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Fernsehen, Zähneputzen, Schlafen #

Vor 55 Jahren glaubte niemand daran, dass die Television den Alltag der Menschen nachhaltig ändern würde#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 13. August 2010) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Ina Weber

ausgemusterte Fernsehgeräte
Alte, ausgemusterte Fernsehgeräte – die Geschichte des Fernsehens geht aber weiter
© Wiener Zeitung / APA


55 Jahre Fernsehen in Österreich. Schon damals wurde über das TVProgramm geschimpft. Erste Sendung: "Ist das Fernsehen eine Gefahr für die Presse?"#

"Ich kenne Kleinkinder, deren Tagesablauf sich nach dem Betthupferl richtet, – 'Schnell, schnell, Handi waschen, gleich kommt das Betthupferl' – und Mütter, die mit wehenden Haaren und holpernden Kinderwagen vom Spielplatz heimeilen, damit die lieben Kleinen die Familie Feuerstein nicht versäumen", schreibt die Journalistin Erika Molny am 5. August 1975 in der "Wiener Zeitung".

Schon damals schien vielen Beobachtern klar zu sein, was das Medium Fernsehen seit seiner Geburtsstunde im August 1955 vermochte: Es wurde über Nacht zum Alltag wie das Zähneputzen und der Kaffee am Morgen.

Am 1. August 1955 um 17 Uhr strahlte der Sender Kahlenberg die erste Sendung aus. Fernsehgeräte in den Haushalten gab es nicht, und so pressten zahlreiche Neugierige ihre Nasen an die Auslagenscheiben von Radiogeschäften, die einen Fernsehempfänger angeschlossen hatten.

"Zuerst wurden einige Landschaftsbilder gezeigt, zu denen Musik erklang. Dann erschien auf dem Bildschirm das Zeichen des österreichischen Rundfunkfernsehens, der Stephansdom mit dem österreichischen Wappen und einer Schleife, auf der der Name Österreich stand. Als musikalische Untermalung war der Donauwalzer zu hören", berichtete die "Wiener Zeitung" über das Ereignis. Die Sprecherin Franziska Kalmar kündigte die erste Sendung an: den musikalischen Film "Egmont- Ouvertüre". Es folgte eine Besprechung "Am runden Tisch". Vier Wiener Chefredakteure diskutierten unter dem Vorsitz des damaligen Rundfunk-Programmdirektors Rudolf Henz über das neue Medium und die Frage, ob das Fernsehen nun die Print-Presse zerstören könne und werde. Die Diskussion und die öffentlichen Berichte darüber schliefen jedoch bald wieder ein, und Österreich begann sich still und leise ans Fernsehen zu gewöhnen. Das Programm, welches anfangs nur ein paar Stunden dauerte, wurde it der Zeit ausführlicher, und so beanspruchte es in der "Wiener Zeitung" unter dem Titel "Leinwand und Bildschirm" am 3. Juli 1965 bereits eine ganze Seite.

Programm für die Familie: Modische Handarbeiten#

Montag bis Freitag gab es um 19.30 Uhr die "Zeit im Bild" zu sehen, um 17.25 Uhr "Lassie"“ für Kinder, um 17.50 Uhr Programm für die Familie: "Modische Handarbeiten", um 18.20 Uhr "Das Betthupferl" und am Samstag um 18.33 Uhr "Was sieht man Neues?" von und mit Heinz Conrads.

Im Jahr 1966 standen in den österreichischen Haushalten bereits 700.000 Fernsehgeräte. Die neue Errungenschaft hatte nicht nur für Wirtschaft und Politik große Bedeutung, sondern auch das soziale Leben innerhalb der Familie veränderte sich. Die Familie rückte wieder – zumindest örtlich – näher zusammen. Der Vater und Ehemann ging abends nicht mehr so oft ins Wirtshaus, sondern trank sein Bier bei "Guten Abend am Samstag ...sagt Heinz Conrads" im Kreis seiner Lieben. Fernsehen wurde zum Familienereignis. „Erkennen Sie die Melodie", "Die Schöngrubers" wurden zur gemeinsamen Geschichte in den 70er Jahren, gefolgt von "Panoptikum", "Ohne Maulkorb", "Am dam des", "Die Sendung mit der Maus", "Der knallrote Autobus".

