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Funde in Wiens Untergrund #

In den vergangenen Jahren wurden spektakuläre Reste des mittelalterlichen Wien entdeckt, etwa Teile des Palasts der Babenberger, ein Turm der mittelalterlichen Stadtmauer und Mauern von Vorgängerbauten des Stephansdoms#


Mit freundlicher Genehmigung aus der Wiener Zeitung (Samstag, 9. Oktober 2010)

Von

Gerhard Hertenberger


alte Wien Ansicht
1529 zeichnete Niklas Meldemann diese Wien-Ansicht, auf der im Hintergrund ein brennender Stadtturm zu sehen ist. Reste dieses Turms befinden sich noch heute unter der Rampe der Albertina.
© Wiener Zeitung / Bild: Wikimedia

Wie in einem Labyrinth führt der Weg durch Gänge, Sicherheitstüren und Treppenhäuser. Dann wird die letzte Tür geöffnet, und der erstaunte Blick fällt auf uraltes Steinmauerwerk, auf einen gewaltigen, elf Meter hoch aufragenden Turm mit zwei Meter dicken Mauern. Wir befinden uns unter der Rampe der Wiener Albertina. Seit rund 750 Jahren steht das monumentale Bauwerk an dieser Stelle, Jahrhunderte lang schon im Inneren der renaissancezeitlichen Stadtbefestigung verborgen.

Als es vor einigen Jahren beim Bau eines Studiengebäudes entdeckt wurde, galt der Fund als Sensation: Ist es doch der einzige sichtbare Rest der Babenberger-Stadtmauer, und möglicherweise das älteste eigenständig erhaltene Bauwerk von Wien. Der Turm, der zu Wiens bedeutendsten archäologischen Funden zählt, steht allerdings in einer Hochsicherheitszone neben dem Albertina-Depot mit unschätzbar wertvollen Kunstwerken. Er kann deshalb nicht besichtigt werden und ist der Öffentlichkeit praktisch unbekannt.

Der Untergrund und viele Hausmauern von Wien enthalten noch mittelalterliche Reste. Forscher des Bundesdenkmalamts, der "Stadtarchäologie Wien" und der "Forschungsgesellschaft Wiener Stadtarchäologie" haben in den letzten Jahren bemerkenswerte Teile eines historischen Puzzles zutage gefördert: Überreste von Häusern und Palästen, Spuren von alten Bauwerken unter dem Stephansdom, und Fundstücke, die eine Judenverfolgung vor fast 600 Jahren belegen.

Die Babenbergermauer#

Um das Jahr 1100 standen in Wien noch Teile der römischen Kastellmauer, wie man aus schriftlichen Quellen weiß. Im 12. und 13. Jahrhundert wuchs die Stadt dann über die Fläche des einstigen Römerlagers hinaus, weshalb die Babenberger-Herzöge Leopold V. und Leopold VI. den Bau einer Mauer mit 19 Türmen um die vergrößerte Stadt anordneten.

Von einem dieser Türme stammen die elf Meter hohen Fundamente unter der Albertina-Rampe. Die Archäologin Elfriede Huber, Leiterin der Forschungsgesellschaft Wiener Stadtarchäologie, damals auch Grabungsleiterin, erzählt, man sei völlig überrascht gewesen, dass sich so umfangreiche Reste der mittelalterlichen Stadtbefestigung an dieser Stelle erhalten hatten.

Auf einer von Niklas Meldemann angefertigten Stadtansicht aus dem Jahr 1529, welche die erste Türkenbelagerung zeigt, ist ebendieser Turm, nach einer Explosion brennend, abgebildet (siehe Abbildung.). Erst um das Jahr 1600 wurde der oberirdische Rest des Turms abgetragen, um die neue Renaissance-Stadtbefestigung zu errichten.

Das Turminnere war zum Großteil mit Abbruchschutt gefüllt, am Grund jedoch fand sich ein gewaltiger Fäkalienkegel, dessen Spitze auf einer fünf mal fünf Meter großen Grundfläche etwa 1,5 Meter in die Höhe ragte. "Die darüber liegenden Schichten haben die Exkremente hermetisch abgedichtet, so dass diese nicht vertrocknet, sondern zu einer feuchten, klebrigen und ekelig stinkenden Masse geworden waren", erzählt Archäologin Huber. "Wochenlang haben wir den fürchterlichen Geruch nicht aus der Nase bekommen", erinnert sie sich, "und manchmal haben wir den Eindruck, dass die Funde in den Schachteln noch immer leicht stinken!"

