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Denken in der Falle#

Neue esoterische Systeme bewegen sich oftmals ziemlich hart an der Grenze zur Sekte#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 27. August 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Edwin Baumgartner


Jeder Schritt will bezahlt sein: mit kleinen Summen zum großen Geld.#

Fleischfressende Pflanze
Die neuen esoterischen Systeme sind auf einen ersten Blick anziehend - doch für das eigenständige Denken sind sie eine Falle wie die fleischfressende Pflanze für die Fliege.
wikipedia

"Esoterik ist schon echt ein Topfen. Aber, dass Esoterik ,braun‘ behaftet sein soll is auch a ziemlicher Bullshit. Offenbar muss jeder Wichtigtuer, um die Auflage seiner Bücher zu steigern, irgendetwas zu diesem Thema einbringen, dass es registriert wird - nicht nur zu Eso-Thema", ärgert sich ein Poster in eigenwilligem Deutsch auf der Internet-Seite der Zeitung "Der Standard": Es geht um das Buch "New Cage - Esoterik 2.0", in dem der Tiroler Psychologe Johannes Fischler die moderne Szene der Irrationalität rational unter die Lupe nimmt.

Dabei ist die mitunter bedenkliche Nähe gewisser esoterischer Praktiken zu ultra-rechtem Gedankengut bloß ein Randthema Fischlers. Doch eines, das für Erregung sorgt. Denn wer, der sich ohne Hintergedanken mit Kräuterheilkunde oder Wünschelrutengehen befasst, will schon in den Geruch kommen, Sympathien für Mauthausen und Auschwitz zu hegen?

Tatsächlich war der Nationalsozialismus von esoterischen Systemen durchzogen, ausgeborgt bei den okkult basierten Herrenrassetheorien Helena Petrowna Blavatskys, Guido Lists und Jörg Lanz von Liebenfels’, und diverse moderne Hexen- und Druidenkulte muten an, als seien sie Realisierungen der Irrlehren von Heinrich Himmlers "Aktion Ahnenerbe". Das Neuheidentum propagierte der "Reichsführer SS" schließlich auch, um den lästigen jüdischen Jesus Christus und seine Religion des Mitleids mit Schwachen und Unterdrückten loszuwerden.

Was nicht bedeutet, dass jeder Neu-Druide ein Nazi ist. Doch auf der Facebook-Seite Burgos von Buchonias beispielsweise entdeckt man, neben Bildern von sogenannten Kraftblumen und Krafttieren, auch Statements (20. August 2012), die von einer Einstellung weit rechts der Mitte zeugen: "Die Medien, die die massenhaften Morde sowie Vergewaltigungen an Bio-Europäern durch muslimische Migranten bewusst totschweigen sowie jene Politiker, die bewusst wegschauen, haben damit ihrer eigenen Bevölkerung ebenfalls den Krieg erklärt und fördern staatlicherseits einen schleichenden Ethnozid."

Burgos von Buchonia ist kein willkürlich herausgegriffenes Beispiel. Der ehemalige Versicherungsvertreter mit bürgerlichem Namen Burghard Bangert, optisch zwischen Miraculix und Gandalf angesiedelt, der sich als keltischer Druide bezeichnet, aber das Christentum gegen die Muslime verteidigt, gilt in der Szene vielen als Integrationsgestalt.

Dennoch stellen Erscheinungen wie Burgos von Buchonia nicht das große Problem mit der neuen Esoterik dar: Es sind Individuen, deren Lehren keine Schule machen. Wird eine Lehre von einer ganzen Organisation mit beeindruckendem logistischen Aufwand gestützt, sieht die Sache anders aus.

Kryon und die Energie in den Buchstaben#

"Seid gegrüßt meine Lichtarbeiter, ich bin KRYON vom magnetischen Dienst. Ich spreche durch das Medium und während sie meine Buchstaben niederschreibt, erhöhe ich jeden einzelnen Buchstaben mit meiner Energie, um euch in eurer Seele anzutreffen." So steht es beispielsweise auf der Internet-Seite der Kryonschule. Die Kryon-Lichtarbeit erfreut sich wachsenden Zulaufs und nähert sich zunehmend einer Sektenstruktur. Und sie hat als Verbreitungsmedium das Internet entdeckt. Kryon ist ein angebliches Geistwesen, eine Art Engel, verkündet vom US-amerikanischen Autor Lee Carroll. Carroll behauptet, der Kanal für die "Durchgaben" Kryons zu sein, ein Vorgang, den man "Channeling" ("Kanal sein") nennt.

Mittlerweile hat sich Kryon mehrere menschliche Kanäle erwählt. Vorstand der Kryonschule ist Sabine Sangitar, ausgewiesene Reiki-Meisterin - was zeigt, dass esoterische Meditations-, Glaubens- und Heilsysteme beliebig miteinander kombinierbar sind, Hauptsache, die Kohle stimmt, die der Adept zu berappen hat.

