unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Gold! Gold! Gold!#

Vom kleinen Glück der Goldwäscher in den Hohen Tauern, wo das gelbe Metall in Spurenelementen immer noch zu finden ist. Ein Streifzug von Rauris nach Heiligenblut.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 29. Juli 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Stefan Spath


Gold
Gold
Foto: © Stefan Spath

Gold! Gold! Gold! Es sind nicht nur die Anlageberater, die dieser Tage ein Hohelied auf das Edelmetall anstimmen. Im Rauriser Tal ertönen die Jubelrufe auch von Menschen, die an einer speziellen Form von Waschzwang laborieren. Breitbeinig stehen sie in den Fluten der Hüttwinklache, schwenken überdimensionale Schüsseln, beugen sich vor und starren angestrengt hinein. Und mitunter erstarren sie und rufen aus: Gold! Noch immer sind Spuren des Edelmetalls, das die Hohen Tauern einst zu einer Schatzkammer Europas machte, in manchen Bächen Salzburgs und Kärntens zu finden. Allein in Rauris geben Profis auf drei Waschplätzen ihre Goldexpertise weiter. Weitere moderne Dorados warten im Gasteiner Tal und im Kärntner Heiligenblut. Zum Reichwerden reicht es allerorts bei weitem nicht. Allein, es zählt der Spaß, und Goldwaschen ist ein preiswertes Vergnügen.

2000 Knappen, 30 Gewerken, Stollen in einer Länge von 160 Kilometer: Von 1460 bis etwa 1560 präsentierte sich das Rauriser Tal als Eldorado Europas. Gut zehn Prozent der weltweiten Goldproduktion kamen aus den Minen unterhalb von Sonnblick und Co. Die goldene Ära klingt in den repräsentativen Gebäuden nach, die die Gewerken, die im Goldgeschäft tätigen Unternehmerfamilien, aus Stein errichten und mit kunstvollen Kielbogenportalen ausstatten ließen. Lange nachdem der Goldrausch verebbt war und nur mehr in Legenden weiterlebte, machten die Rauriser aus der Not - sprich dem Goldmangel - eine Tugend und begannen, Goldwaschen als touristischen Zeitvertreib anzupreisen. Heute vermarktet sich die Region professionell als das "Goldene Tal der Alpen" und erntete mit der Ausrichtung von Welt- und Europameisterschaften im Goldwaschen jede Menge Publicity.

Auf seinem Goldwaschplatz in Bodenhaus, 15 Kilometer südlich von Rauris, unterweist Theo Huber Anfänger im Einmaleins des Goldwaschens. "Gold ist neunzehnmal schwerer als Wasser und legt sich am Boden der Pfanne sofort ab", erklärt er. Man schöpft zunächst einen Batzen Sand und Kies aus der eiskalten Hüttwinklache in die Kunststoff-Pfanne, rüttelt größere Steine an die Oberfläche und entfernt sie, bis ein sandiges Konzentrat übrig bleibt. Dann lässt man die Pfanne hin und her kreisen und spült den Dreck über den Schüsselrand. Wie lange es dauert, bis man den ersten Goldflitter hat? "Den hast du sofort mal", versprüht Huber Optimismus.

Goldgräberdorf bei Heiligenblut
Das Goldgräberdorf „Alter Pocher” bei Heiligenblut kombiniert das Abenteuer Goldwaschen mit historischem Anschauungsunterricht.
Foto: © Tourismusverband Heiligenblut

Erste Lektion: Goldwaschen hat mehr von einer meditativen Tätigkeit. Gatsch in die Pfanne, grob aussortieren, schwenken, abgießen und mit Adleraugen den Pfannenboden inspizieren. Während man den Schweiß von der Stirn wischt, gleitet der Blick hinauf zur Goldberggruppe, die den Talschluss mit einem Spalier von Dreitausendern einrahmt. Ein Blick nach unten ergibt: Vom namensgebenden Metall in der Pfanne keine Spur. Also auf ein Neues. Ein Mal, zehn Mal, zwanzig Mal. Es erfordert Fingerspitzengefühl, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten. Das Tauerngold tritt ausschließlich als Flitter zutage, zermalmt über Jahrmillionen von den Kräften der Erosion und beinahe pulverisiert in die Hüttwinklache gespült. Zweite Lektion: Goldfieber gibt es wirklich. Das erste selbständig gewaschene Goldkörnchen entfaltet eine Glitzerpracht wie ein Sternschnuppen-Feuerwerk in einer mondlosen Nacht! Und da dieses Fieber äußerst ansteckend ist, wird das Mini-Gold bald stolz präsentiert wie ein kostbares Diadem aus purem Gold.

