unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Elektro-Liliput statt Lkw#

Ein neues Cargokonzept für Wien will kleinere Betriebe über schmale Containerboxen und Elektrofahrzeuge beliefern.#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 11. Oktober 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Alexander Maurer


Cargo-Konzept
Schlank genug, um auch durch die engsten Gässchen zu kommen: das Konzept von "Kombiverkehr Ideen".

Wien. Auch eine Fußgängerzone kann sie nicht aufhalten. Egal ob Mariahilfer Straße, Meidlinger Hauptstraße, Graben oder Favoritenstraße. Die Geschäfte sind auf die Liefer-Lkw angewiesen, selbst wenn sie Parkplätze oder die zweite Spur verstellen. Hier stößt die "Smart City" Wien scheinbar an ihre Grenzen. Es geht halt nicht anders - oder?

Dass es auch umweltverträglichere und flexiblere Lösungen geben kann, zeigt ein urbanes Cargokonzept, dass der gemeinnützige Verein "Kombiverkehr Ideen" von Karl-Walter Stehlik für Wien ausgearbeitet hat. Die Idee setzt neben einem Lieferboxsystem auf Elektrofahrzeuge, auch wenn diese in der Bundeshauptstadt trotz angekündigter Förderoffensiven noch klar in der Minderheit sind. Der Verkehrsclub Österreich ist von der Idee begeistert und zeichnete sie mit dem Mobilitätspreis aus.

Logistikkonzepte mit Elektrofahrzeugen haben sich bereits in anderen europäischen Städten bewährt, beispielsweise die Cargohopper in Holland. Ähnlich den schmalen Tourismuszügen, kommen die Elektrofahrzeuge mit Anhängern locker durch die engen Gassen alter Städte wie Utrecht. Verladeboxen lassen sich leicht tauschen und Hebebühnen ermöglichen auch den Palettentransport. Auch die vergleichsweise moderaten Höchstgeschwindigkeiten der Mini-Sattelschlepper von 45 km/h reichen für T ransportfahrten im Stadtverkehr aus, erklärt Stehlik im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Genormt und beidseitig beladbar#

Oft werde mit zu geringer Reichweite und teurer Batterietechnologie gegen die Stromer argumentiert, meint der Tüftler Stehlik. Dies seien aber Hindernisse, die sich leicht umgehen ließen. Und das ohne das Fahrzeug stundenlang an der E-Tankstelle aufladen zu müssen, die es in Wien aktuell nur im halböffentlichen Raum wie Garagen, Autowerkstätten oder Parkhäusern gibt.

"Mit einem Batteriewechselsystem könnte ich in fünf Minuten eine frisch geladene Batterie in mein Fahrzeug tauschen und wieder weiterfahren. Dazu braucht es nur einen einfachen Hubwagen", erklärt Stehlik. So könnte sich auch die geringe Reichweite der aktuell noch günstigen aber nicht leistungsstarken Bleiakkus stark verlängern lassen. Das Logistikkonzept dreht sich aber nicht um die Elektrofahrzeuge. Denn diese würden sich mit dem Fortschreiten der Technik weiterentwickeln oder in der aktuellen Form obsolet werden. Das beständige Element der Idee sind genormte und beidseitig be- und entladbare Lieferboxen. Diese befinden sich einerseits auf den Fahrzeugen und stehen andererseits bei den Geschäften am Straßenrand oder in Häuserbuchten.

Die Boxgröße entspricht mit etwa eineinhalb Metern Kantenlänge dem gemeinsamen Vielfachen aller gängigen Containergrößen, um Flexibilität zu bewahren. "Das bedeutet, ich bekomme sogar neun Boxen auf einen Sattelschlepper", nennt Stehlik ein Beispiel. Die einfach gehaltenen Mini-Container seien zudem stapelbar und auch überregional mit der Bahn transportierbar.

Die Annahmeboxen vor den Geschäften sind in etwa so breit wie ein Schanigarten und können quer zur Fahrbahn aufgestellt werden. "Die Belieferung erfolgt von der Straßenseite und entnehmen kann man die Waren von der Gehsteigseite, weil die Boxen von allen Seiten zu öffnen sind. So können die Boxnutzer im Zweiwegesystem auch Leergut oder dreckige Tischdecken abholen lassen", erläutert Stehlik. Fuhrunternehmer könnten so ihre Anlieferungen unabhängiger von den Öffnungszeiten der Geschäfte planen. Die Nutzer der Container müssten ihrerseits den Geschäftsbetrieb für die Entgegennahme der Waren nicht unterbrechen. Auch verhindern die kurzen Anlieferungszeiten von wenigen Minuten, dass Fahrzeuge die wenigen Parkplätze verstellen oder die Straßen in zweiter Spur verstopfen.

"Je nachdem, wie viel Geld man in die Hand nehmen will, kann man die Boxen auch mit verschiedenen Sicherheitssystemen oder auch einer elektrischen Kühlung für den Gastronomiebetrieb ausstatten", erklärt Stehlik.

