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Das visuelle Esperanto des Albert Kahn#

Fotoschätze am Rande von Paris#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Dienstag, 6. August 2013)

Von

Christa Hager


Einzigartige Aufnahmen aus den Pionierjahren der Farbfotografie schlummerten Jahrzehnte vor sich hin.#

Albert Kahn
Seltene Gelegenheit: Von Albert Kahn sind fast keine Fotos bekannt. Dieses Porträt, das ihn am Balkon in Paris zeigt, ist eines der wenigen, die es gibt.
© Musée Albert-Kahn

Traditionelle Autoritäten und Dorfbewohner vor dem haus der Kommunalverwaltung von Nam-giu, in Tonkin, im Norden von Vietam. Nach einer Autochrom-Aufnahme von Léon Busy, im Mai 1915.© Musée Albert-KahnTraditionelle Autoritäten und Dorfbewohner vor dem haus der Kommunalverwaltung von Nam-giu, in Tonkin, im Norden von Vietam. Nach einer Autochrom-Aufnahme von Léon Busy, im Mai 1915.© Musée Albert-Kahn

"Filme machen aus der Welt virtuell unser Zuhause", befand Siegfried Kracauer 1960. "Sie bilden ein elastisches Gewebe, das sich nur langsam ändert, das Kriege, Epidemien, Erdbeben und Revolutionen überlebt." Als der Filmsoziologe dies schrieb, war der französische Millionär Albert Kahn schon 20 Jahre tot. Überlebt hat ihn sein einzigartiges Archivprojekt, das er zeit seines Lebens aufgebaut hatte. Zwischen 1908 und 1931 schickte er zehn Kameramänner und eine Kamerafrau rund um den Globus, um Material für seine "Archives de la Planète" zu sammeln: sie kamen mit mehr als rund hundert Stunden Stummfilm und 70.000 Farbfotos, die ersten ihrer Art, zurück. Das Archiv konserviert bis heute diese Film- und Foto-Schätze, die erst jetzt von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden.

Kahns Idee war, die visuelle Darstellung des alltäglichen Lebens aus allen Teilen der Welt für ein besseres Verständnis für Menschen und Kulturen zu nutzen, als Grundlage für eine friedliche Welt. Der Alltag sollte die politische und kulturelle Wirklichkeit beleben, und seine Kameraleute sollten die Realität so wiedergeben, wie sie war. Diese Darstellungen bildeten gleichsam die Grundlage für eine Art visuelles Esperanto, das durch die rasche Verbreitung des Tonfilms ein jähes Ende fand.

Albert Kahn, geboren 1860 im Elsass, gehörte bereits im Alter von 30 Jahren zu den bedeutendsten europäischen Unternehmern, sein Vermögen stammte vorwiegend aus Spekulationen mit südafrikanischen Gold- und Diamantenminen. Im Alter von 19 Jahren zog er nach Paris, arbeitete als Bankangestellter und studierte Literaturwissenschaften und Jus. Während seines Studiums lernte er den Philosophen Henri Bergson kennen, der zum Mentor und lebensbegleitenden Freund Kahns wurde. 1892 stieg Kahn zum Direktor und Teilhaber des Bankhauses Goudchaux in Paris auf - ein steiler und rascher Aufstieg besonders für einen Mann aus einfachen Verhältnissen.

Farbfotos dank Erdäpfel#

Den Grundstein für sein Archiv wiederum fand Kahn während einer Geschäftsreise in Japan und China, als sein Chauffeur, zuvor in die hohe Kunst der Fotografie eingeschult, stereofotografische Schwarz-Weiß-Negative machen musste. Bald darauf folgten professionelle Fotografen mit dem letzten Schrei: die autochrome Farbfotografie, von den Gebrüdern Lumière 1907 auf den Markt gebracht. Das verhältnismäßig unkomplizierte Verfahren, Farbfotos zu machen, bediente sich der lichtfilternden Eigenschaft der Stärke aus Erdäpfeln: mittels einer Glasplatte, die mit orangerot, grün und violettblau eingefärbten Kartoffelstärkekörnchen und einer Bromsilber-Gelatine-Emulsion beschichtet wurde, entstanden nach der Belichtung scheinbar homogene Farbfläche, die bei genauer Betrachtung allerdings mehr einem pointilistischen Gemälde ähnelte als dem Motiv.

Im Garten von Monsieur Kahn
Im Garten von Monsieur Kahn am Stadtrand von Paris.
© Musée Albert-Kahn

Trotzdem: Die durch die Farbmischungen generierten Bilder kamen der Wirklichkeit sehr nahe. Allerdings waren die Kameras sehr schwer und die Motive mussten wegen der Belichtungszeiten lang posieren. Die Aufnahmen wirken daher sehr gestellt und stark ästhetisiert. Auf diese Weise wurde Alltagsszenen konserviert und nach Europa gebracht: die von mongolischen Nomaden samt ihrer Bestrafungsmethoden in Form von mobilen Prangern oder kleinen Holzkisten in der Steppe. Abgebildet und archiviert wurden beispielsweise auch Farbfotos von den von den Deutschen im Ersten Weltkrieg zerstörten Städten, aus den letzten gälischen Dörfern Irlands, die ersten Straßenbahnen in Tokio oder die zerfurchten Straßen San Franciscos nach dem Erdbeben 1906.

