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Ein dunkles Wiener Kapitel#

Die "Wiener Zeitung" hat einen Alkoholabhängigen bei seinem Kampf mit der Volksdroge begleitet. Alkohol gehört in der Stadt noch immer zum guten Ton.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 5./6. Dezember 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Matthias Winterer


Alkoholismus, Symbolbild
© Wiener Zeitung/Moritz Ziegler

Wien. "Die Leber ist vergrößert, abgerundet, teilweise wellig konturiert, diffus vergröbertes Strukturmuster und zirrhosetypische Gefäßzeichnung sichtbar. Die Milz mit 121 mm grenzwertig groß. Die Gallenblase ist postprandial kontrahiert, nicht beurteilbar. Das Pankreas durch Meteorismus bzw. durch Mageninhalt hochgradig überlagert, in den einsehbaren Abschnitten verbreitert, echoarm."

"Klingt so ziemlich nach Totalschaden." Mit zittrigen Händen legt Harald den Arztbefund auf den Küchentisch. Schon ewig gehegte Befürchtungen haben sich soeben in Form einer kühlen, ärztlichen Analyse als fatale Realität bestätigt. Eine Realität, die in Österreich kein Einzelfall ist.

Alkohol ist immer und überall verfügbar. Kinder trinken stolz den Schaum von Papas Bier, Jugendliche besaufen sich immer früher mit komatösen Mengen an Alkopops, der erste Rausch ist eine Art Ritual. Menschen, die keinen Alkohol trinken werden von der Allgemeinheit als langweilig und suspekt angesehen. Vor allem in der Vorweihnachtszeit gehört der eine oder andere Punsch, Glühwein oder Schnaps bereits am Vormittag zum guten Ton. Der Rausch als täglicher Begleiter.

Doch über die Schattenseiten des fröhlichen Dahinsaufens wird geschwiegen. Dabei kann es jeden treffen. Die Sucht nach Alkohol ist nicht nur Labilen und Depressiven vorbehalten. Laut Sucht- und Drogenkoordination Wien trinken über 14 Prozent der österreichischen Bevölkerung ab dem 16. Lebensjahr riskante Mengen an Alkohol, bis zu fünf Prozent gelten als alkoholabhängig. In Wien sind das immerhin 35.000 bis 75.000 Menschen. Die Datenlage sei aber extrem schlecht, die Dunkelziffer kaum abschätzbar.

Trotzdem ist die Gefahr nur wenigen bewusst. Auch Haralds Vater kann es kaum glauben, als er den Arztbefund seines Sohnes in den Händen hält. Immer wieder überfliegt er mit Tränen in den Augen das Stück Papier. Die Stille ist keine peinlich berührte, sondern ein zutiefst geschockter Zustand. Die Wanduhr tickt aufdringlich laut. "Wenn ich so weiter saufe, bin ich in ein paar Monaten tot - spätestens. Und das mit dreißig", sagt Harald.

Das war vor vier Jahren. Genauso weitergetrunken hat er nicht. Getrunken trotzdem. Im Moment liegt Harald auf der Station 4C, der psychischen Intensivstation des allgemeinen Krankenhauses Wien (AKH). Psychiatrische Intensivstation bedeutet häufig Endstation. Der kleine, wie der Hochsicherheitstrakt einer Strafanstalt abgeschottete, Teilbereich der psychiatrischen Universitätsklinik bietet höchstens für zehn Patienten Platz.

Besucher müssen sich beim Eingang einen grünen Plastikkittel über die Kleidung werfen. Am Gang ist leises Wimmern zu hören, durchbrochen von panischen Schreien. Es riecht nach scharfem Desinfektionsmittel. Harald ist im Zuge seines vierten Entzuges hierher verlegt worden. Denn nach dreitägigem Krankenhausaufenthalt fiel er ins sogenannte Delir, eine bekannte, wenn auch eher seltene, körperliche Reaktion auf den plötzlichen Entzug von Alkohol. Ein Delirium tremens tritt bei etwa fünf Prozent aller alkoholabhängigen Personen auf. Unbehandelt führt es bei 25 Prozent zum Tod. Das Delirium ist mit einer Vielzahl qualvoller Zustände verbunden. In Haralds Fall verlor er langsam völlig den Bezug zur Wirklichkeit. Er war orientierungslos, hörte Stimmen, sein Körper verkrampfte sich, er sah Hunderte Käfer über den Boden kriechen, schlug wild um sich, bis er schließlich ans Bett geschnallt und mit sedierenden Medikamenten vollgepumpt wurde. Die Angstzustände dauerten, bei nicht abnehmender Intensität, drei volle Tage.

