unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Zu wenig Fleisch für Hollywood#

Franz Klammer#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 30. November/1. Dezember 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Peter Jungwirth


Am Dienstag begeht Ski-Ikone Franz Klammer seinen 60. Geburtstag Klammer ist in der Abfahrt unerreicht - als Filmstar sieht er sich aber nicht.#

Franz Klammer
Franz Klammer sieht in puncto Sicherheit schwarz. Zwar seien seit seiner Zeit große Fortschritte gemacht worden, "aber es bedarf leider Gottes immer eines Auslösers", sagt er.
© apa/expa/Groder

Wien. Wenn die ersten Speed-Rennen im Weltcup auf dem Programm stehen, beginnt für viele die Ski-Saison erst so richtig. Am Wochenende ist es mit der Abfahrt der Herren am Samstag (20 Uhr) und dem Super G am Sonntag (19 Uhr) in Lake Louise so weit. Die Damen bestreiten am Samstag (18.45 Uhr) in Beaver Creek einen Super G. Die Abfahrt fand schon am Freitag statt, es siegte die Schweizerin Lara Gut. Als beste Österreicherin erreichte Anna Fenninger Platz 5. Am Sonntag folgt der Riesentorlauf (17.45 Uhr/20.45 Uhr). An Franz Klammers Rekord wird dabei aber niemand herankommen. Der in Wien lebende Kärntner gewann 25 Abfahrten im Weltcup, fünf Mal den Abfahrtsweltcup und einmal Olympia-Gold. Kurz vor seinem 60. Geburtstag am Dienstag traf er sich mit der "Wiener Zeitung" zum Gespräch über seine Nachfolger, seine Motorsportkarriere, Sicherheit und Doping im Sport sowie das Älterwerden.


"Wiener Zeitung": Sie sind am 5. Februar 1976 in Innsbruck Olympiasieger in der Abfahrt geworden, Ihre Zeit von 1:45, 73 Minuten am Patscherkofel ist seitdem Teil der österreichischen Sportgeschichte. Aber wann genau ist aus dem Kärntner Rennläufer Franz Klammer der legendäre "Kaiser Franz" geworden?

Franz Klammer: Einen "Kaiser Franz", Franz Beckenbauer, hat es schon vor mir gegeben, so viel steht fest. 1975 habe ich alle Abfahrten gewonnen, habe also "auf den Abfahrtspisten regiert", da bin ich dann wohl ebenfalls zu diesem Titel gekommen. Wann genau, das weiß ich aber nicht mehr.

Kaiser ist ja ein Titel, der immer auch mit Gottesgnadentum zu tun hat, zumindest ein bisschen, und man wird ihn nicht mehr so schnell los. Haben Sie das immer nur genossen?

Es ist eine eher angenehme Begleiterscheinung, wenn man als Sportler einen positiven Beinamen kriegt, und daher mach’ ich mir deshalb keine Gedanken. Ich hab’ auch einmal mit einem Habsburger geredet, der hat gemeint, sie haben nichts dagegen, wenn man mich Kaiser nennt. Ich hab also sogar den Segen.

Sie sind nicht nur Olympiasieger, sondern, seit annähernd vierzig Jahren, auch Rekordhalter in der Königsdisziplin des alpinen Skilaufs. Glauben Sie, dass Ihre 25 Abfahrtssiege übertroffen werden können?

Ja, sicher. 25 Siege sind zwar gut, aber es hätte ein bissl besser sein müssen, um ein Rekord für die Ewigkeit zu sein. Ein Rekord für die Ewigkeit ist vielleicht der von Ingemar Stenmark. 86 Siege, das ist, glaube ich, nicht einholbar.

Gibt es Ihrer Meinung nach einen Fahrer aus der jetzigen Ära, der Ihre Bestmarke übertreffen wird können?

Aksel-Lund Svindal vielleicht. Und Beat Feuz, aber der hat mit den Knien Probleme. Die beiden stechen momentan heraus (Anmerkung: Svindal hält im Moment bei sechs Abfahrtssiegen, Feuz bei drei).

