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Buschmann ermittelt #

Vor 150 Jahren erschien der erste österreichische Detektivroman. Sein Autor, Heinrich Ritter von Levitschnigg zu Glomberg, wurde vor 200 Jahren geboren#


Von der Wiener Zeitung, freundlicherweise zur Verfügung gestellt.


Von

Reinhard Urbach


Heinrich von Levitschnigg
Heinrich von Levitschnigg (1810 – 1862)
© Wiener Zeitung / Sammlung Urbach

Wenn man heute nachfragen würde, wer von den österreichischen Autoren der Jahre 1840 bis 1860 noch bekannt ist, bekäme man kaum eine Handvoll genannt: Nestroy, Stifter, allenfalls Lenau; von Grillparzer weiß man vielleicht noch, dass Österreich ein gutes Land sei. Weitgehend vergessen ist, dass es in dieser Periode in Wien so viele Autoren gab wie niemals zuvor. Sie gründeten literarische Gesellschaften, tummelten sich im Kaffeehaus, schrieben für die unersättlichen Vorstadtbühnen, füllten die vielen Almanache und Zeitschriften für ein zunehmend lesefreudiges Publikum.

Dass das alles unter den Augen einer bis tief in die Nacht wachsamen Geheimpolizei stattfand, dass alle beargwöhnt, manche als Spitzel angeworben, viele Publikationen verboten wurden, erhöhte nur den Reiz des listigen, widerständigen Schreibens oder beschleunigte die Flucht in ästhetische Reservate, die vor politischer Anfechtung geschützt schienen.

Zu diesen Autoren gehört auch Heinrich von Levitschnigg. Der Schleier des Vergessens hat sich längst über ihn gesenkt. Schon um 1900 gehörte er zu den Verschollenen. Seit 120 Jahren wurde keines seiner vielen Bücher neu aufgelegt, im 20. Jahrhundert ist ein einziges seiner Gedichte in einer Anthologie nachgedruckt worden. Und doch gehörte er zu den modernsten Autoren seiner Zeit. Das heißt, er erfüllte nicht nur die Forderungen des Zeitgeistes, er prägte ihn. Seine lyrische Reputation stand jener Lenaus nicht nach. Mit Grillparzer, Bauernfeld, Auersperg (Anastasius Grün) hatte er Umgang. Stifter schätzte ihn, verglich ihn mit Heine und lud ihn zur Mitarbeit an seiner Wien-Anthologie ein.

Ein geadelter Bohemien#

Heinrich Levitschnigg wurde am 25. September 1810 in Wien geboren. Sein Vater, ein angesehener Rechtsanwalt, wurde 1815 geadelt. Da er auf seinen Besitztümern in Niederösterreich den Pächtern, in der edlen Manier des Majors von Tellheim, die Kontributionen nach den Befreiungskriegen erst vorgestreckt und dann erlassen hatte, wurde er 1818 in den erblichen Ritterstand erhoben. Er starb bald darauf und hinterließ einen hoffnungsvollen Sohn, der aber ohne Protektion nicht an der Orientalischen Akademie aufgenommen wurde.

Lustlos begann Heinrich Ritter von Levitschnigg zu Blomberg erst ein Jus-, dann ein Medizinstudium. Beide schloss er nicht ab, ging zur Armee, brachte es bis zum Leutnant, nahm aber bald seinen Abschied, weil ihn der anstrengende Dienst an der dalmatinischen Grenze überforderte. Ein Ansuchen um Versetzung war abschlägig beschieden worden. Im Vertrauen auf sein väterliches Erbe ließ er sich in Wien als freier Schriftsteller nieder.

Deutsche Vorbilder#

Die Wiener Autoren orientierten sich damals an den deutschen Kollegen, suchten partout nach Analogien. So wurden die Ehrentitel eines "österreichischen Uhland", eines "österreichischen Platen"“ verliehen, von Grillparzer als österreichischem "Goetheschiller" nicht zu reden. Levitschnigg wurde seiner Balladen wegen zum "österreichischen Freiligrath" erkoren, es wurde ihm bescheinigt, dass er die besten orientalischen Gedichte nach Friedrich Rückert geschrieben habe. 1837, nach dem Tode seiner Mutter, musste er erkennen, dass vom väterlichen Erbe nichts übrig geblieben war und er sich nach einem Brotberuf umzusehen hatte. Moritz Gottlieb Saphir stellte ihn als Redakteur in seiner neu gegründeten Zeitschrift "Der Humorist" an.

