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"Ekstase" und Experiment#

Sie war eine talentierte Erfinderin, machte aber als Schauspielerin in Hollywood große Karriere: Vor hundert Jahren, am 9. November 1914, wurde Hedy Lamarr als Hedi Kiesler in Wien geboren.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 31. Oktober 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Wolfgang Ludwig


Hedy Lamarr, 1940 an der Schulter von Clark Gable
Gutes Aussehen und geschickte Vermarktung: So wurde Hedy Lamarr, hier 1940 an der Schulter von Clark Gable, zum internationalen Star.
Foto: © Underwood & Underwood/Corbis

Zum Film fühlte sich die junge Döblingerin schon immer hingezogen. Kein Wunder also, dass Hedi Kiesler 1929 als Fünfzehnjährige einmal in den Sieve-ringer Filmstudios ihr Glück versuchen wollte. Aus einer Entschuldigung für eine Schulstunde machte sie durch Hinzufügen einer Null eine Entschuldigung für zwei Tage - und schon war sie im Studio, wo sie sich als "Scriptgirl" meldete, ohne zu wissen, was das eigentlich ist. Genommen wurde sie wegen ihrer Selbstsicherheit und des forschen Auftretens. Sie durfte sogar in einer kurzen Szene des Films "Geld auf der Straße" mitspielen. So einfach war das damals.

Hüllenloser Skandal#

Mit der Schulkarriere war es allerdings vorbei - und die Eltern akzeptierten das. Dafür folgten weitere kleinere Rollen. Als durchaus nützlich erwies sich die Partybekanntschaft mit Max Reinhardt - im wohlbestallten elterlichen Haus der jüdischen Bankiersfamilie gaben sich Prominente die Klinke in die Hand -, der dem jungen Fräulein zu einer Rolle in einem von ihm inszenierten Musical in Berlin verhalf. Die Inszenierung von "Das schwache Geschlecht" wurde 1931 auch in Wien gezeigt, wieder konnte Hedi Kiesler mitspielen.

Es folgten weitere kleinere Filmrollen. 1932 kam dann der Durchbruch: Hedi wurde die Rolle der Eva im tschechischen Film "Symphonie der Liebe (Ekstase)", der in Prag gedreht wurde, angeboten. Der Film sollte zu einem handfesten Skandal werden, was für eine beginnende Filmkarriere nur Gutes bedeuten konnte. Der Plot war einfach gestrickt: Eine junge Frau verlässt ihren älteren, ungeliebten Ehemann. Die neue Freiheit genießt sie mit Ausritten und Schwimmen in einem abgelegenen See, natürlich ohne Kleidung. Dummerweise läuft ihr, während sie schwimmt, das Pferd samt Kleidern davon. Die arme Eva muss minutenlang hüllenlos durch den Wald streifen, bis ein Arbeiter einer benachbarten Baustelle wie ein Engel erscheint und ihr Pferd und Kleider überreicht. Natürlich wird daraus schnell eine Liebesgeschichte. Beide suchen das nächstgelegene Hotel auf, in dem - was für ein Zufall - auch Evas eben verlassener Ehemann residiert, der ihr zwar keine große Szene macht, sich aber in seinem Zimmer erschießt.

Die minutenlangen Nacktszenen und eine Großeinstellung ihres Gesichtes während der Liebesnacht im Hotel sorgten für entsprechenden Aufruhr - und für einen überwältigenden Erfolg.

Der Film kam im Jänner 1933 in Prag und im Februar in Wien in die Kinos. Allein in den ersten zwei Wochen wurden in Wien mehr als siebzigtausend Karten verkauft! Die Eltern Kiesler bestanden darauf, mit Töchterchen die Premiere zu besuchen. Obwohl Hedi sie warnte, der Film sei ein "Kunstfilm", waren sie in keiner Weise darauf vorbereitet, ihre Tochter minutenlang nackt zu sehen. Entsetzt standen sie während der Vorstellung auf und gingen. Die Kieslers überlegten, gegen die Produktionsfirma vorzugehen, denn Hedi war schließlich minderjährig und es lag keine Einverständniserklärung der Eltern vor, aber um die Sache öffentlich nicht noch mehr aufzuschaukeln, unternahmen sie dann doch nichts.

