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Gesundheit und Ernährung – Eine genetisch vermessene Sache #

Auf dem Weg zum gesunden Dasein kann man über Fitness-Applikationen, Kalorientabellen, ja selbst Gentests stolpern, dabei braucht es einfach nur ein bisschen weniger Ernährungsstress.#


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von DIE FURCHE (Donnerstag 1. Oktober 2015)

Von

Juliane Fischer


Nutrigenomik. bezeichnet die Wissenschaft, die die Wechselbeziehung zwischen Ernährung und Erbgut erforscht. Die Idee der personalisierten Ernährung spielt dabei eine wesentliche Rolle.
Nutrigenomik. bezeichnet die Wissenschaft, die die Wechselbeziehung zwischen Ernährung und Erbgut erforscht. Die Idee der personalisierten Ernährung spielt dabei eine wesentliche Rolle.

„Eat a spoon of Soil!“, lautet der Rat der Ernährungswissenschaftlerin Hannelore Daniel auf eine Frage der von Darmproblemen geplagten Studentin. „What kind of Oil?“, erwidert die. Alle lachen. „Iss einen Löffel Erde! Und mach dir nicht so viele Gedanken über Ernährungspläne, Kalorien und Unverträglichkeiten.“, so der Grundsatz Daniels. Das konstante Überfluten des Konsumenten mit Ernährungsinformation wird den Gesundheitszustand unserer Bevölkerung nicht verbessern, meint sie. „Daten helfen dir dabei nicht weiter. Sie nutzen aber der Wissenschaft und den Technologieunternehmen.“ Sie muss es wissen, schließlich ist eine der ersten Forscherinnen im Feld der Nutrigenomik, jener Wissenschaft, die die Wechselbeziehungen zwischen Ernährung und Erbgut erforscht. Die Idee der personalisierten Ernährung spielt dabei eine wesentliche Rolle. Denn während Technologien, die immer rasanter Daten sammeln, messbar machen und analysieren und komplexe Strukturen ans Tageslicht bringen, sind viele Menschen überfordert von Angebot und Wissen, das permanent durch alle Kanäle auf sie einwirkt. Sie sehnen sich zurück zur Einfachheit und wollen klare Regeln in Form eines vorgefertigten Diätplans beispielsweise. 70 Prozent der Bevölkerung würden für personalisierte Ernährungsberatung einen Gentest machen, zeigt eine Studie der Universität Lund in Schweden. Genauso viele glauben auch, ihre Lebensqualität würde dadurch verbessert. Besonders erstaunlich: Ein Großteil der Befragten würde ein längeres Leben mit geringerer Lebensqualität einem kurzen Leben mit höherer Lebensqualität vorziehen. Auch in Hinblick auf mögliche Erkrankungen wollen immer mehr Menschen konkrete Prognosen hören, im Glauben dadurch mehr Steuerungsmöglichkeiten zu gewinnen.

Falsch verstandene Selbstermächtigung #

„Seit über hundert Jahren versuchen Wissenschaftler zu verstehen, wie unsere Gene dazu beitragen, dass wir sind, wie wir sind und wie Ernährung, Umwelt und andere Faktoren uns beeinflussen in unserem Aussehen und Verhalten“, leitet das amerikanische Unternehmen 23andMe ihre Firmenbeschreibung ein. Es zählt zu den Direktverbraucher- Gentestunternehmen, von denen es in den USA rund 30 gibt und wurde angeblich gegründet, um das Individuum in seinem Selbstoptimierungsvorhaben zu stärken: “Du sollst die Kontrolle über dein Genmaterial haben”, lockt 23andMe. Bizarr mutet diese Werbebotschaft an, wenn man das Paradoxon dahinter durchschaut: Um die eigene Gesundheit in die Hand zu nehmen und die Geninformation zu erkunden, muss man jenes Material erst einmal aus der Hand geben. Eine Online-Registrierung und 99 Dollar reichen dafür aus. In einem kleinen Spuckröhrchen schickt man seine Speichelprobe ein und erhält im Gegenzug seine Laborergebnisse. Persönlicher Kontakt findet nicht statt. Dabei spielt Personalisierung in der Werbebotschaft eine wichtige Rolle. Im Marketingsprech werden Selbsterkenntnis und Selbstermächtigung durch den Gentest versprochen. Die Betonung liegt auf der Macht des Individuums. Wie der Firmenname schon sagt, geht es um 23 Chromosomen und mich. Im Kleingedruckten gibt man dabei die Daten rund um sein Erbmaterial frei zur Forschung in der Medikamentenentwicklung und zum Verkauf. Mittlerweile fasst die massive DNADatenbank immerhin schon Gendaten von 850 000 Menschen. „Das war von Anfang an der Plan“, weiß Marcy Darnovsky, Geschäftsführerin der NGO Center for Genetics and Society. 23andMe verkauft gesammeltes Datenmaterial an die Pharmaindustrie und auch Google war Investor der ersten Stunde. Liefert doch das Silicon-Valley-Unternehmen nützliche Informationen für target advertising (zielgerichtete Werbung).

