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Das Zaumzeug der Moderne#

Der vielfältig verwendbare Romanzement war der wesentlichste Baustoff des 19. und 20. Jahrhunderts in Wien – und rief Kritiker wie Adolf Loos auf den Plan.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 24. April 2010) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Christa Veigl


Semper-Depot
Das prominenteste Wiener Beispiel einer gut erhaltenen Romanzement-Fassade ist das ehemalige Hoftheater-Dekorationsdepot, erbaut 1874 bis 1877 nach Plänen von Semper und Hasenauer in der heutigen Lehárgasse im 6. Bezirk
© Foto: Veigl

Ausgerechnet Zement soll der Stoff sein, aus dem die Fassaden der Bauten der Ringstraßenära gemacht sind? All die Zahnschnitte, Eierstäbe, Girlanden, Ädikulen und Sockelquader des klassischen Vokabulars ebenso wie die spätzeitlich-ironischen Mädchenköpfe, Eulen und Kränze, Tropfen, Pflanzen und Ranken? Setzt man jedoch die Silbe „Roman“ vor das Wort Zement und denkt dabei an die Römer und ihre Bauten, Aquädukte, Hafenanlagen, an das Pantheon oder die Maxentius-Basilika, sieht die Sache anders aus. Diese fürs Marketing nützliche, weil positive römische Assoziation war es – neben der Farbähnlichkeit – denn wohl auch, die den als Erfinder des Romanzements geltenden James Parker zur Namensgebung Roman cement bewog. Parker meldete sein Zement-Patent 1796 an. Er hatte bei der Suche nach einem Bindemittel freilich nicht die Bauzier im Sinn gehabt, sondern einen hydraulischen, ohne Luft aushärtenden Mörtel für Wasserbauten wie (Eisenbahn-)Brücken, Schleusen, Häfen oder Docks. Es zeigte sich, dass dieser aus tonhaltigem Kalkstein, Mergel, gewonnene Naturzement außerordentlich rasch abbindende Mörtel ergab und universell einsetzbar war, für Fundamentierungsarbeiten, Fassadenputze, und eben für Bauschmuck aller Art.

Fast wie Gips#

Romanzement eignet sich zum Ziehen von Gesimsen ebenso wie zur Herstellung von Quadern, besonders für Mörtelgüsse und damit zur seriellen Produktion von Ornamenten. Der neue Baustoff erlaubte es, altbekannte Stuckateurstechniken der Präfabrikation für die Innendekoration nun auch für den Außenbereich zu adaptieren, da Romanzement sich fast wie Gips gießen lässt. Aber Gips ist eben nur für den witterungsgeschützten Innenbereich problemlos einsetzbar, für außen war man bis zu Parkers Entdeckung vor allem auf den von Hand angetragenen Kalkstuck oder auf Steinmetzarbeit angewiesen. Mit dem Romanzement ließ sich – mit den Worten des auch in diesem Punkt hyperkritischen Adolf Loos – sowohl das "edle" Material, der Naturstein, "imitieren", wie auch die Arbeitszeit des Stuckateurs oder Steinmetzen "erheucheln". Aus diesem Grund war die neue Pracht aus Zement gemäß dem Urteil von Zeitgenossen wie Loos, der sie 1898 ob ihrer Allgegenwärtigkeit als "Cementseuche" qualifizierte, von einer anrüchigen Aura umgeben. Unter der Annahme, die Zementkonsolen, -quader, -kapitäle oder -köpfe würden vorgeben, aus Naturstein zu sein, verstießen sie gegen die Forderung nach Materialwahrheit.

Blickt man auf die Fassadenreliefs der Ringstraßenbauten, fällt der Unterschied zwischen den wenigen Natursteinbauten – im Wesentlichen die Neue Burg und die öffentlichen Monumentalbauten wie Oper, Burgtheater, Museen, Parlament, Rathaus – und einem großen Teil der übrigen Gebäude allerdings nicht sofort auf. Erst bei genauerem Hinsehen und entsprechender Vorinformation mehren sich diesbezügliche Anzeichen.

