unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Für den Gipfelsieg über Leichen Gehen #

Am 31. Juli jährt sich zum 60. Mal die Erstbesteigung des K2. Zum schwierigsten, gefährlichsten und schönsten 8000er gehören seither auch die Superlative bösester, hinterhältigster und schäbigster Verrat. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 31. Juli 2014)

Von

Wolfgang Machreich


Bergsteigen
Bergsteigen
Foto: © Shutterstock

Eine Leiche auf dem Weg zum Mount Everest ist unter den Bergsteigern als „blue suit“, der blaue (Daunen-)Anzug, bekannt. Einmal mehr ausgeapert, einmal weniger, ist der gefrorene Körper zu einem Teil des Weges, zu einem Orientierungspunkt beim Aufstieg geworden. Pietätlos, skandalös, ein abscheuliches Sinnbild für die Auswüchse des Massentourismus auf den höchsten Bergen der Welt, empört sich die nicht bergsteigende und nicht so hoch bergsteigende Welt über diese mit Eisgräbern flankierte Via Appia in die 8000er-Todeszone.

Aber auch der mittlerweile verstorbene Erstbesteiger des Mount Everest, Sir Edmund Hillary, hatte neuseeländische Landsmänner von ihm gerügt, die 2006 ohne Hilfeleistung an einem sterbenden Briten vorbei zum Gipfel gestiegen sind. Die Beschuldigten verteidigten sich, der Brite sei schon fast steif gefroren gewesen und habe nicht mehr sprechen können. Ihr Hauptargument war: „Auf einer Höhe von 8.500 Metern ist es extrem schwierig, sich selbst am Leben zu erhalten, geschweige denn jemand anderen.“ Hillary ließ das nicht gelten: „Menschliches Leben ist weitaus wichtiger, als auf den Gipfel eines Berges zu gelangen.“ Und er machte einen Vergleich mit seiner Expedition zum höchsten Berg der Welt: Damals, 1953, sagte Hillary, „wäre es undenkbar gewesen, ein Mitglied eines anderen Teams einfach liegenzulassen und weiter Richtung Gipfel zu stürmen“.

Doch Sir Edmund Hillary lag falsch. In den Reihen der 8000er-Erstbesteiger war es mit der Ethik um nichts besser bestellt, sind in der Todeszone immer wieder auch Mitgefühl und Bergkameradschaft gestorben. Der 60. Jahrestag der Erstbesteigung des K2, des zweithöchsten Bergs und schwierigsten 8000ers, ist ein guter Anlass, daran zu erinnern. So widerwärtig die Folgen des „Pistenalpinismus“ (© Reinhold Messner) im Himalaya heute sein können. Vor 60 und mehr Jahren kraxelten zwar viel weniger Bergsteiger auf diesen Höhen herum, zu den Tiefpunkten menschlichen Handelns konnten sich aber auch unter ihnen einige versteigen.

Es war schon eine explosive Mischung aus Persönlichkeiten, die sich 1902 erstmals ernsthaft auf den Weg zum „Berg der Berge“ machte. Mit dabei in der kleinen britisch- österreichisch-schweizerischen Expedition ist das Enfant terrible seiner Zeit, der sich selbst später als das „Große Tier 666“ ausrufende Aleister Crowley – neben Jenseitigem diesseits ein exzellenter Bergsteiger. Die Expedition kam nicht höher als 6.600 Meter. Schuld daran war schlechtes Wetter und die falsche Routenwahl. Crowley hatte für den Südostgrat, den heutigen Normalweg, plädiert und damit instinktiv die geeignetste Route vorgeschlagen. Doch das Team folgte dem Plan der beiden Österreicher Victor Wessely und Heinrich Pfannl und versuchte sich am Nordostgrat. Daraufhin soll Crowley mit einem Revolver drohend seinem Ärger über diese „absurde“ Route Luft gemacht haben, bis ihn ein Kinnhaken niederstreckte und diesen ersten Akt im K2-Drama beendete.

Wettstreit der Nationen #

1909 versuchte sich eine nicht minder illustre italienische Runde unter der Leitung von Luigi Amadeo von Savoyen, dem Herzog der Abruzzen, am K2. Die Expedition erkannte, so wie Crowley zuvor, den Südostgrat als den besten Weg zum Gipfel. Doch der seither so genannte „Abruzzen-Grat“ schüttelte die Bergsteiger ab. Die Bilder des Expeditionsfotografen Vittorio Sella machten den K2 in Italien zum Mythos. So wie die Engländer den Mount Everest und die Deutschen den Nanga Parbat für sich beanspruchten, so wurde die K2-Besteigung zum Wohl und Wehe Italiens hochstilisiert. Auf diesem Humus wächst von da an jene Saat, die 45 Jahre später die Erstbesteigung zur Fast-Tragödie und zum dunkelsten Kapitel im Himalaya-Bergsteigen macht.

