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Der Berg von oben. Wanderungen in den Grand Canyon#


von Mag. Peter Lechner


Mein verehrter Freund Hermann Maurer hat einmal einen Aufsatz mit dem leicht mystischen Titel "Der Berg von hinten" geschrieben. So etwas provoziert natürlich, und darum heißt dieser Bericht "Der Berg von oben", aber nicht nur deswegen. Dazu komme ich noch.

Das erste Mal zum Grand Canyon kam ich 1989. Ich wusste damals soviel darüber wie man aus Reiseführern und ein paar Filmen weiß. In einem der Reiseführer stand, dass die Spanier, als sie im September 1540 als erste Weiße zum Grand Canyon kamen, überwältig vom Anblick eines der größten Wunder auf unserer Welt, auf die Knie sanken und beteten. Genau so war mir auch zumute.

Mitgenommen habe ich damals im Kopf die phantastischen Bilder des Canyons und in der Seele den heißen Wunsch bald wiederzukommen.


Juni 2002: First Steps

Es dauerte dennoch bis Juni 2002. Diesmal hetzten wir aber nicht mehr nur von einem Aussichtspunkt zum nächsten. Zumindest eine lange Wanderung entlang des Rims hatten wir im Programm. Aber mehr noch reizte mich ein Abstecher in den Canyon hinein. Allein, denn von unserer kleinen Reisegemeinschaft (Ehefrau Lori, Schwägerin Lore und Bruder Manfred) wollte keiner mitgehen.

Das schöne neue Visitor-Center des Grand Canyon National Park informiert auf vielen Schautafeln, wie man einen Hike in den Canyon macht. Die Angestellten der Nationalpark-Verwaltung, die "Rangers", pfadfinderartig gekleidete liebenswürdige Frauen und Männer, überschlagen sich förmlich darin, einen zu beraten. Wobei Tafeln und Beratung vor allem eins zum Ausdruck bringen: Tu es nicht! Dabei ist der Ton der Warnungen drastisch:

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Drastischer geht es nicht!

"CAN YOU RUN THE BOSTON MARATHON"? frägt mich eine Tafel und berichtet, dass eine Sportstudentin, die diesen Marathon locker gelaufen ist, beim Hiken in den Grand Canyon vor Erschöpfung gestorben ist. Nein, den Boston Marathon laufen kann ich natürlich nicht. Und, so wird gefolgert, wenn nicht einmal diese sportliche junge Frau die Wanderung überlebt hat, wie willst dann erst du ...?

"YOU WILL PAY THE ULTIMATE PRICE: DEATH", verheißt eine andere Tafel jenen, die die Hitze unterschätzen oder zu wenig Trinkwasser mitnehmen. Dazu gehört natürlich der Hinweis, dass es in der Tiefe des Canyons auf den meist schattenlosen Wegen "brutally hot" ist.

"DO NOT ATTEMPT TO HIKE FROM THE RIM TO THE RIVER AND BACK IN ONE DAY".

Die häufigste Warnung überhaupt. Angeraten wird, mindestens zwei, besser drei Tage für die Tour "Rim to River to Rim", sprich: runter zum Colorado und wieder hinauf zum Rim, zu veranschlagen.

Bei diesen abschreckenden, an Dantes Inferno gemahnenden Hinweisen ("Lasst, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren") musste ich schlucken. Und dazu der Nimbus dieser gewaltigen Schlucht!

Die Warnungen sind so grundlos ja nicht. Runter und wieder rauf sind es 28 bis 30 Kilometer (die Angaben schwanken, je nach Quelle). Dazu die etwa 1500 Höhenmeter, die zuerst bergab und dann bergauf zu bewältigen sind: die Umkehrfunktion des Bergsteigens. Man bezwingt diesen "inversen Berg" von oben, womit auch der Titel dieses Berichts erklärt wäre (und erreicht ist, dass Hermann Maurer dieses wenigstens bis hierher lesen wird. Danke, Hermann!). Und das mit der brutalen Hitze stimmt wirklich, jedenfalls von Juni bis September.

Aber ich plante ja keineswegs eine solche Rim to River to Rim-Tour. Ich wollte nur den South Kaibab Trail bis "Cedar Ridge" runter und nach einer Pause wieder retour gehen. Immerhin bin ich, Jahrgang 1943, noch in der Lage, die gängigen Klettersteige der Wiener Hausberge (Rax, Schneeberg usw.) in gut der halben als in den Wanderführern - zugegeben großzügig - angegeben Zeit zu erledigen, ohne mich dabei auszupumpen. Ich rechnete mir also gute Chancen aus, meinen ersten, zumal kurzen Ausflug in den Canyon zu überleben. Zweifel konnte ich angesichts der apokalyptischen Warnungen dennoch nicht ganz loswerden. Aber die Aussicht, von einem Hubschrauber (zu horrenden Kosten!) geborgen werden zu müssen und der bittere Geschmack einer Niederlage würden im Ernstfall beitragen, meine letzten Reserven zu mobilisieren.