Opfer der Ornamentkritik#

Inwiefern das mit der Bautradition vertraute Publikum des 19. Jahrhunderts sich über das "Material" täuschen ließ, sei dahingestellt. Darum ging es in der Debatte auch gar nicht, sondern um den Vorwurf von Täuschung, Lüge, Schwindel, der gegen Ende des Jahrhunderts mit einer generellen Historismuskritik verschmolz. Die Imitation teurer Materialien durch billigere "Surrogate" galt nun als Hochstapelei.

Die Forderung nach Wahrheit in der Architektur war zwar schon uralt, aber erst um 1900 (womöglich durch die Illusionsindustrie des Historismus befördert) eskalierte der Angriff auf die (Material-)Lüge bzw. Fälschung, insbesondere auf das "falsche" Ornament.

Weit verbreitete Anwendung hatte ja nicht nur der Romanzement gefunden, der wie Stein, Terrakotta oder Stuckarbeit, ja sogar wie Sichtziegelmauerwerk erscheinen konnte. Terrakotten waren in „steinähnlicher Farbe“ lieferbar, Stuckdecken konnten aussehen wie Holzschnitzarbeiten, Fichtenholz wie Eichenholz, Tapeten aus Papier wie solche aus Seidendamast, Eisen wie Kupfer, Zink wie Bronze, und so weiter.

So zerbröselte gewissermaßen nach 1900 die Anwendung des Romanzements, weil der ornamentkritische Mainstream der Moderne keinen Dekor dulden wollte, oder jedenfalls keinen, für den der Romanzement das perfekte Herstellungsmaterial war. Als Putz- und Fugenmörtel sowie zur Herstellung von Beton behauptete sich nun vollends der Portlandzement, der Romanzement geriet im Lauf des 20. Jahrhunderts in Vergessenheit.

Erst nach Aufhebung des negativen Pauschalurteils über die Gründerzeitarchitektur und einer näheren Beschäftigung mit dem Stoff, aus dem ihre Fassaden, u. a. die der Wiener Zinshäuser, eigentlich gemacht sind, erinnerte man sich wieder an den beinahe vergessenen Baustoff.

Und stellte fest, dass ein wesentliches Kriterium zur materialgerechten und nachhaltigen Instandsetzung von Gründerzeitfassaden fehlte, nämlich das authentische Material. Die Mergelbrüche in Österreich und in vielen anderen Ländern – Putz und Schmuck aus Romanzement waren ein beinahe gesamteuropäisches Phänomen – sind zwar nicht erschöpft, doch der Abbau wurde – wie es scheint, bis auf eine Ausnahme in Frankreich – längst eingestellt.

So stand (und steht) die Denkmalpflege vor der schwierigen Aufgabe, die Romanzement-Technik und -produktion für die Putzfassaden des 19. Jahrhunderts wieder zu beleben, ähnlich, wie es früher mit der ebenfalls lange vernachlässigten Kalktechnik geschehen ist. Viele ornamentalen Details der Gründerzeitfassaden, die mittlerweile 100 bis 150 Jahren alt sind, mussten noch gar nicht restauriert werden, weil Romanzement eine enorme Haltbarkeit haben kann. Was nicht wenigen Ornamenten allerdings zum Verhängnis wurde, waren die „Modernisierungsmaßnahmen“ nach 1945, als man auch unbeschädigten Dekor von den Fassaden abschlug. Da Romanzement-Güsse ohne Vormauerung an die Fassaden versetzt werden können, war das "Abräumen" der damals verachteten Bauzier sehr einfach. Wo dies nicht geschah und auch sonst keine vom Stoff unabhängigen Schäden eintraten, haben sich die Romanzement-Details bis heute erhalten.