Vorher wogte aber noch der Wettstreit zwischen den Nationen hin und her: Eifersüchtig schielten die Italiener in den Karakorum, als ihnen US-Expeditionen 1938 und 1939 ihr Recht auf den K2 streitig machten. Fritz Wiessner, gebürtiger Sachse und Neo-Amerikaner, schaffte es mit Sherpa Pasang Dawa Lama bis kurz unter den Gipfelgrat. Die größten Schwierigkeiten schienen überwunden, da verweigerte Pasang (1954 wird er mit Herbert Tichy den Cho Oyu besteigen) die Gefolgschaft. Es war sechs Uhr Abend. Pasang fürchtete, dass nachts böse Geister auf dem Gipfel hausten. Die beiden stiegen ab; aus einem Gipfelsieg am nächsten Tag wurde nichts. Stattdessen kippte die Expedition ins Chaos. Die Lager unter Wiessner und Pasang waren zwischenzeitlich geräumt worden. Das Warum blieb ungeklärt – die Solidarität der anderen US-Bergsteiger mit dem „Deutschen“ und seinem Sherpa war jedenfalls enden wollend. „Opfert man so menschliche Wesen?“, kritzelte Wiessner in sein Tagebuch, als er die leeren Zelte vorfand. Er und Pasang überlebten, aber drei Menschen starben – in den USA wurde Wiessner dafür zum Sündenbock gemacht.

Dann kam der Krieg. Europa war mit Zerstörung und Wiederaufbau beschäftigt. Der Himalaya hatte Pause, bis man ihn in den 1950er-Jahren als Schlachtfeld für nationale Eitelkeiten wieder entdeckte. Frankreich jubelte 1950 über die Besteigung der Annapurna; 1953, pünktlich zur Krönung von Queen Elisabeth II., schaffte es eine britische Expedition auf den Everest; im gleichen Jahr bekam Deutschland mit dem Alleingang des Österreichers Hermann Buhl endlich „seinen“ Nanga Parbat und 1954 trieb der Leiter der italienischen Expedition auf den K2, Ardito Desio, seine Bergsteiger mit dem Versprechen an, dass sie damit zum „Sieger ihrer Rasse“ würden. Nach dem Gipfelsieg gratulierte er: „Liebe Kameraden, seid frohen Mutes! Durch eure Anstrengungen habt ihr großen Ruhm für das Vaterland errungen.“

Die Schande am K2 sparte er aus. Walter Bonatti hat das am 31. Juli um 23 Uhr im Zelt von Lager VIII auf 7.750 Meter, nach der Rückkehr von Achille Compagnoni und Lina Lacedelli vom Gipfel, auch gemacht und sich mit ihnen gefreut: „In diesem Moment, aber nur in diesem Moment, zwinge ich mich dazu, alles andere zu vergessen. Aber es wäre nicht richtig, eine solche Erfahrung für immer aus dem Gedächtnis zu tilgen.“

Die Schande am K2 #

Walter Bonatti war mit 24 Jahren der Jüngste in dem auserlesenen Team – und der Stärkste. Am Tag vor dem Gipfelgang rettet Bonatti den Erfolg, indem er die Sauerstoffflaschen für Compagnoni und Lacedelli bis auf über 8.000 Meter trägt. Doch anstatt von den beiden freudig empfangen zu werden, schlugen diese Lager IX an einem anderen Ort als vereinbart auf und versteckten sich vor Bonatti und dem Hochträger Amir Mahdi. „Um uns zu töten!“, sagte Bonatti in einem Guardian-Interview 2010: „Sie waren erschrocken, dass wir so gut in Form waren und damit in der Lage, sie auch ohne Sauerstoff auf den Gipfel zu begleiten.“ Das hätte ihren Erfolg natürlich geschmälert, das Baby der Expedition und ein Hunza-Träger wären die Sieger gewesen.

Bonatti und Mahdi sollten den Sauerstoff zurücklassen und wieder absteigen. In der Dunkelheit unmöglich. Mahdi überkamen Wahnsinnsanfälle, völlig verzweifelt suchte er nach dem Zelt der angeblichen Kameraden: „No good, Compagnoni Sahb! No good, Lacedelli Sahb! …“ Als der Morgen des 31. Juli graut, haben beide eine Sturmnacht ohne Biwaksack auf über 8000 Meter überlebt, Mahdi mit schweren Erfrierungen. Wieder zurück wird Bonatti als Saboteur und Nestbeschmutzer verunglimpft, Gerichtsprozesse folgen, spät, erst sehr spät wird er rehabilitiert, wird Bonatti zum Sieger am K2 …

„Der K2 hat mich zerstört“, wird er trotzdem Zeit seines erfolgreichen Lebens sagen. Die Wunde vom K2 ist offen geblieben. Der Schock dieser Sturmnacht saß zu tief, in der erlebte, wie es ist, wenn andere für einen Gipfel über Leichen gehen.

DIE FURCHE, Donnerstag, 31. Juli 2014