Danach beruhigte sich sein Zustand langsam und nun liegt er hier und grinst seinen Vater an. Die Stimme ist leise, der Geist langsam aber wach. Er wirkt zuversichtlich. Sie reden über die Zukunft, eine Zukunft ohne Alkohol und Depressionen, über das bevorstehende Jahr. Alles soll besser werden, alles wird gut, sagen sie sich. Die Zeichen stehen auf Neubeginn. Ein kompletter Reboot des Körpers und des Lebens. Er spricht sogar davon, sich einen Job zu suchen.

Rückfallquote von über 90 Prozent#

Die Chance, dass Harald nie wieder Alkohol trinken wird, ist - statistische gesehen - allerdings äußerst gering. Denn die Rückfallquote bei Alkoholabhängigen liegt in Österreich ohne regelmäßige, weiterführende ambulante Behandlung bei rund 90 Prozent.

Harald weiß das. Schon viermal war er Teil dieses Prozentsatzes. Schon viermal landete er in der Entzugsstation des AKH Wien. Man kennt und grüßt ihn. Hier wird die Masse der Suchtkranken regelrecht abgefertigt. Betten stehen nie lange leer, ganz im Gegenteil, sie sind noch warm vom Patienten davor.

Das Betreuungsangebot der Stadt kann mit der hohen Anzahl von alkoholkranken Wienern nicht mithalten. "Das Leistungsangebot entspricht nur sehr bedingt den Bedürfnissen der Betroffenen", steht im Konzept von "Alkohol 2020" der Sucht- und Drogenkoordination Wien. Ambulanzen seien kaum entwickelt und würden fast ausschließlich der Vor- und Nachbetreuung einer stationären Behandlung dienen. Daher würden derzeit in Wien nur sechs Prozent der betroffenen über qualifizierte Betreuungsangebote erreicht werden. Die Betreuungssituation für alkoholkranke Menschen stelle sich etwa so dar, wie die Situation für Abhängige von illegalen Substanzen vor mehr als zwei Jahrzehnten. Das Pilotmodell "Alkohol 2020" versucht nun ein integriertes System von Betreuungsangeboten in Wien aufzubauen.

Ohne weiterführende Therapie ist der Entzug sinnlos#

Zurzeit bleibt ein Entzug oft die einzige gesetzte Maßnahme gegen die Alkoholkrankheit. Für Michael Musalek, Leiter des Anton Proksch Instituts in Kalksburg bei Wien, der größten Suchtklinik Europas, ist dies sinnlos. "Der Entzug sollte der Einstieg in die Behandlung sein. Ohne weiterführende Therapie bringt er so gut wie nichts. Das ist wie in ein Besuch in der Oper, bei dem man im Foyer umkehrt", sagt Musalek.

Auch Harald wurde nach seinem ersten Entzug im AKH nach zehn Tagen mit dem Worten "Sie schaffen das schon im Alltag" entlassen. Von der Möglichkeit einer therapiegestützten psychischen Entwöhnung wurde er nicht einmal in Kenntnis gesetzt. Ihm blieb im Grunde keine andere Wahl, als in sein altes Schema zurück zu fallen. Also saß der Früh-Pensionist wieder allein in seiner Wohnung - die Jalousien heruntergezogen - und starrte apathisch in den Fernseher. Es war nur eine Frage der Zeit bis er wieder zur Flasche griff.