In dieser Schicht fanden sich unzählige, oft kaum beschädigte Alltagsgegenstände, Keramikobjekte, vor allem Krüge, auch Gegenstände aus Metall, Holz und Leder. Aufsehen erregte ein Aquamanile – ein Wasserbehälter zum Reinigen der Hände bei Tisch – in Gestalt eines Igels, bis heute ein Unikat seiner Art.

Alte Dokumente geben Hinweise auf die Herkunft der Fäkalien: Im Jahr 1354 suchten die Mönche des benachbarten Augustiner-Klosters beim Herzog darum an, einen Turm als Abort errichten zu dürfen. Vermutlich hat man ihnen den hinter dem Kloster liegenden Turm der Stadtmauer zu diesem Zweck überlassen, allerdings nur in Friedenszeiten, denn bei Kriegsgefahr wurde er für militärische Zwecke gebraucht.

Der alte Palast#

Seit 1146 befand sich die Residenz der Babenberger in Wien. Herzog Heinrich II. Jasomirgott ließ im Bereich des heutigen Platzes "Am Hof" einen Palast bauen, kurz bevor er zum Zweiten Kreuzzug aufbrach und später die byzantinische Prinzessin Theodora heiratete.

Bis vor kurzem dachte man, dass von diesem bedeutenden Bauwerk keine einzige Spur geblieben sei, zumal 1913 die einstige Länderbankzentrale (Am Hof 2, Ecke Bognergasse) errichtet und in den 1960er Jahren hier eine Tiefgarage gebaut wurde, wobei leider keine Archäologen beigezogen wurden.

alte Wien Ansicht
Unter dem Palais Collalto (Am Hof Nr. 13) finden sich Reste der mittelalterlichen Babenberger-Residenz.
© Wiener Zeitung / Hertenberger

Welche Überraschung, als vor einigen Jahren das Palais Collalto (Am Hof 13) saniert wurde, in dem der sechsjährige Mozart übrigens sein erstes öffentliches Konzert gegeben hatte! Im Keller fanden Bauforscher des Bundesdenkmalamts nicht nur Reste von zwei Häusern aus dem 15. Jahrhundert, sondern auch Mauern, die noch um 200 Jahre älter waren. „Die absolute Sensation war die Entdeckung eines runden Raumes, der von einer zwei Meter dicken Steinmauer umgeben war“, erzählt Friedrich Dahm, Landeskonservator des Bundesdenkmalamts. Das merkwürdige Bauwerk entpuppte sich als Turm aus dem frühen 13. Jahrhundert, also aus der Babenbergerzeit. Die Fachleute nehmen an, dass es sich um einen Teil des Palastes handelt, der von Heinrich II. Jasomirgott errichtet wurde.

Judenverfolgung#

Die Rückseite des Häuserblocks mit dem Weinlokal "Bodega Marqués" in der Parisergasse, wo noch frühgotische Sitznischen aus der Zeit der Kreuzzüge vorhanden sind, war bereits Teil der mittelalterlichen Judenstadt um den heutigen Judenplatz. Bis zum Jahr 1421 gehörte dieses Haus, wie eine Urkunde belegt, einer Frau Mierl. In jenem Jahr aber wurden alle Wiener Juden ermordet oder vertrieben, und Herzog Albrecht V. schenkte das nun frei gewordene Haus einem seiner Freunde, einem gewissen Hans von Puchhaim (siehe den Kasten zur Judenverfolgung).

Vor rund hundert Jahren wurden in der Hofburg sonderbare Hinweise auf die mittelalterlichen Judenmorde entdeckt: Als Kaiser Franz Joseph in der Burgkapelle neue Türöffnungen durchbrechen ließ, kamen zum Erstaunen der Bauarbeiter in den Wänden eingemauerte jüdische Grabsteine zum Vorschein. Da im Wien des Bürgermeisters Lueger ein eher antisemitisches Klima herrschte, machte man um den Fund wenig Aufhebens.

