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Was ist ein gesundes Leben? #

"Gesundheit ist aus Sicht der Weltgesundheitsorganisation WHO ein Zustand
vollständigen physischen, sozialen und mentalen Wohlbefindens."#


Foto: © Istockphoto
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Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 26. Mai 2011).

Von

Ursula Rischanek


Es wird immer schwieriger, ein gesundes Leben zu führen. Zu komplex und vielfältig sind Vorschläge und Empfehlungen. Wer den Mittelweg einschlägt, hat am ehesten Erfolg.#

Alles, was Spaß macht, ist unmoralisch, unvernünftig, ungesund oder macht dick. Sie rauchen gerne eine Zigarette oder Zigarre? Damit gehören Sie mittlerweile in vielen Ländern zu den Geächteten. Sie halten sich im Sommer gerne im Freien auf, um die Sonne zu genießen? Oder sind Sie Bauarbeiter und arbeiten häufig mit nacktem Oberkörper in der Sonne? Wie verwerflich, denn damit züchten Sie geradezu Hautkrebs heran. Auf Ihrem Sonntagstisch finden sich häufig Schnitzel, Schweinsbraten und Sie essen auch sonst gerne Fleisch, Weißbrot und Süßes? Oder gelegentlich verschlingen Sie sogar einen Big Mac? Dann spielt sicher Ihr Cholesterinspiegel verrückt und die Waage ebenso, Herzinfarkt und Schlaganfall sind vorprogrammiert. Und passen Sie auf, wenn Sie sich regelmäßig bei einem Bier oder Glas Wein entspannen – das kann auf Dauer auch nicht gesund sein.

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Dreifache Prävention#

Selbstverständlich ist die Ernährung ein wesentlicher Faktor für die Gesundheit, Übergewicht und sämtliche damit verbundenen Indikationen sind unbestritten eine der Hauptursachen für Herzinfarkt und anderen Erkrankungen. Dass Nikotin die Lunge nicht nur der Raucher, sondern auch der oft unfreiwilligen Mitraucher angreifen kann, ist ebenfalls bekannt. Weiters ist eindeutig erwiesen, dass das UV-Licht zum einen die Entwicklung des malignen Melanoms, zum anderen jene des „hellen Hautkrebses“ begünstigt. Mit jährlichen Zuwachsraten von sieben bis zehn Prozent ist er nach Angaben des Universitätsprofessors Rainer Kunstfeld die mittlerweile häufigste Krebsart überhaupt.

Dass angesichts dessen vor allem Risikogruppen, aber nicht nur sie vorsorgen sollten, versteht sich ja von selbst. Denn sehenden Auges ins Verderben zu laufen, ist absolut nicht intelligent. Das gilt für alle Bereiche des Lebens. Wo Schäden vermieden werden können, sollte das auch getan werden.

Der Begriff Prävention wird in vielen Bereichen und sich häufig überschneidend verwendet. Ursprünglich aus dem Juristischen (Vorbeugung gegen künftige Delikte) kommend, wo er Anfang des 19. Jahrhunderts in diesem Sinne verwendet wurde, hat er sich bald in der Medizin eingebürgert. Sie spricht von Vorbeugen (primärer Prävention), Früherkennung (sekundärer Prävention) und Verhinderung der Verschlimmerung bereits bestehender Erkrankungen (tertiäre Prävention). In der Sozialarbeit wiederum wird Prävention als Verhinderung von allgemein unerwünschten Verhaltensweisen, Ereignisse, Vorgänge und Folgen verstanden.

Aber wie definiert sich eigentlich „gesund“? Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in den 40er-Jahren Gesundheit „nicht nur als Abwesenheit von Krankheit oder Behinderung“, sondern auch als „Zustand vollständigen physischen, sozialen und mentalen Wohlbefinden“ und als Ressource, die den Menschen ein „individuell, sozial und ökonomisch produktives Leben“ ermögliche, definiert. Der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky wiederum, der in den 70er-Jahren den Begriff der Salutogenese (Erzeugung von Gesundheit) geprägt hat, sieht Gesundheit nicht als Zustand, sondern als Prozess, als mehrdimensionales Geschehen, das stark auch mit sozialen und kulturellen Kontexten verbunden ist.