Mittel der Aufklärung#

Dagegen waren die cinematischen Aufnahmen des Archivs spontaner, chaotischer und spiegeln die Vorliebe dieser Zeit für das kaleidoskopische Wirrwarr von Menschen und Fahrzeugen wider. Darunter fand sich das Treiben geschäftiger Chinesen vor der monumentalen Stadtmauer Pekings vor der Revolution 1912 ebenso wie die Arbeit von Nordseefischern oder Fabrikarbeiter. Außerdem hielten seine Kameramänner auch historische Wegmarken für die Ewigkeit fest, wie der Besuch Lord Balfours in Palästina 1925, der Sieg der Sozialdemokraten in Wien im Mai 1919 oder Stationen der Nationenbildung am Balkan, in der Tschechoslowakei oder der Türkei zeigen. Das Leben und Sterben der Soldaten des Ersten Weltkriegs in den Gräben und an der Front waren ebenfalls Thema.

Egal ob Foto oder Film: sie sprachen eine universelle Sprache. Kahn wollte, dass seine Kameraleute die Welt enthüllen, wie sie ist.

Es ist wohl kein Zufall, dass in Zeiten der fortgeschrittenen Industrialisierung auch in Frankreich die Verbreitung der Fotografie mit der geistigen Haltung des Positivismus zusammen fiel: Metaphysische Spekulation war passé, was zählte, war die unvoreingenommene Objektivität auch bei der Darstellung der Welt, die Kamera galt als Mittel zur unverzerrten Wiedergabe schlechthin, als ob in ihnen per se aufdeckende Kraft wohnte. Filme, die Raum und Zeit erleuchten, können auch die Menschen erleuchten, war auch Kahn überzeugt.

Doch ganz so selbstlos waren die von ihm gesponserten Missionen für seine "Archive des Planeten" nicht. Vielmehr fanden sie vor dem Hintergrund der kolonialen Expeditionen und Expansionen statt, viele Reisen waren vom französischen Staat und Militär unterstützt, imperialistische Motive, vor allem um die Dominanz Frankreichs zu visualisieren und festzuhalten, sind nicht von der Hand zu weisen.

Außerdem war das Archiv ein durch und durch elitäres Projekt. Es war nur einem kleinen Zirkel vorbehalten: Denn für Kahn konnte internationale Harmonie nur durch Austausch von interkulturellem Wissen innerhalb der politischen und wirtschaftlichen Verantwortlichen möglich sein. So wurden die Aufnahmen des Archivs nur auf Kahns Anwesen in Boulogne-Billancourt am Rande von Paris gezeigt. Dort fanden sich seit 1906 jeden Sonntag Mitglieder des von ihm gegründeten "Société Autour du Monde" mit internationalen Gästen aus Politik, Kultur, Industrie, Wissenschaft und Religion zum informellen Mittagschmaus und zum Spaziergang im prachtvollen Garten ein.

Die Société war ein kosmopolitischer Zirkel, der sowohl interkulturellen Austausch als auch die Verbreitung von Wissen und internationale Zusammenarbeit zum Ziel hatte. Auf dem Höhepunkt 1931 hatte diese Gesellschaft 186 Mitglieder, sie bestand bis 1949 und zu ihren Gästen zählten unter anderem Albert Einstein, H.G. Wells, Edmund Husserl, Rudyard Kipling, Auguste Rodin, Marie Curie oder Thomas Mann.

Der stille Mäzen#

Der Börsenkrach 1929 und die Weltwirtschaftskrise beendeten allerdings Kahns Unternehmungen, er verlor Vermögen und Besitz. 1940 starb er im Alter von 80 Jahren auf seinem Anwesen, das samt Archiv ein Jahr zuvor die Verwaltung des Département de la Seine übernommen hatte; bis heute wird es von ihr verwaltet.

Kahns Projekt war damit zu Ende, sein Erbe allerdings wurde in das Musée Albert-Kahn mit der weltweit größten Sammlung früher Autochrome und dem einzigartigen Archiv von unbearbeiteten Filmen verwandelt und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Jahrzehnte staubte es vor sich hin, bis es vor wenigen Jahren durch die BBC-Dokumentationsreihe "Die wunderbare Welt des Albert Kahn" aus dem Dornröschenschlaf erweckt wurde.

Dass es rund um diese Schätze jahrzehntelang so still geblieben ist, hat wohl vor allem mit dem Charakter seines Schöpfers zu tun: so verliebt Albert Kahn in die Kamera war, so sehr vermied er sie. Abgesehen von den wenigen Momentaufnahmen aus Filmstills, es dürften nicht mehr als zehn sein, ist bisher nur eine einzige Porträtaufnahme von ihm bekannt (siehe oben). Kahn hielt sich und sein philanthropisches Unternehmen im Abseits und ließ seine in Auftrag gegebenen Werke für sich sprechen.

Wiener Zeitung, Dienstag, 6. August 2013