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Kein Unmöglich am Berg #

Vor 150 Jahren: Triumph und Tragödie liegen bei der Erstbesteigung des Matterhorns am 14. Juli 1865 nur wenige Stunden auseinander.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 16. Juli 2015)

Von

Wolfgang Machreich


Matterhorn
Matterhorn
© K.K.

Das Matratzenlager in der Hörnli-Hütte am Fuß des Matterhorns ist bis auf den letzten Platz belegt. Dutzende Bergsteiger schlafen, dösen, schnarchen, wie Sardinen in der Büchse, Kopf neben Kopf, Fuß neben Fuß. Stimmt nicht ganz, zwei in der langen Reihe haben ihren Kopf am Fußende der anderen. Ihr „sleep well“ verrät mir die Herkunft. Zwei Engländer scheren auch hier wieder einmal aus. Immer anders als die andern sein, Unmögliches denken, bisher nicht Dagewesenes versuchen – das Erfolgsgeheimnis britischer Abenteurer, Entdecker und Bergsteiger. 1953 schaffte damit eine britische Expedition die Erstbesteigung des „dritten Pols“ Mount Everest.

Großbritanniens alpine Erfolgsgeschichte begann aber bereits 88 Jahre vorher am „Ur- Pol“ der Alpen: Später einmal wird Edward Whymper den Bergsteiger als einen Menschen definieren, der den Begriff „unmöglich“ nicht akzeptieren will. Mit der Erstbesteigung des Matterhorns am 14. Juli 1865 erbringt der Engländer den Beweis für seine These, bezwingt er den „Löwen von Zermatt“ oder „La Gran Becca“, wie die Italiener zum berühmtesten Berg der Alpen sagen: Der große Schnabel. Die Angst vor diesem frei stehenden Ungetüm aus Fels und Eis, das die besten Bergführer der Zeit als „vollkommen unersteiglich“ ansehen, hat den Berg zum letzten noch unbestiegenen Alpengipfel gemacht, als der blutjunge Bildjournalist Whymper von einem Londoner Verleger in die Schweiz geschickt wird, um Skizzen und Berichte aus der Bergwelt zu liefern: „Bringen Sie Sensationen mit, hier ist Geld, reisen Sie mit Gott!“

Statt Berichte Erstbesteigungen #

Whymper erfüllte den Auftrag; anstatt aber über die Sensationen anderer zu berichten, sorgte er mit spektakulären Erstbesteigungen der schwierigsten Gipfel (Barre des Écrins, Aiguille Verte, Grandes Jorasses) selbst für Schlagzeilen. Allein der große Schnabel wehrte sich jahrelang gegen Whympers Versuche, schleuderte ihn bei seinem vierten Versuch hinunter: Am Rande eines Abgrunds konnte er sich halten. „Meine Lage war noch immer ernsthaft genug. Ich konnte die Felsen nicht einen Augenblick loslassen und mein Blut floß aus mehr als zwanzig Wunden. Die schlimmsten Verletzungen hatte ich am Kopfe und suchte sie vergebens mit der einen Hand zu schließen, während ich mich mit der anderen festhielt. Es war nutzlos, das Blut spritzte bei jedem Pulsschlag hervor und blendete mich fast. Endlich hatte ich den glücklichen Gedanken, ein großes Stück Schnee loszureißen und als Pflaster auf den Kopf zu legen. Das half, der Blutfluß verminderte sich und ich kletterte nun zu einem sichern Platze, wo ich in Ohnmacht fiel.“

Whymper schaffte es ins Tal. „Heißer Wein, d. h. Weinessig mit Salz gemischt, in die Wunden eingerieben“, ließen ihn zwar sich ein zweites Mal vor Schmerzen krümmen, doch das Hausmittel der Einheimischen wirkte, und der Engländer erholte sich schnell. Nach wenigen Tagen unternahm er seinen fünften Anlauf auf den großen Schnabel. Wieder von der italienischen Seite, wieder mit Jean Antoine Carrel, einem Gämsenjäger und Veteranen der piemontesischen Freiheitskämpfe, der wie Whymper kein Unmöglich für seinen Hausberg akzeptieren wollte. „Carrel hat den Glauben und die Zuversicht, Whymper den Ehrgeiz, als erster auf dem Scheitel dieses letzten, unerreichten Alpengipfels zu stehen“, hat die Südtiroler Berglegende Luis Trenker das ungleiche Gespann beschrieben. Was war näherliegend für beide, als sich zu verbünden?