Mit einem Sixpack Wasserflaschen a' 0,75 Liter und etlichen Energieriegel in meinem Rucksack bin ich um 10 Uhr am "Trailhead" nahe dem Yaki Point. Damals konnte man noch hinfahren, jetzt geht das nur mehr per - kostenlosem - Shuttle Bus.

Los geht's, ich mache die ersten Schritte in den Canyon. Was man schon von oben sieht: die Wege in den Canyon sind mit den gesicherten Klettersteigen der Alpen, auch der Voralpen, überhaupt nicht zu vergleichen. Es sind - typisch made in USA - gut ausgebaute Wege, meistens mehr als einen Meter breit und nicht sehr steil. Lästig sind quer liegende Holzprügel bei den steileren Wegstrecken, die etwa 50 cm hohe Stufen bilden. So soll wahrscheinlich verhindert werden, dass der Weg von den Maultierkarawanen, die Lasten nach unten zur Phantom Ranch und gehfaule Menschen von dort nach oben befördern, verdorben wird. Diese Stufen sind zu hoch und zu unregelmäßig angelegt, als dass man sie auf Dauer "auf einmal" nehmen kann, also muss man irgendwie seitlich daran vorbei. Aber ein wirkliches Problem ist das nicht.

Es geht im Zick-Zack ("switchbacks") flott hinunter. Bald sind die meisten Leute, die nur ein bisschen in den Trail hineinschnuppern wollen, verschwunden, auch die fragilen Triple-S-Japanerinnen - Sonnenhut, Seidenkleid, Stöckelschuhe - haben längst umgedreht.

Die wunderbaren Tiefblicke und das Bewusstsein, im Canyon aller Canyons zu sein, verbinden sich zu einem wahren Hochgefühl und ich gehe auf Wolke sieben. Erste Leute kommen mir entgegen, darunter auch sehr beleibte ("beleibt" nach US-Standards, also die Kategorie XXXL). Eine dunkelhäutige Dame dieses Kalibers höre ich schon fünf Minuten schnaufen ehe ich sie sehe. Bei der Begegnung stößt sie die für unsereinen bei einer USA-Reise meist gehörte Frage "Where do you come from?" hervor. Der zusätzliche Sauerstoffverbrauch hat Folgen, sie muss sich an die Felsenwand lehnen und hyperventilieren. Sicher habe ich mich wegen meiner ungeschickten Aussprache des US-Standardgrußes "Hyadoin?" als Ausländer geoutet. Dieses Hyadoin soll, glaube ich, "How are you doing" heißen, und ist möglicherweise die weiterentwickelte Form des "How do you do" aus unseren Englischschulbüchern.

Der Weg ist jetzt ganz ohne Schatten, und ich kapiere, dass die Rangers mit ihren Warnungen vor der Hitze nicht übertrieben haben. Aber bei aller Gründlichkeit der Beratung, die auch die Information enthält, dass die Maultierkarawanen unbedingt "right of way" haben und man sich bei deren erstaunlich schnellem und unbeirrbarem Aufstieg schleunigst an die Felswand drücken oder anderswie in Sicherheit bringen soll (wenn nicht flach an die Felswand, dann wohl in den Abgrund springen), haben sie doch eins verschwiegen: den Stoffwechsel dieser Tiere. Über diesen wird man intensiv informiert, wenn grade eine der zahlreichen "mule piss lagoons" den Weg sozusagen abriegelt. Man muss drüber oder daran vorbei, und zwar schnell, denn im Dunstkreis der Muli-Hinterlassenschaft können wohl nur Gauloises-Raucher atmen.

Die dramatischen Tiefblicke lassen keine Zeit für Selbstgespräche, das sonst übliche Stimulans einsamer Wanderer. Das Ich-bin-im-Grand-Canyon-Gefühl konsumiert alle anderen Emotionen. Viel schneller als ich mir vorgestellt hatte geht es hinunter. Noch ein paar switchbacks, ein kurzes Wegstück auf einem harmlosen Grat - und ich bin schon am Cedar Ridge, dem Ziel meines Ausflugs. Das ist ein kleines Plateau, noch hoch über dem "Inner Gorge", Rastplatz für Mulis und Menschen. Und selbstverständlich Standplatz für eine Tafel mit düsteren Prognosen für die Waghalsigen, die an einen weiteren Abstieg denken.

Es gibt tadellos saubere chemische "restrooms" (Toiletten, die man aber auf gar keinen Fall so nennen darf!), aber kein Wasser. Kein Wasser, das gilt für den ganzen South Kaibab Trail.

A propos sauber: Millionen Menschen besuchen jedes Jahr den Grand Canyon. Viele Tausend gehen auch in den Canyon hinein. Auf und neben den Wegen liegen trotzdem kein Papier, keine Kronenkorken, Dosen, Plastikflaschen, Zigarettenkippen usw. "Leave nothing but your footprint", ersuchen die Tafeln der Parkverwaltung, und die Leute halten sich daran! (Wenn ich an die Lobau bei Wien denke, die auch ein Nationalpark ist, könnte ich weinen).