Aber wie konnte es überhaupt so weit kommen? Haralds Weg in die Abhängigkeit begann schon in seiner Kindheit. Wie bei vielen Suchtgiftabhängigen war auch bei ihm ein Elternteil alkoholabhängig. Genetische Faktoren erklären seine Abhängigkeit aber nur zum Teil. Wichtiger sei die soziale Komponente in einer Familie mit Abhängigen. "Das Aufwachsen mit Suchtkranken stellt eine erhebliche psychische Belastung dar, die nicht selten wiederum in eine Sucht führt", erklärt Michael Musalek. Schon im Alter von 15 Jahren wurden bei Harald Depressionen diagnostiziert. "Das Vorliegen einer Depression erhöht das Risiko einer Alkoholkrankheit um das mindestens Zwei- bis Dreifache. Umgekehrt leiden bis zu 75 Prozent der Alkoholkranken unter depressiven Stimmungen", sagt Musalek. Suchtkranke würden also oft doppelt leiden. "Sie geraten in einen regelrechten Teufelskreis. Depressionen können Alkoholismus auslösen. Dieser führt wiederum zu depressiven Stimmungen, Belastungsstörungen und Angstzustände, die viele Patienten mittels Alkohol zu lindern versuchen."

Wie die meisten Jugendlichen in Österreich begann Harald mit 16 Jahren regelmäßig Bier zu trinken. Erst nur an den Wochenenden, später fast täglich. Er konsumierte keine Unmengen, sondern eher die obligatorischen ein, zwei Getränke abends mit Freunden in Bars - nicht unüblich für junge Erwachsene um die zwanzig. "Es war eine gute Zeit. Kein stumpfsinniges Komasaufen, sondern eher inspirierendes Trinken. Wir haben viel gelesen und darüber diskutiert", sagt er heute.

Doch die Probleme des Alltags schienen bei ihm doppelt zu wiegen. Scheiterte etwa eine Beziehung vegetierte er Monate dahin, litt wie ein Todkranker und trank - immer öfter auch allein in seiner Wohnung und in totaler Verweigerung der Realität. Aufgrund seiner Depressionen wurde ihm vom Amtsarzt im Alter von 25 Jahren Arbeitsunfähigkeit beschieden. Er erhielt eine Pension, von der er problemlos leben konnte. Mit seiner plötzlichen Freizeit konnte er jedoch nicht umgehen.

Harald verbrachte seine Tage daheim vorm Computer, trank Bier und vertrieb sich die Zeit mit Onlinespielen und Fernsehen. Zu diesem Zeitpunkt setzte die Sucht ein. "Wenn Menschen über einen längeren Zeitraum zu viel trinken, ist das Risiko relativ hoch, dass es über kurz oder lang zu einem Kontrollverlust kommt. Sie können nicht mehr steuern, wann und vor allem wieviel sie trinken", sagt Musalek. Wenn Harald am Abend Freunde traf, war er meist schon vorher betrunken. Die Gespräche wurden stumpfsinniger. Er fing auch an zu lügen, um seine Sucht zu verbergen. Freundschaften brachen weg. Seine Anwesenheit wurde nicht mehr als angenehm, sondern vielmehr als störend empfunden.

Gefangen in der endlosen Bier-Schlaf-Schleife#

In Österreich gelten Frauen die über 40 Gramm und Männer die über 60 Gramm reinen Alkohol pro Tag trinken als stark suchtgefährdet. Das sind bei Männern drei halbe Liter Bier oder drei Viertel Wein. Bei Frauen sind es zwei halbe Liter Bier sowie zwei Viertel Wein.

In den Monaten bevor Haralds Körper schlapp machte, trank er täglich an die zwanzig Flaschen Bier. Die ersten sechs sofort nach dem Aufstehen. Dann legte er sich wieder ins Bett um danach genauso weiter zu machen. Er verlor den Rhythmus für Tag und Nacht. Sein Leben bestand aus einer endlosen Bier-Schlaf-Schleife. Schließlich rebellierte sein Magen. Weinend vor Schmerzen rief er seinen Vater an. Sein Zustand trotzte jeder Beschreibung. Aufgrund der Mangelernährung war sein aufgedunsenes Gesicht mit einem pickeligen Ausschlag überzogen. Die Wohnung stank erbärmlich nach Bierdunst, Zigaretten und Kot. Mit dem Taxi fuhren sie sofort in das Krankenhaus. Die Diagnose: "Die Leber ist vergrößert, abgerundet, teilweise wellig konturiert, diffus vergröbertes Strukturmuster und zirrhosetypische Gefäßzeichnung sichtbar. Die Gallenblase . . ."

Wiener Zeitung, Sa./So., 5./6. Dezember 2015