Im gleichen Jahr gab’s dafür noch eine harmlose Rolle als Zweitbesetzung der Kaiserin "Sissy" in der gleichnamigen musikalischen Komödie von Fritz Kreisler - diesmal mit Einverständnis der Eltern. Damit war die Welt wieder in Ordnung.

Im "goldenen Käfig"#

Einer der Besucher im Theater an der Wien war Fritz Mandl, der "Patronenkönig" und Chef der Hirtenberger Waffenfabrik. Er fand Gefallen an der jungen Dame und schickte ihr monatelang Blumen nach Hause. Beharrlichkeit hat Erfolg: Obwohl Hedi nicht so richtig in den um vierzehn Jahre älteren Herrn verliebt war, heirateten die beiden im August 1933.

Die ersten drei Aktionen des Ehemannes waren, Hedi zu zwingen, zum katholischen Glauben überzutreten, ihr weitere Auftritte zu verbieten und sämtliche Kopien des Skandalfilmes "Ekstase" aufzukaufen. Die erste Aktion gelang, die zweite war nur kurzfristig erfolgreich, die dritte war völlig zum Scheitern verurteilt, denn als sich in der Branche herumsprach, dass ein Verrückter Filmkopien aufkaufe, wurden immer wieder neue Kopien hergestellt und ihm angeboten. Mandl soll rund 300.000 Dollar, damals ein großes Vermögen, aufgewendet haben, bis er die Aktion abbrach.

Die vielversprechende Schauspielerin Hedi Kiesler-Mandl war mit neunzehn nun plötzlich Hausfrau, Gesellschaftsdame, Gastgeberin bei Geschäftsessen, bei denen es meist um allerlei Waffensysteme und technische Details ging (ihr Mann verkaufte die Waffen an die Heimwehr und später auch an die Nazis), und durfte wegen ihres eifersüchtigen Ehemannes nicht einmal mit einer Freundin zu Mittag essen gehen. Kein Wunder, dass sie sich bald überlegte, wie sie aus diesem "goldenen Käfig", wie sie es nannte, ausbrechen konnte.

Die Geschichte, wie ihr der Ausbruch angeblich gelang, existiert in verschiedenen Versionen, eine davon wäre ein tolles Drehbuch: Da sie von ihrem Gatten und in dessen Auftrag vom Personal so argwöhnisch beschattet wurde, betäubte sie eines Tages im Jahr 1937 eine Hausbedienstete, die ihr in der Größe ähnelte, mit Schlaftabletten, zog sich deren Dienstkleidung an, verließ mit Geld in der Tasche unauffällig das Haus und setzte sich in einen Zug nach Paris, wo sie die Scheidung einreichte, weil sie angeblich von ihrem Mann verlassen wurde. Von dort reiste sie bald nach London weiter. Ihr Ziel war aber Hollywood.

Eine wahrlich schöne Geschichte, vor allem für Amerika, wo Scheidungen noch ein Skandal waren! Eine andere Variante klingt banaler: Hedi wollte unbedingt wieder auf die Bühne, ihr Mann verbot es ihr, es kam zu heftigem Streit. Als sie mit Hilfe prominenter Freunde dennoch eine Rolle in der Josefstadt annehmen sollte und die Zeitungen in Wien schon von der Sache berichteten, stimmte Mandl einer Scheidung zu. Außerdem wusste Hedi sehr viel über seine Geschäftsbeziehungen und Waffenentwicklungen und dürfte ihm gedroht haben, im Fall eines Rosenkrieges einiges publik zu machen.

Da es in Wien zu lange dauerte und die Reporter schon auf eine deftige Story lauerten, sollte die Scheidung in Riga stattfinden, wo es nach dortigem Recht bedeutend schneller ging. Hedi wartete aber nicht einmal die Scheidung ab (die dann ohne ihr Beisein stattfand) und reiste im Herbst 1937 über London in die USA. Die Schnelligkeit war aber wohl auch durch den immer stärker werdenden Antisemitismus begründet.