Schon damals wurde aber auch über das Fernsehen und sein Programm geschimpft. So hörte Journalistin Molny im Jahr 1975 nicht nur einmal den Ausspruch: "Das Fernsehprogramm wird a alleweil schlechter". Das Fernsehen begann das Leben der Menschen zu beherrschen: "A Mensch, der mi während der ‚Zeit im Bild‘ anruft, is für mi ka Mensch." Die Telefonanrufe um 19.30 Uhr halten sich auch heute noch in Grenzen – und sind vor allem bei der älteren Generation nicht erwünscht.

Die 80er Jahre brachten "Österreich heute", "Bitte zu Tisch", "Trailer", "Dalli Dalli", "Helmi", "Perrine", "Die Fraggles", "Die Waltons", "Seniorenclub", "Club 2", "Die großen 10" mit Udo Huber und "Okay", das Jugendmagazin. Diese Sendungen bekamen ihren fixen Platz im Alltag: Nach "Die Fraggles" wird zähnegeputzt, nach den "Waltons" heißt es "Gute Nacht" und vor "Dalli Dalli" wird noch schnell gegessen.

Zum Fernsehen gab es wenig Freizeitalternativen#

Der Wohlstand der Gesellschaft wuchs und damit auch das Ausmaß der Freizeit und, wie Kommunikationswissenschafter Wolfgang Langenbucher im Jahr 1985 zum 30-jährigen Fernseh-Jubiläum schrieb, gelte für sehr viele Menschen, „dass es zum Fernsehen wenig Freizeitalternativen zu geben scheint, die vergleichbar attraktiv und vor allem ebenso preiswert sind“. „Die strenge Programmfolge von Hörfunk und Fernsehen geben unserem Alltag eine stabile Zeitordnung, wie einst der Morgensegen und das Nachtgebet." Doch schon damals wies Langenbucher darauf hin, dass sich neue Freizeitaktivitäten ausbreiten und es nicht mehr lange dauern würde, bis das Zeitalter des Computers „unseren Arbeitstag in der Zukunft prägen wird, wie das Fernsehen in der Vergangenheit“.

Mittlerweile wurde aus den anfänglichen 12-Stunden-Programm pro Woche ein tägliches Rund-umdie-Uhr-Programm. Und das Fernsehen bleibt neben der Arbeit ein großer Zeit einteilender Faktor. Den Alltag der 90er Jahre versüßten Fixgrößen wie "MacGyver", "Raumschiff Enterprise", "KommissarRex", "Die Piefke-Saga" oder "Willkommen Österreich".

Fernsehgrößen
Fernsehgrößen in den Wohnzimmern der Österreicher:
die erste TV-Moderatorin Franziska Kalmar, Heinz Conrads, Hugo Portisch, Edith Klinger und Robert Hochner
© Wiener Zeitung / APA

Österreicher sehen 2,5 Stunden pro Tag fern Die TV-Nutzung stieg in den letzten zehn Jahren im Durchschnitt um insgesamt eine halbe Stunde an. 2009 sahen die Österreicher (ab 12 Jahren) pro Tag im Schnitt 153 Minuten fern, das sind 2,5 Stunden. Bei der Kenngröße TVNutzungszeit handelt es sich allerdings um einen Durchschnittswert, in den auch jener Teil der Bevölkerung einberechnet wird, der an einem bestimmten Tag nicht ferngesehen hat.

Tag für Tag erreicht das Medium Fernsehen im Schnitt über 60 Prozent der Österreicher. Die Verweildauer, das ist die Nutzungszeit der an einem Tag jeweils fernsehenden Bevölkerung, beträgt dabei sogar über vier Stunden. Dabei spielt bei der Dauer des Konsums das Alter eine Rolle. Prinzipiell gilt: Je älter, umso mehr wird auch ferngesehen. So liegen Kinder und junge Erwachsene mit 69 beziehungsweise 84 Minuten pro Tag Sehdauer weit unter den etwa über 60-Jährigen mit sogar fast vier Stunden.

Während Senioren das Fernsehprogramm oft als Zeitvertreib begrüßen, nutzen viele Eltern das TV-Gerät – oft schon in den Morgenstunden – als günstigen Babysitter. Ein Alltag ohne Fernsehen – das wäre für viele wie ein Leben ohne Zähneputzen und Schlaf.

Wiener Zeitung, Freitag, 13. August 2010