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Filme als Zeitbilder #

Gemeinsam mit dem Österreichischen Filmmuseum erinnert die Viennale zu ihrem Fünfzig-Jahr-Jubiläum mit einer Fritz-Lang-Retrospektive an eine der wichtigsten Persönlichkeiten des Films. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 18. Oktober 2012)

Von

Patric Blaser


Fritz Lang
Fritz Lang Lang wurde 1890 in Wien geboren. 1921 gelang ihm der Durchbruch mit „Der müde Tod“. 1976 starb er in Beverly Hills (Kalifornien).
Foto: biografieonline.it

Einer breiteren Öffentlichkeit ist er wohl nur als der Monokeltragende Regisseur der futuristischen Zukunftsikone „Metropolis“ und vielleicht noch des frühen und wegen der vollendeten Verknüpfung von Bild und Ton auch irgendwie schon letzten Tonfilms, „M“, einer Geschichte, in der eine Stadt nach einem Kindermörder sucht, bekannt. Die Gesamtschau der Viennale bietet nun mit etwa fünfzig Filmen von, mit und über Fritz Lang die seltene Gelegenheit, den „ganzen“ Lang in den Blick zu bekommen.

Fritz Lang, der Wiener mit Jahrgang 1890, dessen OEuvre bis auf wenige frühe Werke geschlossen vorliegt, ist selbst Kinogeschichte. Zuerst vor allem von den Vertretern der Nouvelle Vague in den Sechzigerjahren gefeiert, gilt er – neben Billy Wilder, Joseph von Sternberg, Georg Wilhelm Pabst, Erich von Strohheim und Otto Preminger – als wichtigster Beitrag Österreichs zur Filmkunst.

Prägend für Filmgeschichte #

Geblieben sind vor allem die Filme, an denen er zwischen 1919 und 1960 als Drehbuchautor und Regisseur mitgewirkt hat. Dabei hat kein anderer Regisseur die Geschichte des deutschen und amerikanischen Films so stark geprägt wie Lang. Sein Einfluss auf andere Regisseure lässt sich kaum ermessen. So kann sein erster überlieferter Spielfilm, der zweiteilige tempo- und spannungsreiche Abenteuer- und Reisefilm „Die Spinnen“ aus dem Jahr 1920, auch in seiner unerhörten Ausstattung und seiner exotischen Milieus wegen, unschwer als Vorläufer von Spielbergs „Indiana Jones“-Filmen erkannt werden, „Spione“ (1928) ist mit seinem kühnen Schnitt, mit seiner Prägnanz in den Bildlösungen und seinem Tempo noch heute ein moderner Actionfilm, der Pate stand für Spionagefilme à la James Bond. „Metropolis“, ein Meilenstein der Architektur- und Designgeschichte, in der Lang auch eine neuartige Filmsprache zur Vollendung brachte, ist Vorbild gleich für eine Handvoll Filme wie beispielsweise Luc Bessons „Das fünfte Element“ (1997).

Fünf Jahre vor der Geburt seines Mediums kommt Friedrich Christian Anton Lang am 5. Dezember 1890 in Wien als zweiter Sohn des Stadtbaumeisters Anton Lang zur Welt. In der Zeltgasse im 8. Gemeindebezirk wohnend, besucht er die Volksschule und absolviert 1908 an der k.k. Staats-Realschule Neustiftgasse im 7. Bezirk die Reifeprüfung. Sein Vater bestand darauf, dass Friedrich Architektur studieren solle, er beschäftigte sich trotz der Immatrikulation an der TU Wien mehr mit Malerei als mit den technischen Wissenschaften. Zu seiner Vorbildung gehören ebenso der Besuch der Kunstgewerbeschule in München wie das Studium an der Akademie der Bildenden Künste, zahlreiche Reisen durch Europa und das nördliche Afrika sowie ein einjähriger Akademiebesuch in Paris, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Metropolis
1927/31 1927 entstand der wohl bekannteste Film von Fritz Lang, „Metropolis“ (l.),...
Foto: Horst von Harbou - Deutsche Kinemathek