Den Bau der Burgkapelle hatte man lange Zeit dem judenfreundlichen Kaiser Friedrich III. zugeschrieben, der die Juden nach Wien zurückgeholt hatte. Warum jüdische Grabsteine zum Kapellenbau verwendet wurden, blieb ein Rätsel. Kürzlich aber konnten Bauforscher des Bundesdenkmalamts anhand von Maueranalysen beweisen, dass die Kapelle schon unter Herzog Albrecht V., eben jenem, der 1421 die Wiener Synagoge zerstören und hunderte Juden ermorden ließ, errichtet wurde, wobei man Grabsteine Wiener Juden ins Mauerwerk einfügte. Heute befinden sich diese im Innenhof des Pensionistenheims Seegasse 9, wo ein mittelalterlicher jüdischer Friedhof erhalten geblieben ist.

Der Stephansdom#

alte Wien Ansicht
Eine Öffnung im Boden des Stephansdoms führt die Forscher in den Untergrund
© Wiener Zeitung / Hertenberger

Im frühen 12. Jahrhundert, als nach heutigem Wissen nur das Areal innerhalb der Römermauern bewohnt war, wurde der Bau einer dem heiligen Stephan geweihten Kirche "außerhalb der Stadtmauern" beschlossen. Dies geht aus dem "Tauschvertrag von Mautern" hervor, einer Urkunde, die 1137 vom Babenberger-Markgrafen und dem Bischof von Passau unterzeichnet wurde.

Diese erste – romanische – Stephanskirche, die laut Urkunden 1147 fertiggestellt und geweiht wurde, ist völlig verschwunden. Was wir heute sehen – das Riesentor, die Heidentürme und die spätromanische Westfassade mit ihren kuriosen Gestalten, etwa einem steinernen Penis und einer stilisierten weiblichen Scheide oberhalb zweier Halbsäulen – sie alle stammen aus einer späteren Bauepoche, aus der Zeit zwischen 1230 und 1245.

Ein Skelettfund#

Vor einiger Zeit fanden Archäologen des Bundesdenkmalamts allerdings Spuren, die vom „ersten“ Stephansdom, ja vielleicht sogar von noch älteren Bauten stammen dürften. (Eine Publikation über diese Funde ist für 2011 geplant.)

Wird eine unscheinbare Steinplatte im Fußboden des Stephansdomes freigeschraubt, zeigt sich ein großer Hohlraum, der von den Ausgrabungen stammt. Dort erblickt man verschiedene Mauern und Steinblöcke, ein historisches Erdprofil mit vielen Schichten, sowie einen im Erdreich steckenden Rückenwirbel.

„Schon jetzt kann man sagen, dass die Grabungen hochinteressante Ergebnisse brachten“, schwärmt Landeskonservator Dahm. Fest steht, dass es sich um die Reste von mehreren, zeitlich aufeinander folgenden Bauten handelt. Das „jüngste“ Mauerwerk könnten die Grundmauern des legendären Stephansdoms von 1147 sein. Ob noch ältere sichtbare Reste von einem oder zwei Vorgängerbauten auf uralte, bisher unbekannte Kirchen verweisen, oder auf andere Gebäude, wird noch diskutiert.

Sowohl im Bereich des Riesentors, als auch im Dominneren wurden bei Grabungen viele Grabstätten entdeckt, manche von ihnen tausend und mehr Jahre alt, älter als der Dom selbst.

Eine ungarische Pfeilspitze verweist sogar auf die Ungarnkriege zwischen 881 und 955 (als Ungarn in Mitteleuropa gegen bayrisch-fränkische Truppen kämpften). Anscheinend befand sich schon damals, mehr als 200 Jahre vor der angeblichen „Erstgründung“ des Doms, an dieser Stelle ein Begräbnisplatz. Tief unter dem Kirchenfußboden wurden sogar Skelette aus spätrömischer Zeit gefunden, die in Steinkisten bestattet wurden. Man darf also wohl annehmen, dass unter jenen Teilen des Doms, wo nicht gegraben wurde, noch weitere Grabstätten aus spätrömischer bis früher Neuzeit liegen. Wie ja überhaupt niemand genau kann sagen, wie viele mittelalterliche Reste wohl noch im Boden unter der Stadt und in Gebäudemauern auf ihre Entdeckung warten.


Wiener Leben im Mittelalter

Das Leben im mittelalterlichen Wien war durchaus nicht finster und unerfreulich. Davon erzählt Hubert Hinterschweiger in seinem neuen, populärwissenschaftlich gehaltenen Buch „Wien im Mittelalter“ (Pichler Verlag, Wien 2010).

Das Essen wurde damals zum Beispiel erst mit dem Dolch, dann mit den Händen zerteilt und schließlich mit den Fingern in den Mund gestopft. Doch die Hände hatten sauber zu sein: Sie wurden zuvor am Tischtuch abgewischt.