Und während man für die Ausbildung zum Reiki-Meister schon mal 700 Euro auf einmal hinblättern muss, kassiert die Kryonschule kleinweise: Wer in sie eintreten will, muss sich einen "Lebenssatz" channeln lassen, kostet 40 Euro. Eine 30-minütige Lichtkörperberatung für 70 Euro ist nachgerade geschenkt, für ein Channeling-Seminar blättert man immerhin 100 Euro hin, 50 weitere, wenn man’s (war doch so licht- und freudespendend, oder?) wiederholen will. Durchläuft man das alles Schritt für Schritt, kann man, Österreichs AMS atmet auf, Hartz IV in Deutschland ist Geschichte, schließlich einen der neuen Berufe ergreifen, etwa Lichtarbeiter, Bioenergietherapeuth oder Lichtkosmetiker. Bis es so weit ist, dauert es freilich - die monatelang anhaltende permanente Indoktrination stärkt dabei, als durchaus erwünschter Nebeneffekt, auch das Zugehörigkeitsgefühl: "Die Kryonschule umfasst 48 Schritte, die von Kryon und den 36 Hohen Räten des Lichtes durchgegeben werden", erklärt die Homepage, drei Schritte pro Monat sind möglich, ein Monat kostet 110 bis - nimmt man einen persönlichen Trainer in Anspruch - 150 Euro. Macht im günstigsten Fall also 1800 Euro (nicht auf die Kosten für den "Lebenssatz" vergessen!).

Neue Verteidigungslinie für Kindermörder#

Solche Summen sind übrigens auch der Motor dafür, dass die geköderten Menschen immer weitermachen: Sie haben investiert und wollen ein Ergebnis erzielen, auch wenn dieses in der Irrationalität angesiedelt ist. Für dieses Ergebnis sind sie bereit, weiter zu bezahlen, während sie einen Abbruch der sogenannten Ausbildung als Verlust werten würden.

Sollte dieses schrittweise und kostspielige Einweihungssystem von Kryon höchstpersönlich durchgegeben worden sein, hat er seine Engelsschule möglicherweise bei Scientology absolviert - dort wird das nämlich ähnlich gehandhabt. Wenn allerdings Kindermörder von den Kryonisten damit entschuldigt werden, dass sie, wie in der Geschichte der "kleinen Sally" dargelegt, mit der "anderen Seite" einen karmischen Vertrag haben und sich ihrer Tat nicht verweigern können, erreicht das Spektrum der gefährlichen Irrlehren einen neuen Höhepunkt. Und manch Strafverteidiger mag interessante Argumente entdecken, sollte er einen Mörder verteidigen: unschuldig wegen karmischer Unausweichlichkeit.

Vielleicht sollte man aber auch fragen, was Menschen esoterischen Zirkeln zutreibt. Fischler empfiehlt in seinem Buch eine Vernunft ohne jegliche Spiritualität als Abwehrmechanismus, löst damit indessen das wirkliche Problem nicht. Denn durch die Jahrtausende der Menschheitsgeschichte zieht sich als roter Faden, dass, von einigen Individuen abgesehen, Vernunft allein die geistigen Bedürfnisse nicht befriedigt.

Obendrein treibt die zunehmende Einsamkeit des Menschen in der heutigen Gesellschaft den Sekten und esoterischen Systemen ihre Klientel zu: Wer im Alltag keine Aufmerksamkeit erfährt, fühlt sich allzu schnell geborgen, wenn Interesse an ihm als Person bekundet wird. Für den Wohlfühlfaktor nimmt er die kostspieligen Lehren als Begleiterscheinung hin. Menschen, die in ein funktionierendes soziales Umfeld eingebettet sind, sind nicht nur weniger anfällig für Sekten, sie werden bei einem einschlägigen Kontakt auch seltener in Versuchung geraten, die zweckgebundene Freundlichkeit für echte Freundschaft zu halten, da sie ja Vergleichsmöglichkeiten im täglichen Leben außerhalb der Sekte oder des esoterischen Systems haben.

Die Pervertierung religiöser Lehren#

Wie die zunehmende Isolierung des Einzelnen, so erweist sich die atheistische Missionsarbeit unserer Tage ebenfalls als Nährboden für Sekten und esoterische Systeme. Die Zerschlagung und Verhöhnung religiöser Lehren führt nicht zum Verschwinden religiöser Einstellungen, es führt zu ihrer Pervertierung: Wer verspottet wird, weil er zum Gott des Christen-, des Judentums oder des Islam betet, betet dennoch - nur eben zu Kryon oder einer anderen Kreatur aus den Kanälen der Engelfabriken. Denn ohne Gott scheint es nicht zu gehen. Auch das ist eine Lehre, die uns die neue Esoterik-Welle, freilich ohne es zu wollen, erteilt.

Wiener Zeitung, Dienstag, 27. August 2013