Fritz Lang
...vier Jahre später „M“ (r.).
Foto: Viennale

Am Weltkrieg nahm Lang vom Oktober 1915 bis Juni 1916 teil, als Aufklärungsoffizier im Stellungskrieg in Luck und später nahe Zaturcy an der Ostfront. Mehrfach ausgezeichnet wird Lang wegen einer Verwundung, der er das Monokel zu „verdanken“ hat, auf Heimaturlaub nach Wien geschickt, wo er erste Kontakte zu Filmleuten knüpft, wie dem Regisseur Joe May, der ihm Drehbücher abkauft und ihn später fördern wird, oder auch zum Produzenten Erich Pommer, der dem deutschen Film in den Zwanzigerjahren zu seinem Weltruf verhelfen wird. Pommer war es auch, der Lang als Drehbuchautor zur Decla-Film-Gesellschaft nach Berlin brachte.

Nachdem er dort zuerst Drehbücher verfasst und in einigen, meist in den damals beliebten exotischen Milieus spielenden Kolportagefilmen seine bildlichen Vorstellungen entwickeln konnte, auch Regie geführt hatte („Harakiri“), gelang ihm 1921 mit „Der müde Tod“ der künstlerische Durchbruch. In dem auffällig vertikal ausgerichteten Film, in dem eine junge Frau gegen den Tod antritt, um ihren vom Tod entführten Geliebten zurückzugewinnen, entwickelt Lang durch die Symbiose von Schauspiel, Architektur und Inszenierung jene Vision des filmischen Raumes, die typisch für ihn bleiben sollte.

Leere, Kälte, Einsamkeit #

Lang arbeitete am liebsten im Studio. Dort konnte er jedes Detail genau kontrollieren und bewusst setzen. Aus diesem Grund vermitteln seine Filme oft eine gewisse Leere, Kälte und Einsamkeit der Figuren. Nach „Der müde Tod“ galt Lang als die Hoffnung des deutschen Films. Dabei hatte er keine Angst davor, sein überragendes Talent an Groschenromane, sentimentale Liebesgeschichten, Kitsch und Kolportage zu verschwenden. So war er in allen Genres zu Hause, konnte Autor so unterschiedlicher Filme wie „Die Nibelungen“ (1924), „Metropolis“ (1927) und „Spione“ (1928) sein. Stets hatte er mit der Wahl seiner Themen und Motive sein Ohr am Puls der Zeit, reicherte seine Filme mit aktuellen Zeitbezügen an. So im Zweiteiler „Dr. Mabuse. Der Spieler“ (1922), der in enger Zusammenarbeit mit seiner zweiten Ehefrau, der Drehbuchautorin Thea von Harbou, entstand, und in welchem er nicht nur den ersten Superverbrecher der Filmgeschichte vorstellt, sondern darüber hinaus ein überaus drastisches Porträt einer Gesellschaft am Abgrund zeichnet.

Fast alle seiner Filme verstand der kühle und stets skeptische Analytiker Lang ausdrücklich als Zeitbilder. Das galt auch für seine im amerikanischen Exil entstandenen Werke, die in einem kühlen, modernen Realismus gehaltenen, sozialkritischen Filme wie „Fury“ (1936), „The Big Heat“ (1953) oder „While The City Sleeps“ (1956). Sein Interesse galt stets dem Menschen und dessen Begierden, seiner Lust und Sehnsucht, aber auch seiner Machtgier in der modernen konsumorientierten Welt, der Fragilität des Daseins, bedroht durch Ausgrenzung, Verfolgung, Versagen der Justiz, Verfilzung wirtschaftlicher und staatlicher Interessen. Nicht zuletzt dadurch kann Fritz Lang uns heute noch immer viel sagen.

DIE FURCHE, 18. Oktober 2012