Wer war der beste Abfahrer, gegen den Sie gefahren sind: der Schweizer Roland Collombin, der Anfang der Siebzigerjahre - bis zu seinen beiden folgenschweren Stürzen in Val d’Isère - in nur vierzehn Monaten acht Rennen gewonnen hat?

Das würde ich auf jeden Fall unterschreiben. Collombin war auch ein Lehrmeister, von dem ich sehr viel gelernt habe, weil ich ja sehr häufig Zweiter hinter ihm war.

Er war ja auch bei Ihrem 50. Geburtstag dabei. Und da hat er den Spruch geprägt: "Franz Klammer ist der beste Abfahrer aller Zeiten." Mit dem Nachsatz: "Nach mir."

(lacht) Ja, er war immer schon so. Er war einfach ein wilder Hund und ist hinauf gegangen und gefahren. Im Training hat es nie so ausgeschaut, als ob er schnell sein würde. Er hat gewisse Fähigkeiten gehabt, die ich sonst bei keinem Rennläufer gesehen hab’.

Welche Rolle hat Werner Grissmann gespielt, der bei der Zwischenzeit so oft vor Ihnen war: War er eine Extramotivation für Sie? Oder hat er als Rauchfangkehrer einfach Glück gebracht?

Ich hab mich nie extra angestrengt, damit ich vor dem Werner bin. Ich hab’ versucht, den Berg zu bezwingen, und wenn mir das gut gelang, dann war die Wahrscheinlichkeit damals sehr groß, dass ich das Rennen als Erster beendet habe. Aber dass er mir als Rauchfangkehrer Glück gebracht hat, das kann man sicher so stehen lassen.

Nach Ihrer Skikarriere sind Sie Autorennen gefahren, für das Team von Helmut Marko, dem jetzigen Motorsportchef von Red Bull Racing. Wie sind Sie gerade zu ihm gekommen?

Marko hat in den Siebzigerjahren einen R5-Pokal organisiert, da bin ich einige Male mitgefahren und hab’ mich nicht ungeschickt angestellt. Als dann 1985 meine Skikarriere zu Ende war, hat ein Journalist gefragt, ob mich Autofahren interessieren würde. Und irgendwann hat der Marko angerufen und gesagt: "Du, ich hab’ ein Auto für Dich. Wir fahren in der DTM".

Einer Ihrer größten Erfolge als Autorennfahrer war der Sieg beim 1000-Kilometer-Rennen 1986 in Bathurst. Da geht es - noch extremer als am Nürburgring - bergauf und bergab. Ist diese Strecke Ihren Fähigkeiten entgegengekommen?

Ja. Mein Vorteil ist: Ich muss nicht sehen, wo es hingeht, weil ich mir mein Leben lang Strecken eingeprägt hab. Darum habe ich mir in schnellen und unübersichtlichen Kurven immer sehr leicht getan.

Apropos Autorennen. Ihre Karriere hat Parallelen zu der von Niki Lauda: Sie haben 25 Abfahrtsrennen gewonnen, Lauda 25 Formel-1-Grands-Prix. Und das ziemlich zeitgleich, jeweils in elf Jahren. Gibt es noch mehr Gemeinsamkeiten zwischen Ihnen und Lauda? Oder überwiegen die Unterschiede?

Wir sind total unterschiedliche Persönlichkeiten. Im Trieb, besser zu sein als die anderen, sind wir einander sicher sehr ähnlich, aber sonst haben wir sehr wenig gemeinsam.

Vielleicht kommt noch eine Gemeinsamkeit dazu: Heuer ist "Rush" von Ron Howard in die Kinos gekommen. Glauben Sie, dass auch bei Ihnen Hollywood einmal anklopfen wird?