Warum Saphir auf ihn verfiel, ist ebenso ungeklärt wie der Grund für Levitschniggs Zustimmung. Denn in den Kreisen, in denen er bisher verkehrte, war Saphir eine Unperson; durch ätzende Kritik hatte er sich zu viele Feinde gemacht, zudem galt er als Spitzel. Verfemt wurde der frischgebackene Redakteur Levitschnigg von seinen Kollegen indes nicht. Feuchtersleben ermunterte ihn, sein Studium der orientalischen Sprachen fortzusetzen. Die Gedichte, die er seit den dreißiger Jahren veröffentlichte (die erste nachgewiesene Publikation ist ein Ghasel 1835 in der „Wiener Zeitung“) und 1842 in einem Sammelband herausbrachte, wurden gerühmt. Sie hatten einen eigenen Ton. Eine weitere Sammlung schloss sich 1847 unter dem Titel "Westlich-östlich" an, wobei die überdeutliche Anspielung auf das klassische Vorbild nicht immer positiv vermerkt wurde.

Levitschnigg beherrschte und pflegte die Pose des bleichen, stets in die berühmteste Ballerina (die Elßner, die Taglioni, die Hederle...) verliebten Poeten, der Liebesleid und Seelenschmerz in berauschende Verse taucht. Er führte in die Wortmalerei das Pastose ein; war ein Herold des Salonorientalismus, der Bajaderenromantik. Er brachte eine neue metaphorische Sprache in die Lyrik ein, für die er von den Kritikern prompt gerügt wurde: Er kehrte die traditionelle Charakterisierung von Gefühlen durch Naturmetaphern à la "die Seele ist schwarz wie die Nacht" um in ihr Gegenteil: Die Nacht ist schwarz wie die eigene Seele. Eine Methode, die sich wie so vieles an Schiller orientierte ("Die Limonade ist so fade wie deine Seele"“), die aber in der von Levitschnigg praktizierten Häufung neu war und seither in der Lyrik ihren Platz hat.

"Ein unbestreitbar großes Talent", heißt es in Hieronymus Lorms Nachruf in der "Wiener Zeitung" vom 3. Februar 1862, er habe "Ghaselen von unerreichter Schönheit geschrieben und Vielen, selbst größeren Poeten als er war [...] ist an Einzelnes von ihm eine entzückte Erinnerung für das ganze Leben geblieben".

Politisch hielt sich Levitschnigg zurück, durch seine militärische Vergangenheit fühlte er sich zu loyalem Verhalten verpflichtet. Er darf nicht zu den eigentlichen Vormärz-Dichtern gezählt werden. Gleichwohl blieb er 1848 nicht stumm. Im Gedicht "Neu-Troja" quellen aus dem Standbild des über alles verehrten Kaisers auf dem Josephsplatz, aus dem "erzenen Pferd", die Buchstabenritter des Alphabets. Die Worte, die sie fügen, sind die stärkeren revolutionären Taten. 1842 hatte Levitschnigg Teil an einer Sternstunde des Wiener Theaters. Er schrieb die Lyrics für Fanz Xaver Tolds "Zauberschleier", ein romantisch-komisches Festspiel nach Scribe, mit Anleihen bei Ferdinand Raimund, uraufgeführt am 11. 2. 1842 im Theater in der Josefstadt. Eine Sensation. Bis Juni gab es 100 Vorstellungen, bis 1849 wurden 600 gezählt. In Prag, Brünn, Darmstadt, Augsburg, Dresden, Breslau, Berlin, Frankfurt am Main – überall mit Erfolg nachgespielt. Das gab es bis dahin noch nie. Das Stück war deshalb so erfolgreich, weil zum ersten Mal in der Theatergeschichte eine Wandeldekoration abgerollt wurde, auf der die Landschaft von der Walhalla bei Regensburg donauabwärts bis Wien zu sehen war. Ein Vorgeschmack auf die Vorliebe des Publikums für bewegte Bilder, die fünfzig Jahre später den Siegeszug des Kinos beförderte.

Nach den sieben Jahren beim "Humoristen" verschlug es Levitschnigg nach Ungarn, wo er Redakteur der "Pester Zeitung"“ wurde – bis zur Niederschlagung der Revolution durch Windischgraetz. Versuche, andere Zeitungen in Ungarn zu gründen, schlugen fehl. Er kehrte nach Wien zurück und wurde nach Saphirs Tod für einige Monate Verantwortlicher Redakteur des „Humoristen“. Dann gründete er seine eigene satirische Zeitschrift mit dem bezeichnenden Titel „Zeitgeist“, die er bis zu seinem Tod betreute. Er starb am 25. Jänner 1862 an einer Lungenkrankheit.

