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Bedroht uns das Internet? #

Nicht erst seit dem NSA-Skandal stehen die modernen Informations- und Kommunikationstechnologien unter Generalverdacht. Zu Recht? #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE Donnerstag, 9. Jänner 2014

Von

Hermann Maurer


Symbolfoto, Internet
Symbolfoto, Internet
Foto: © Shutterstock

Technologien seien grundsätzlich ambivalent, heißt es: Man kann sie für Gutes einsetzen oder für Böses. Man kann mit einem Hammer einen Nagel einschlagen oder einen Kopf. Diese Aussage ist falsch. Technologien sind nicht ambivalent. Eine vorwiegend gute Technologie ist z. B. das Fahrrad, eine böse die Atombombe. Viele Technologien liegen in ihrer Wirkung irgendwo dazwischen. Wo liegen das Internet und Informations- und Kommunikationstechnologien (IKTs) insgesamt?

Der NSA-Skandal hat gezeigt, wie wenig geheim ist. Es werden Telefon- und Datenleitungen angezapft; das Wissen über uns hat sich vervielfacht. Suchmaschinen im Internet verfolgen uns genau. Statistiken in allen Webdiensten geben genauen Einblick in Benutzer. Online-Shops erstellen Profile unserer Präferenzen. Die Zahl der Videokameras wächst; als Drohnen mit oder ohne Bewaffnung oder in Brillen eingebaut („Google Glasses“) werden sie beweglicher. Dazu kommen „social networks“, die viel über die Benutzer verraten. Es fehlt die Kontrolle über das, was man in solche Dienste eingibt. Etwas ins Internet zu stellen ist wie eine Tätowierung: im Moment nett, aber ob es vierzig Jahre später noch so empfunden wird?

Ja, der Große Bruder hat gesiegt, dramatisch geschildert im gerade erschienenem Buch „The Circle“ von Dave Eggers. Ist es ein Trost, dass in kleinen Dörfern vor 150 Jahren eine Privatsphäre auch kaum existierte?

Abhängigkeit von Technologien #

Die Überwachung ist nur ein Problem. Eine große Gefahr ist die Abhängigkeit von Technologien. Strom- und Computernetz sind besonders gefährdet, weil beim Ausfall des einen auch das andere zusammenbricht. Ein lange andauerndes und großflächiges Versagen gefährdet unsere Zivilisation, wie in einigen Science-Fiction-Büchern, auch in meinem „Paranetz - Der Zusammenbruch des Internets“, beschrieben. Wenn wir uns auf Entwicklungen wie Internet, GPS, Mobiltelefonie, Fernwärme etc. einlassen, dann sollten wir auch Vorkehrungen treffen, um im Notfall ohne sie überleben zu können.

Suchmaschinen gaukeln uns durch die Anordnung der Suchergebnisse vor, was am wichtigsten ist. Diese Reihung kann aber von Firmen, die ihre Produkte gut platziert haben wollen, gesteuert werden; zudem ist sie vom Profil des Suchers abhängig: Sie ist auf Computern verschiedener Benutzer trotz selber Suchmaschine grundverschieden. Wir bekommen „für uns besonders passende“ Angebote. Das mag manchmal nützlich sein, aber wir erleben damit die Welt nicht wie sie ist, sondern aus einer gewissen Sicht. Im Übrigen, Suchergebnissen darf man nie blind vertrauen.

Im Internet sind viele gewalttätige Spiele, bei denen es oft darum geht, möglichst viele „Gegner“ zu töten. Das Argument, dass dadurch aufgestaute Aggressionen in der „virtuellen Welt“ abgebaut werden, ist durch umfassende Untersuchungen widerlegt: Gewalttätige Spiele fördern Gewalttätigkeit. Nur deren Hersteller behaupten das Gegenteil.

Internet beeinflusst Wirtschaftszweige. Werden Internetläden den Handel gefährden? Werden Buchungssysteme Reisebüros in Schwierigkeiten bringen? Werden EBooks und E-Zeitungen Verlage oder gar die Druckbranche beeinträchtigen? Wikipedia hat große gedruckte Lexika wie Brockhaus und Britannica unmöglich gemacht und bedroht nun deren elektronische Nachfolger. Dabei geht es um mehr als um den Verlust einiger Arbeitsplätze, wie Andrew Keen in seinem Buch „The Cult of the Amateur“ schreibt: „Blogs, Facebook, Youtube und die vielen anderen von Benutzern erstellten Inhalte im Web zerstören unsere Wirtschaft, unsere Kultur und unsere Werte...“

IKTs bringen auch Positives. Mit Hilfe des Internets haben manche Firmen weniger Arbeitsplätze als Mitarbeiter. Alle arbeiten typisch zwei, drei Tage in der Woche mit großzügiger technischer Ausrüstung von zu Hause aus. An den anderen Tagen verwenden sie mit Kollegen oder Kunden eines der Besprechungszimmer bzw. nehmen einen Arbeitsplatz, der gerade frei ist und rollen dort den Schrank mit ihren Unterlagen hin. Für die Firma spart dies Geld. Für die Mitarbeiter Zeit und Kosten, es verringert den Verkehr und erleichtert den Balanceakt zwischen Beruf und Familie. Außerdem – werden die Gefahren nicht dadurch aufgewogen, dass wir durch IKTs schneller und leichter auf Wissen zugreifen können und mit vielem Menschen ortsunabhängig kommunizieren können? Lässt sich mit diesen mächtigen Hilfsmitteln nicht viel leichter Neues erarbeiten? Leider ist die Situation komplexer.