(lacht) Da ist bei mir zu wenig Fleisch da! Ein Film muss ja etwas Spektakuläres und ein Thema haben. Die Rivalität zwischen Lauda und Hunt allein wäre zu wenig gewesen. Der Niki hat einen Unfall überlebt, und dann hat er ein sensationelles Comeback hingelegt, und ich glaube, das ist es, was es ausmacht. Und letztlich auch die Konsequenz, dass er den Mut gehabt hat, zu sagen: "Ich fahr’ nicht, weil es ist mir zu gefährlich." Das ist ja auch Mut, dass man nein sagt.

Der Motorsport ist nach wie vor gefährlich, aber er ist seit der Ära von Lauda und Rindt sicherer geworden. Und auch im Skisport gab es Verbesserungen, es gibt statt einfacher Holzzäune A-Netze, B-Netze und C-Netze. Sind Sie zufrieden mit den Fortschritten?

Wenn Jochen Rindt in einem heutigen Auto gesessen wäre, wäre ihm nichts passiert. Da wurden enorme Fortschritte gemacht, die beim Skifahren nicht möglich sind. Denn du hast nichts um dich herum und knallst mit 130 Stundenkilometern immer noch auf einen harten Untergrund. Und da bin ich bei der Kritik: Man hat ein falsches Gefühl von Sicherheit. Jeder sagt zu jedem, es kann ja eh nichts passieren, weil da ist ein Netz, und da ist ein Netz. Aber die Netze nützen nichts, wenn man zum Beispiel den Sturz von Hans Grugger anschaut. Solche Unfälle wird’s immer geben, die sind leider nicht zu vermeiden. Was zu vermeiden ist, ist, dass die Leute leichtsinnig werden, weil sie glauben, dass es sicher ist. Das ist der Ansatzpunkt.

Ist die Solidarität unter den Fahrern im Skizirkus groß genug, um unter irregulären Bedingungen zu sagen: Nein, wir fahren nicht?

Nein. Irgendeiner sieht immer einen Vorteil für sich selber.

Wird seitens der FIS und der Veranstalter heute Ihrer Meinung nach genügend für die Sicherheit der Fahrer getan?

Ich glaube zwar, dass alle beteiligten Leute zu 95 oder 98 Prozent aus bestem Wissen und Gewissen handeln. Aber es bedarf leider Gottes immer wieder eines Auslösers, um Fortschritte zu erzielen. Als mein Bruder 1977 verunglückt ist, war es bei FIS-Rennen keine Pflicht, dass ein Hubschrauber vor Ort ist. Erst seitdem der Klaus verunglückt ist, ist es Pflicht.

Stichwort Doping: Bei einer Fernsehdiskussion im August haben Sie sich ganz eindeutig positioniert: "Doping ist Betrug, Betrug am Publikum." Sie sind daher definitiv nicht dafür, dass man leistungssteigernde Mittel freigeben sollte, weil "sonst der bessere Arzt gewinnt, nicht der bessere Athlet".

Ja, das kann ich unterschreiben, so wie ich es damals gesagt habe.

Fraglich ist aber, welche Rolle dem Athleten zukommt, der nicht selbst dopt, aber von Doping in der eigenen Mannschaft weiß: Wäre er Ihrer Meinung nach verpflichtet, das publik zu machen?

Da bin ich mir nicht sicher. Wenn man ganz streng moralisch hergeht, müsste man das machen. Aber ich finde auch, das ist eine persönliche Sache. Diese Frage kann ich nicht wirklich beantworten, muss ich ganz ehrlich sagen.

Sie werden jetzt 60, haben also die Hälfte des Lebens hinter sich. Verglichen mit den zwei Minuten auf der Streif: Darf man fragen, wo Sie jetzt ungefähr unterwegs sind? Und wie Sie den Endspurt anlegen wollen?

Wenn ich gerade über der Hälfte bin, bin ich erst bei der Seidlalm. Und der untere Teil war bekanntlich immer mein besserer Teil, da hab ich immer Zeit aufgeholt, und speziell von der Hausbergkante ins Ziel bin ich immer sehr stark gefahren.

Wiener Zeitung, Sa./So., 30. November/1. Dezember 2013