Ein Blick auf die Uhr: 35 Minuten Gehzeit. Selbst wenn ich mir beim Raufgehen noch so viel Zeit lasse: eine Tagestour ist das beim besten Willen nicht.

Also umdisponieren. Rauf und zu meiner Gruppe stoßen, den Tag noch für einen ausgedehnten Hike oben am Rim nutzen. Wieder geht.s los, diesmal bergauf.

Es ist keine große Mühe. Der gut ausgebaute Weg verlangt mehr Toleranz gegenüber der Hitze als übliche bergsteigerische Fähigkeiten wie Kraft, Ausdauer und Trittsicherheit. Natürlich ist mir klar, dass ich hier nur einen sehr kleinen Abschnitt des Weges zum Colorado absolviere. Um 11:45 Uhr bin ich oben, Gesamtzeit daher 90 Minuten. Dabei bin ich ein Tempo gegangen, dass ich oben nicht grade ein Sauerstoffzelt brauchte. Schön war's, aber kurz. Doch es hat gereicht, mich richtig anzuheizen. Beim nächsten Mal geht's runter, aber ganz!


Rim to River to Rim in One Day

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Blick auf Canjon mit Booten(!) Foto: P. Lechner

Das nächste Mal ist Anfang September 2005. Wir sind wieder beim Grand Canyon, die gleiche Gruppe wie 2002. Diesmal also Rim to River to Rim, selbstverständlich an einem Tag.

Die Relation: Tagestour (empfohlen) zu 90 Minuten (tatsächliche Dauer meines Kurzhikes von 2002) hatte ich im Kopf, als ich meinen Rim to River to Rim Hike plante. Grundeinstellung: Respekt ja, Sorge nein.

Ich bin vorbereitet. Ich weiß jetzt genau, welche Hikes in den Canyon führen und wie sie beschaffen sind, Internet sei Dank! Und so ist die geplante Tour:

Ich werde den Bright Angel Trail sowohl für den Abstieg als auch für den Rückweg nehmen. Dieser Trail ist der längere der beiden üblichen (der andere ist der South Kaibab Trail, dessen obersten Abschnitt ich ja schon kannte). Hin- und zurück sind es etwa 30 km, meist nicht sehr steil und am Morgen und späten Nachmittag wenigstens teilweise schattig.

Es gibt an zwei Stellen Wasser; ausreichend Wasser für den ganzen Weg mitzunehmen ist dennoch unbedingt notwendig (die Wasserleitung kann defekt sein). Essen gibt es am Trail nicht zu kaufen.


So bin ich ausgerüstet:

Schuhe, das zweitwichtigste bei so einem Marsch. Ich nehme wie bei meinem Schnupper-Hike von 2002 meine Joggingschuhe. Es ist die richtige Wahl. Die Schuhe sind leicht, der Weg besteht entweder aus glattem Fels oder ist sandig. Geröll, wo man feste Schuhe brauchen würde, gibt es nicht. Das wichtigste: ein Hut mit möglichst breiter Krempe als Schutz gegen die Sonne. Es ist wohl eher möglich, diese Wanderung ohne Schuhe als ohne Sonnenschutz für den Kopf zu unternehmen. Angeraten sind auch ein leichtes Hemd mit langen Ärmeln. Und selbstverständlich Sonnenschutzlotion für die unbedeckten Körperstellen.

An Essen habe ich vier Wurstbrote mit, dazu einige "Power-Bars", sehr süße Müsli-Riegel, die in der Hitze bald zähflüssig werden. Das erste Mal in meinem Leben kaufe ich mir auch isotonisches Pulver als Zusatz fürs Trinkwasser, von dem ich fünf Liter mitnehme. Wegen des Salzes habe auch einen Sack mit Salzbrezeln. Das alles verleiht mir das Gefühl, sehr professionell unterwegs zu sein. Der gefürchteten Austrocknung, der ."dehydration", ein Wort das einem beim Grand Canyon ständig begegnet, werde ich wohl nicht zum Opfer fallen.

Einkaufen kann man alles im großen Supermarkt bei der Yavapai-Logde, und zwar zu zivilen Preisen (was würde man wohl in Österreich an so einem hochgradig touristenmagnetischen Platz zahlen müssen?). Noch günstiger ist es im Ort Tusayan, wenige Kilometer vom South Rim entfernt. Tusayan ist übrigens auch ein guter Ort zum Wohnen, wenn man den Grand Canyon besucht. Und auch der Startpunkt für den phantastischen Helikopterflug über den Canyon.