Der Romanautor#

Im letzten Jahrzehnt seines Lebens verlegte sich Levitschnigg auf die Produktion von Romanen, wobei er sich zunächst an Eugene Sue orientierte, der mit seinen „Geheimnissen von Paris“ einen Boom an Nachfolgeromanen ausgelöst hatte. Über jede größere europäische Stadt erschienen „Geheimnisse“. Levitschnigg steuerte 1853 die „Geheimnisse von Pest“ bei, nicht ohne zu beteuern, er setze von Sues „Fabuliereien“ ab.

Er bediente das Genre des Kolportageromans, der in Lieferungen erschien und der Forderung nach immer neuen, die Spannung steigernden Details entsprach. Sein Prinzip war eine Mischung aus Liebesgeschichte, Abenteuererzählung, politischem Zeitbericht und Kriminalroman. Außerdem fügt er Passagen aus Traktaten und Reiseberichten ein und gehört damit zu den Erfindern des Montageromans. Er entlehnt seine Themen nicht selten bekannten Vorbildern, wobei er nicht plagiiert, sondern die Stoffe neu aufmischt.

So in "Die Leiche im Koffer", erschienen 1863. Das soll nicht nur ein Kriminalroman sein, es ist zugleich eine zeitgemäße Variante auf die damals durch ihre Frivolität berühmte Erzählung von Heinrich Zschokke, "Der Blondin von Namur": Ein zeugungskräftiger junger Mann wird betäubt, entführt, in einer vorgegaukelten Phantasiewelt von einer Traumfrau geliebt und nach erfolgreichem Vollzug wieder in die Wirklichkeit entlassen. Bei Zschokke wird er zum Schweigen verurteilt und dafür reich entlohnt. Bei Levitschnigg – in einer sich moralischer gebärdenden Zeit – bekommt er die unbekannte Geliebte schließlich doch zur Frau.

"Der Diebsfänger"#

Das Genre des Kriminalromans hatte sich in den 1860er Jahren auch in Österreich schon ordentlich etabliert, Bäuerle hatte mit "Zahlheim" 1856 die Vorgabe geliefert. Was es aber noch nicht gab, und was erst zwanzig Jahre nach Levitschnigg zum unvergänglichen Typus der Unterhaltungsliteratur wurde, war der Detektivroman. Lange Zeit galt die Meinung, zwischen Edgar Allen Poes „Mord in der Rue Morgue“ von 1841 und der ersten Sherlock-Holmes-Geschichte von Arthur Conan Doyle 1887 klaffe eine Lücke von mehr als 40 Jahren. Levitschnigg hat sie 1860 geschlossen: „Der Diebsfänger“ ist der erste Roman in deutscher Sprache, der einen berufsmäßigen Detektiv zum Helden hat. Er ist kein privater Ermittler, auch kein intellektueller Grübler, der durch verwegene Kombinationen Fälle löst, sondern ein Beamter, der sich auf Kriminalfälle spezialisiert hat. Dieser Ermittler ist naturgemäß der Schnellste, Gewandteste, Geschickteste, Stärkste, Tapferste, sein Name „Buschmann“ verweist auf die Vorbildfigur des Waldläufers bei James Fenimore Cooper. Ein Westernheld, den es in die Schluchten des Balkan verschlägt und der die haarsträubendsten Abenteuer mit wilden Tieren und vertierten Unholden bewältigt – immer im letzten Augenblick.

Eine weitere Besonderheit, die in der Kriminalliteratur noch nicht üblich war: Als Verbrecher und Komplize treten eine Frau und ein halbwüchsiger Knabe auf. Neu war aber vor allem die Verlagerung der Fokussierung vom Verbrecher, wie ihn Balzac mit der Figur des Schurken Collin-Vautrin in den Mittelpunkt stellte, oder vom Rächer auf eigene Faust wie in Dumas’ "Graf von Monte Christo" auf den beamteten Aufdecker, der das Staatsinteresse an Ruhe und Ordnung durchsetzt.

Levitschnigg bedient damit das Regulierungsbedürfnis des nachrevolutionären Neoabsolutismus. Der Staat kann zwar das Verbrechen nicht verhindern, aber doch durch geeignete Institutionen, vor allem befähigte Polizisten, aufklären und Vergeltung üben. Damit wird ein Dilemma aufgeworfen, vor das sich alle nachfolgenden Detektiv-Generationen gestellt sehen: Sie liefern der Polizei zu, dienen legitimistischen Interessen, so privat und unabhängig sie sich auch gebärden. Die Geschichte des Detektivromans ist über Levitschnigg hinweg gegangen. Aber er war ihr Geburtshelfer.

Reinhard Urbach,

Reinhard Urbach, geboren 1939, von 1988 bis 2002 Direktor des Theaters der Jugend. Lebt als Publizist in Wien.

Wiener Zeitung, Samstag, 2. Oktober 2010