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Die Urwald-Deutschen#

Beim WM-Finale am Sonntag wollen viele Brasilianer den Deutschen die Daumen drücken. Das hat einen Grund.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 11. Juli 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Christoph Rella


Deutsche Kolonien in Brasilien
© Wiener Zeitung

Brasilía. Argentiniens Nationalelf steht im Finalspiel am Sonntag in Rio de Janeiro ein schweres Stück Arbeit bevor. Die Albiceleste wird dann nämlich nicht nur das deutsche Team, sondern einen großen Teil der Zuschauer im Maracanã - neben den deutschen vor allem die brasilianischen Fans - zum Gegner haben. Nicht, weil die Cariocas plötzlich ihre Liebe zu den Deutschen entdeckt hätten, es ist vielmehr die traditionelle Rivalität zwischen den Nachbarländern, die viele Brasilianer ins Lager der europäischen Gäste fliehen lässt. Argentinien als WM-Triumphator auf heimischem Boden? Das geht nicht. Dementsprechend deutlich gab daher auch die Sportzeitung "Lance!" den Fans für Sonntag die Marschrichtung vor: "Wir sind alle Deutschland!"

Tatsächlich hätten die Brasilianer aber auch sonst gute Gründe, bei der Begegnung den Deutschen die Daumen zu halten. Zumindest jene rund 12 Millionen Landsleute, die zumindest teilweise deutsche Ahnen haben und deswegen gemeinhin auch als Deutsch-Brasilianer gelten. Zu den prominentesten Namen zählen unter anderem Arthur Friedenreich, Claudio Hummes, Oscar Niemeyer und Gisele Bündchen. Einen viel brutaleren Eindruck mit ihrem Tun hinterlassen haben hingegen andere Deutsch-Brasilianer, darunter der ehemalige KZ-Arzt Josef Mengele oder auch Ex-Diktator Ernesto Geisel. Wie auch immer, die deutsche Sprache beherrschen freilich nur noch die wenigsten, 600.000 Menschen sollen es laut Statistiken sein, die in den deutschen Auswanderer-Kolonien Nova Friburgo, Blumenau oder Santa Leopoldina noch die Kultur ihrer Vorfahren pflegen. Zu den bekanntesten deutschen Gründungen zählt unter anderem die Stadt Blumenau in der Provinz Santa Catarina, die 1850 von dem Auswanderer und Apotheker Hermann Blumenau geschaffen wurde und mit ihren Fachwerkbauten und dem jährlichen Oktoberfest - das Bierfest gilt sogar nach dem Karneval von Rio als das zweitgrößte Volksfest des Landes - als bedeutendes Zentrum der deutschen Kultur in Brasilien gehandelt wird. Vor 100 Jahren beherbergte die Stadt noch rund 90 deutschsprachige Schulen sowie ein buntes Vereins- und Kulturleben. Dass die Traditionen heute nicht mehr so lebendig sind wie früher, ist wiederum auf die Nationalisierungskampagne der brasilianischen Regierung in den 1930ern zurückzuführen. Ziel der von Diktator Getúlio Vargas propagierten Politik des Estado Novo (Neuer Staat) war es, in den Auswanderer-Kolonien einen Assimilierungsprozess in Gang zu bringen und die Bevölkerung mehr zu durchmischen. Schulen und Vereine wurden geschlossen, die Verwendung der deutschen Sprache verboten und das Portugiesische zur Amtssprache erklärt.

Habsburgerprinzessin als Schirmherrin#

Für die deutschsprachige Minderheit, die immerhin seit mehr als einem Jahrhundert im Land lebte, stellte diese Politik eine schwere Zäsur dar. Dabei war es der Staat selbst gewesen, der die Auswanderer im 19. Jahrhundert in Scharen ins Land geholt hatte. Zu den größten Unterstützern der Immigrationspolitik zählte die Habsburgerprinzessin und spätere Kaiserin von Brasilien, Erzherzogin Leopoldine. Um die Landwirtschaft in ihrer neuen Heimat zu forcieren und die fernen Grenzgebiete durch Besiedelung besser zu sichern, ließ sie ab 1817 tausende Emigranten aus Deutschland und Österreich nach Brasilien bringen und in den (heutigen) Provinzen Rio Grande do Sul, Santa Catarina, Paraná, São Paulo und Rio de Janeiro ansiedeln. Die Auswanderer nahmen das Angebot gern an, hatten doch Kriege, Industrialisierung und Gewaltherrschaft in Europa zu politischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Umwälzungen geführt. Aber auch für Brasilien sollte sich der Bevölkerungsaustausch wirtschaftlich auszahlen, füllten doch die Billigarbeiter aus Europa jene Löcher, die im brasilianischen Arbeitsalltag durch das Verbot der Einfuhr afrikanischer Sklaven entstanden waren. Wie viele Deutsche in dieser Zeit ihre Heimat in Richtung Amerika verließen, lässt sich heute mangels Statistiken nicht mehr feststellen. Auch nicht im Fall der Auswanderer, die einst der österreichisch-ungarischen Monarchie den Rücken kehrten: Da diese aus allen Teilen des Vielvölkerstaates kamen, ist auch hier eine ethnische Zuordnung schwierig.

Zu den ältesten deutschen Kolonien zählen unter anderem die Orte Frankenthal, Nova Friburgo (beide 1818), São Leopoldo (1824), Santo Amaro (1828) und Petrópolis (1845). Die Siedler stammten aus Sachsen, Württemberg, Schlesien, Pommern, Baden, Hannover, Preußen, Westfalen und aus dem Rheinland. Eine der größten Auswanderergruppen aus Österreich stellten wiederum die Tiroler, die sich mit der Gründung der Stadt Tirol bei Santa Leopoldina (Bahia) eine neue Existenz aufbauten. Bekannter als Tirol ist die Siedlung Dreizehnlinden (Treze Tilias), die 1933 unter Führung des früheren Landwirtschaftsministers Andreas Thaler von Tiroler Auswanderern in den Urwald von Santa Catarina geschlagen wurde. Von der Tiroler Kultur ist in dem Ort - mit Ausnahme der Architektur - heute nicht viel übrig geblieben. Mit Ausnahme der älteren Generation spricht kaum noch ein Einwohner deutsch, besonders die Jugend definiert sich brasilianisch.

Auch was den Fußball betrifft, darf man annehmen. Man könnte daher mutmaßen, dass die Dreizehnlindner am Wochenende das deutsche Nationalteam unterstützen werden. Ob allerdings diese Liebe der Rivalität mit Argentinien oder nostalgischen Gefühlen geschuldet ist, steht auf einem anderen Blatt.

Wiener Zeitung, Freitag, 11. Juli 2014