Praktisch, aber nicht ansehnlich, so eine Box am Straßenrand? Dies sei eine reine Designfrage, so der Experte. "So etwas haben beispielsweise die Bushaltestellen der Stadt Wien geschafft. Deren Gestaltung ist überall ansprechend, egal ob im Stadtkern oder in den Randgebieten."

Geschätzte Kosten in Höhe von 100 Euro pro Monat#

Die Lieferboxen seien zwar nicht für Supermärkte geeignet, aber ideal für ortsansässige Kleinbetriebe oder Handwerker, erklärt der Tüftler. Auch andere Gewerbetreibende wie Bekleidungsgeschäfte, Feinkostläden, Gastronomiebetriebe oder Hotels könnten aufgrund der bereits angesprochenen Ausstattungsmöglichkeiten der Boxen davon profitieren. "Es können auch zwei oder drei Shops ähnlich einer Wohngemeinschaft eine Boxgemeinschaft bilden, wenn der jeweilige Lieferbedarf nicht so hoch ist", meint er.

Trägerfahrzeugs
Abmessungen des Trägerfahrzeugs: 2,5 x 1,4 x 2,7 Meter.© HET

Das Konzept müsse sich aber erst langsam etablieren, was einige Jahre in Anspruch nehmen würde. "Es muss nicht nur ein Boxhersteller, sondern auch ein Boxbetreiber gefunden werden. Quasi die Schnittstelle zwischen der Stadt Wien und den ortsansässigen Unternehmen", meint Stehlik.

Egal ob sich nun die Gemeinde selbst darum kümmert oder einen privaten Subunternehmer mit der Boxbetreuung beauftragt, rechnet er inklusive Stellkosten und Gewinnaufschlag für den Betreiber mit knapp 100 Euro monatlichen "Mietkosten" für eine Lieferbox. "Ich habe bereits mit Unternehmern in der Innenstadt gesprochen und sie wären aufgrund der eventuellen Vorteile dazu bereit, in etwa diese Summe monatlich für dieses Liefersystem auszugeben", fügt er an.

Auch ein Markt für Gebrauchtboxen würde sich mit steigender Nutzerzahl etablieren, ist Stehlik überzeugt. "Bei Investitionen schrecken alle zurück" Aber wie nun so ein Konzept etablieren? "Es nützt nichts, wenn ein einzelner Gewerbetreibender anfängt, die Boxen zu verkaufen. Es wird keinen Anklang finden", meint Konzeptinitiator Stehlik. Die Vorurteile gegenüber Elektrofahrzeugen in den Köpfen der Unternehmer und Skepsis würden noch überwiegen. Der Pensionist sieht die Stadt Wien gefragt, das Konzept bei Gefallen großflächig zu präsentieren und eine Informations- und Diskussionsveranstaltung für alle relevanten Akteure - von Unternehmern über die zuständigen Stadträte bis hin zu Wirtschaftskammer und Elektrofahrzeugherstellern - auszurichten. Er betont auch die Vorbildwirkung der Stadt.

Verkehrsstadträtin Vassilakou interessiert#

"Wien ist Trendsetter. Wird hier etwas gemacht, wird es auch im Um- und Ausland übernommen. Und wenn die Stadt einlädt, dann kommen die Leute auch." Denn bisher haben keine Institutionen oder Unternehmen das Konzept direkt aufgegriffen, auch wenn seine Idee bereits Beachtung gefunden hat: Das Lieferboxensystem erhielt gemeinsam mit den "Citylog"-Elektrofahrzeugen des Salzburger Engineering-Unternehmens "HET Verkehrstechnik" den Mobilitätspreis des Verkehrsclubs Österreich.

Auch seitens der Stadt Wien zeigte man Interesse. Aus dem Büro von Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou hieß es Anfang April, dass man dem Cargokonzept positiv gegenüberstehe und es als eines von mehreren in die Überlegungen für städtische Lösungsansätze miteinbeziehe. Seitdem scheint sich aber nicht viel bewegt zu haben. Bei erneuter Anfrage verwies man auf die Fachkonferenz "Future City Logistics 4.0", die Ende Oktober stattfinden sollte, sowie auf eine Fachtagung zu Lastentransport mittels E-Fahrrädern im kommenden Jahr. Stehlik hat sein Konzept bereits selbständig einigen Unternehmen vorgelegt. Es hätten sich sogar ein Importeur für die Elektroautos und ein Produzent der Lieferboxen im Großraum Wien gefunden. Eine Risikobeteiligung wurde jedoch bisher stets ausgeschlossen. "Verkaufen wollen sie alle, aber wenn es darum geht, Geld für die Entwicklung in die Hand zu nehmen, schrecken sie sofort zurück. Um eine Förderung zu erhalten, muss aber ein Unternehmen dahinterstehen, das anteilig die Kosten trägt. Ich als Privatperson kann nur eine Idee spenden und ausreifen lassen. Für einen Testlauf oder eine wirkliche Einführung braucht es aber einen Partner", so der Tüftler.

Wiener Zeitung, Dienstag, 11. Oktober 2016