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Grätzl im Dornröschenschlaf#

Wettcafés und Puffs harren hier aus, ebenso wie Garagen und Autowerkstätten in den Hinterhöfen#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So. 9./10. Februar 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Nina Brnada


Czerninviertel
"Das Czerninviertel ist ein wenig verschlafen", weiß man auch im Bezirksmuseum.
© Brnada

Das Czerninviertel sieht aus wie der Rest des 2. Bezirks in den 1990ern.#

Wien. Wer die Leopoldstadt seit vielen Jahren nicht mehr betreten hat, der würde sie mancherorts wohl kaum wiedererkennen. Sie ist heute das, was einmal Wieden oder Neubau waren - ein Magnet für schicke Städter. In den Schanigärten bestellen sie ihren Soja-Latte, in den Yogastudios meditieren sie, in aufregenden Lokalen dekantieren sie edle Bioweine. Einst schummrige Viertel mit verwinkelten Gässchen gelten heute als charmante, gute Adressen. Neue Lokale und Geschäfte sprießen aus dem Boden, die vielen Grätzel des Bezirks veränderten sich in den letzten Jahren rasant.

Nur in einem Eck ist der 2. Bezirk ganz die alte, graue Vorstadt, wie sie in den frühen Neunzigerjahren noch überall war: im Czerninviertel. Obwohl keine zehn Gehminuten von der Innenstadt entfernt, finden sich hier statt einladender Gartenlokale nur klobige Müllcontainer auf den Plätzen. Hier verstauben geschlossene Rollläden in Erdgeschoßen, wo sonst Geschäfte wären. Hier hat die letzte Trafik schon vor Jahren dichtgemacht. "Das Czerninviertel ist ein wenig verschlafen", sagt Franz Haas, Leiter des Leopoldstädter Bezirksmuseums, "es ist eine typische Wohngegend."

Trennlinie Praterstraße#

Egal wo man im Czerninviertel steht, eine breite, vielbefahrene Straße ist nie weiter als rund 300 Meter weg. Es bildet ein spitz zulaufendes Dreieck, eingegrenzt von der Franzensbrückenstraße, Donaukanallände und Praterstraße. Letztere trennt nicht nur zwei Teile der Leopoldstadt voneinander, sondern auch zwei Welten: Denn auf der anderen Seite der Praterstraße liegen das Rotensternviertel und dahinter gleich das angesagte Karmeliterviertel.

Dort nahm die sogenannte Gentrifizierung vor rund 15 Jahren ihren ersten Ausgangspunkt. Angezogen von niedrigen Mietpreisen kamen die ersten Trendsetter über den Donaukanal ins Karmeliterviertel. Später drang der Strukturwandel weiter vor, bis zum Augarten. Inzwischen erreicht er sogar allmählich das Stuwerviertel hinter dem Praterstern - früher ein verrufener Ort illegaler Prostitution. Einzig am Czerninviertel gehen all diese Veränderungen spurlos vorüber.

Czerninviertel
© Wiener Zeitung: Recherche

Wettcafés und Puffs harren hier aus, ebenso wie Garagen und Autowerkstätten in den Höfen, wo geschraubt und geschweißt wird, als sei man hier in einer Ausfallstraße und nicht mitten in der Stadt. Zu dieser Szenerie passt auch das "Gasthaus zur Bundesländer", eines der wenigen Lokale im Czerninviertel. Es ist benannt nach der Bundesländer-Versicherung, deren Zentrale einst gegenüber lag und längst nicht mehr existiert. Wer das Gasthaus betritt, sich zu den Stammgästen gesellt und gebackene Leber ordert, der wähnt sich eher in irgendeinem Beisl im Weinviertel als unweit vom Stephansdom. Smartphone und Biowein gibt es hier nicht, dafür Spielkarten und Bier.

Nach dem Jahr 1945 glitt das Viertel in die Bedeutungslosigkeit ab, erklärt Franz Haas vom Bezirksmuseum, dabei war es einst sehr belebt. Historisch entstand das Czerninviertel um das Jahr 1860 auf dem Grundeigentum der gleichnamigen böhmischen Adelsfamilie. "Zuvor stand hier ein Schloss dieser Familie, danach wurde das Viertel parzelliert und verbaut", sagt Haas. Wie überall im 2. Bezirk lebten auch im Czerninviertel viele Juden. Zahlreiche Gedenktafeln erinnern daran, dass das jüdische Leben hier bis 1938 blühte.

In der Czerningasse etwa praktizierte und wohnte der Psychiater Viktor Frankl, unmittelbar gegenüber sein Kollege Alfred Adler. Dahinter, in der Tempelgasse lag einst eine der wichtigsten Synagogen der Stadt. In der Reichspogromnacht brannten die Nazis sie ab, jetzt erinnern nur vier Säulen an ihr einst prachtvolles Hauptportal. Daneben liegt der Nestroyhof. Einst war im Jugendstilbau ein vielbesuchtes Theater untergebracht, das zeitweise von Oskar Friedmann betrieben wurde, dem Bruder des Essayisten Egon Friedell.

Das Czerninviertel hat also eigentlich alles, was der Rest der Leopoldstadt auch hat: eine faszinierende Geschichte und historische Gründerzeitbauten. Dazu kommen einige kleine Plätze für potenzielle Schanigärten und mögliche Räumlichkeiten für Restaurants und Lokale. Knapp hinter der Franzensbrückenstraße beginnt außerdem etwas, das für die meisten Leopoldstädter nicht so nah liegt: der Grüne Prater.

Warum also will die Veränderung des zweiten Bezirks nicht und nicht auch im Czerninviertel ankommen? Der Grund sei vielleicht, dass es hier niemals Lokale und Einkaufsmöglichkeiten gab, sagt SPÖ-Bezirksvorsteher Gerhard Kubik. "In anderen Grätzeln gab es sie immer schon - auch wenn es vielleicht nicht die besten waren.

"In 15 Jahren nicht anders"#

Das schmale Czerninviertel jedoch bilde eine Ausnahme, denn "hier liegt die Praterstraße viel zu nah, als dass sich innerhalb des Viertels etwas entwickeln könnte". Schlichtweg zu wenig Nachfrage vermutet der Bezirksvorsteher also als Ursache für den Stillstand im Czerninviertel. "Und das wird vermutlich in 15 Jahren nicht viel anders sein." Immerhin: Wenn dereinst die komplette Leopoldstadt teuer und todschick geworden ist - wer das Czerninviertel betritt, wird immer noch sehen, wie sie früher einmal war.


Wiener Zeitung, Sa./So. 9./10. Februar 2013