An "Medizin und Technik" mit habe ich mein "Kleines Blasenbesteck" (Stecknadel zum Aufstechen, Hansaplast, Desinfektionstinktur und Feuerzeug zum Abflämmen der Stecknadel). Außerdem eine elastische Binde, eine Taschenlampe und Klopapier. Nichts von dem hab ich gebraucht. Das Handy ist überflüssig, im Canyon gibt es kein Netz (Stand: Juni 2006). Überflüssig sind auch Kompass, Karte oder GPS-Gerät. Wer sich am Bright Angel Trail verirren will muss sich schon sehr anstrengen. Übrigens würden diese Gerätschaften gar nichts nützen. Man kann nur dort rauf, wo sowieso und nicht zu verfehlen der Trail ist. Das umgebende Gelände besteht aus hunderte Meter hohen senkrechten Felswänden, das Lebewesen wie Bubendorfer oder dem Kondor vorbehalten ist. Eine primitive, nicht maßstäbliche Karte des Trails, die man im Visitors Center bekommt, ist nützlich, weil sie einem ungefähr weist, wie die Wegabschnitte heißen, die man grade begeht.

Aufstehen um 5:30 Uhr, Frühstück im großen Restaurant der Yavapai-Lodge (öffnet um 6:00 Uhr). Für ausreichend Kohlehydrate sorgt ein Stapel der phantastisch goldgelb aussehenden und nach nichts schmeckenden amerikanischen Pancakes, dann geht's per Shuttle-Bus zum Bright Angel Trailhead.

Um 7:10 Uhr tu ich den ersten Schritt in den Canyon.

Kein Problem, ich geh mit meinem Salzbrezelsackerl in der Hand locker runter, "just a walk in the park", wie mir ein arg ramponierter Entgegenkommender zukeucht (wann ist der unten weggegangen?). Nach einer Stunde "raste" ich. Ich bin zwar nicht müde, habe aber meiner Frau Lori versprochen, jede Stunde eine kurze Pause einzulegen (und noch alles mögliche durch ja-ja-Sagen mit versprochen). Beim Abschied hatte ich das Gefühl, dass sie sich innerlich schon mit dem Dasein als Witwe angefreundet hat. Die unheilverkündenden Warnungen der Parkverwaltung haben bei ihr ganze Arbeit geleistet. Möglicherweise plant sie grade nach Tusayan zu fahren, um sich in dem Touristenstädtchen nach einem schicken schwarzen Kleid umzuschauen.

Der Weg ist wunderbar. Es gibt am Bright Angel Trail zwar nicht die atemberaubenden Tiefblicke wie am South Kaibab Trail, aber dafür ist man den gigantischen bunten Felswänden viel näher, das "Schlucht.- Feeling" ist eindrucksvoller. Die Maultier-Prügel und die Mule Piss Lagoons, bei denen einige wohlmeinende Wanderer "amonia warnings" ausstoßen, sind die einzigen Hindernisse. Der Sand am Weg, anfangs weiß, wird bald rot, Colorado eben. Der erste signifikante Punkt, das "One-and-a-half-mile-Resthouse", ist von vielen Menschen umlagert. Das viele Wasser, das sie getrunken haben, haben sie also nicht komplett ausgeschwitzt.

Etliche switchbacks weiter, beim "Three-mile-Resthouse", ist die Hiker-Population schon ausgedünnt. Die Leute, die jetzt entgegenkommen, schleppen riesige Rucksäcke, aus denen Campingausrüstung herausragt. Sie haben die Nacht im Canyon verbracht und sind wegen der Hitze sehr früh aufgebrochen.

Soll ich bremsen oder Gas geben? Ich möchte den Weg auskosten, möchte aber auch keine Zeit vertun, weil ich ja ganz hinunter will. Ich kann eine innere Unruhe nicht ganz ablegen und gehe schneller als ich eigentlich wollte. Wieder viele Switchbacks, noch mehr Hyadoins von Raufkommenden und noch eine überflüssige, aber meiner Lori versprochene Rast später wird der Trail flacher: approaching Indian Garden, 1000 Höhenmeter unter dem Rim.

Indian Garden ist eine halbwegs grüne Oase in der Schlucht. Schon von oben sieht man, dass es hier Bäume gibt, ein grüner Strich im Rot des Canyons. Die Bäume spenden das, was beim Wandern im Grand Canyon begehrte Mangelware ist: Schatten. Außerdem gibt es hier einen Camp Ground zum Übernachten und eine Koppel für Mulis, eine Wasserleitung und einen Rangerstation mit selbstverständlich sehr besorgten Rangers.

Indian Garden ist der von der Grand Canyon Parkverwaltung empfohlene äußerste Punkt für eine Ein-Tages-Tour. Vielleicht 50 bis 60 Leute sind geradezu malerisch versammelt oder besser gesagt verstreut. So, als hätte jemand die Menschen aus einem großen Sack über dem Platz ausgebeutelt sitzen oder liegen sie auf Felsen oder am Boden. Einige haben die Schuhe ausgezogen und beschäftigen sich mit ihren Füßen - ein schlechtes Zeichen. Und jeder schüttet Unmengen von Wasser in sich hinein. Die Angst vor der dehydration hat wie eine Pandemie alle erfasst.

