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Das Ende einer Legende#

Vor 40 Jahren verunglückte Jochen Rindt beim Formel-1-Training in Monza tödlich.Erinnerung an einen Unsterblichen#


Von der Wiener Zeitung freundlicherweise zur Verfügung gestellt. (Samstag, 4. September 2010)

Von

Thomas Karny


Jochen Rindt
Jochen Rindts Physiognomie gab oft Anlass zu Witzeleien. Ohne seine Rennerfolge wäre seine Nase aber wohl nie zum Charakteristikum erhöht worden.
© Wiener Zeitung / Aus F. Kräling: "Jochen Rindt"

Stainz ist kein allzu großer Ort südwestlich von Graz. Wer hierher kommt, besucht das Schloss oder folgt einem der zahlreichen Wege, deren Ziel zumeist die gastronomisch-topografische Kombination aus Buschenschank und schöner Aussicht ist. Zum Beispiel hinauf nach Engelweingarten. Die Straße dorthin ist etwa so breit wie eine innerstädtische Einbahn mit beidseitigem Halteverbot. Sie ist kurvenreich, führt teilweise durch dichten Wald und steigt auf einer Strecke von 5,6 Kilometern um 390 Höhenmeter.

Vor etwa vierzig Jahren setzte sich Erich Neger, Geschäftsführer des lokalen VW-Betriebs, in den Kopf, auf dieser Straße ein Bergrennen zu veranstalten. Nicht für Radfahrer, sondern für Rennwagen. Der ÖAMTC war begeistert und übernahm die Organisation.

Als Jochen Rindt 1968 erstmals beim Internationalen Stainzer Bergrennen an den Start ging, war er schon wer. Er hatte in Crystal Palace gewonnen und 1965 gemeinsam mit Masten Gregory den 24-Stunden-Klassiker von Le Mans für sich entschieden. 1968 stellte insofern eine gravierende Zäsur in Rindts Biographie dar, weil er nach der völlig verkorksten Saison 1967 vom recht erfolglosen Cooper-Rennstall zu Brabham gewechselt und zumindest zweimal wieder aufs Podest gefahren war: In Kyalami (Südafrika) und am Nürburgring wurde er jeweils Dritter. In der Rückschau war dieser Wechsel bloß die Zwischenstufe zum Sprung ins Topteam von Lotus. Das Bergrennen in Stainz hatte er natürlich für sich entschieden. Zwei Jahre später, am 23. August 1970, machte Rindt abermals einen Abstecher in die Weststeiermark. Da hatte er in den vier Monaten davor fünf Grand-Prix-Rennen gewonnen und führte mit 20 Punkten Vorsprung die Weltmeisterschaftswertung an. Der hierzulande als einer der Unseren geherzte Beutedeutsche hatte auf den internationalen Rennstrecken mit vollem Rohr Granada gespielt und Österreich einen emotionalen Modernitätsschub verpasst.

Zu einer Zeit, in der Autos noch nicht als Klima verändernde Luftverschmutzer galten, sondern wirtschaftlichen Aufschwung und Freiheit symbolisierten, wurde einer wie Rindt zwangsläufig zum Helden: Eine Rotzpip’n aus Graz putzte den rennfahrenden Hochadel der Hills, Brabhams und Stewarts. Von nun an verfügte Österreich auch in der Sommersaison über einen Superstar als Pendant zur florierenden Skifahrerbranche. Die Skisportler standen für Tradition und Kontinuität, Rindt verkörperte Aufbruch und Progressivität. Anderswo mochten Studenten und Politiker in spe für ihre Vision von einer neuen Gesellschaft auf die Straße gegangen sein. Wir hatten Rindt. Der ging nicht, der raste. Seine Vision war der Tusch: krachen lassen und den Gegner panieren. Kein Zweifel, Rindt war unser Mann.