Zwei Monate später. Du sitzt auf der Couch und liest dich durch die Ergebnisse des Gentests. Statistische Risiken möglicher Krankheiten sind aufgelistet – Darmkrebsgefährdung, Alzheimer-Risiko, Diabetes- Neigung und fortschreitende Erblindung. Mit allen möglichen Leiden könnten die Laborergebnisse einen konfrontieren. Und dann? „Dann machst du dir am besten eine Flasche Wein auf!“, scherzt die Ernährungswissenschaftlerin Daniel. „Genug regelmäßiger Schlaf, mehr Bewegung und gesünderes Essen? – um das für sinnvoll zu erachten, brauchst du dir nicht dein Genmaterial screenen lassen.“ Abgesehen davon: Ein anderes Unternehmen kommt mit der Spukprobe vielleicht zu einem ganz anderen Ergebnis. Diese Tests beleuchten nur einen Bruchteil unserer DNA, im Labor-Jargon spricht man von sogenannten Snips, die ungleichmäßig stark an bestimmten Regionen verteilt auftreten. FDA, die behördliche Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelzulassungsbehörde der Vereinigten Staaten, fand heraus, dass es mit anderen Proben von ein und derselben Person zu anderen Ergebnissen kommt.

„Wenn du wirklich etwas über dich herausfinden willst“, so die Ernährungswissenschaftlerin „beschäftige dich mit deiner Familiengeschichte!“. Das dachte sich 23andMe auch. Als die FDA ihnen die krankheitsbezogenen Werbeaussagen mit den Gentests verbot, boten sie Ahnenforschung an, um an das Genmaterial zu gelangen. Ganz gleich, wie hoch der Wissenszuwachs dieser Tests ist: Wie beeinflusst das messbare, ausgewertete Wissen um uns selbst unser Handeln, unsere Wahrnehmung und unsere Intuition? Gehören nicht körperliche Reaktionen und Krankheiten genauso zu unserem Dasein? Und überlassen wir es der Technologie darüber zu bestimmen, was unsere Vorstellung von vollkommenem Leben ist? Selbst wenn sie psychisch unter den Ergebnissen des Gentest litten, würden dennoch 43 Prozent einem solchen zustimmen, besagt die Studie der schwedischen Universität.

Das Bauchgefühl liegt uns schwer im Magen #

Du bist, was du isst. Dieser Satz lädt die Debatte automatisch emotional auf und immerhin sind die Themen Essen und Gesundheit in unserer Gesellschaft stärker als je zuvor diskutiert. Ratgeber, Magazine, Foodblogs und Kochshows heften sich die Deutungshoheit über DIE richtige Ernährung auf die Fahnen. Irgendwie glaubt sich jeder als Ernährungexperte und fühlt sich gleichzeitig von der Informationsflut überfordert. Schrittzähler, digitale Personenwaagen, Herzfrequenzmessbänder bieten da Halt und konkrete Zahlen. Sie werden mittlerweile von Aktivitäts-Applikationen und Fitness-Trackern abgelöst. Apples Health-App und Google Fit vermessen Gewicht, Herzschlag, Kalorienverbrauch, Schlafphasen, Blutzuckerspiegel und vieles mehr. Und auch diese Entwicklung kommt nicht von ungefähr: Pharma-Branche, Lebensmittelindustrie und selbst Gesundheitsversicherungen suggerieren mehr Entscheidungsfreiheit und Selbstkontrolle, wenn man nur alles messen lässt. Wer die Gesundheitsziele erreicht, erhält Prämien. Ein Anreizsystem, ähnlich den amerikanischen Workplace-Wellness-Programmen wird von der österreichischen Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft (SVA) seit ein paar Jahren angeboten: Die Hälfte des Selbstbehaltes spart man sich, wenn man seine Fitnessziele einhält und halbjährlich überprüfen lässt.

Um herauszufinden, wie empfänglich Verbraucher für die Vermessung und im weiteren Schritt für personalisierte Ernährung sind, startete ein Wissenschaftskonsortium mit Finanzierung durch die EU 2011 das Projekt Food4Me. Rund 1500 Probanden lieferten monatelang Blut- und Speichelproben ab, beantworteten stapelweise Fragebögen zu ihren Essgewohnheiten und trugen einen Sensor, der ihre körperliche Aktivität misst. Auf Basis der erhobenen Daten bekamen sie individuelle Ernährungstipps. Hannelore Daniel hat diese Untersuchung mitbetreut. Sie kam zu dem Schluss: „Am Anfang der Personal Nutrition steht die Hilflosigkeit der Konsumenten. Menschen wollen konkrete Vorgaben, was sie essen sollen.“ Daniel war überrascht, dass sich die Verbraucher nicht nur personalisierte Ernährungstipps wünschten sondern sehr genaue Empfehlungen zu den einzelnen Mahlzeiten. Wollen viele Menschen bald ihr Essen auf Autopilot stellen? Eine Gegensteuerung könnte so einfach sein wie sie klingt: etwas weniger Ernährungsstress.

DIE FURCHE, Donnerstag 1. Oktober 2015