Ich löse das nächste Ja-ja-Versprechen an Lori ein: Hier, in Indian Garden anhand der zur Verfügung stehenden Zeit und meiner aktuellen physischen Verfassung sorgsam zu prüfen, ob ich umkehren oder doch ganz runter zum Colorado gehen soll. Es ist erst 8:50, runter sind es noch 500 Höhenmeter. Der sowieso schon vor drei Jahren gefasste Entschluss wird bekräftigt. Ich trinke noch ein ordentliches Quantum Wasser mit dem isotonischen Pulver, das auf mein Gemüt so wirkt wie eine Dose Spinat auf Popeye. Um 9:00 Uhr gehe ich von Indian Garden weg mit dem Plan, um 12:00 Uhr wieder hier zu sein.

Neben dem nur leicht bergab führenden Weg fließt ein Bach. Nach etwa 15 Minuten verlässt der Weg den Bachverlauf, biegt scharf um eine Felskante und es öffnet sich ein Blick ohnegleichen. Gleichsam in einem senkrechten Hohlzylinder führt ein Felsband in einem weitem majestätischen Bogen bergab. Mir geht durch den Kopf, dass der Weg eine Schraublinie bildet, die geodätische Linie auf einem Zylinder, die in der Abwicklung eine Gerade ist. Offenbar haben die zeitrelativierenden Selbstgespräche des Wanderers eingesetzt und entwickeln so knorpelige Gedanken.

Weit entfernt zieht eine kleine Karawane von Hikern, die mir in dieser Filmkulisse von einer Landschaft entgegenkommt. Nach der Begegnung und einem halben Dutzend Hyadoins bin ich allein. Ich genieße jeden Schritt. Das Felsband mündet in ein steiles Schotterfeld mit einem Kreuzotternmuster aus switchbacks. "Devils Corkscrew" heißt dieser Teil des Trails, "Des Teufels Korkenzieher". Der Name soll wohl ausdrücken, wie arg einem dieser Abschnitt zusetzt. Aber zumindest runter ist es nicht so schlimm.

Nach dem Korkenzieher wird es wieder flacher. Obwohl ich schnell gehe ist weit und breit noch kein Colorado zu sehen. Kein Grund, nervös zu werden, ich gehe seit Indian Garden erst 40 Minuten. Der Bach begleitet mich auf einmal wieder. Noch eine viertel Stunde, dann hör ich den Fluss rauschen. Eine leichte Biegung - der Colorado ist da. Ich bin ganz unten im Grand Canyon.

Ein himmlisches Hochgefühl überkommt mich. Warum kann ich diese Erleben nicht teilen mit Menschen, die ich liebe? Das geht mir durch den Kopf. Aber von meiner Reisegruppe hätte von der physischen Kondition her nur mein Bruder mitgehen können, doch der hat seit schon seit längerem furchtbare Kreuzschmerzen und martert sich schon auf den ebenen Trails entlang des Rims.

Ich werde nie vom Grand Caynon weggehen können ohne den festen Vorsatz wiederzukommen. Und das nächste Mal nicht allein! Hier und jetzt beschließe ich: Wolfgang, unser Sohn und seit seinem 7. Lebensjahr mein bester und unbegrenzt belastbarer Begleiter auf ungezählten Bergwanderungen, und ich werden nächstes Jahr zusammen im Canyon sein.

Bei seiner Mündung in den Colorado hat der Bach einen kleinen Sandstrand angelegt. Ich zieh die Schuhe aus und steige bis zu den Knien in den Fluss. Selbstverständlich gibt es hier eine Tafel, die ein Badeverbot wegen ."Danger of life" verhängt. Aber hier würde sowieso keiner baden, denn das Wasser ist sehr kalt, eine Auswirkung des Lake Powell, aus dessen 100 Meter Tiefe das die Wasser des Colorado im Canyon stammen. Eine andere Auswirkung dieses Sees ist, dass der Colorado, der Gefärbte, zumindest im Canyon seinen Namen heute zu unrecht trägt, denn er hat die sozusagen graugrüne Standardfarbe eines Flusses. Bevor 200 Kilometer oberhalb des Grand Canyons der Glenn Dam, der den Lake Powell aufstaut, gebaut wurde, war der Fluss zwei Milliarden Jahre lang rotgelb. Wie das gigantische Felsplateau, in das er sich seinen unvergleichlichen Canyon gegraben hat. Der rote Sand, der ihm seinen Namen gegeben hat, liegt jetzt am Grund des Stausees und wird diesen in ein paar Jahrzehnten zugeschüttet haben.

Auf dem Ministrand sonnt sich ein junges Paar. Die zwei sind offenbar von der Phantom Ranch hergekommen, denn sie haben nur Schuhe und Badekleidung mit. Ich bitte sie, ein Foto von mir zu machen - und bekomme ein Antwort auf Deutsch! Es sind ein Kärntner und seine Frankfurter Freundin.