Wild und unangepasst – Rindt verkörperte diese Eigenschaften in nahezu unüberbietbarer Authentizität. Bereits als Gymnasiast in der gleichwohl legendären wie zwielichtigen Privatmittelschule des SS-Obersturmbannführers a.D., Wilhelm Höttl, in Bad Aussee zeigte er, was es heißt, „einer von jenen zu sein, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben“. Der Bruch mit der alpenländischen Tradition des Skifahrens erfolgte wortwörtlich und daher schmerzvoll. Der Klassenbeste seiner Disziplin brach sich bei der Bolzerei auf zwei Bretteln zweimal das Bein. Kaum hatte er den Führerschein, matchte er sich mit seinem Schulkameraden Helmut Marko. Bevorzugtes Kampfgebiet: die Schnellstraße zwischen Graz und Bruck. Dabei kippte Marko Papas Chevy im Eifer des Gefechts in die Mur. Dafür zerlegte Rindt bei einer Art Rodeljöring seinen Simca an einem Schneepflug.

Rindt war Rennfahrer in Permanenz. Seine mit Marko und dem angehenden Zahnarzt Andy Zahlbruckner veranstalteten nächtlichen "Hatzerln" durch Graz waren ebenso berühmt wie seine Abschleppaktionen. Einmal prügelte er in einem seiner zahlreichen tempoinduzierten Spontananfälle seinen Jaguar über den Semmering – am viel zu kurzen Abschleppseil hing ein Mercedes, in dem der Motorjournalist Helmut Zwickl alle Hände voll zu tun hatte, die Passschikane zu meistern.

Ein andermal schob Rindt mit seinem Jaguar E-Type den VW von Lucky Schmidtleitner, Regisseur der legendären ORF-Sendung "Motorama", zig Kilometer auf einer italienischen Autobahn vor sich her. Rindt konnte es sich leisten, Jaguars Sportwagenlegende ob des wenig hitzebeständigen Motors und der zu klein dimensionierten Bremsen „ein Häusl“ zu nennen, ohne dass ihm irgendwer wirklich böse gewesen wäre.

Solche Aussagen schrieb man seinem etwas herben Charme zu, ein Blatt nahm er sich so gut wie nie vor den Mund. Manche fanden ihn deswegen beleidigend und arrogant. Freunde meinten, er habe bloß eine raue Schale, hinter der sich ein weiches Herz, möglicherweise eine verletzte Seele verberge. Es darf angenommen werden, dass seine außergewöhnliche Physiognomie oft genug Anlass zu nicht immer schmeichelhaften Witzeleien gegeben hatte. Ohne seine Rennerfolge wäre seine Nase nie zum Charakteristikum erhöht worden.

Rudolf Burger
Im Bann der Stoppuhr: Jochen Rindt mit Lotus-Chef Colin Chapman
© Wiener Zeitung

Wald-und-Wiesenrennen#

20.000 Zuschauer sollen an jenem Augusttag 1970 zwischen Stainz und Engelweingarten Spalier gestanden sein. Heute wäre es unvorstellbar, würde zum Beispiel ein Lewis Hamilton oder Jenson Button bei einem solchen Wald-und-Wiesenrennen antreten. Damals war das normal, im Jahr davor, 1969, war Jackie Stewart da gewesen. Stainz hätte eine Versöhnung mit der Steiermark bringen können, denn eine Woche zuvor war Rindt beim ersten Grand Prix auf dem neuen Österreich-Ring wegen eines Kolbenreibers ausgeschieden. Ausgerechnet in der Heimat war die Siegesserie abgerissen. Die Versöhnung gelang nur teilweise, Rindt wurde in Stainz Zweiter. Das war ihm aber wahrscheinlich egal, den Zuschauern, die vor allem zum Rindt-Schauen und erst in zweiter Linie zum Rindt-Gewinnen-Sehen gekommen waren, wohl auch.

Der Tod als Begleiter#

Am darauf folgenden Sonntag fuhr Rindt das letzte Mal in Österreich – ein Formel-2-Rennen am Salzburgring. Gemeinsam mit Manfred Kessler hatte er an jenem Wochenende den "Club der Streckenfunktionäre" gegründet.