Enea Silvio Piccolomini klagte um das Jahr 1455 in seiner „Geschichte Österreichs“, man müsse in Wien aus schmutzigen Holzbechern trinken, die nur einmal im Jahr gereinigt würden. Und die Tischtücher würden an den Händen festkleben, selbst in einem Schweinestall wäre es reinlicher. In Italien aß man damals schon mit Gabeln und verwendete Servietten.

Wasser wurde aus tiefen Brunnen geholt, die erste nachrömische Wasserleitung gab es erst 1565. Toiletten bestanden aus einer Grube, eventuell mit einem Querbalken zum Daraufsitzen, der Urin wurde zum Gerben von Leder verwendet.

Um sich zu reinigen, ging man gelegentlich in die Badestuben, von denen das Stubenviertel und der heutige Stubenring ihre Namen haben. In einem Bassin oder mehreren Bottichen saßen Männer gemeinsam mit Frauen, zuweilen wurde heißes Wasser nachgegossen oder auf einem quer gelegten Brett Essen aufgetischt. Es ging dort, wie uns alte Schriften verraten, recht lustig zu, man vergnügte sich ungeniert zu zweit, schon im Bottich oder anschließend in einem der Seitenkämmerchen.




Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit

Nahe der Babenberger-Residenz entstand rund um den heutigen Judenplatz die „Judenstadt“ mit einer Synagoge, die auch als Schule diente. Jahrelang herrschte friedliche Koexistenz zwischen Christen und Juden, bis unter Herzog Albrecht V. der Hass auf die Juden aufloderte. Ursache waren teure Kriege, unter anderem gegen die Hussiten, deren Anführer 1415 verbrannt worden war, weil er den Reichtum der Kirche und die Unfehlbarkeit des Papstes kritisiert hatte. Mehrere Päpste verboten im Mittelalter den Christen das Einheben von Kreditzinsen, sodass sich kriegführende Herrscher Kredite bei Juden beschafften mussten.

Mythen von Hostienschändung und Kindertötung hetzten das Volk auf, bis sich der Hass, unterstützt vom rückzahlungsunwilligen Herzog, im Jahr 1420 entlud: Arme Juden wurden in Schiffe gesetzt, welche dann donauabwärts trieben, reiche wurden gefoltert, um an ihre Reichtümer zu kommen. In der Synagoge (unter dem heutigen Judenplatz) brachten sich viele Juden aus Verzweiflung um, 200 jüdische Männer und Frauen wurden in Erdberg auf riesigen Scheiterhaufen lebendig verbrannt. Die Steine der zerstörten Synagoge wurden beim Bau der ersten Wiener Universität verwendet.

Nicht nur einheimische Juden, auch Fremde wurden zuweilen angefeindet: Der irische Pilger Koloman reiste 1012 über Wien ins Heilige Land. Weil er fremdländisch aussah, wurde er für einen Spion gehalten, bei Stockerau festgenommen, gefoltert und umgebracht. Doch bald erkannten die Behörden, dass sie einen harmlosen Reisenden ermordet hatten, und die Bevölkerung verehrte Koloman aufgrund von Wundergeschichten als Heiligen.

Im Bischofstor des Stephansdoms steckt seit 1362 seitlich ein „Kolomanistein“, hinter dem Reliquien liegen sollen. Und die geheimnisvolle Virgilkapelle neben dem Dom ist wohl nicht zufällig auf jenen Punkt am Horizont ausgerichtet, wo an Kolomans Namenstag die Sonne aufgeht. Urkunden lassen vermuten, dass in dieser Kapelle der Leichnam Kolomans bestattet werden sollte. Die Achse von mittelalterlichen Kirchen weist oft auf den Sonnenaufgangspunkt am Tag des jeweiligen Namenspatrons. Koloman gilt im Übrigen als Schutzheiliger für Gehenkte, Reisende und Vieh, sowie gegen Fußleiden, Unwetter und Mäuseplagen.


Gerhard Hertenberger


Gerhard Hertenberger , geboren 1967, ist promovierter Biowissenschafter und lebt als freier Wissenschaftsjournalist und Buchautor in Wien. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit historischen Spuren in Wien und Ostösterreich, besonders mit der Erforschung des Untergrundes der Stadt.


Wiener Zeitung, Samstag, 9. Oktober 2010