Wir plaudern ein bisschen, und dann mache ich mich, mit ein paar "Belegfotos" des erfolgreichen Abstieges in der Kamera um 10:15 Uhr auf den Rückweg. Ich kenne jetzt den Weg und muss mir keine Gedanken machen, wie ich raufkommen werde. Aber ich bin nicht leichtsinnig, vor mir liegen immerhin 15 Kilometer Aufstieg. Sofort merke ich, dass es hinauf doch nicht so locker geht wie zuvor fröhlich bergab, und noch deutlicher spüre ich, wie heiß es wirklich ist. Schatten gibt es hier überhaupt nicht. Das Hemd unter dem Rucksack ist völlig nass. Aber ich komme trotzdem gut voran und bin bald bei der mit hellgrünem Bambus bestandenen Stelle, wo der Bach seine Abkürzung durch eine enge unbegehbare Schlucht nimmt. Ich freu' mich schon darauf, ihn oben wieder zu treffen. Eine Wanderung stiftet eben Freundschaften.

Der nur mäßig steile Wegabschnitt ist vorbei und es beginnen die Switchbacks des teuflischen Korkenziehers. Die Sonne hat noch einen Gang hochgeschaltet. Die Felsen haben sich aufgeheizt und strahlen zusätzlich Hitze ab. Das erste Mal auf der heutigen Wanderung ist es anstrengend. Zwei switschbacks, zwei Schluck Wasser, zwei switschbacks, zwei Schluck Wasser: das Zweitaktspiel des Aufstiegs findet seinen Rhythmus. Schließlich schlägt der letzte Takt und ich stehe am Beginn "meines" geodätischen Felsbandes.

Diese Hitze! Und trotzdem Genusswandern pur. Der wunderbare Weg, die völlige Stille und der ungeheure Tiefblick! Ein einzelner Hiker kommt mir entgegen. Da schau her, eine Frau, wir werden einander mitten am Felsband begegnen. Noch ahne ich nicht, dass diese Begegnung für mich eine historische sein wird.

Jeder kennt den abgedroschenen Kalauer, dass die Amerikaner "Austria" und "Australia" verwechseln. Wobei das nicht nur ein Witz sein soll, denn er drückt ja auch Herablassung über den hierzulande als unverrückbare Tatsache geltenden Mangel an geographischen Grundkenntnissen der Amerikaner aus, und überhaupt, wie ungebildet (und zugleich eingebildet) diese "Cowboys" sind. So etwas lässt uns Europäer gleich als viel gescheiter (kultivierter, gebildeter usw.) dastehen. Gut fürs angeschlagene Ego, zum intellektuellen Diskontpreis.

Dieses ist meine zehnte Reise in die USA. Mit einer Ausnahme haben sie mindestens vier, meist fünf bis sechs Wochen gedauert. Auf längeren Reisen kommt man mit vielen Leuten ins Gespräch. Als "Einleitung" habe ich fast immer die Frage "Where do you come from?" beantworten müssen. Keiner dieser amerikanischen Gesprächspartner, im Bus, auf einer Fähre, in einer Warteschlange, hat je Austria mit Australia verwechselt. Wer durch Bestätigung seiner "überlegenen geographischer Bildung" sein Ego aufmöbeln will, soll besser ein anderes Reiseziel suchen .


Und jetzt das!

Die aparte und von der Hitze romantisch aufgelöste Frau ist komplett rot. Hut, Leibchen, Shorts und Socken sind so rot wie ihr Gesicht. Ihre weißen Schuhe hat der rote Sand passend gefärbt. Dass ihr roter Rucksack schwarze Riemen hat, geht als lässliche Sünde wider die Geschlossenheit des Ensembles durch. Immerhin passen die Riemen zu ihren schwarzen Haaren. Ich versuche, nicht auf ihre Fingernägel zu schauen, aber der Drang ist unwiderstehlich. Es passt! Ich wäre sehr enttäuscht gewesen.

Nach dem selbstverständlichen Hyadoin die "Where do you come from"-Frage.

"Austria"

"Oh! Wir haben vorige Woche eine Reisegruppe ganz aus der Nähe von Dir kennen gelernt. Die waren von Neuseeland..."

Omigod, wie Monica Lewinsky gesagt haben würde. Es ist passiert. Die Verwechslung! Das Sinnbild des ungeraden Verhältnisses vieler meiner Landsleute zu den Amis. Vielleicht hat die rote Wanderin die Bestürzung in meinem Gesicht gesehen und tröstet mich damit, dass mein - australisches! - Englisch besser sei als das der Neuseeländer. Immerhin. Sie ist Lehrerin und muss es ja wissen.

Ob ich beim Aufstieg einen Mann mit einem roten Hemd gesehen habe? Ich verneine wahrheitsgemäß, worauf sie sich seufzend auf dem Weg niedersetzt, wahrscheinlich um zu warten. In einer sentimentalen Anwandlung von "might have been" drehe ich mich nach 100 Metern noch einmal nach ihr um. Sie ist mit dem roten Fels des Weges zu einer optischen Einheit verschmolzen, in der flimmernden Luft nur mehr undeutlich zu sehen. Oben die vielleicht schon Schwarze Möchtegern-Witwe, hier unten die Lady in Red. Der Grand Canyon schafft verrückte Parallelwelten im Kopf.