Sicherheit begann im Motorsport erst langsam ein Thema zu werden. Der Fahrer verstand sich grundsätzlich als Mann und nicht als Weichei. Der Tod war als Begleiter akzeptiert, weil jeder davon überzeugt war, dass es nur die Anderen erwischt. Die Anderen in dieser Saison waren Piers Courage und Bruce McLaren. Der Spross einer britischen Brauerei-Dynastie verbrannte im holländischen Grand Prix in Zandvoort, der neuseeländische Gründungsvater eines bis heute renommierten Rennstalls kam bei Testfahrten mit einem Eigenbau-Boliden in Goodwood ums Leben.

Jochen Rindts Unfall
Der Anfang vom Ende: Jochen Rindts Lotus bricht beim Anbremsen der Parabolica-Kurve aus und rast in die Leitschienen...
© Wiener Zeitung / Aus F. Kräling: "Jochen Rindt"

Rindts Vorsatz, nach der Saison mit dem Rennfahren Schluss zu machen, soll ernsthaft gewesen sein. Andernfalls hätte er seiner Frau Nina 10.000 Pfund zahlen müssen, was ein Batzen Geld war und einen Schnorrer wie Rindt ziemlich sicher davon abgehalten hätte, weiterzumachen: "Ich will mit dreißig nicht ausgebrannt sein und noch immer ins Cockpit steigen müssen, weil ich steigen muss."

Er sah seine Zukunft im Motorsportmanagement – Rennwagenshows und TV-Sendungen. Es wird ihm nachgesagt, vorgehabt zu haben, was Bernie Ecclestone später umgesetzt hatte: den Grand-Prix-Zirkus zu strukturieren und zu vermarkten. Dazwischengekommen war Monza, der 5. September 1970. Colin Chapman war ein genialer Konstrukteur, jedoch ohne Gewissen, der Lotus ein superschnelles Auto, aber defektanfällig. Die Freude zu experimentieren paarte sich mit der Ausreizung des Gewichtslimits auf Kosten der Materialfestigkeit. Dies hatte in der Vergangenheit zu ungemütlichen Situationen geführt. In Neuseeland 1969 katapultierte ein defekter Bremskraftverteiler Rindt in einen Überschlag. Ein paar Wochen später in Barcelona flogen ihm und seinem Teamkollegen Graham Hill die irrwitzig hohen und viel zu filigranen Heck- und Frontflügel weg. In Clermont-Ferrand ging die Lenkung kaputt. Bei Testfahrten in Jarama rutschte der Lotus nach einem Bremsdefekt von der Strecke und kam nur knapp vor den Leitplanken zum Stehen. Rindt war außer sich vor Wut und drohte Chapman und seinen Ingenieuren, er werde sie umbringen, wenn das so weitergehe. Im Samstagstraining von Monza brach die rechte vordere Bremswelle. Aus und vorbei.

Funeraler Epilog#

Am 11. September folgte am Grazer Zentralfriedhof der funerale Epilog. Graham Hill und Jack Brabham sagten im Namen der Kollegenschaft "Farewell". Prominenz und Fußvolk begleiteten den Superstar auf seiner postmortalen Auslaufrunde. Der Brasilianer Emerson Fittipaldi gewann das Saisonfinale in Watkins Glen und machte einen Toten zum Weltmeister. Frühe Abgänge evozieren zwangsläufig die Frage nach dem, was noch möglich gewesen wäre. Gewesenes und Eventualität verschmelzen zur Legende. Ab einem gewissen Punkt scheint eine Fortsetzung der Legende nicht mehr möglich. Alle Erfolge wurden aufgelistet, alle Ereignisse berichtet, jede Anekdote erzählt, jede vermutete Zukunftsplanung auf ihre Plausibilität untersucht.