Neustart in Hollywood#

In London traf sie auf einer kleinen Party Louis B. Mayer, den Chef von Metro-Goldwyn-Mayer, genau die richtige Bekanntschaft für einen Neubeginn in Hollywood. Aber auch über die Vorgänge in London erzählte Hedi später verschiedene Varianten.

Eine davon geht so: Mayer kannte den Film "Ekstase" und war als prüder Amerikaner davon überhaupt nicht begeistert: "Der Arsch einer Frau gehört ihrem Mann und nicht dem Publikum. Mit dem Zeug kommt man in Hollywood nicht an." Dennoch bekam sie einen Vertrag, zwar nur für 125 Dollar pro Woche, aber immerhin. Danach reiste Louis B. Mayer mit der eleganten "Normandie" in der besten Klasse nach New York. Hedi, die einiges an Kleidern, Schmuck und Bargeld aus Wien mitgenommen hatte, kaufte sich ebenfalls ein Ticket für die erste Klasse und beeindruckte während der Überfahrt mit toller Garderobe und gekonntem Auftreten vor allem das männliche Publikum an Bord. Mr. Mayer besserte noch während der Passage ihren Vertrag auf 500 Dollar pro Woche auf. Und Mayers Frau hatte die Idee, den Namen in Anlehnung an einen Stummfilmstar auf Hedy Lamarr zu ändern.

Im Oktober 1938 kam sie schließlich in Hollywood an. Zunächst war Englischlernen angesagt, dann gab es den ersten Film, "Algiers", eine Liebesgeschichte zwischen einem algerischen Dieb und einer Europäerin. Der Kostümschinken "Samson and Delilah" (1949, Regie: Cecil B. deMille) wurde ihr größter Erfolg. Insgesamt drehte sie in Hollywood sechsundzwanzig Filme, den letzten 1958 ("The Female Animal").

Hedy Lamarrs Filme waren fast alle sehr erfolgreich, obwohl sie eher belanglose Drehbücher hatten und einfach gestrickt waren. Hedy war auch nicht gerade eine hervorragende Schauspielerin, allein ihr gutes Aussehen und die geschickte Vermarktung machten einen großen Teil des Erfolgs aus. Sie selber brachte die Sache einmal auf den Punkt: "Jedes Mädchen kann erfolgreich sein, alles, was sie tun muss, ist still stehen und dumm dreinschauen."

Die Erfinderin#

Genial erwies sich Hedy Lamarr aber auf einem anderen Gebiet: Ihr Hobby war Erfinden und Experimentieren. Sie erfand zum Beispiel einen Pulverwürfel, der, mit Wasser vermischt, ein Cola- ähnliches Getränk ergab. Der Geschmack konnte aber nicht überzeugen. Bedeutender war die Erfindung einer Funksteuerung für Torpedos mit wechselnder und daher schwer anzupeilender Frequenz, die sie zusammen mit dem Musiker und Erfinder George Antheil entwickelte und im August 1942 patentieren ließ. Das Basiswissen dazu hatte sie sich während ihrer Ehe mit dem Waffenhersteller Mandl angeeignet. Das US-Militär machte von der Erfindung zwar keinen Gebrauch, heute wird das Verfahren des "frequency-hopping" aber in der mobilen Kommunikationstechnik eingesetzt. 1997 erhielt sie von der Electronic Frontier Foundation dafür eine späte Ehrung.

Hedy Lamarr war insgesamt sechsmal verheiratet, hatte drei Kinder und verbrachte ihren Lebensabend in Florida. Obwohl es ihr finanziell gut ging, wurde sie im Alter zweimal bei einem Ladendiebstahl erwischt, aber nicht angezeigt.

Sie starb am 19. Jänner 2000 in Altamonte Springs, Florida.

Wolfgang Ludwig, geboren 1955, unterrichtet nach langjähriger Tätigkeit in Südosteuropa in Wien Deutsch und Geografie und schreibt Kulturreportagen.

Wiener Zeitung, Freitag, 31. Oktober 2014