Symbolfoto, social media
Tätowiert. Etwas ins Internet zu stellen ist wie eine Tätowierung: im Moment nett, aber ob es vierzig Jahre später noch so empfunden wird?
Foto: © Shutterstock

Der österreichische Journalist Stefan Weber hat schon 2006 im Buch „Das Copy/Paste Syndrom“ vor Plagiaten gewarnt, weil man im Internet rasch einigermaßen Passendes finden und dann mit „Copy/Paste“ zu einem Bericht zusammenfügen kann. Dabei sagt Weber, dass die wirkliche Gefahr nicht in mit Plagiaten erreichten persönlichen Vorteilen liegt, sondern dass die Fähigkeit für kreatives Denken und Schreiben darunter leidet. Tara Brabazon hat ein Jahr später mit ihren Untersuchungen im Buch „The University of Google“ quantitativ belegt, dass Internet und andere IKTs kognitive Fähigkeiten beinträchtigen: Kinder, die viel SMS, Internet, „social networks“ und Copy/Paste als Hauptwerkzeug für ihre Aufsätze verwenden, schneiden beim kreativen Schreiben und beim „verstehenden Lesen“ deutlich schlechter ab. Außerdem verringert sich ihre Konzentrationsfähigkeit: Die Flut von Kurzbotschaften, von Handyanrufen, die Beschäftigung mit mehren Informationskanälen gleichzeitig, mit MP3 Audio Player und Youtube, die Flut von Mitteilungen in den social networks führen in die Nähe des „Attention Deficit Syndromes“ - ein ruhiges, längeres Nachdenken ist nicht mehr möglich. Mark Bauerlein bestätigt dies in seinem 2008 erschienenem Buch „The Dumbest Generation - How the Digital Age Stupefies Young Americans and Jeopardizes Our Future (Or, Don’t Trust Anyone Under 30)“ - der Titel sagt schon alles. Er schreibt: „Die Studenten sind in den letzten zehn Jahren nicht weniger intelligent und nicht weniger ehrgeizig geworden, aber ihre Lesefähigkeit und ihr Wissen hat sich deutlich verringert.“

Zwangsläufige Verdummung#

Eigentlich ist das nicht verwunderlich: Wenn ich mir Fakten nicht mehr merken muss, weil ich sie mit meinem Smartphone rasch finde, und wenn ich mich auf mein GPS für die Orientierung verlasse, dann verwende ich mein Gehirn eben weniger und schwäche es; wenn ich vieles aus dem Internet übernehmen kann, werde ich weniger gut kreativ schreiben lernen. Die Handschrift wird durch die Tastatur, das Rechtschreiben durch einen Spellchecker ersetzt. Da dreijährige Kinder schon DVDs abspielen, aber erst mit acht Jahren gut lesen können, bleibt für das Lesen wenig Motivation. Auf den Punkt gebracht: das Internet verdummt die Menschen!

Ist das schlimm? Ich glaube nicht! Wir müssen uns nur an ein neues Menschenbild gewöhnen. Wir dürfen den Menschen nicht mehr als ein bloß biologisches Lebewesen, sondern müssen ihn als Symbiose eines solchen mit gewissen Technologien sehen. Ich selbst bin ein gutes Beispiel: Ich bin mittelohrtaub, höre aber mit einem speziellen Hörgerät ganz gut; ich sehe ohne Brille nur verschwommen; mein Schrittmacher sorgt dafür, dass mein Herz richtig arbeitet; ohne künstliche Hüfte säße ich im Rollstuhl. Nähme man mir die angeführten Werkzeuge weg, wäre ich im besten Fall ein Krüppel, wahrscheinlich aber tot. Anders gesehen: Technologie kann gewisse Fähigkeiten verringern; wenn dies aber durch Technologie überkompensiert wird, dann ist das akzeptabel, so lange wir auch bei Systemausfällen noch vernünftig überleben können.

Neu ist das nicht: Mein Großvater konnte größere Lasten schneller tragen als ich es alleine kann – aber mit meinem Auto bin ich ihm weit überlegen. Die Fähigkeiten von Menschen müssen in Verbindung mit ihren Werkzeugen verstanden werden. Für die physische Welt gilt das schon lange; es wird nun auch immer mehr für kognitive Bereiche gelten.

Der Autor ist Professor für Informatik an der TU Graz, Vorstandsmitglied der Academia Europaea und leitender Herausgeber des Austria-Forums.

DIE FURCHE, Donnerstag, 9. Jänner 2014