Nach der scharfen Biegung des Weges wird es flacher, und da ist auch mein Freund, der Bach wieder. Mein Hyadoin beantwortet er mit einem höflichen Murmeln. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass meine Chancen, um 12:00 Uhr wieder in Indian Garden zu sein, intakt sind. Jetzt geht es flotter voran, viel kann jetzt nimmer passieren, was die zeitgerechte Ankunft nach meinem persönlichen Marschplan verhindern könnte.

Außer eine Frau mit zwei Töchtern im fortgeschrittenen Teenageralter, die hinter einer Wegbiegung ohne jede Deckung durch das hier wachsende Gebüsch ihre durchgeschwitzen Leibchen wechseln. Alle drei stehen im BH da. Sie haben sicher nicht damit gerechnet, dass jemand von unten heraufkommen könnte. Wir erstarren, alle vier.

Ist das eine Fata Morgana? Oder hat mich doch die Hitze erwischt? Bin ich wirklich in den USA, dem Land, wo dreijährige Mädchen am Strand ein Oberteil zur Badehose tragen müssen? Und diese drei Frauen stehen hier - nach US-Standards - quasi in puris naturalibus herum.

Ich drehe mich taktvoll um, gehe hinter die Biegung zurück und warte ein paar Minuten. Eine vielleicht peinliche Begegnung mit den drei Frauen wird aber sowieso nicht ausbleiben, denn entweder gehen sie runter und damit mir entgegen oder ich hole sie ein. Die dritte Möglichkeit tritt ein: sie warten auf mich, diesmal komplett montiert. Überraschung! Kein Hyadoin, nicht die "Where do you come from"-Frage, sondern - eine Entschuldigung! Sie sind von der Sorge geplagt, durch ihr unerhörtes Verhalten meine Gefühle verletzt zu haben. Ich versichere ihnen aufrichtig, dass meine Gefühle robust genug sind, um mit Verletzungen dieser Art fertig zu werden, und das ganze löst sich in einem Lachen auf.

Zusammen gehen wir weiter, können die "Where you come from"-Prozedur nachholen. Die drei sind um 7:30 Uhr vom Bright Angel Campground weggegangen. Sie müssen ein ordentliches Tempo gehen können, denn viereinhalb Stunden vom Campground bis hierher ist wahrlich nicht schlecht. Sie kennen Austria und finden es "pretty", besonders the town of Salzburg. Und günstig gelegen, weil gleich in der Nähe Vienna liegt, welches ebenfalls "pretty" ist. Ja, the famous "little white show horses" haben sie auch gesehen, aber das haben sie als ziemlich "boring" empfunden. "Die Pferde gehen als ob ihnen die Füße weh täten" meint eins der Mädchen. Plaudernd erreichen wir auf dem jetzt fast ebenen Weg um Punkt 12:00 Uhr Indian Garden. Meine netten Begleiterinnen füllen nur Wasser auf und gehen ohne Rast weiter, schade. Für mich ist Mittagspause.

Einzeln oder in kleinen Gruppen sind hier vielleicht 30 Personen unter den Bäumen verteilt, deren Schatten die Mittagshitze abhält. Ein paar der Hiker sehen recht müde aus. Es ist niemand dabei, der beim Colorado unten war, sonst wäre ich ihm ja begegnet oder er hätte mich überholen müssen. Also haben sie ja erst den Abstieg vom Rim hinter sich, und die 1000 Höhenmeter hinauf liegen vor ihnen. Ein bisschen bade ich ihm Gefühl der Überlegenheit, weil ich ganz unten war und mich trotzdem vollkommen fit fühle.

Nach zwei Wurstbroten mache ich Inventur beim Wasser. Für den Weg von Indian Garden zum Fluss und hieher zurück habe ich drei Stunden und fast vier Liter Wasser verbraucht. Die Empfehlungen der Ranger waren also nicht übertrieben. Ich tanke bei der Wasserleitung meine Flaschen voll und will es mir noch einmal gemütlich machen und vielleicht auch ein lockeres Gespräch mit anderen Hikern anfangen.

Aber daraus wird nichts. Wie eine Vogelschar nach einem Schuss vom Telegraphendraht hochfliegt brechen fast alle gleichzeitig auf. Was ist los? Es ist ja erst halb eins! Wissen die etwas, was ich nicht weiß? Binnen weniger Minuten sind nur mehr fünf Personen da, mich eingeschlossen. Die anderen vier sind am Weg hinunter und werden die Nacht im Bright Angel Campground verbringen.

Ich hatte die Absicht gehabt, das Nachlassen der größten Hitze hier abzuwarten. Aber der fast fluchtartige Aufbruch der anderen Wanderer hat mich irritiert. Also packe ich auch zusammen und marschiere los.