Beispiel Semperdepot#

Das prominenteste Wiener Beispiel einer gut erhaltenen Romanzement-Fassade ist das ehemalige Hoftheater-Dekorationsdepot, erbaut 1874 bis 1877 nach Plänen von Semper und Hasenauer in der heutigen Lehárgasse (6. Bezirk). Anders als bei der mehr als 15 Jahre früher erbauten Oper, wollte man beim Hofburgtheaterbau den kostspieligen Baugrund an der Ringstraße nicht mehr für die Herstellung und Lagerung der Theaterdekorationen verwenden. Die Vereinigung aller Funktionen unter einem Dach wurde aufgeben und man errichtete im Hinterland der Ringstraßenzone ein eigenes Gebäude, das schließlich beiden Hoftheatern – k. k. Hofschauspiel- und Opernhaus – dienen sollte. Während der Monumentalbau am neuen Prachtboulevard "würdig", nämlich mit einer Steinfassade, auszuführen war, durfte der Zweckbau in einfacher Ausstattung erscheinen, und das hieß mit einer Fassade aus Sichtziegeln und Zement. Zement bedeutet in Romanzementputz nachgeahmte Rustika-Quader, denen ohne Kenntnis der gründerzeitlichen Baupraxis „edelster Steinschnitt“ attestiert werden könnte.

Das Besondere am sogenannten Semper-Depot ist, dass die Putzquader den originalen Zustand im authentischen gelb-braunen Farbton des Romanzements zeigen – was nicht nur in Wien, sondern europaweit selten anzutreffen ist. Viel häufiger waren Färbelungen schon zur Bauzeit oder später.

Ein für Wien typisches Beispiel solcher Art sind Otto Wagners zwischen 1898 und 1901 gestaltete Stadtbahnstationen. Ihr Wien-um-1900-Weiß-Anstrich hatte den Braunton der Romanzementgüsse (Lorbeerkränze, Löwenhermen, Blattwerk, Triglyphen mit Tropfen) von Anfang an zu decken. Nicht immer lässt sich wie hier mit Sicherheit bestimmen, ob die Fassaden bzw. die ornamentalen Details ursprünglich gefärbt oder materialsichtig waren. Aus den bisherigen Untersuchungen ist zu schließen, dass man mit gut gemeinten, aber irreversiblen Anstrichen vorsichtig sein sollte, weil materialsichtig Gemeintes für immer verdeckt wird, oder nur mit enormem Aufwand wieder freizulegen wäre.

Äußere Schadensquellen#

Auch wenn Romanzement das Potential für schier ewige Dauer hat, ist er nicht gegen äußere Schadensquellen resistent, wie zum Beispiel Korrosion originaler Metallarmierungen oder intensive Wassereinwirkung über lange Zeit. Wo die Fassaden nicht nur mit einem Anstrich oder einem Spritzputz, der die Feinheit der Ornamente notwendigerweise entstellt, überarbeitet wurden, sondern auch Ausbesserungen in der Substanz stattfanden, kamen Ersatzstoffe zur Anwendung. Die Ergebnisse sind oft ästhetisch fragwürdig, bei Unverträglichkeit mit dem originalen Material können die Ausbesserungen neue Schäden verursachen. Aber Romanzement stand eben nicht zur Verfügung.

Grundlagenforschung#

Um dem abzuhelfen, hat ein interdisziplinär besetztes und mit EU-Mitteln ausgestattetes Team bereits von 2003 bis 2006 Grundlagenforschung betrieben. Im Herbst 2009 startete ein weiteres Projekt: ROCARE (steht für Roman cements for architectural restoration to new high standards).

Das ROCARE-Team mit Johannes Weber von der Wiener Angewandten als Koordinator sagt in seiner multinationalen Zusammensetzung viel über die Verbreitung des Romanzements aus. Neben Österreich sind Partner aus Polen, Frankreich, Tschechien, Deutschland und der Schweiz involviert, in beratender Funktion auch solche aus der Ukraine, Schweden, Italien, Norwegen, Ungarn und Rumänien.

Das ehrgeizige Projekt-Ziel besteht darin – über die Anerkennung des Romanzements als einen charakteristischen Baustoff für das europäische Kulturerbe des 19. und frühen 20. Jahrhunderts hinaus –, die Produktion und Anwendung von Romanzement im Wettbewerb mit modernen Baustoffen zu befördern.

Christa Veigl
Christa Veigl


Christa Veigl, geboren 1958, ist Stadthistorikerin und Architekturführerin.
Publizistischer Schwerpunkt: Wiener Architektur- und Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts.


Wiener Zeitung, Samstag, 24. April 2010