Goldgräberdorf bei Heiligenblut
Kinder beim Goldwaschen.
Foto: © Tourismusverband Heiligenblut

Der atemberaubende Höhenflug des Goldes - seit 2001 hat sich der Goldpreis verfünffacht und liegt bei etwa 1500 Dollar je Feinunze - wirft natürlich die Frage auf, ob in absehbarer Zukunft gierige Konzerne oder Scharen von Glücksrittern in das Rauriser Tal einfallen werden, um dem Goldberg die letzten Reste des Edelmetalls zu entreißen. Reich werden könne man vom Tauerngold nicht, dafür seien die Mengen einfach zu gering, wiegeln die örtlichen Gold-Experten ab. Der letzte professionelle Goldwäscher habe vor 50 Jahren das Handtuch geworfen, und Nuggets gebe es in den Tauern nicht, erklärt Theo Huber. Mit seiner Tätigkeit am Waschplatz Bodenhaus, den er seit der Übernahme vor drei Jahren neu auf die Beine gestellt habe, und mit seinem Winterjob als Skilehrer finde er ein Auskommen. "Millionär bin ich aber keiner", lacht der 56-Jährige. "Ich kenne im Tal niemanden, der davon lebt", bestätigt auch Nikanor Granegger, der den viel besuchten Goldwaschplatz auf der Heimalm an der Mittelstation der Rauriser Hochalmbahnen betreibt.

Zur kleinen Goldgrube machen das Rauriser Tal die jährlich weit mehr als 20.000 Touristen, die der Lockruf des Goldes ereilt. Für einige wenige Euro - Ausrüstung und Einweisung bereits inkludiert - können sie den ganzen Tag über Gold waschen. Wer seinen Kindern ein Erfolgserlebnis bieten will, bucht Goldwaschen mit einer "Fundgarantie" in Form einer Phiole, die einige Plättchen des Edelmetalls enthält. Das kostet nur wenig mehr. Wer Goldwaschen etwas ernster betreiben will, sollte goldführende Gewässer "lesen" können. Felsbrocken und Biegungen, wo die Strömung noch wirkt, Gold aber wegen seiner Schwere liegen bleibt, verheißen Erfolg, Strecken, auf denen das Wasser ungehindert fließt, dagegen Frustration. Mit dem Wissen über fundträchtige "Gold-Seifen" ausgestattet, kann ein Glücksritter entlang der Hüttwinklache selbständig ans Waschwerk gehen.

Geschichtlich Interessierten erschließt sich die goldene Vergangenheit des Tals auf mehreren Themenwegen. Vom Talschluss Kolm-Saigurn, einem der Naturwunder des Nationalparks Hohe Tauern, nimmt etwa der Tauerngold-Rundwanderweg seinen Ausgang. Verfallene Minen, Ruinen von Knappenhäusern und die Überreste einer Aufzugsanlage jenseits der 2000 Meter-Marke erzählen die ursprüngliche Geschichte der Goldgewinnung in den Tauern. Mit dem romantischen Goldwaschen hatte der Bergbau von einst herzlich wenig zu tun.

Goldgräberdorf bei Heiligenblut
Goldkörner und -flitter sind die Standardfunde beim Goldwaschen.
Foto: © Stefan Spath

Wie gewonnen, so zerronnen. Aufgespürt hatten die Tauerngoldgänge zwischen Glockner-Massiv und dem Gasteiner Tal bereits die keltischen Taurisker und die Römer. Mit primitiven Eisenwerkzeugen und Feuersbrünsten trieben die Ur-Knappen die Stollen zentimeterweise voran. Da das Tauerngold sehr unregelmäßig auftrat, war seine Gewinnung stets eine ökonomische Gratwanderung. Als im 15. Jahrhundert ehrgeizige Unternehmerfamilien auf die Bühne traten und mit Risikokapital sowie neuen Technologien die Produktivität steigerten, setzte eine Blütezeit ein. 1557 floss die Rekordausbeute von 830 Kilogramm Gold und 2733 Kilogramm Silber in die Schatullen der Salzburger Fürsterzbischöfe. Doch bereits 50 Jahre später waren die Erzmittel vielerorts ausgebeutet und tiefer liegende Schichten unerreichbar. Ende des 19. Jahrhunderts flackerte das Goldfieber noch einmal kurz auf, bis die Gruben ihrem Schicksal überlassen wurden.