1000 Höhenmeter auf 10 Kilometer. Und deutlich über 30 Grad im Schatten, den es am Weg fast nicht gibt.

Schon beim Beginn der ersten Switchbacks hole ich die ersten Wanderer ein. Es ist der Anfang eines namenlosen heiteren Spiels, das man nicht gewinnen, nicht verlieren und aus dem man nicht aussteigen kann. Es besteht darin, dass man andere, ohne es zu wollen, immer wieder überholt, wenn die eine kurze Pause zum Verschnaufen einlegen und von denen man zurücküberholt wird, wenn man selber kurz stehen bleibt. So lernt man die Leute buchstäblich "en passant" kennen, man grinst sich bei jeder Begegnung freundlich an und weiß auch ohne Spiegel, wie das eigene Gesicht ausschaut: so rot und verschwitzt wie das der anderen.

Mit Ryan und Bob, zwei etwa 40jährigen Männern, ergibt sich eine ad-hoc-Seilschaft. Wir plaudern über alles mögliche. Ich kann damit angeben, was ich alles in den USA schon gesehen habe, mehr als die beiden zusammen. Wie schon öfter bei Gesprächen habe ich den Eindruck, dass vielen Amerikanern gar nicht bewusst ist, wie groß ihr Land ist. Als ich erzähle, das Österreich ziemlich genau so groß ist wie der Lake Superior (der größte der Great Lakes im Nordosten der USA) wollen sie es nicht glauben. Für sie ist der See ein kleiner blauer Fleck rechts oben auf der Landkarte der USA.

Ryan und Bob sind zwar nett, aber keine wirklich experienced hikers. Besonders Bob muss immer öfter stehen bleiben. Hitze, Weite, Steigung und Übergewicht fordern Tribut. Nach einer Stunde verabschiede ich mich von den beiden und gehe allein weiter. Ohne Ablenkung durch ein Gespräch tu ich, was ich bisher vermieden habe: ich schaue öfter nach oben. Dort ist der Rim, und egal, wie lang ich gehe, er ist immer noch weit weg und immer noch hoch oben.

Three Mile Resthaus. Es ist von vielen Wanderern belagert, die einen nur kurzen Hike machen. Was in allen Reiseführern steht, ist jetzt sehr deutlich zu sehen: der Grand Canyon ist, je näher man der "Zivilisation" kommt, überlaufen. Zügig weiter. One-And-A-Half-Mile-Resthouse, noch mehr Wanderer. Jetzt gehe ich mein "Normaltempo", zumal es jetzt ab und zu schon schattige Wegabschnitte gibt, und gewinne rascher an Höhe.

Der Trail verläuft jetzt schon tief in dem steilen Seitencanyon, an dessen Ende der Trailhead ist. Von hier gibt es wieder herrliche Tiefblicke, weit unten liegt Indian Garden. Wie jeden Tag malt die Sonne das unvergleichliche Bild von Licht und Schatten im Canyon neu. Ab und zu bleibe ich stehen, ich will das für immer mitnehmen. Ohne die Gewissheit, dass ich wiederkommen werde wäre es unerträglich, von hier weggehen zu müssen.

Die Switchbacks werden länger, denn sie laufen jetzt schon über beide Flanken des Seitencanyons. Der Rim ist nicht mehr nur eine ferne Linie, die sich gegen den Himmel abhebt, sondern schon in Einzelheiten erkennbar. Wie so oft gegen Ende einer schönen Wanderung bin ich traurig, dass sie zu Ende geht. Sehr müde bin ich nicht. Bald ist der kleine Tunnel durch eine schmale Felswand erreicht, ein signifikanter Punkt am Trail, nur mehr wenig vom Trailhead entfernt.

Der erste Schritt wieder auf Asphalt, ich bin oben. Es ist 15:40 Uhr, drei Stunden von Indian Garden herauf. Insgesamt war ich etwa achteinhalb Stunden unterwegs, davon ungefähr eineinhalb Stunden Rast. Macht sieben Stunden reine Gehzeit, trotz der einen Stunde mit den etwas langsameren Gefährten. Ginge es um Leistung, könnte ich mit mir zufrieden sein. Aber der Grand Canyon reduziert solche Gedanken zu Hirngespinsten. Er hat andere Maßstäbe.

Oben ist leider der Teufel los. Die Ruhe vom Morgen ist von hundert Autobussen überrollt. Ich muss ein gutes Stück gehen, um einen ungestörten Platz am Rim zu finden. Beim Blick in die Tiefe kann ich erahnen, wo ich noch vor kurzem gegangen bin und im Zeitraffer erlebe ich den Trail nochmals. Die Schatten sind höher gestiegen und die von der niedriger stehenden Sonne beleuchteten Felsen beginnen zu glühen. Ein Kondor schwebt lautlos und mächtig herauf und verschwindet im blauen Himmel.

Das ist mein Tag. Der Tag, auf den ich 62 Jahre gewartet habe.