Edward Whymper
Edward Whymper. Als junger Bildjournalist von einem Londoner Verleger in die Schweiz geschickt, um Skizzen und Berichte aus der Bergwelt zu liefern, sorgte er mit seinen Erstbesteigungen selbst für Schlagzeilen.
© Shutterstock

Dieser Bund wird ein Leben lang halten – mit Ausnahme der Matterhorn-Erstbesteigung. Jahre danach werden dem Duo noch 6000er-Erstbesteigungen in Südamerika gelingen, und selbst im Moment seines größten Erfolgs denkt Whymper an Carrel: „Von Allen, die das Matterhorn zu ersteigen versuchten, verdiente er am meisten, den Gipfel zuerst zu erreichen. Er war der Erste, der seine Unersteiglichkeit bezweifelte, und der Einzige, der an dem Glauben festhielt, daß die Ersteigung gelingen werde. Es war sein Lebensziel, seinem heimathlichen Thal zu Ehren den Sieg von der italienischen Seite zu gewinnen.“ Dafür lässt Carrel seine Bergfreundschaft mit Whymper einmal sausen, versucht, angestachelt vom Feuer des aufkeimenden Nationalismus, mit Italienern für Italien den Sieg zu holen. Whymper wechselt blitzschnell die Fronten und startet auf der Schweizer Seite seinen achten und erfolgreichen Besteigungsversuch.

150 Jahre Alpingeschichte #

Davon handelt der Kampf ums Matterhorn; eine Geschichte, die sich die begnadetsten Drehbuch-Schreiber nicht hätten besser ausdenken können, von der Reinhold Messner in der jüngsten Ausgabe des „Bergwelten“- Magazins schreibt: „In der Matterhorn-Katastrophe ist alles enthalten, was 150 Jahre Alpingeschichte prägen wird: Rivalität, Nationalismus, Begeisterung, Kreativität, aber auch Verleumdung, Rufmord, Sieg und Niederlage, Gipfelgang und Absturz.“

Wie sein berühmter Vorgänger 1789 setzt auch der 14. Juli 1865 eine Revolution in Gang. Das „Goldene Zeitalter des Alpinismus“ hört mit diesem Schlussstein auf, der Eroberungsalpinismus in den Alpen geht zu Ende, der Schwierigkeitsalpinismus beginnt, eine neue, noch steilere, noch spektakulärere Spielrunde im „Playground of Europe“ wird eingeläutet. Berg-Superstar Matterhorn wird in dieser Phase vom Eiger und seiner „Mordwand“ abgelöst. Doch der Erfolgsplot bleibt der gleiche: Helden, die kein Unmöglich akzeptieren, Regierungen, die den Sieg am Berg für ihre nationalistischen Ideologien vereinnahmen möchten und der Tod als ständiger Seilgefährte.

Mit einem „spitzen Schrei der Erde gegen den Himmel“ hat der französische Extrembergsteiger, Schriftsteller, Fotograf und Cineast Gaston Rebuffat die Berge verglichen. Darin steckt Gottesanruf und Gotteslästerung zugleich. Mit Jubelschreien, die ihren Sieg über das Unmöglich gegen den Himmel schleudern, erreichen Wyhmper und Gefährten den höchsten Punkt: „Um drei Viertel auf zwei Uhr lag die Welt zu unseren Füßen und das Matterhorn war besiegt. Hurrah!“ Nur eine gute Stunde später wird aus dem Jubel Verzweiflung, der Sieg zum Fluch: „Ich hörte von Croz einen Ausruf des Schreckens und sah ihn und Hadow niederwärtsfliegen. Im nächsten Moment wurden Hudson und unmittelbar darauf auch Lord Douglas die Füße unter dem Leibe weggerissen. (…) Noch unverletzt kamen sie uns aus dem Gesicht, verschwanden Einer nach dem Anderen und stürzten von Felswand zu Felswand auf den Matterhorn- Gletscher oder in eine Tiefe von beinahe viertausend Fuß hinunter. Von dem Augenblicke, wo das Seil riss, war ihnen nicht mehr zu helfen.“

Gerichtsprozesse im Tal #

Dem Entsetzen am Berg folgen Gerichtsprozesse im Tal: Viel wird in das gerissene Seil hineininterpretiert, viel wird über die Reihenfolge der Bergsteiger im Abstieg diskutiert, viel Kritik wird an der Mitnahme des unerfahrenen Hadow laut, der mit seinem Ausrutscher die tödliche Kettenreaktion in Gang gesetzt hat. Viele im Tal sahen ihre alten Sagen bestätigt, dass böse Geister auf dem Matterhorn hausen und der Aufstieg ein Gottesfrevel gewesen sei. Diese Meinung wird sich am wenigsten durchsetzen, dieser 14. Juli vertreibt die letzten Geister von den Alpengipfeln.

In der Rückschau spricht viel dafür, auch in diesem Unglück die Folge von „Murphys Gesetz“ zu sehen: Alles, was schiefgehen kann, geht früher oder später schief – wenn nicht dieses, dann das nächste oder übernächste Mal. Edward Whymper, der tragische Held vom Matterhorn, den der Absturz seiner Gefährten ein Leben lang im Traum verfolgt, warnt als Resümee seiner „Berg- und Gletscherfahrten“: „Ersteige die Hochalpen, wenn du willst, aber vergiss nie, dass Mut und Kraft ohne Klugheit nichts sind, dass eine augenblickliche Nachlässigkeit das Glück eines ganzen Lebens zerstören kann.“

DIE FURCHE, Donnerstag, 16. Juli 2015