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Einheit aus Körper, Geist und Seele#

Auf die Frage „Wie entsteht Gesundheit?“ sagte er: „Das Kohärenzgefühl ist eine globale Orientierung, die ausdrückt, in welchem Ausmaß eine Person ein durchdringendes, dynamisches Gefühl des Vertrauens darauf hat, dass die Stimuli, die sich im Verlauf des Lebens aus der inneren und äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind; die Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen zu begegnen, die diese Stimuli stellen; diese Anforderungen Herausforderungen sind, die Anstrengung und Engagement lohnen.“ Dementsprechend wird das Kohärenzgefühl von der Verständlichkeit, der Handhabbarkeit bzw. Bewältigbarkeit und dem Gefühl der Bedeutsamkeit bzw. Sinnhaftigkeit geprägt. Gesundheit und Krankheit sind für ihn also sowohl von Subjektivität geprägte Erlebnisse als auch von objektiven Faktoren bedingte Zustände. „Das Leben spielt sich immer in Wellen ab“, erklärt die Salutologin Rotraud Perner. Wer verstanden habe, in welcher Situation er sich befinde, könne aktiv werden und einen Sinn sehen. „Dann bleibt man auch gesund“, so Perner.

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Mit seinem Modell hat Antonovsky die pathologische Orientierung der Medizin relativiert und ärztliches Handeln nicht auf die kurativen Aufgaben reduziert, sondern auch vorbeugende Maßnahmen zum Thema gemacht. Eine Einstellung, die in China, wo präventive Gesundheitsmaßnahmen einen hohen Stellenwert in der Medizin hatten, ebenfalls bekannt war. Der von 475–221 v. Chr. verfasste TCM-Klassiker „Huang Di Nei Jing“ gab bereits Anleitungen und Methoden zur Pflege des Lebens vor. Der Mensch wurde als Einheit aus Körper, Geist und Seele angesehen, die in enger Beziehung zum Kosmos und der Umwelt stand. Ärzte wurden ursprünglich nur so lange bezahlt, wie ihre Patienten gesund waren.

Eines darf bei allen Bemühungen um einen gesunden Lebensstil nicht vergessen werden – zur Prävention gehört auch dazu, dafür zu sorgen, dass uns der Spaß daran und am Leben nicht verdorben wird. Das passiert häufi g dort, wo eine gesunde Lebensweise nicht als die subjektiv richtige, sondern als vom Arzt oder der Gesellschaft auferzwungen angesehen wird, und führt dazu, dass zwar der Körper gesund wird oder bleibt, nicht aber die Psyche. Sie hat ohnehin angesichts des täglichen Stress mit sich selbst zu kämpfen, um Erschöpfung oder ein Burnout zu vermeiden.

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Goldener Mittelweg führt zum Erfolg#

Leben aber nach der landläufigen Meinung gesund Lebende wirklich so gesund? Wie gut tut es, sich nur von Obst, Gemüse, Milchprodukten, vollem Korn und Fisch zu ernähren und jeden Gusto auf eine kleine Kaloriensünde zu unterdrücken? Was ist mit diversen Mangelerscheinungen, die immer wieder auch bei Vegetariern festgestellt werden? Finden Sie es passend, jeden Sonnenstrahl zu meiden? Wie gesund ist es, sich abzuhetzen, um das Extrem-Sportprogramm nach Dienstschluss durchzuziehen? Und: „Wir denken zu wenig daran, was uns gesund macht und zu viel daran, was uns krank macht“, bedauert Rotraud Perner.

Aber wie soll man dann wirklich gesund leben? Das Sprichwort vom goldenen Mittelweg scheint auch hier seine Berechtigung zu haben. Schließlich wird die Gesundheit von vier Säulen, einer ausgewogenen Ernährung, einem gesunden Körpergewicht, Nichtrauchen und täglichen sportlichen Aktivitäten getragen. Nimmt man noch die Psyche dazu, sind es fünf Säulen, die zum einen in sich und zum anderen im Verhältnis zueinander stabil sein müssen, um das Konstrukt Mensch nicht zum Einsturz zu bringen. Angesichts der Tatsache, dass Herr und Frau Österreicher bei einer Lebenserwartung von 77,7 bzw. 83,2 Jahren derzeit nur mit 58,8 gesunden Jahren zu rechnen haben – der EU-Schnitt liegt bei 61,5 Jahren – wäre das Bemühen um ein ausgewogenes Verhältnis der Gesundheitssäulen durchaus erstrebenswert.

Risiko Wer die klassischen Risikofaktoren wie Rauchen, Alkohol, zu viel Sonne und Übergewicht vermeidet und auf seine Ernährung, Gewicht und Sport Wert legt, wird länger gesund bleiben.

DIE FURCHE, 26. Mai 2011