Das Lotus-Wrack wurde bereits vor Jahren aufgespürt, der Rindt-E-Type ebenso. Mittlerweile ist man schon bei der Gedenktafelgeschichtsschreibung angelangt. Seit dem Jahre 2000 befindet sich am Haus Ruckerlberggürtel 16 in Graz der Hinweis, dass der Weltmeister hier eine Zeit lang gewohnt hat.

Das Potenzial zur Würdigung der Person, seiner Erfolge und der damit verbundenen – vor allem nationalen – Euphorismen scheint erschöpft. Das Perpetuum für den Fortsetzungsroman "Jochen lives" sind mittlerweile die Angehörigen. Ein TV-Porträt von Rindts Tochter Natascha wurde schon ausgestrahlt. Bald wird man seine Wasserskier, seine Bettdecken, seinen Haarfön am Altar der Heldenverehrung beweihräuchern. Wenn alles vergangen ist, bleibt die Reliquie. Sie fordert Gedenken ein, nicht permanent, aber chronisch. Das ist der Preis, den ein Unsterblicher seiner Nachwelt abverlangt.

Literaturtipp:

Ferdi Kräling: Jochen Rindt. Der erste Popstar der Formel 1. Texte von Herbert Völker. Vorwort von Jackie Stewart. Verlag Delius Klasing, Bielefeld 2010.


Jochen Rindts Leben#

Geboren am 18. April 1942 in Mainz. Im Sommer 1943 verliert er bei einem Bombenangriff seine Eltern und wächst bei den Großeltern in Graz auf.

1961 Das Flugplatzrennen von Innsbruck ist Rindts erster offizieller Wettkampf: Sechster auf einem Simca Montlhery.

1963 Gewinnt in Cesenatico auf Cooper sein erstes Formel-Junior- Rennen.

1964 Sieg im Formel-2-Rennen von Crystal Palace. Im gleichen Jahr fährt er auf Brabham sein erstes Formel-1-Rennen beim ersten Grand Prix auf dem Österreichring. An 5. Stelle liegend, fällt er wegen Lenkdefekts aus.

1965 Neun Formel-1-Rennen für Cooper. Holt mit einem 4. Platz auf dem Nürburgring seine ersten WM-Punkte. Gewinnt das 24-Stunden-Rennen von Le Mans (gemeinsam mit Masten Gregory). Sieg im Formel-2-Rennen von Reims. Erste "Jochen-Rindt- Show" im Wiener Messepalast.

1966 Fährt sechs Mal in die F1-Punktränge und belegt dabei drei Podestplätze. 3. im WM-Endklassement. Zusätzlich gewinnt er bei den Tourenwagen und in der Formel 2 je zwei Rennen.

1967 Acht Ausfälle bei zehn F1-Starts! In der Formel 2 gewinnt er neun Rennen. Schwerer Feuerunfall im Training zu den 500 Meilen von Indianapolis. Verehelichung mit der Finnin Nina Lincoln.

1968 Wechsel zu Brabham. Bei zwölf Starts nur zwei Zielankünfte. Er gewinnt sechs Formel- 2-Rennen. Geburt der Tochter Natascha.

1969 Einstieg bei Lotus. Gewinnt in Watkins Glen (USA) seinen ersten Grand Prix. Schwerer Unfall im Montjuich-Park. 4. im WM-Endklassement. Vier Siege in der Formel 2.

1970 Siege in Monaco, Holland, Frankreich, Großbritannien und Deutschland. Am 30. August fährt Rindt am Salzburgring sein letztes Rennen: Es wird sein 4. Formel-2-Saisonsieg.

Am 5. September verunglückt Rindt im Abschlusstraining zum Großen Preis von Italien in Monza tödlich. Er wird als einziger Fahrer der Formel-1-Geschichte postum zum Weltmeister gekürt.

Thomas Karny

Thomas Karny, geboren 1964.

Sozialpädagoge, Autor und Journalist. Mehrere Buchveröffentlichungen zur Zeit- und Motorsportgeschichte.

Lebt in Graz.

Wiener Zeitung, Samstag, 4. September 2010