Etwa zur selben Zeit verklangen auch die Hämmer im benachbarten Gasteiner Tal. In Altböckstein versetzt eine denkmalgeschützte Montansiedlung Besucher zurück ins 18. Jahrhundert, als Bergarbeiter das Radhausberg-Massiv auf der Suche nach Goldadern aushöhlten. Eine rekonstruierte Erzaufbereitungsanlage, Modelle, Stollenpläne und unzählige Exponate über Goldabbau-Techniken und -Werkzeuge lassen Besucher auch einen Hauch der klaustrophoben Atmosphäre unter Tag verspüren. Für die Knappen war der Bergbau auf Gold stets mit hoher Unfallgefahr, gesundheitlichen Beschwerden und eintöniger Kost über Monate hinweg verbunden. Über diesen Aspekt informiert die Knappenwelt im nahen Angertal, wo Historiker einen Verhüttungsplatz aus der Zeit um 1500 restauriert haben.

Höllenritt ins Tal#

Im Kärntner Heiligenblut südlich des Alpenhauptkammes ermöglicht ein Goldgräberdorf im Stil des 16. Jahrhunderts spannende Einblicke in den Transport und die Verarbeitung des Gold-Erzes. Im Winter füllten die Knappen das Erz in Ledersäcke aus Schweinshaut oder Hundefell, banden diese zu einem Sackzug zusammen und sausten in halsbrecherischer Fahrt zu Tal. Die Fracht landete im Bruchhof, wo die "Scheider" mit schweren Schlägeln das taube Gestein abklopften; im Röststadel löste Hitze den Schwefel aus dem Erz, bevor im Pochwerk wasserkraftgetriebene Stempel das mürbe gewordene Material weiter zerstampften.

Im Kleinen Fleißbach nebenan schwenken unterdessen kleine und große Goldsucher eifrig ihre Pfannen, um dem einst ertragreichen Goldzeche-Revier noch das ein oder andere Spurenelement des Edelmetalls abzutrotzen. Als sichere Anlageform entfaltet Gold vor allem in Krisenzeiten seinen Glanz. Sollte die Weltwirtschaft noch mal den Abgrund entlang taumeln wie im Jahr 2008, wer weiß, vielleicht geht dann der Run erst richtig los. Schaden kann es jedenfalls nicht, wenn man schon mal Gold gewaschen hat...


TOURISMUSVERBAND RAURIS:

T: 06544/20022, www.raurisertal.at


GOLDWASCHPLÄTZE:
Der Eintritt zu den Goldwaschplätzen in Salzburg und Kärnten ist mit diversen Gästekarten (Salzburger Land Card, Hohe Tauern Card) gratis oder ermäßigt.

Original Goldwaschplatz Bodenhaus: Anmeldung via Tourismusverband, T: 06544/20022, Juni bis Ende Sept., täglich 9-17 Uhr, Eintritt: inkl. Goldwaschschüssel und Schaufel 3 Euro; Gummistiefel 2 Euro; Goldwasch-Lehrgang mit "Fundgarantie", Leihgerät und Goldwäscher-Urkunde 7 Euro.

Schön gelegen ist auch der Goldwaschplatz auf der Heimalm (Mittelstation der Rauriser Hochalmbahnen, T: 06544/6334). Die Sportalm (Gstatterweg 18, T: 6544/6255) bietet einen überdachten Waschplatz; Öffnungszeiten und Preise ähnlich wie oben.


UNTERKUNFT RAURIS:
Landhaus St. Georg: Poserweg 1, 5661 Rauris, T: 06544/7052, www-rauris-zimmer.at, ab 22 Euro, 3-tägiger Aufenthalt mit Kurs 75 Euro


ESSEN & TRINKEN:
Das Landgasthaus Weixen päppelt mit Fischspezialitäten und selbstgebrautem Bier müde Goldwäscher wieder auf. Seidlwinklstraße 114, T: 06544/6437, www.weixen.at, Mo Ruhetag


WANDERUNGEN UND MUSEEN:
Themenwanderungen: Knappenweg von Bodenhaus nach Kolm-Saigurn; Tauerngold-Rundwanderweg von Kolm-Saigurn (mittelschwer) Montanmuseum Altböckstein (Gasteiner Tal): T: 06434/5414, Montanmuseum Altböckstein, Mai bis 1. Oktober, Mo-Sa 10-12 Uhr sowie 15-17.30 Uhr, Themenführungen: Di & Do 15 Uhr

Goldwaschen beim Hotel Evianquelle in Böckstein: Juni & Sept. jeweils Mi 10 Uhr, Juli & August jeweils Mi & Fr 10 Uhr, Anmeldung: TVB Bad Gastein, T: 06434/2531-560

Knappenwelt Angertal (bei Bad Hofgastein): T: 0664/305 41 14, www.via-aurea.com, Goldwaschen Mai bis Okt., Di ab 10 Uhr Goldgräberdorf Heiligenblut: Juni bis Ende Sept., täglich 10-17 Uhr, Anmeldung via TVB Heiligenblut, T: 04824/2001-0, www.goldgraeberdorf-heiligenblut.at


Wiener Zeitung, 29. Juli 2011