist die Ästhetik des Unperfekten, die das eigene, ebenso unperfekte Leben so realistisch einfangen konnte. Hinzu kommt eine Art Selbstreflexion: Es sind diese Bilder vom Gartenfest, in denen wir als Kleinkinder vor der Kamera am Boden mit dem Essen spielen, die uns bis heute suggerieren, es wäre dies unser eigener Blick auf uns selbst.

Wiener Zeitung, Mittwoch, 3. August 2011


Genialer Titel, hochinteressant.....; S 8 sollte reanimiert werden..

-- Glaubauf Karl, Donnerstag, 1. September 2011, 10:16